Hintergrund / Archiv /

Turboabi - Schneller im Stoff

Vorteile und Defizite der achtjährigen Gymnasialzeit

Von Karl-Heinz Heinemann

Das Mathematik-Fachwissen habe sich laut einer Studie bei den G8-Schülern im Vergleich zu den G9ern verschlechtert.
Das Mathematik-Fachwissen habe sich laut einer Studie bei den G8-Schülern im Vergleich zu den G9ern verschlechtert. (AP)

Mitte des vergangenen Jahrzehnts wurde das Gymnasium von den in Westdeutschland üblichen neun auf acht Jahre verkürzt. An den Schulen entstand Unruhe. Lehrer und Schüler stöhnten unter der Last eines erhöhten Pensums.

Zwölf Jahre – so lange dauert heute in der Regel die Schulzeit bis zum Abitur. Lediglich in Rheinland-Pfalz hat man an der seit der Weimarer Republik üblichen Regelung von 13 Jahren festgehalten. Als Mitte des vergangenen Jahrzehnts das Gymnasium von den in Westdeutschland üblichen neun auf acht Jahre verkürzt wurde, gab es erhebliche Unruhe. Lehrer und Schüler stöhnten unter der Last eines erhöhten Pensums.

"Wir haben dreimal inklusive Förderunterricht sieben Stunden und zweimal nur sechs Stunden. Bei den sechs Stunden bin ich schon so um zwei zuhause und bei den sieben Stunden bin ich um 15:00 Uhr Zuhause."

Damals, im Jahr 2006, war Johannes elf Jahre alt und besuchte in Köln die erste fünfte Klasse, die nach den neuen Stundenplänen unterrichtet wurde. Der Stoff von bisher neun Gymnasialschuljahren musste in acht Jahren abgearbeitet und die kultusministerielle Vorgabe, dass jeder bis zum Abitur mindesten 265 Wochenstunden Unterricht hat, erfüllt werden.

"Ja, und dann mache ich die Hausaufgaben, und wenn ich dann alle fertig habe, dann bin ich so erschöpft, dann lese ich entweder was, gucke eine Sendung oder höre was."

In der Anfangsphase war die Schule überhaupt nicht auf den Ganztagsbetrieb eingestellt. Es gab keine richtigen Entspannungsphasen und auch kein warmes Essen in der Schule.
Für die westdeutschen Bundesländer war es eine große Umstellung innerhalb kürzester Zeit.

"Bei der einen oder anderen Einführung hat es ja noch Monate gedauert, bis neue Schulbücher überhaupt vorhanden waren."

Erinnert sich Professor Winfried Bos, Direktor des Dortmunder Instituts für Schulentwicklungsforschung und Experte für Schulleistungsvergleiche.

"Das war schon eine große Schwierigkeit, sich wirklich systematisch mit den Lehrplänen auseinanderzusetzen, die zu reduzieren, neue Schulbücher zu produzieren, die Lehrer entsprechend fortzubilden und dann das G8 einzuführen. Das wäre ja eigentlich der Königsweg gewesen. Aber es gab politische Vorgaben, die die Verwaltungen und Ministerien dazu gezwungen haben, das teilweise sehr schnell zu machen. Wenn ich an Bayern denke, die hatten nur wenige Monate Zeit, das tatsächlich umzusetzen. Dass dann das am Anfang ein bisschen holpert und ruckelt, das ist klar, das kann man nicht anders sagen."

Als in den Jahren von 2003 bis 2007 die Schulzeit um ein Jahr verkürzt wurde, ging es vor allem darum, dass deutsche Hochschulabsolventen mit durchschnittlich mehr als 28 Jahren im internationalen Vergleich zu alt seien. Winfried Bos:

"In mehr als 90, 95 Prozent gelingt es den Ländern weltweit, die jungen Männer und Frauen auf die Universität vorzubereiten in zwölf Jahren. Und ich sehe weltweit keine Reifungsdefizite bei den Jugendlichen in den anderen Ländern, die kriegen das ganz gut hin. Es kann natürlich sein, dass wir in Deutschland uns immer noch ein bisschen schwer tun mit vielleicht überlasteten Curricula."

