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StartseiteSonntagsspaziergangAls Georg Carver die Segnungen der Erdnusspflanze entdeckte17.12.2017

Tuskegee University in AlabamaAls Georg Carver die Segnungen der Erdnusspflanze entdeckte

Georg Carver wurde 1864 in Missouri als Sklave geboren. Sein Besitzer, Moses Carver, war ein deutscher Einwanderer. Der Lebensweg von Georg führte ihn aus der Sklaverei bis zu einer Professur an der Tuskegee Universität in Alabama. Dort machte er durch bemerkenswerte Kenntnisse der Natur auf sich aufmerksam.

Von Rita und Rudi Schneider

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Vester Marable und Shirley Baxter am Carver Museum in Tuskegee in Alabma, der Ort liegt 35 Meilen östlich von Montgomery.  (Deutschlandradio / Rita und Rudi Schneider)
Vester Marable und Shirley Baxter am Carver Museum in Tuskegee in Alabma, der Ort liegt 35 Meilen östlich von Montgomery. (Deutschlandradio / Rita und Rudi Schneider)
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"Er konnte nicht zu einer normalen Schule gehen. Er musste zur damaligen Zeit eine Schule für Afroamerikaner besuchen. Das hier ist seine Original-Schiefertafel, die er anstelle von Papier benutzt hat."

Diese Schiefertafel hat er ein ganzes Leben lang bewahrt und benutzt. Schon in Missouri zeigten sich seine vielseitigen Talente. Eines davon betraf die Natur. Lawrence Elliott schrieb eine bemerkenswerte Biographie über Georg Carvers Lebenswerk. Dort lesen wir: 

"Stand es mit einer Pflanze ganz schlimm, so grub er sie aus und nahm sie mit auf seine geheime Waldlichtung, reinigte die Wurzeln und pflanzte sie in den reicheren Waldboden, um sie wieder gesund zu pflegen. Die Nachbarn nannten ihn den Pflanzendoktor, und im weiten Umkreise wusste jedermann, dass Carvers George alles zu heilen wusste, was in der Erde wuchs."

Als die Sklaverei abgeschafft worden war, wurde George vom Ehepaar Carver adoptiert. Im Alter von zwölf Jahren verließ George die Familie. Sein Ziel war die Schule in einer anderen Stadt. Dort fand er eine freundliche Frau. Er kochte für die ganze Familie und mit dem Geld, das er damit verdient, konnte er zur Schule gehen. Sein Traum und Ziel war die Zulassung zum College.
 
"Und eines schönen Morgens war endlich der ersehnte Brief da. Wie ein Visum für den Himmel schob ihm der Postbeamte den Umschlag durch den Schalter zu. Der Brief besagte, dass man seine Zeugnisse geprüft habe, und dass das Highland-College sich freuen würde, ihm mit Beginn des Herbstsemesters zu seinen Studenten zu zählen."

Bescheidenheit und unbändiger Wissensdurst

Seine sprichwörtliche Bescheidenheit aber auch sein unbändiger Wissensdurst machten ihn bald weit über die Grenzen des Campus bekannt. Wegen seiner Fähigkeiten in der Pflanzenzüchtung wurde er das erste afroamerikanische Mitglied der Fakultät der Iowa State University. Im Jahr 1896 packte er seine Habseligkeiten, darunter ein Mikroskop, das ihm die Iowa State geschenkt hatte und reiste mit dem Zug nach Tuskegee. Booker T. Washington hatte ihn als Leiter der landwirtschaftlichen Abteilung des Tuskegee Institutes berufen.

 "Als Carver zum ersten Mal mit dem Zug nach Tuskegee kam, sah er, dss die Baumwollfelder der Farmer nicht gut aussahen. Er fand heraus, dass der Boden durch zu einseitige Nutzung ausgelaugt war. Er empfahl den Farmern, die Erdnuss als Zwischenfrucht zu pflanzen. Die Farmer sagten dann: 'Wir haben überall Erdnüsse angepflanzt, was machen wir dann mit den Mengen an Erdnüssen?' Das war für Carver der Punkt, an dem er seine Untersuchungen begann, was man alles aus der Erdnuss gewinnen könnte."

Und was er herausfand, waren sage und schreibe an die 300 Substanzen, die aus der Erdnuss gewonnen und vermarktet werden konnten. Aus der Süßkartoffel waren es 118 Stoffe. Wie Carver dachte und arbeitete zeigte sich alleine bei der Einrichtung seines Labors erzählt Vester.

"Als er hier her kam, besaß er nichts außer seinem Mikroskop für sein zukünftiges Laboratorium. Im Müll von Tuskegee suchte er akribisch nach allem, was er für das Labor brauchen und verwerten konnte."

Sein Auftritt hatte Wirkung

Sammeln, analysieren, verwerten. Er selbst war extrem genügsam. Von dem Geld, das er als Professor verdiente, nutzte er nur so viel, wie er zum Leben brauchte, den Rest spendete er für allerlei Projekte. Er trug immer den gleichen Anzug. Zwischenzeitlich war sein Ruf bis nach Washington gedrungen, und die Sache mit dem immer gleichen Anzug geriet durch diese Nachricht aus dem Capitol ins Wanken.

