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StartseiteTag für TagKriselt die Höflichkeit, kriselt die Demokratie15.03.2016

TugendterrorKriselt die Höflichkeit, kriselt die Demokratie

Ethik-Experte Rainer Erlinger, Autor der Gewissensfrage im SZ-Magazin, will mit seinem neuen Buch die Höflichkeit als Tugend retten. Ein Gespräch über respektvolle Haltung, raue Sitten und die Mär vom "Tugendterror".

Rainer Erlinger im Gespräch mit Christiane Florin

Der Ratgeber-Kolumnist, Publizist, Jurist und Mediziner Rainer Erlinger (29.05.2013). (dpa / picture-alliance / Karlheinz Schindler)
Der Ratgeber-Kolumnist, Publizist, Jurist und Mediziner Rainer Erlinger (dpa / picture-alliance / Karlheinz Schindler)
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Christiane Florin: Bestseller schreibt man doch mit Büchern, die einen angeblichen "Tugendterror" beklagen. Sie wollen nun die Tugend der Höflichkeit retten. Vor wem?

Rainer Erlinger: Ich will die Tugend der Höflichkeit retten  vor ihrem schlechten Ruf. Ich finde, dass die Höflichkeit einen großen Wert hat im Zusammenleben, dass Sie aber auch oft einen schlechten Ruf bekommt, weil man sie mit Etikette verwechselt, mit Benimmvorschriften. Mir geht es darum zu zeigen, dass Höflichkeit, wenn man sie nur leer als Form behandelt, wertlos sein kann. Diese  Tugend hat einen Wert als Haltung des Miteinanders, indem man sich gegenseitig achtet.  

Florin: Ein Buch über Höflichkeit hat einen kulturpessimistischen Beigeschmack. Wenn man über Höflichkeit schreiben muss, ist es mit der Höflichkeit im Alltag nicht so weit her. Waren Menschen früher höflicher?

Erlinger: Wie so viele Dinge, die aus dem Großbereich der Moral sind, haben wir auch hier einen Wechsel der Art und vielleicht auch einen Paradigmenwechsel. Wir gehen weg von den festgelegten Regeln, die ganz genau dargelegt werden. Früher hat man gelernt: Der Junge macht einen Diener, das Mädchen macht einen Knicks usw. Die Anspracheformen waren ganz klar. Wir kommen jetzt in eine Vorgehensweise, in der die Regeln nicht mehr so festgelegt sind, aber wir müssen trotzdem gut miteinander umgehen. Es wird der Kern dieser ganzen Sache stärker herausgeholt.

Florin: Sie sagen, es gibt weniger Regeln. Aber wie kommen denn dann Autoren wie Thilo Sarrazin – er ist nicht der einzige- dazu, zu behaupten, wir hätten einen Tugendterror, wir seien also umstellt von ausgesprochenen und unausgesprochenen Regeln, regelrecht gegängelt?

Erlinger: Ich halte das Ganze für vollkommen falsch. Es gibt Auswüchse, wenn man an die  Political Correctness und Sprachverbote denkt. Ansonsten ist der Begriff Tugendterror vollkommen daneben. Eine Tugend zeigt doch, dass ich eine Haltung habe. Die Sache ist die: Es kann unangenehm sein, sich an diese Haltung zu halten, aber sie ist notwendig. Aber sie ist etwas – das unterscheidet sie von den Regeln, was da ist und was man nicht einfach wegwischen kann.

Florin: Höflichkeit, so könnte man meinen, hat zwar mit dem Verhalten bei Hofe zu tun, ist also eine eher unterwürfige Haltung. Sie schreiben aber, es sei eine durch und durch demokratische Tugend. Inwiefern?

Erlinger: Sie haben Recht. Das Wort kommt von dem Verhalten bei Hofe. Wenn man diese alten Formen nimmt, dann sind die auch tatsächlich so. Man hat sich verneigt vor dem König, aber der König hat sich nicht verneigt vor seinem Untergebenen. Dann müsste man heute sagen: Das ist  unhöflich. Wenn ein Höhergestellter dem Niedriggestellten anders gegenüber tritt und nicht in einer Form, dass er ihn achtet als Mensch, dann ist das nicht höflich. Zwar kommt das Wort aus dieser Bedeutung heraus, hat aber heute eine andere Bedeutung. Die Tatsache, dass jeder Mensch gleich zu behandeln ist, dass man jeden Menschen höflich behandelt, das ist etwas sehr schön Demokratisches. 

