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StartseiteBüchermarktTussy Marx. Das Drama der Vatertochter. Eine Biographie03.02.2003

Tussy Marx. Das Drama der Vatertochter. Eine Biographie

Kiepenheuer & Witsch, 396 S., EUR 22, 90

Eleanor Marx war hübsch, klug, und von unerschöpflicher Energie. Sie schrieb für sozialistische Publikationen in England, Frankreich und Deutschland, dolmetschte bei den großen Kongressen und führte Streikbewegungen an, zum Beispiel von Dockarbeitern in London. Sie war außerdem eine Shakespearekennerin, die als Mitglied der ersten Shakespearegesellschaft an Forschungen mitarbeitete, sie trat selbst als Schauspielerin auf und lernte mal eben Norwegisch, um Stücke von Hendrik Ibsen ins Englische zu übersetzen. Eleanor Marx lebte von 1855 bis 1898 und sollte eigentlich einen festen Namen in der Kulturgeschichte und der Geschichte der politischen Bewegungen haben. Aber dem ist nicht so.

Eva Pfister

Eleanor Marx überlebte nur als Randglosse in den Büchern über Marx und Engels, sie wird erwähnt als jüngste Tochter von Karl Marx, eine nette Anekdote namens Tussy - das war ihr Spitzname. Bisher hatten sich nur zwei Historiker näher mit ihr befasst, die Engländerin Yvonne Kapp und der Japaner Tsuzuki - beide ohne nachhaltige Wirkung. Jetzt hat Eva Weissweiler mit einer umfangreichen Biographie einen neuen Versuch gestartet, Eleanor aus dem Schatten von Karl Marx zu holen. Allerdings ist auch ihr Buch auf den berühmten Vater fokussiert, zumindest im Untertitel, denn der lautet: "Das Drama der Vatertochter". Aber worin liegt denn das Drama dieser aktiven, erfolgreichen Frau? Weisweiler:

Das offensichtlichste Drama, besser gesagt, die Tragödie, besteht ja darin, dass sie sich umgebracht hat mit 43 Jahren, und die "Schuld" daran kann man sicher nicht nur ihrem damaligen Lebensgefährten zuschieben. Aber das meiste von dem, was sie gemacht hat, war natürlich ein weitergeführtes Erbe ihres Vater - wenn wir von den Übersetzungen von Flauberts "Madame Bovary" oder von Ibsens Dramen absehen, Dinge, die mit ihrem Vater nichts zu tun hatten - , und wie die meisten Kinder eines Genies, ist es ihr nicht gelungen, auch nach seinem Tod, sich aus seinem Schatten zu befreien, sie wurde immer als Tochter von Karl Marx angesehen und sie litt auch durchaus sehr an der historischen Bürde, die ihr auferlegt war, das Erbe ihres Vaters adäquat der Nachwelt weiterzugeben.

Jenny Julia Eleanor Marx war die jüngste Tochter von Karl Marx und Jenny von Westphalen und wuchs zum Liebling ihres Vaters heran. Da alle Söhne als Kleinkinder starben, wurde sie der "Kumpel" ihres Vaters, wie Karl Marx gerne sagte. Er nahm sie ernst als Gesprächspartnerin, sie begleitete ihn zu Kuren und Kongressen und schrieb mit 19 Jahren politische Briefe im Tonfall eines erfahrenen Kämpfers. Diese Aufwertung hatte ihren Preis. Karl Marx war es zufrieden, dass Tussy an seiner Seite wirkte, an ihr künftiges Leben mochte er nicht denken. Nicht nur, dass er ihr keine Ausbildung finanzierte, Marx wehrte sich auch heftig gegen ihre Verlobung, als sie sich in den französischen Kommunisten Lissagaray verliebte, obwohl er ihn als Person durchaus schätzte.

Tussy unternahm einen erfolglosen Versuch, sich abzunabeln. Mit 17 Jahren trat sie in Brighton eine Stelle als Lehrerin in einem Mädchenpensionat an und hielt diese trotz großer gesundheitlicher Probleme ein halbes Jahr durch. Offenbar war Tussy Marx magersüchtig, jedenfalls ist in ihren Briefen von Ohnmachtsanfällen und Schwindel die Rede. Als ihre ältere Schwester vor der Geburt ihres ersten Kindes stand, wurde sie nach Hause gerufen, eine Bitte, der sie sich nicht entziehen konnte. Also lebte Eleanor weiter zwischen Familienarbeit und der Teilnahme an den revolutionären Bewegungen - als Tochter ihres Vaters. Sie begleitete ihn auf Reisen, u.a. nach Leipzig zu Wilhelm Liebknecht, für den sie eine wichtige Korrespondentin wurde ebenso wie für Eduard Bernstein und Karl Kautsky.

Nach dem Tod von Karl Marx trat Edward Aveling, ein Freidenker und Darwinist, an Eleanor Marx heran und bot ihr die Mitarbeit an seiner Zeitschrift "The Progress" an. Mit ihm lebte sie 15 Jahre zusammen, ein sozialistisches Intellektuellenpaar zum Vorzeigen, wäre da nicht der dubiose Charakter von Aveling gewesen. Sein Lebenswandel war den Genossen ein Dorn im Auge, die Rede war sogar von Kindesmissbrauch. Tussy Marx, die sich Mrs. Aveling nannte, ohne mit ihm verheiratet zu sein, hielt ihm jedoch stets die Treue und nahm dafür sogar zeitweise gesellschaftliche Isolierung in Kauf. Ein Verhalten, das nur mit einer neurotischen psychischen Konstellation zu erklären ist, oder vielleicht doch auch mit der Chance, eine gleichberechtigte intellektuelle Partnerschaft zu leben? Weisweiler:

Das denke ich auch, das war für sie eine ganz enorme Chance, was er ihr geboten hat. Er arbeitete ja nicht nur für diese eine Zeitschrift, sondern auch für vier, fünf andere, und da bekam sie bald nicht nur vereinzelte Aufträge, sondern regelmäßige Rubriken. Sie bekam den Auftrag, über den Stand der internationalen Arbeiterbewegung zu berichten; sie hatte die Aufgabe, weibliche Autoren im Ausland zu entdecken und zu übersetzen... Also was das alles betrifft, muss man sagen, war es eine befriedigende, erfüllte Partnerschaft.

