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StartseiteInterview der Woche"Kann keine Lösung sein, dass wir anfangen, Zäune zu bauen"20.03.2016

TUI-Vorstandschef Friedrich Joussen"Kann keine Lösung sein, dass wir anfangen, Zäune zu bauen"

Der Vorstandschef des weltgrößten Reiseveranstalters TUI, Friedrich Joussen, hält es für richtig, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Flüchtlingskrise auf eine europäische Lösung setzt. Joussen sagte im "Interview der Woche" des Deutschlandfunks, gerade jungen Leuten könne man nicht vermitteln, dass im Schengen-Raum Zäune gebaut würden.

Friedrich Joussen im Gespräch mit Klemens Kindermann

Der Vorstandsvorsitzende der TUI AG, Friedrich Joussen, kommt zu der Hauptversammlung der TUI AG in Hannover.  (dpa-Bildfunk / Julian Stratenschulte)
Der Vorstandsvorsitzende der TUI AG, Friedrich Joussen. (dpa-Bildfunk / Julian Stratenschulte)
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Kindermann:   Wir haben in den letzten Monaten eine Serie von terroristischen Anschlägen erlebt, in Tunesien, in Ägypten, in der Türkei. In diesen Wochen buchen viele Kunden ihren Sommerurlaub auch bei Ihnen, dem größten Reiseveranstalter der Welt. Wie beeinflusst dieser Terror das Reiseverhalten der Deutschen?

Joussen:   Nun, im letzten Jahr hatten wir das beste Jahr unserer Firmengeschichte. Und im letzten Jahr war es ja auch so, dass schon gewisse Terroranschläge ja da waren, die sich ja übrigens nicht auf Urlaubsregionen beschränken, sondern natürlich auch – so traurig es ist – in Paris stattfinden. Also in sofern, die Weltlage ist, glaube ich, generell etwas unsicherer. Im letzten Jahr hatten wir Rekordumsätze, fünf Prozent mehr Kunden. Generell reisen die Leute immer noch viel und alle Marktforschung sagt auch, dass das so bleibt. In den Reisezielen kann es Verschiebungen geben, das tut es natürlich auch. Wenn wir eine Reisewarnung nach Tunesien haben, dann dürfen wir gar keine Kunden mehr hinbringen, ganz im Gegenteil, wir müssen sogar die Kunden rausholen, die wir dort haben. Als Reiseveranstalter machen wir das auch. Die Sicherheit geht natürlich vor. Es gibt eine Verschiebung vom Ostmittelmeerraum in den Westmittelmeerraum, aber gereist wird nach wie vor.

Kindermann:   Kann man eigentlich sagen, Herr Joussen, dass islamistische Terroristen den Tourismus so als Ziel entdeckt haben?

Joussen:   Das, glaube ich, kann man im Allgemeinen eher nicht sagen. Ich glaube, dass es schon wahrscheinlich mehrere Beweggründe gibt, also westliche Kulturen zu treffen, möglicherweise auch junge Demokratien zu treffen, in Tunesien. Ich glaube, dieses Ziel gibt es schon. Sicherlich gibt es auch das Motiv "Vergeltung", allerdings, wie organisiert der Terrorismus wirklich ist, das, glaube ich, ist ja auch gar nicht ganz so klar. Also, in sofern glaube ich, der Tourismus wird natürlich dann getroffen, wenn es in den Zielländern Anschläge gibt. Wie gesagt, in der Türkei ist im Augenblick gerade an den Badestränden alles ruhig und es gibt ja auch keine Reisewarnung dorthin, aber ich glaube, die westlichen Kulturen sollen schon getroffen werden. Deshalb ist es ja auch zum Beispiel, dass Paris ein Anschlagsziel war.

Kindermann:   Bei dem Terroranschlag in Istanbul, am 12. Januar, da hat sich der Attentäter ja inmitten einer deutschen Touristengruppe in die Luft gesprengt auf dem Platz zwischen Hagia Sophia und der Blauen Moschee – das sind ja Sehenswürdigkeiten, Top-Sehenswürdigkeiten. Können Sie verstehen, wenn Deutsche, die in die Türkei fahren, sich da auch was angucken, wenn die sich nicht mehr sicher fühlen?