"Erwarten Sie am 20. morgens zu einem Referat über die Möglichkeiten der Erdnuss vor dem zuständigen Kongressausschuss in Washington. Tagelang drehten sich die Gespräche im Speisesaal um die große Ehre, dass ihr Professor Carver vor dem Kongress in Washington sprechen sollte. Dann bedrängten sie ihn wegen seiner Kleidung."

Georg Carver meinte daraufhin: "Wenn die Leute in Washington einen neuen Anzug sehen wollen, dann kann ich ihnen den auch in einem Päckchen schicken. Wenn sie aber mich hören wollen, dann werden sie mich nun mal so nehmen müssen, wie ich bin."

Fast zwei Stunden fesselte Carver den Ausschuss mit seiner Vorführung von Erdnussprodukten und ließ dabei immer wieder seinen Humor aufblitzen. Als er geendet hatte, sagte Mr. Carew: "Sie haben diesem Ausschuss einen großen Dienst erwiesen." Alle Abgeordneten erhoben sich und applaudierten heftig.

Sein Auftritt hatte Wirkung. Er folgte strikt seiner Philosophie, den Menschen Hilfestellung durch die Vermittlung von Wissen zu geben. Und dieses war eine seiner Lösungen:

"Er nutzte einen Pferdewagen, den er zu Lehrzwecken mit Früchten und landwirtschaftlichen Beispielanwendungen beladen hatte. Er benannte diesen Wagen 'Jesup Wagon' und reiste mit dem Wagen von Farm zu Farm. Da die Farmer wegen der Arbeit nicht zu einer Schule kommen konnten, fuhr er zu ihnen. Dabei fand ein reger Austausch von landwirtschaftlichem Know How statt. Er führte auch die jährliche 'Farmers Conference' ein. In dieser eintägigen Zusammenkunft wurden alle Probleme und Erkenntnisse rund um den landwirtschaftlichen Anbau besprochen."

Ein Steinwurf von Elvis Presleys Geburtshaus entfernt

Mit seinem Jesup Wagon besuchte er auch die Farmer in Brundige, wo wir 1999 erlebten, welche Wirkungen seine Besuche dort hatten. 1999, das war immerhin 80 Jahre nach seinem Besuch mit dem Jesup Wagon. Dort werden nicht nur nach wie vor Erdnüsse angebaut, auch die Erdnussbutter Mühle kann noch besucht werden. Sie wurde Jahrzehnte von einem Diesel Motor angetrieben, Preston Lot ist der Maschinist.

"Nun, das ist eine Fairbanks & Morris Industriemaschine. Wir nannten sie immer 'verstecktes Fräulein' weil sie hinten im Gebäude stand. Sie war das Herz der peanut butter mill, denn sie trieb über einen Treibriemen die ganze Erdnussbuttermühle an."

Der alte Zweitaktmotor mit seinem wuchtigen Schwungrad riecht nach Öl und ist super gepflegt. Preston erzählt mir, dass das Ding seit 30 Jahren nicht mehr gelaufen sei, unglaublich, und er will sie jetzt für uns anwerfen. Sein bundgefleckter Hund ist genauso neugierig wie ich uns spitzt schnüffelnd die Ohren. Preston entlüftet die Kolben, und dann kurbelt er die Maschine an. Sein Hund legt die Ohren nach hinten. Dicke Qualmwolken puffen wie Indianerrauchzeichen in den strahlend blauen Himmel von Alabama, Prestons Hund ergreift die Flucht und ich bin begeistert. Hören Sie sich diesen Klang an. Wie viele Millionen Dosen Erdnussbutter mögen wohl mit Hilfe dieser Maschine gefüllt worden sein.

Am Anfang dieser Entwicklung stand George Carver. Wir wollen auf unserer Spurensuche nochmal einen Ortswechsel vornehmen, und zwar nach Tupelo, Mississippi. Einen Steinwurf von Elvis Presleys Geburtshaus entfernt befindet sich mitten in einer afroamerikanischen Nachbarschaft eine Grundschule, die nach Georg Carver benannt ist, die Carver Elementary. Wir haben uns dort mit Schülern, besser gesagt, ehemaligen Schülern verabredet, die auch noch die alten Zeiten kennen und sehr wohl wissen, welche Rolle George Carver in ihrem Leben spielte. Phillis Sam erzählt:

"Ich besuchte alle zwölf Klassen dieser Schule und ich kam als Lehrerin an die Carver Elementary wieder zurück. Wir waren in dieser Schule immer wie eine Familie. Ich kann mich noch sehr gut erinnern. Ich kann das nur schwer in Worte kleiden, dieser Ort hat einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen. Ich begann hier im ersten Schuljahr und kam später als Lehrerin zurück, das ist selten. Ich war immer stolz darauf, die Werte und die Ethik von George Carver hier kennengelernt und dann auch selbst vermittelt zu haben. Ich bin wirklich stolz, eine Carverianerin zu sein."