Und das nicht nur im Vergleich zu Eleanors Schwestern, deren Leben sich im Gebären und Aufziehen von Kindern erschöpfte, sondern auch zu vielen sozialistischen Frauen, die nur am Feierabend zu eigener intellektueller Arbeit kamen - und dazu noch die Thesen vom Nebenwiderspruch der Frauenfrage nachbeten mussten.

Gerade unter diesen günstigen Vorzeichen wundert man sich, dass Eleanor Marx mit ihren Schriften nicht in die Geschichtsschreibung eingegangen ist. Eva Weissweiler zitiert viele interessante und lebendig geschriebene Textausschnitte. Aber man spürt auch bei der Biographin eine Ambivalenz in der Beurteilung der Qualität von Eleanors Werk.

Zunächst ist die Quellenlage sehr schwierig.... Ich weiß gar nicht, ob ich alle Schriften von ihr gefunden habe, wenn ich auch allen Hinweisen nachgegangen bin. Tatsächlich gefallen mir einige Artikel sehr gut, z.B. ein Artikel über den bösen Mai-Tag im mittelalterlichen England, den sie schon als Anfang der aufkeimenden Fremdenfeindlichkeit betrachtet, und den man als Metapher ... auf die heutige Zeit übertragen könnte. Das ist ein ganz toller Aufsatz und es gibt viele andere , etwa auch über ihre Reise nach Amerika. Da hat sie mit Aveling und Wilhelm Liebknecht zusammen eine große Agitationsreise gemacht und dort die Ideen des Sozialismus propagiert, und die Reden von ihr sind überliefert, und die find ich auch dramatisch und literarisch ganz großartig. Aber ihr Problem war, dass sie sich im letzten Moment immer verpflichtet fühlte, eine orthodoxe Marxistin zu sein und die Lehren ihres Vaters zu befolgen. Das heißt, sie baut eine wunderbare literarische spannende Beschreibung auf, mit vielen Fakten, gut recherchiert, und plötzlich kippt sie in schlichte marxistische Parolen... Ich denke, auch das ist das Drama der Vatertochter, immer zum Schluß noch ein Gebet an den Vater richten zu müssen.

Dennoch würde Eva Weissweiler es begrüßen, wenn ein Verlag sich zu einer Auswahlausgabe von Briefen und Essays von Eleanor Marx entschießen könnte; sie würde auf jeden Fall ein interessantes Zeitbild ergeben.

Das gilt auch für diese Biographie von Tussy Marx. Um sie richtig zu würdigen, muss man dazu sagen, dass Eva Weissweiler auch die Geschichte der sozialistischen Bewegung, überhaupt der sozialen Bewegungen, miterzählt, soweit sie in die Lebenszeit von Eleanor Marx fallen, also in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Da erfährt der Leser, die Leserin, die Geschichte der Pariser Kommune ebenso wie die der Irischen Freiheitsbewegung, die der Bismarckschen Sozialistengesetze und deren Folgen, einiges von den russischen Anarchisten, sehr vieles von der sogenannten Frauenfrage, aber auch - ein sehr faszinierendes Kapitel - die Geschichte der jüdischen Einwanderer im Londoner East End. Auch für diese hat sich Tussy Marx engagiert - und hat sich dabei endgültig vom Antisemitismus ihres Vaters Karl Marx emanzipiert. Dies ist ein Punkt, der Eva Weissweiler offensichtlich besonders am Herzen liegt.

Als ehemalige Marxistin, oder als marxistisch engagierte Studentin ist mir das auch früh aufgefallen, in welch unbegreiflicher Form Marx nicht nur sein eigenes Judentum verleugnete, sondern auch gegen andere Juden Stellung genommen hat, an der Spitze Ferdinand Lassalle, den er als den jiddischen Nigger und Baron Itzig bezeichnet hat, obwohl er selbst auch krauses Haar hatte und von der Familie nur der Mohr genannt wurde, also, wie man trivialpsychologisch sagen würde, der typische Selbsthass. Ich glaube, das war für Tussy eine schmerzliche Entdeckung, dass ihr geliebter Vater sich derartig antisemitisch geäußert hat. Und das war für sie nach seinem Tod ganz wichtig, da tätige Reue leisten. ... Sie sah im East End in welch unglaublichem Elend die ostjüdischen Einwanderer lebten, die vor Pogromen in Russland, Polen auch Deutschland geflohen waren und sich dort als Heimarbeiter in der Textilbranche niederließen... Sie sagte bei ihnen: I'm Jewess. Sie sagte auch, ihr Vater war Jude, er hätte sich im Grabe umgedreht... Sie hat - ohne sich für die jüdische Religion und Tradition näher zu interessieren, im Sinne von Speisegesetzen, Feiertagen etc. - versucht, eine Symbiose von Judentum und Sozialismus herzustellen, und ich denke, das ist ein ganz großes Verdienst von ihr.

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