"Das Wesentliche ist, dass man genau drauf guckt, was der Kunde möchte"

Joussen:   Jeder hat ja ein unterschiedliches Empfinden über Sicherheit. Grundsätzlich ist es so: Es verreisen dieses Jahr wahrscheinlich auch wieder viele -  Rekordzahlen, das heißt, die Urlauberzahlen steigen an. Und jeder muss für sich selber natürlich klar sehen, ob er jetzt in die Türkei fahren möchten oder nicht. Ich glaube, die Einschätzung aller Sicherheitsbehörden ist eher so, dass die Badestrände so sicher sind wie Berlin.

Kindermann:   Trotzdem – das haben Sie auch mitgeteilt – sind ja Ihre Buchungen gerade für die Türkei eingebrochen zu Anfang des Jahres. Wie ist die Lage jetzt? Wie stark sind da bei Ihnen die Buchungen zurückgegangen?

Joussen:   Na ja, die Buchungen, das hatte ich gesagt, die sind zurückgegangen, gleichzeitig steigen die Buchungen nach Spanien an. Deshalb ist es so, dass ich schon glaube, es gibt eine Verschiebung – da können wir gut reagieren. In dem Moment, wo wir merken, dass die Verschiebungen sind im Bedarf – wir sind ja nicht auf einer Mission, sondern wir wollen die Kunden dort hinbringen, wo sie hinmöchten –, dann planen wir unsere Flüge um, wir planen unsere Hotels um – wir müssen also dann natürlich neue Hoteleinkäufe und Zimmereinkäufe und Planungen tätigen und das machen wir natürlich auch. Allerdings muss man auch sagen – die Gegenseite der Medaille –, in Spanien wird es derzeit richtig teuer, es wird keine Last-Minute-Angebote oder sowas geben.

Kindermann:   Verstehe ich das richtig: Ist das so ein Trend, dass man sich wegorientiert vom östlichen Mittelmeer hin zu Spanien, Portugal, Italien? Sind das jetzt die neuen Top-Reiseländer auf absehbare Zeit?

Joussen:   Als ich vor drei Jahren in die Industrie gekommen bin, waren die Sorgen der Spanier, dass sie ein gestriges Urlaubsland sind, weil sie natürlich dadurch, dass in der Türkei die Urlaubsorte 20, 30 Jahre später erst entdeckt wurden oder bebaut wurden, wesentlich modernere, wesentlich bessere Hotels hatten zu wesentlich günstigeren Preisen als Spanien. Es wurde ein Gesetz auf Mallorca gemacht: Wenn sie neue Hotels bauen wollen, mussten sie alte im gleichen Umfang renovieren, weil man eben gesagt hat: Das wird nichts mehr. Dass das jetzt genau umgekehrt ist, konnte vor drei Jahren keiner ahnen und was in drei Jahren ist, das wissen wir alle nicht. Das Wesentliche ist, dass man natürlich genau drauf guckt, was der Kunde möchte. Es gibt natürlich ein paar unterliegende Trends, die galten vor drei Jahren und dieses Mal auch. Zum Beispiel die Fernstrecke wächst mit hohen zweistelligen Prozentbereichen, also Karibik zum Beispiel, Kreuzfahrten wächst mit hohen zweistelligen Prozentbereichen. Das war vor drei Jahren schon so. Es gibt manche Dinge, die ändern sich, manche sind halt konstant. In Summe fahren mehr Leute in den Urlaub und das freut mich sehr natürlich.

Kindermann:   Also, für die Deutschen ist es eigentlich keine Alternative zu Hause zu bleiben, "Urlaub auf Balkonien"?

Joussen:   Nein, Balkonien würde ich nicht sagen, es gibt natürlich auch deutsche Reiseziele, die schön sind. Und manche Leute entdecken die auch wieder und da haben wir auch nichts dagegen.

Kindermann:   Sind Familien eigentlich im Moment zurückhaltender bei den Buchungen?