Und man tut sich weiterhin schwer. Denn die Diskussion verstummt nicht. In Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen sind nun Parteien in der Regierung, die sich in ihrer Oppositionszeit mit der Kritik an G8 profiliert hatten, und auch in der hessischen CDU und der bayrischen CSU melden sich die konservativen Anhänger des guten alten neunjährigen Gymnasiums zu Wort. Können die Schüler in den acht Jahren so viel lernen wie andere in neun? Reicht die Zeit für ihre Persönlichkeitsentwicklung? Sind die Jugendlichen durch die Verdichtung des Pensums nicht überlastet? Und die ersten Länder fangen an, die gerade erst umgesetzte Reform wieder aufzuweichen.

In Nordrhein-Westfalen ist das neunjährige Gymnasium schon im vergangenen Schuljahr als Versuch erneut zugelassen worden. Allerdings haben nur 13 Gymnasien von dieser Option Gebrauch gemacht. Das sind erstaunlich wenig, angesichts der massiven Kritik, auch vonseiten der Lehrer am G8-Gymnasium. Aber der Tenor an vielen Schulen ist: "Nicht schon wieder" – man will endlich ein wenig mehr Ruhe haben.

In Schleswig-Holstein haben Gymnasien ebenfalls seit 2011 die Möglichkeit, wieder das Abitur nach neun Jahren anzubieten. Hessen und Baden-Württemberg starten nun wieder mit der Langform. Die grün-rote Landesregierung in Stuttgart gibt zunächst nur 22 Gymnasien die Möglichkeit, einen neunjährigen Gymnasialzweig einzurichten. In Bayern hält die Staatsregierung eisern am achtjährigen Gymnasium als Regelfall fest, das sie gegen den Widerstand der Gymnasialverbände eingeführt hat. Kultusminister Ludwig Spaenle, CSU, will aber ein freiwilliges Intensivierungsjahr einführen – wer will, kann also ein Jahr wiederholen. Wie genau das aussehen soll, es soll ja kein Sitzenbleiben sein, das weiß man bisher noch nicht so richtig. Die bayrische SPD hält nichts von Spaenles Idee, sie bezeichnet eine solche Reform als "Murks".

Die letzte G9-Insel neben Rheinland-Pfalz bildeten die Gesamtschulen. In den meisten westlichen Bundesländern müssen sie, in Hessen können sie nach wie vor den neunjährigen Bildungsgang anbieten. Die Politik hielt diese Ausnahme für notwendig, um die Schüler mit Realschul- oder Hauptschulabschluss gemeinsam mit den anderen späteren Abiturienten unterrichten zu können. Denn beim Turboabitur beginnt die Sekundarstufe II nicht erst in Klasse 11. Zunächst sahen die Gesamtschulverbände darin eine Diskriminierung. Doch mittlerweile stellt sich diese Sonderregelung als Wettbewerbsvorteil heraus. Eltern, die ihre Kinder keinem Verkürzungsstress aussetzen wollen, schicken sie trotz Gymnasialempfehlung zur Gesamtschule.

Die Schulzeitverkürzung war in den westlichen Bundesländern ein schlecht vorbereitetes und unzureichend organisiertes Experiment, das bei Lehrern auf Skepsis und bei Eltern und Schülern auf Ablehnung stieß. Im Osten dagegen kannte man kaum ein anderes Modell.

In der DDR dauerte die gesamte Schulzeit bis zum Abitur nur zwölf Jahre. In Thüringen und Sachsen hielt man nach der Wiedervereinigung daran fest, während in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt zunächst die bundesdeutsche 13-Jahres-Regelung übernommen wurde. Die Re-Reform dort, also die Rückkehr zum Abitur nach zwölf Jahren, wurde bei Lehrern und Eltern eher mit Erleichterung aufgenommen.

Im vergangenen Jahr hat es in Bayern und Niedersachsen die ersten doppelten Abiturjahrgänge gegeben, also Schüler, die noch neun Jahre am Gymnasium waren, und die ersten G8-Schüler haben zeitgleich ihren Abschluss gemacht. In weiteren Bundesländern, etwa in Berlin und Bremen war dies in diesem Jahr der Fall. Es wäre also an der Zeit, den Erfolg der Reform zu überprüfen. Nur: Die Kultusministerkonferenz ist offenbar an einem Leistungsvergleich von G8 und G9 nicht interessiert. Schulforscher Winfried Bos:

"Man hätte das im Rahmen der letzten Timss-Abiturienten-Untersuchungen machen können, vor drei, vier Jahren, das hat allerdings die Kultusministerkonferenz damals abgelehnt, das zu machen."