Mary Young-Davis hat sich zu uns gesellt, sie hat die Carver Elementary 1959 abgeschlossen.

"Es bedeutet und sehr viel. Jeder Teil dieses Campus ist so wichtig, auch für unsere Gemeinde. Wir wussten, daß Carver ein herausragender Wissenschaftler am Tuskegee Institute war. Er hat so viele Dinge erforscht und herausgefunden, nicht nur die Erdnussbutter. Für uns war er ein Mentor und ein herausragender Afroamerikaner. Er war unser Vorbild. Wir wollten immer so sein und leben, wie er."

Von Tupelo begeben wir uns wieder zurück nach Tuskegee und besuchen auf dem Campus der Universität das Haus von Booker T. Washington, der das Institute aufgebaut hatte und George Carver zum Leiter berief. Sein Haus trägt den Namen "The Oaks". Es liegt wie der Name sagt, unter mächtigen Eichenbäumen und ist im Queen Anne Stil erbaut.

"Im Erdgeschoß befinden sich das Wohnzimmer, die Bibliothek und das Esszimmer. Diese Räume haben alle oben unter der Decke umlaufende handgemalte Friese, die Szenen aus Europa darstellen. Während das Haus hier im Bau war, reiste er mit einem Zug durch Europa. Diese Szenen zeigen die Landschaften, die er dort gesehen hat."

15 Räume und 5 Bäder für einen ehemaligen Sklaven

Die Friese zeigen Landschaften die in Oberbayern sein könnten, die Gipfelzüge der Alpen sind im Hintergrund erkennbar. Im Obergeschoß betreten wir das Arbeitszimmer von Booker T. Washington, das vieles aus seinem Leben erzählt.

"Sehen Sie dort drüben den grünen Stuhl beim Kamin. Der ist ein Geschenk aus dem Haus von Präsident Lincoln. Diese Bilder auf der linken Seite zeigen Booker T. Washington mit Präsident Roosevelt, die beiden verband eine herzliche Freundschaft. Er wurde auch zum Dinner ins Weiße Haus eingeladen. Der erste Afroamerikaner, der zum Dinner in das Weiße Haus eingeladen wurde, war Booker T. Washington."

Das Piano von Booker T. Washington steht an der Wand. Staub bedeckt die Tasten und sie verführen dazu, dem Instrument einen Ton zu entlocken.

"Dieses Haus wurde immerhin für einen ehemaligen Sklaven gebaut. Wir befinden uns hier nur 40 Meilen von dem Ort entfernt, wo Jefferson Davis, der einzige Präsident der Konföderierten, residierte. Das ist also kein Ort, in dem Booker T. Washington herzlich willkommen war. Für einen Mann, der in einem Haus lebte, das 15 Räume, fünf Bäder und drei Stockwerke hat und als Sklave geboren wurde, ist es das, was wir unter dem 'amerikanischen Traum' verstehen."

Leuchtfeuer in der Geschichte Amerikas 

Wenn der Amerikanische Traum auch Emanzipation und die Überwindung der Rassentrennung meint, dann waren beide, Booker T. Washington und George Carver Persönlichkeiten, deren Lebensleistung Leuchtfeuer in der Geschichte Amerikas sind. Mit Shirley und Vester verlassen wir das Haus unter den Eichen und wandern über den Campus zu jenem Ort, wo die beiden ihre letzte Ruhe fanden. 

"Nachdem wir am Booker T. Washington Monument vorbeigekommen sind sehen wir hier vorne unter den Bäumen den kleinen Friedhof des Campus, auf dem George Carver und Booker T. Washington ihre letzte Ruhe gefunden haben. Jeder der hier beerdigt wurde, hat eine Verbindung zur Geschichte des Tuskegee Institute und der Universität."

Emanzipation und Überwindung der Rassentrennung, das hat hier am Tuskegee Institute auch der ehemalige Tagesthemen Moderator Ulrich Wickert kennengelernt, mit dessen Eindrücken wir unseren Besuch auf den Spuren einer einfachen Frucht, der Erdnuss, abrunden wollen.

"1963 sind wir, ein paar amerikanische Studenten und ich, als Freedom Rider nach Alabama nach Tuskegee gefahren. Wir waren da drei Tage. Und als ich letztens Mal Lionel Richie traf und ihm sagte, ich sei in Tuskegee 63 als Freedom Rider gewesen, er ist in Tuskegee geboren, er hat mich gleich umarmt und hat gesagt: 'Und dir ist nichts passiert?' - das waren damals noch sehr gefährliche Zeiten. '64 wurden in Mississippi Freedom Rider Studenten vom Klu Klux Klan erschossen. Und natürlich hatten wir damals auch eine Hymne. Die hieß: 'We shall overcome', weil wir Joan Baez verehrten. Sie hatte sich geweigert zum Beispiel in Amerika in Shows von ABC aufzutreten, weil der Sender den linken Musiker Pete Seeger boykottierte und wir sagten, die Frau hat Mut."

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