Joussen:   Richtig ist natürlich bei Familien, die haben üblicherweise die längsten Buchungszyklen. Das heißt, sie sind ja angewiesen im Regelfall auf Schulferien. Das heißt, die müssen im Grunde genommen im Januar buchen, wenn sie im Sommer fahren wollen. Und da gibt es tatsächlich natürlich jetzt Tendenzen zu sagen: 'Jetzt warten wir mal bis April und gucken, wie sich das entwickelt', das gibt es schon. Und wie gesagt, wir haben enorm starke Buchungen natürlich jetzt nach Spanien zum Beispiel. Also insofern: Es verschiebt sichern bisschen, es gibt ein bisschen Zurückhaltung und das, glaube ich, sagen wir mal, sind in Summe die beiden Tendenzen, die man sehen kann. Wir gehen aber davon aus ... ich meine, auch für dieses Jahr haben wir wieder eine zehnprozentige Ergebnissteigerung den Märkten versprochen und das werden wir auch dieses Jahr wieder halten.

Kindermann:   Wie begegnet denn die Reisebranche dieser Verunsicherung der Reisenden? Bieten Sie denen was an? Können die irgendwie eher zurücktreten von einer Buchung? Was machen Sie da?

Joussen:   Nun, ich meine, erstmal ist es so, es gibt ja verschiedene Wettbewerber in der Reisebranche. Darunter ist der Reiseveranstalter derjenige, der ja als einziger ein ganz umfängliches Angebot macht. Das heißt, wir fliegen die Kunden in die Destination, wir haben in der Destination, also im Zielgebiet, unsere Agenturen, wir sind verantwortlich für die Hotels und so weiter.

Kindermann:   Aber das war ja schon immer so.

Joussen:   Ja, genau. Und diese Art von Service und Sicherheit, würde ich mal sagen, war irgendwann möglicherweise mal nicht mehr ganz modern, und ganz viele Kunden, die jetzt immer selber gebucht haben und so weiter, die kommen tatsächlich auch wieder zurück. Also, wir haben im Augenblick eine Verschiebung von den Reiseplattformen, wo die Kunden sich das selber zusammenstellen, zu den Reiseveranstaltern. Und das liegt auch daran natürlich, dass das Sicherheitsbedürfnis der Kunden durchaus steigt. Also, dass die Kunden sagen: 'Was ist dann eigentlich genau, wenn im Zielland etwas passiert? Nimmt dann einer die Verantwortung und macht irgendetwas?' In Tunesien haben wir innerhalb von 48 Stunden nach dem terroristischen Anschlag auf das Hotel, innerhalb von 48 Stunden alle unsere Kunden draußen gehabt – und das probieren Sie mal, wenn Sie alleine nach Tunesien reisen. Also, es gibt eine leichte Verschiebung zu den Reiseveranstaltern hin. Service ist nicht unmodern.

Kindermann:   Da Sie "Tunesien" sagen: Wie geht es eigentlich Ihren Mitarbeitern vor Ort in Tunesien, in der Türkei? Müssen Sie da welche auch entlassen oder halten Sie an denen fest?

Joussen:   Wir haben Tunesien ja tatsächlich runterfahren müssen. Wenn sie eine Reisewarnung haben, dann dürfen sie dort nicht hinfahren. Das heißt also, sie müssen tatsächlich die Hotels schließen, es sei denn, es gibt andere Quellmärkte, von denen dort hingefahren wird. Aber da es aus ganz Europa jetzt eine Reisewarnung in Tunesien gibt, können sie im Grunde genommen sagen, der Tourismus findet da im Augenblick weitestgehend nicht statt. Und dann ist es natürlich so, müssen sie die Hotels auch schließen und sie müssen auch die Agenturen runterfahren, also ihre Destinationsagenturen runterfahren. Wir haben es dann so gemacht, dass wir versucht haben, möglichst – auch in Zusammenarbeit mit der deutschen Botschaft – Visa zu besorgen für die Mitarbeiter, so sie denn flexibel sind, um sie dann in Spanien zum Beispiel zu beschäftigen – nicht jeder ist natürlich auch flexibel und kann nach Spanien gehen. Also insofern haben wir uns da bemüht, aber es ist hinterher ein gemischtes Bild.