Die Timss-Studie ist ein internationaler Schulleistungsvergleich in Mathematik und Naturwissenschaften, an dem auch Winfried Bos mitarbeitet.

"Da hätte man belastbare Daten gehabt. Das war wahrscheinlich im Rahmen der Umstellung, dass die andere Sorgen hatten, als sich auch noch Leistungsvergleich in diesem Bereich anzugucken."

In den westdeutschen Bundesländern sprechen die Erfahrungen und Eindrücke der Schülerinnen und Schüler eine eindeutige Sprache. Besonders die doppelten Abiturjahrgänge haben Vergleichsmöglichkeiten.

"Ich habe zu Beginn der Oberstufe in manchen Fächern gemerkt, dass G9er mit ihrem Fachwissen doch um einiges weiter sind als die G8er, das hat man zum Beispiel in Mathe gemerkt."

Clemens, 17 Jahre alt und G8-Schüler. Hanna, 18 Jahre und G9-Schülerin, meinen:

"Ich bin mir echt nicht sicher, ob ich es geschafft hätte mit G8, aufgrund der langen Tage, der vielen Stunden und auch des vielen Stoffs in so kurzer Zeit. Ich hatte teilweise, ja, war ich nicht so motiviert, ich glaube, das geht jedem Schüler mal so. Ja, und mit G9 bin ich recht glücklich, dass ich das noch hatte oder habe."

Johannes, den wir vor sieben Jahren in der fünften Klasse interviewt hatten, ist nun im zwölften Schuljahr. Er hat im vergangenen Jahr die Schule gewechselt – von seinem G8-Gymnasium auf ein Berufskolleg. Dort macht er gleichzeitig Abitur und eine Erzieherausbildung – und schließt mit der Klasse 13 ab.

"Weil ich im G8-System früher war, auf der alten Schule, und es mir dort nicht so wirklich gefallen hat vom Aufbau mit dem Stoff. Man hat nicht wirklich Zeit, den Stoff zu vertiefen, man wusste nie, wofür man den Stoff braucht. Man hat immer nur den Stoff gelernt, in Mathematik zum Beispiel die Formeln, und wusste nie wirklich, wozu brauche ich das im späteren Leben, worauf wende ich diese Aufgaben an?"

An seiner alten Schule hat sich, nach seinem Empfinden, eine Friss-oder-stirb-Mentalität ausgeprägt:

"Auf unserer alten Schule war es halt nicht so, dass man wirklich auf jeden Einzelnen Rücksicht nehmen konnte. Hat einer das nicht verstanden, hat er Pech gehabt, und hier ist es so, dass sich die Schüler untereinander helfen können und die Lehrer sich extra Zeit nehmen und sich aufopfern für einen, um einem zu helfen."

Winfried Bos hat zusammen mit anderen Wissenschaftlern 1998, also noch vor Einführung des Turboabiturs in Westdeutschland, die Belastung von Lehrern und Schülern in Bundesländern mit G8 und G9 verglichen.

"Wir haben verglichen Thüringen, Bayern und Brandenburg, also ein traditionelles Land G8, ein Land, was G9 hat und Brandenburg, die umgestellt hatten von G8 auf G9, also auf ein 13-jähriges System. Und wir haben sowohl Lehrer als auch Schüler befragt nach Belastungssituationen unter Stressfaktoren. Und das Ergebnis war, dass es eigentlich für alle das Gleiche war, sowohl für Lehrer als auch für Schüler. Keine Unterschiede, nennenswerte, festzustellen."

Das Ergebnis entsprach überhaupt nicht den Erwartungen des Auftragsgebers, der GEW, aber es wurde trotzdem publiziert, stellt Bos anerkennend fest. Aber hatten die Schüler in Thüringen nicht einen längeren Schultag, mehr Wochenstunden, damit sie ihr vorgeschriebenes Pensum von 265 Wochenstunden bis zum Abitur erfüllen konnten?