Florin: Wenn Sie diagnostizieren, dass die öffentliche Höflichkeit in einer Krise ist, ist dann auch die Demokratie in einer Krise?

Erlinger: Die Demokratie ist dann in einer Krise – und das sehen wir jetzt leider, wenn die Möglichkeiten des Gesprächs, des ruhigen Gesprächs, ohne sich gegenseitig zu beleidigen, abnehmen, dann ist nicht mehr möglich zu sprechen, Neues auszuhandeln, eine Gesellschaft weiterzuentwickeln und zu regieren.

Florin: Wünschen Sie sich eine Renaissance des Satzes: "Das tut man nicht?"

Erlinger: Überhaupt nicht. Das ist einer der schlimmsten Sätze, weil er ohne etwas zu begründen, etwas fordert. Das ist für einen modernen Menschen eine Zumutung.

Florin: Ist Höflichkeit eigentlich angeboren oder Firnis unserer Zivilisation?

Erlinger: Darüber wird viel gestritten. Ich glaube, dass sie angeboren ist, wenn man sie auf diese Idee des Respekts zurückführt, weil man an Untersuchungen gesehen hat, dass die Höflichkeit dann besonders ausgeprägt, wenn sich die Leute in die Augen sehen können. Man sieht es im Internet: Wenn der Blickkontakt wegfällt, der menschliche Kontakt wegfällt, dann fallen auch die Umgangsformen weg. Das, was viele Leute posten, was sie an Kommentaren schreiben, würden sie dem Gegenüber kaum ins Gesicht sagen.

"Auch Provokation ist notwendig"

Florin: Nun ist aber Höflichkeit immer etwas brav und langweilig. Vielleicht würden viele Hörer aufmerken, wenn Sie mich hier anraunzen würden wie früher Klaus Kinski in Fernsehtalkshows. Braucht nicht gesellschaftliche Veränderung Unhöflichkeit?

Erlinger: Ja, in einem gewissen Sinne. Ich habe in dem Buch ein Kapitel über Provokation geschrieben, weil ich genau das für notwendig halte. Wenn es die Unhöflichkeit im Sinne einer Provokation nicht gäbe, wäre unser Leben festbetoniert. Ich habe etwas provokant ganz bewusst geschrieben: würde es bei uns aussehen wie im Vatikan, wenn keine gesellschaftlichen Veränderungen bestehen und alles in einer bestimmten Form bleibt. Es gibt eine sehr schöne Definition eines Soziologen, die sagt: Die Provokation führt zu einer Neuaushandlung einer Normalität.

Florin: Wo Sie es jetzt schon angesprochen haben mit dem Vatikan: Fördern Religionen die Höflichkeit wie Sie sie meinen, als Haltung eines Respekts und innerer Unabhängigkeit, oder legen Religionen mehr Wert auf Ehrfurcht, auf den Kniefall?

Erlinger: Das Problem liegt eher darin, dass die Religionen eine Unterscheidung zwischen Ingroup und Outgroup machen. Diejenigen, die innerhalb leben, werden anders behandelt als die von außerhalb. Deshalb haben die Religionen insgesamt betrachtet ein Höflichkeitsproblem, weil sie die Leute, die nicht der eigenen Religion angehören, sehr häufig nicht mit demselben Maßstab messen und eventuell auf sie herabsehen. Allein schon die Idee, einer werde in der ewigen Verdammnis enden, ist etwas, wo man sagt: Da halte ich meine Vorstellung für richtiger als die der anderen.

Florin: Also die Hölle ist unhöflich?

Erlinger: Die Hölle ist unhöflich, wenn ich sage: "Ich glaube an den einen Gott, der andere glaubt an den anderen Gott, und nur das Glauben an meinen Gott ist der richtige Weg." Damit respektiere ich nicht die Haltung des anderen. Diese Problematik ist in der Religion angelegt. 

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