"Wir haben sehr langfristige Trends, unsere Verlässlichkeit"

Kindermann:   In der kommenden Woche jährt sich der Absturz des Airbus A320 der Lufthansa-Tochter Germanwings – was man nicht für möglich hielt, das bewusste Herbeiführen eines solchen Flugabsturzes. Was sagen Sie, hat das die Flugreisenden eigentlich – wir machen hier das Gespräch im Besprechungsraum nahe des Düsseldorfer Flughafens –, hat das die Flugreisenden insgesamt verunsichert, dieses Ereignis?

Joussen:   Mich nicht. Also, das ist ein Einzelschicksal und ein Einzelvorfall. Ich würde sagen, das ist überhaupt nicht systemisch, so tragisch dieser Vorfall natürlich ist.

Kindermann:   Kommen wir zu einem anderen tragischen Bild, nämlich den Flüchtlingen in Griechenland. Seit Tagen, seit Wochen, seit Monaten sehen wir das, die Bilder aus der Ägäis, wo Menschen stranden und leiden. Frage an Sie: Kann man an solchen Orten eigentlich Urlaub machen?

Joussen:   Also, ich meine, wir hatten schon im letzten Jahr auch Flüchtlinge auf Kos und es gab tatsächlich auch den Bedarf unserer Kunden, dort zu helfen und wir haben dann freie Gepäckgrenzen zum Beispiel angehoben, wenn die Kunden was mitnehmen wollten und so. Wir haben auch Mitarbeiter, die helfen, auch freiwillig helfen, wo wir also unterstützen. Ich meine, wir können als Touristiker die Welt in dem Fall nicht verbessern. Grundsätzlich glaube ich allerdings, dass der Tourismus natürlich eine der starken Kräfte ist, um den entsprechenden Zielländern eine Chance zu geben. Wenn Sie sich heute die ganzen nordafrikanischen Länder angucken, wenn Sie sich heute auch Griechenland angucken: Der Tourismus hat überall zweiständige Anteile am Bruttosozialprodukt und dementsprechend, sage ich mal, ist es natürlich die wesentliche Industrie in diesen Ländern. Und deshalb ist es einer der Beiträge, die, ich glaube, wir leisten können, um eben auch den Wohlstandstransfer auf einer guten Art und Weise, also nicht Entwicklungshilfe, sondern wirklich, wo unsere Kunden ja auch bereit sind etwas zu zahlen und gleichzeitig wird eben Wirtschaftswachstum in den Ländern gefördert. Das ist ja auch genau der Grund, warum die Terroristen, zum Beispiel in Tunesien, die Demokratie angreifen und den stärksten Wirtschaftsfaktor – nämlich Tourismus – irgendwie treffen wollen. Also insofern glaube ich, die Bilder sind schockierend, aber der Tourismus kann helfen. Die Kunden haben im Einzelfall Hilfsbedürfnis geäußert, wir tragen …

Kindermann:   Aber – "der Tourismus kann helfen" –, der Tourismus geht ja dann nicht auf die Inseln, die jetzt betroffen sind – Lesbos, Kos, andere Inseln –, sondern auf andere Inseln – Korfu und Ähnliches.

Joussen:   Ja, ja, gut. Ich meine, gerade, mit diesem Transfer, da meinte ich, natürlich gerade, der Bevölkerung auch zu helfen. Also insofern glaube ich zum Beispiel, dass es sehr wichtig ist. Jetzt, wenn Sie angucken, in der Türkei oder wenn Sie angucken, Ägypten und Tunesien, wir haben schon als Unternehmen dort eine Verantwortung auch in der Destination. Es wird ja nicht besser dadurch, dass keine Touristen hingehen, das muss man auch ganz klar sehen. Und wenn unsere Kunden den Willen hatten, irgendwie zu helfen, haben wir versucht es irgendwie möglich zu machen.

Kindermann:   Sie hören das Interview der Woche im Deutschlandfunk mit Friedrich Joussen, dem Vorstandsvorsitzenden von TUI. Bleiben wir bei den Flüchtlingen, aber wechseln wir mal die Perspektive nach Deutschland. Da haben wir jetzt gerade drei Landtagswahlen gehabt, starkes Abschneiden der AfD. Und Sie haben vorhin gesagt, wie toll auch Deutschland ist als touristisch interessantes Land. Leidet der Standort Deutschland, das Image Deutschlands darunter?