"Das ist richtig, aber offenbar hat sich das nicht auf das Belastungsempfinden ausgewirkt! Gefühlte Belastung und objektive Belastung – man muss das auseinanderhalten. Ich glaube dem erst einmal nicht so, dass unsere Schülerinnen und Schüler alle so extrem belastet sind, dass ihre Persönlichkeiten nicht mehr reifen können. Den Beweis müsste mir erst einmal jemand liefern!"

Bos’ Ergebnis hätte eventuell anders ausgesehen, wenn er nicht ein Land wie Thüringen untersucht hätte, in dem Lehrer, Eltern und Schüler zeit ihres Lebens nichts anderes als das Abitur nach zwölf Jahren kannten, sondern wenn er zehn Jahre später die Einführung von G8 in den westlichen Bundesländern zum Gegenstand genommen hätte. Das Gymnasium Essen-Borbeck ist eine der 13 Schulen, die als Versuchsschulen wieder neun Jahre bis zum Abitur anbieten. Schulleiterin Ursula Alsleben:

"Wir haben sehr unter G8 gelitten. Die Lehrer hatten sehr fundierte Beobachtungen, dass die Leistungen in ihrer Wahrnehmung absackten, dass die Schüler unkonzentrierter waren. Wir hatten wirklich das Gefühl, dass die Schüler aufgrund der starken Gedrängtheit und der starken Dichte auch im Stundenplan, der ja ausufert schon für die Klassen acht und neun, schon in den Klassen sechs und sieben haben wir nachmittags Unterricht, in der Klasse sieben bis acht zweimal, der Klasse neun bis zu dreimal, und die Kinder sind 14 bis 15 Jahre alt. Vor allem die Jungen sind noch in ihrer physischen Entwicklung nicht an dem Zeitpunkt, dass man sagen kann, wir dehnen das wer weiß wie weit aus."

Ob nun die messbaren Leistungen anders ausfallen nach acht oder neun Schuljahren, dazu kann Direktorin Ursula Alsleben nichts sagen. Schulforscher Winfried Bos vermutet aufgrund älterer Untersuchungen, dass es keine Unterschiede gibt.

"Wir haben Vergleichsuntersuchungen im Rahmen der ersten großen TIMSS-Untersuchungen für Abiturienten und Schulabgänger gemacht. 1998 sind die Ergebnisse vorgestellt worden. Und da fanden wir innerhalb der Bundesrepublik keine Unterschiede zwischen den Systemen, die ein G8 und an dem G9-System hatten. Die Leistungen in Mathematik und Naturwissenschaften waren im Prinzip identisch. Ganz interessant war, dass wir innerhalb der westdeutschen Bundesländer auch den Unterschied zwischen Klasse zwölf und Klasse 13 getestet haben. Und auch da war kein Unterschied. Die haben also, zumindest was unsere Test-Items angeht, in der 13 nichts mehr dazugelernt."

Aber es komme ja nicht nur auf den messbaren Lernzuwachs an, meint Ursula Alsleben:

"Wir haben festgestellt, dass bei G8 die Teilnahme am Chor oder an den Instrumentalgruppen schrumpfte. Wir haben zum Beispiel über Jahre mit einem hier im Stadtteil wohnenden Rechtsanwalt, der sich der Schule sehr verbunden fühlt, eine Rechts-AG. Die knickte weg, als die G8-Jahrgänge jetzt in die Phase kamen, dass sie alt genug waren für eine Rechtskunde-AG. So ab der neunten oder zehnten Klasse. Die jungen Leute hatten genug Nachmittage, die von der Schule verbraten waren und das fanden wir sehr bedauerlich."

In Sachsen-Anhalt kam schon 2007 ein Doppeljahrgang ins Abitur. Das Land war schneller als andere, die auf G8 umstellten, denn im Jahr 2003 wurde hier einfach das neunte Schuljahr gestrichen. Der heute in Hannover, damals in Magdeburg lehrende Ökonom Stephan Thomsen hat untersucht, wie sich die beiden Abiturjahrgänge entwickelt haben. Sie schrieben im Jahr 2007 dieselbe Abiturprüfung, ein Zentralabitur für das ganze Land, unter denselben Bedingungen. Eine ideale Versuchskonstellation, wie Thomsen sagt. Und er begleitete die beiden Jahrgänge weiter unter dem Aspekt, wie sich die unterschiedliche Schullaufbahn auf ihre Qualifikation, die Berufskarriere, auf das Einkommen, ja, selbst darauf ausgewirkt hat, wann und wie viele Kinder sie bekommen.