Joussen:   Ich glaube, sagen wir mal, das ist wie bei Marken, so ist das beim Image auch. Das Eine sind kurzfristige Trends und das Andere sind langfristige Bilder.

Kindermann:   Aber die AfD wird wahrscheinlich in den Bundestag einziehen und da eine Weile bleiben, oder?

Joussen:   Ja, das weiß ich nicht. Ich meine, wenn Sie das wissen … Ich sage nur: Wir haben sehr langfristige Trends, unsere Verlässlichkeit. Es gibt eine hohe Akzeptanz unserer Erscheinung in den entsprechenden Ländern. Und ich glaube, dass da über kurzfristige Landtagswahlen im Augenblick eher nichts passiert.

Kindermann:   Also, Sie glauben, dass Ausländer – Amerikaner, Chinesen – trotzdem gerne nach Deutschland kommen werden?

Joussen:   Davon bin ich überzeugt.

Kindermann:   Tut eigentlich die deutsche Wirtschaft genug, um Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren?

Joussen:   Was ist "genug"? Ich glaube schon, dass wir viel tun. Uns ist ja auch selber daran gelegen; wir alle kennen den demografischen Faktor und die Herausforderungen, die auf uns zukommen. Flüchtlinge können eine Chance sein, wenn wir aktiv an der Integration arbeiten. Wir haben uns ja zusammengeschlossen in eine Initiative, um darüber zu reden, was wir tun, denn hinterher ist das, was man tut das Wichtige und nicht darüber, was man redet.

Kindermann:   Sie meinen die Initiative "Wir zusammen". Das sind 36 Unternehmen.

Joussen:   Genau. Dort hat jedes Unternehmen unterschiedliche Modelle und es hängt auch sehr stark davon ab, was die Mitarbeiter machen. Wir nutzen das auch.

Kindermann:   Was machen Sie denn als TUI?

"Es muss einen Plan geben zum Thema Flüchtlinge"

Joussen:   Na ja, wir haben ein Modell, wo in unserer Mitarbeiterschaft ein großes Bedürfnis bestand, Deutschkurse für potenzielle Asylanten oder Asylbewerber oder Immigranten zu geben – es ist ja bekannt, dass es viel zu wenig Kapazitäten gibt. Und wir haben dann eben die Mitarbeiter teilweise freigestellt, um eben sowohl sich fortzubilden, damit sie überhaupt die Kompetenz bekommen, als auch dann die Deutschkurse zu geben. Das ist für die Mitarbeiter toll. Meiner persönlichen Meinung nach, ist das natürlich auch für das Unternehmen toll, weil das natürlich auch den Mitarbeitern zeigt, dass das Unternehmen mehr ist als nur eine Kapitalgesellschaft, die Geld verdient.

Kindermann:   Es ist ja wahrscheinlich von Branche zu Branche unterschiedlich, Flüchtlinge zu integrieren. Wie sieht das in der Tourismusbranche aus?

Joussen:   Wir sind eine der internationalsten Branchen und gerade wir als Unternehmen eines der internationalsten Unternehmen auf der Welt. Wir haben aktiv Mitarbeiter in weit mehr als hundert Ländern. Also, wir sind wirklich global aufgestellt.

Kindermann:   Wie kommt das eigentlich, dass die Wirtschaft so selbstständig da was gegründet hat. Normalerweise, solche Unternehmungen sind ja, also, wenn wir denken an die Zwangsarbeiterentschädigung oder Corporate Governance zur guten Unternehmensführung, da ist ja die Regierung auch dran interessiert, dass die Wirtschaft aktiv wird. Das ist jetzt offensichtlich – jenseits der Regierung – eine reine Aktion der Wirtschaft, oder?

Joussen:   Ich glaube, wir machen sehr viel – nicht nur die Firmen, auch Individuen persönlich. Was ich an persönlicher Hilfsbereitschaft erlebt habe von Menschen, die, ich sag mal, dann in der Nähe von einer Flüchtlingsunterkunft waren und die das Bedürfnis hatten irgendwas zu tun und seien es eben nur Zeichen, ich glaube, das ist wahnsinnig wichtig. Ich glaube, es ist auf jeden Fall komplementär zu einem Plan, den natürlich die Politik haben muss. Es muss einen Plan geben zum Thema "Flüchtlinge" und es muss einen Plan geben zum Thema "Migrantenströme". Und ich finde, ich sag mal, viel von dem, was man fordert, ist ja derzeit auf einem ganz guten Wege.

Kindermann:   Haben Sie den Eindruck, dass die Bundesregierung einen Plan hat?

Joussen:   Den habe ich.

Kindermann:   Und die Europäische Union?

Joussen:   Na ja, es ist möglicherweise derzeit noch nicht integriert und abgestimmt, aber ich glaube auch, dass der Ansatz der Bundesregierung zu sagen und übrigens weit getragen ja im Parlament überhaupt, das heißt, der großen Parteien überhaupt zu sagen: 'Man muss was Europäisches machen', ich glaube, das ist richtig. Ich glaube, es kann ja keine Lösung sein, jungen Menschen doch nicht vermittelbar, dass man das, was man im Schengenraum hatte, nämlich die internationale Mobilität, wo ja praktisch Grenzen es gar nicht mehr gab, dass wir jetzt anfangen, Zäune zu bauen. Also, ich glaube, gerade, wenn ich mit jungen Menschen rede, ich glaube, das ist ganz schlicht und einfach kein Weg, den man gehen sollte.

Kindermann:   Aber der Kurs der Kanzlerin ist richtig?

Joussen:   Es ist auf jeden Fall etwas, von dem ich glaube, dass es in die richtigere Richtung geht, als Zäune zu bauen innerhalb Europas. Natürlich ist da viel zu tun und natürlich ist noch nicht alles gemacht, aber ich bin davon überzeugt, wenn wir zum Beispiel gerade über diese neue Organisation von dem Herrn Weise reden, der die Registrierung erstmal in den Griff kriegt, die Frage: Wie überkommt man die Datenschutzgesetze, damit zwischen den Ländern und dem Bund Daten ausgetauscht werden, alles das sind ja wichtige Dinge, die jetzt gemacht werden und wir sollten die Chance geben, dass das passiert. Ich glaube, was eben kein Weg ist ist, dass man überall in Europa nachhaltig und nach und nach die Zäune macht und dass vor den Zäunen dann zu Zehntausenden die Flüchtlinge stehen.

Kindermann:   Sie sprachen gerade von jungen Leuten. Junge Leute verreisen ja heute oft ganz anders als mit einer klassischen Pauschalreise. Da wird ein Flug gebucht, der Rucksack gepackt und dann geht es los.

Joussen:   Das haben die übrigens früher auch schon gemacht.

Kindermann:   Ja?

Joussen:   Also, ich habe auch meinen Rucksack gepackt, allerdings bin ich dann mit meinem Opel Kadett losgefahren. Also, insofern, dass man als Jugendlicher anders verreist als die Eltern, ist so unnormal nicht.

Kindermann:   Aber ein bisschen was hat sich ja schon getan. Es gibt jetzt Online-Portale, auf denen diese Reisen gebucht werden – Sie sind der klassische Reiseveranstalter –, ich nenne mal Expedia als Reisebüro oder booking.com,  Hotelbuchungsportale. Setzt Ihnen das zu?

Joussen:   Ich meine, letztendlich ist es so: Wenn Sie als Familie eine Reise machen, dann ist es Ihnen schon wichtig – wenn Sie das einmal im Jahr machen oder zweimal –, dass das auch wirklich funktioniert. Sie machen Entscheidungen nicht nur für sich, sondern für Ihren Ehepartner und für die Kinder. Dann muss das auch wirklich ganz gut funktionieren. Und da sind Sie schon ganz froh – möglicherweise –, wenn Sie dann auch an den Ferienwochenenden auch die Flüge bekommen und dann auch genau da hinkommen. Also, insofern, wenn es dann so ein bisschen spezieller wird, ist es schon so, dass die Leute auf Reiseveranstalter setzen, wie sie es immer gemacht haben. Häufig ist es so, dass die Menschen als Kinder in unseren Robinson-Club fahren, dann sind sie Jugendliche und machen Rucksack und wenn sie dann selber wieder Kinder haben, sagen sie: 'Ach, so ein Urlaub im Robinson Club, das war echt nicht verkehrt.' Also, insofern, je nach dem, wo Sie in Ihrem Leben stehen, ändert sich das Reiseverhalten. Und wie gesagt, ich bin damals mit meinem ersten Auto nach Paris gefahren und habe gezeltet, also, insofern, da sehe ich den Unterschied nicht so. 