Die Persönlichkeitsentwicklung wurde nach einem in der Psychologie gängigen Modell in fünf Dimensionen gemessen – dort konnten die Forscher keine signifikanten Unterschiede feststellen. Die Befürchtung, dass die jüngeren Abiturienten unreifer sind und durch den gedrängten Stundenplan zu wenig Zeit hatten, sich umfassend zu bilden und zu entfalten, wurde hier nicht bestätigt.

Stephan Thomsen verglich auch die Abiturnoten von G8ern und G9ern. Hier war das Ergebnis nicht eindeutig.

"Und was wir gesehen haben, ist, dass sich die Noten insbesondere für Männer, aber auch für Frauen in Mathematik doch deutlich verschlechtert haben im Durchschnitt. Etwa um elf Prozent oder acht Prozent niedriger als in dem Neunerjahrgang. Und im Fach Deutsch keine Unterschiede sichtbar sind, da sind die Noten eigentlich sehr ähnlich zwischen beiden Jahrgängen."

Offenbar kann man in Mathematik noch im Laufe der Zeit etwas dazu lernen, während es wohl keinen großen Unterschied macht, ob man einen Aufsatz nach zwölf oder 13 Jahren schreibt.

Aber die Untersuchung hatte noch ein anderes interessantes Ergebnis: Die weiblichen G8-Absolventen studierten weniger häufig als die G9-Absoventinnen.

"Gleich nach dem Ende der Schule gehen etwa 55 Prozent ins Studium. Und bei den G8 dann entsprechend 45 Prozent. Dieser Satz springt dann noch einmal auf 69 und 62 Prozent eineinhalb Jahre später im Wintersemester 2008."

Die G8er haben häufiger eine Berufsausbildung begonnen, statt zu studieren. Warum ausgerechnet Frauen signifikant häufig lieber nicht studierten – darauf weiß Stephan Thomsen keine Antwort. Die Vermutung, ihnen fehle es vielleicht an dem nötigen Selbstbewusstsein, weist er zurück – in der Persönlichkeitsentwicklung gab es ja keine messbaren Unterschiede.

Junge Männer und Frauen studierten nach der kürzeren Schulzeit weniger häufig MINT-Fächer, also die von der Wirtschaft besonders nachgefragten Natur- und Ingenieurwissenschaften, sondern wählten lieber sozial- und geisteswissenschaftliche Studienangebote. Dafür hat Stephan Thomsen eine Erklärung:

"Wir sehen auf jeden Fall, dass es da einen typischen Zusammenhang gibt oder eine Korrelation zwischen schlechter Leistung in Mathematik und den geringeren Einschreibungen in den mathematisch naturwissenschaftlichen Studiengängen und die Tendenz eher dann in gesellschaftswissenschaftliche, soziale und wirtschaftswissenschaftliche Fächer zu gehen."

Damit wäre für den Ökonomen Thomsen ein wichtiges Ziel der Gymnasialreform verfehlt, nämlich das Potenzial junger Menschen auch ökonomisch besser zu verwerten, indem sie rascher Qualifikationen erwerben, die auf dem Markt nachgefragt werden:

"Und das bedeutet, dass die Beschäftigungsaufnahme, oder als Ökonom gesprochen auch die Produktivität der Absolventen und Studierenden dann eben perspektivisch etwas geringer sein wird als in den vorangegangenen Jahrgängen."

Sicher ist es möglich, jüngere Leute auch in zwölf Jahren zur Hochschulreife zu führen. Das machen nicht nur andere Staaten vor, sondern offenbar stößt es auch in Deutschland dort nicht auf nennenswerte Probleme, wo wie in Sachsen und Thüringen Lehrpläne und Abläufe routiniert abgearbeitet werden. Die Probleme treten dort auf, wo die Umsetzung einfach schlecht organisiert wurde. Lehrpläne wurden nicht genügend entrümpelt, stellt Schulforscher Winfried Bos fest. Lehrer wurden nicht ausreichend vorbereitet, und vor allem:

"Im Prinzip lässt sich G8 mittelfristig nur in Ganztagsform durchsetzen. Es ist eine Frage der Zeit, wann die Gymnasien in den Bundesländern sich auf ganztags umstellen werden. Das kann gar nicht ausbleiben."