Kindermann:   Gut, aber diese großen Portale sind für Sie keine Bedrohung?

"Wir sind keine Öl-Spekulanten, sondern Reiseveranstalter"

Joussen:  Es sind Wettbewerber in gewisser Weise, weil Sie als Reiseveranstalter natürlich auch Urlaubserlebnisse anbieten – nicht integriert, sondern separiert als Komponente –, aber wir haben ja auch über 300 Hotels und drei Kreuzfahrtlinien, sie sind auch unsere Vertriebspartner, wenn es darum geht unsere eigene Hotelkapazität am Markt unterzubringen. Also insofern kann man nicht immer trennen, wer Wettbewerber ist und wer Vertriebspartner ist. Im Regelfall sind die Onlinespieler beides.

Kindermann:   Ja, aber sie sind ja vor allen Dingen Vermittler. Wahrend Sie ja diese ganzen Haftungsgeschichten haben, also Sie stehen ja eher grade, wenn was schief geht, als diese Portale, oder?

Joussen:   Das ist richtig, das ist eines der Vorteile oder Nachteile oder spezifischen Merkmale, die wir haben als Reiseveranstalter. Dazu verpflichtet uns auf gewisse Weise die Pauschalreiserichtlinie, dass wir für alles geradestehen. Wenn Sie selber über booking.com ein Hotel in Griechenland buchen und das funktioniert irgendwie nicht, dann haben Sie einen Vertrag mit einem griechischen Hotelier geschlossen. Deshalb, das ist schon was Anderes. Also, wenn Sie, da können Sie nicht irgendwie ... Sie können sich auch beschweren, aber Sie haben dann keinen Verbraucherschutz, wie bei uns. Das ist für den einen Kunden wichtiger, für den anderen weniger wichtig. Meine Erfahrung ist: Service hat irgendwie schon immer seinen Platz.

Kindermann:   Sie haben eben das Stichwort "Kreuzfahrten" genannt. Kreuzfahrten sind ja beliebt - wie sehen Sie eigentlich das Stichwort "Nachhaltigkeit"? Also, wenn man so das Bild hat: Diese großen Schiffe in Venedig, manche Orte beklagen sich, sie haben schon zu viele Schiffe da. Hat das für Sie als Unternehmen mit Nachhaltigkeit zu tun, also mit dem Schutz von Regionen, von Natur?

Joussen:   Also, wir sind ja die Pioniere der Kreuzfahrt. Die erste Kreuzfahrt, die wir veranstaltet haben, ist 125 Jahre her, mit der Auguste Victoria von HAPAG, also, insofern: Natürlich verändert sich die Kreuzfahrt auch. Und wenn Sie heute ein modernes Kreuzfahrtschiff sehen, haben die natürlich Katalysatoren, Rußpartikelfilter, die sind also nicht mehr vergleichbar mit dem, was wir noch vor zehn Jahren hatten. Und dementsprechend haben Sie ja heute zunehmend auch Regionen in der Welt, zum Beispiel in der Ostsee, wo sie ohne diese sogenannte Scrubber-Technologie, also ohne diese Partikelfilter und Katalysatoren gar nicht fahren dürfen. Das Bewusstsein, wie auch in allen anderen Dingen, nimmt zu. Alle unsere modernen Schiffe sind mit diesen Technologien ausgerüstet.

Kindermann:   Trotzdem sind die Häfen manchmal ganz schön überfüllt – manche Insel erlässt schon Beschränkungen für Tagestouristen – und Sie haben, glaube ich, jetzt gerade wieder ein neues großes Schiff in Dienst gestellt und brauchen, glaube ich, sogar noch mehr, oder?