Ein Prozess, der allmählich in einigen Bundesländern in Gang kommt. Und der, zum Leidwesen der Finanzpolitiker, Schule nicht billiger machen wird, wie sich vielleicht mancher von der Schulzeitverkürzung versprochen hat.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Hintergrund

20 Jahre nach der BahnreformNoch immer Herrin der Schiene

Teil des Berliner Hauptbahnhofs (tief), aufgenommen am 12.09.2013. Der Bahnhof beherbergt fünf Verteilerebenen, der Höhenunterschied zwischen der obersten und untersten Ebene liegt bei 25 Metern. Foto: Peter Endig

Gut angebunden oder abgehängt? Vor 20 Jahren entstand die Deutsche Bahn in ihrer heutigen Form. Die Länder bestimmen, wie viele Nahverkehrs- und Regionalzüge in ihrem Gebiet fahren sollen und es herrscht zudem Wettbewerb auf der Schiene. Doch alle Probleme konnte die Reform längst nicht beseitigen.

Migranten in TijuanaGestrandet an der Grenze zu den USA

Ein obdachloser Migrant vor der US-Mexikanischen Grenze in Tijuana, Mexiko.

Tijuana, der nordwestlichste Punkt Mexikos und Lateinamerikas, ist der Ort der wartenden Migranten. Hier versuchen sie, über die Grenze in die USA zu kommen. Doch die meist mittellosen Migranten haben oft weder Visum noch Arbeitserlaubnis und Gefahr droht von gefährlichen Banden und korrupten Polizisten.

Sarajevo 2014Eine Stadt kämpft um ihre Zukunft

Dunkler Rauch steigt über brennenden Polizeiautos in Sarajevo auf.

Wenigstens kurz blickt Europa in diesem Jahr wieder auf Sarajevo: Auf dem Programm stehen Gedenkfeiern zum Attentat auf Franz Ferdinand vor 100 und zu den Olympischen Winterspielen vor 30 Jahren. Eher ausgeblendet wird hingegen die Gegenwart der Stadt: Die Arbeitslosigkeit steigt und steigt, viele suchen ihr Glück im Ausland.

 

Politik

KatalonienDie Konfrontation setzt sich fort

Ein Felsen im Meer vor der Küste Kataloniens, auf der eine katalanische Flagge im Wind weht. 

Spaniens Verfassung verbrieft zwar das Recht der Regionen auf Autonomie, spricht aber auch von einem unteilbaren Spanien. Das spanische Parlament hat deshalb Anfang April ein katalanisches Unabhängigkeitsreferendum abgelehnt. Doch Kataloniens Regierungschef Artur Mas beharrt auf dem Vorhaben.

 

Wirtschaft

FacebookUmsatzplus von mehr als 70 Prozent

Ein Mann vor dem "Gefällt-mir"-Daumen von Facebook in Silicon Valley in Kalifornien (USA)

Das soziale Netzwerk Facebook hat seine Probleme gelöst: Ein Konkurrent, der Nachrichtendienst WhatsApp, der sich zunehmender Beliebtheit erfreute, wurde aufgekauft. Auch an der Schwierigkeit, mit Werbung auf mobilen Geräten Geld zu verdienen, wurde lange gearbeitet. Diese Arbeit trägt jetzt Früchte, wie sich im neuen Quartalsbericht zeigt.

 

Gesellschaft

NordkoreaJuche - Herrscherkult mit religiösen Zügen

Nordkoreas Diktator Kim Jong-un steht zwischen zahlreichen Uniformträgern im Mausoleum seines Vaters Kim Jong-il Pjöngjang.

In der Juche-Ideologie in Nordkorea richtet sich das gesamte Interesse auf die eigene Nation. Das Volk hat bedingungslos dem Herrscher zu folgen, der wie ein Heiliger verehrt wird. Seit 2011 steht Kim Jong-un, der jüngste Sohn des früheren Diktators, an der Spitze des Staates.