Joussen:   Richtig ist, dass man über das ästhetische Empfinden, wenn große Kreuzfahrtschiffe in Venedig rein- und rausfahren, streiten kann. Deshalb, glaube ich, ist schon wichtig, dass man auch diesen Diskurs irgendwie zulässt. Der Bedarf ist auf jeden Fall da, der ist gigantisch, und es sind wesentlich weniger Kreuzfahrten, die im Augenblick noch in Deutschland gemacht werden, als in anderen Teilen der Welt. Mein letzter Punkt, den ich sagen will: Eines der Dinge, die wir schon sehen ist: Wenn Sie Kreuzfahrtschiffe zu groß machen, ist das schon etwas, was den Kunden dann auch wiederum nicht so gut gefällt, deshalb sind unsere Kreuzfahrtschiffe derzeit beschränkt auf 2500 Betten. Es gibt ja weltweit auch Schiffe, die 6500 Betten zum Beispiel haben – das sind natürlich noch mal ganz andere Formate. Also insofern, muss man das sehen und auf der anderen Seite ist natürlich so eine Kreuzfahrt für diejenigen, die das machen und übrigens auch für die Destinationen, wo es hingeht, sind das schon im Regelfall ganz entscheidende Wirtschaftsfaktoren und es ist auch wirklich ein schönes Urlaubserlebnis.

Kindermann:   Ein entscheidender Wirtschaftsfaktor für Sie ist ja auch der niedrige Ölpreis, da können Sie ein bisschen günstiger fliegen, vielleicht auch ein bisschen günstiger Schiffe fahren lassen. Geben Sie das an die Kunden weiter, den Vorteil?

Joussen:   Na ja, ich meine, richtig ist natürlich, das sagen wir immer: Ölpreise kann man auf Dauer nicht festhalten, die setzen sich im Markt um, weil die natürlich alle Wettbewerber haben. Das ist natürlich nicht immer sofort der Fall, weil sie ein sogenanntes Hedging betreiben. Sprich also, sie, wenn sie eine Reise verkaufen, mit einem Vorlauf von acht Monaten, dann machen wir das so – wir sind nämlich keine Spekulanten –, dann machen wir das so, dass wir die Ölpreise zu dem Zeitpunkt absichern, denn wir haben ja eine Reise zu einem gewissen Preis verkauft. Und diese Absicherung, damit uns eben sowohl im Positiven wie auch im Negativen nichts passiert, führt die im Augenblick dazu, dass wir natürlich zum Teil unsere Reisen noch mit höherem Preis betreiben, als wir die betreiben würden, wenn wir jetzt gerade das Öl kaufen würden. Das kann aber eben auch mal andersrum laufen. Und da wir, wie gesagt, keine Öl-Spekulanten sind, sondern Reiseveranstalter, ist das, glaube ich, eine gute Pflicht, dass, wenn man einmal eine Reise verkauft hat, dann eben die Rohstoffe dementsprechend absichert.

Kindermann:   Also, die Gewinne kommen dann nächstes oder übernächstes Jahr umso mehr und dann profitieren auch die Kunden davon.

Joussen:   Ja, natürlich, das ist schon so und auch heute profitieren da die Kunden von. Das ist ja nicht alles abgesichert. Es gibt ja auch, wie gesagt, ganz kurzfristig gebuchte Reisen. Bei sehr kurzfristig gebuchten Reisen, kann es mal runtergehen, kann es mal hochgehen. Und deshalb ist es schon so: Über die Zeit wird sich natürlich ein großer Teil der Ölpreisreduktion für den Kunden in einen niedrigeren Preis umsetzen.

Kindermann:   Herr Joussen, wo machen Sie eigentlich Urlaub in diesem Sommer?

Joussen:   Ich mache sogar mehrere, aber dafür nicht so lange. Ich bin zum Teil im östlichen Mittelmeer unterwegs tatsächlich, ich bin aber auch in der Toskana zum Beispiel unterwegs. Also, insofern: Ja, ich lasse mich da im Augenblick gar nicht beirren, sondern ich mache da Urlaub, wo ich mit der Familie gerne Urlaub machen möchte.

Kindermann:   Herr Joussen, vielen Dank für das Gespräch.

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