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StartseiteForschung aktuellStudie zur Früherkennung bei Kindern29.12.2015

Typ-1-DiabetesStudie zur Früherkennung bei Kindern

Immer mehr junge Menschen erkranken an Typ-1-Diabetes. In Bayern wollen Mediziner vorsorgen: In einer Studie nehmen sie Blutproben und finden so noch vor dem Auftreten von Symptomen heraus, ob die Krankheit bei den Kindern eines Tages ausbrechen wird. Peter Achenbach vom Helmholtz-Institut München im Gespräch über Erfolg der Studie.

Peter Achenbach im Gespräch mit Arndt Reuning

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Arndt Reuning: Typ 1 Diabetes ist eine Krankheit, bei der das Immunsystem sich gegen den eigenen Körper richtet. Es attackiert dann in der Bauchspeicheldrüse die Beta-Zellen,

die Insulin ausschütten und damit den Blutzuckerspiegel regulieren. Diese Form von Diabetes betrifft immer mehr junge Menschen. Daher wurde in Bayern die Fr1da-Studie ins Leben gerufen. Rund 100.000 Kinder sollten daraufhin untersucht werden, ob sich die Krankheit bei ihnen abzeichnet. Die Studie begann vor fast genau einem Jahr. Wir haben das zum Anlass genommen, einmal nachzufragen. Und zwar bei Dr. Peter Achenbach vom Helmholtz-Zentrum München, von wo die Studie koordiniert wird. Ich wollte von ihm wissen, ob die Zahl von 100-tausend Kindern denn erreicht wurde.

Peter Achenbach: Das haben wir leider noch nicht erreicht. Wir sind jetzt etwa bei 30.000 Kindern angekommen. Also es ist etwas langsamer, als wir das erhofft hatten. Aber trotzdem sind wir mit dem Ergebnis bisher ganz zufrieden. 30.000 Kinder sind schon eine sehr große Zahl, und die Fr1da-Studie wird deshalb auch im Jahr 2016 weitergeführt, um diese 100.000 Kinder zu erreichen.

Reuning: Erklären Sie doch mal bitte: Wie läuft denn solch eine Untersuchung im Rahmen des Projektes überhaupt ab?

Achenbach: Das ist ganz einfach. Im Alter von zwei bis fünf Jahren kann man jeden Kinderarztbesuch nutzen, vor allem aber auch im Rahmen dieser U-Untersuchungen, die beim Kinderarzt stattfinden. Und dann wird ein kleiner Piks in den Finger gemacht und ein ganz klein wenig Blut wird in ein Röhrchen gefüllt, was uns dann ans Institut zugeschickt wird. Und das untersuchen wir dann auf das Vorliegen von Diabetes-assoziierten Auto-Antikörpern im Blut.

Reuning: Das heißt: Antikörper, die in Verbindung mit Diabetes Typ 1 auftreten?

Achenbach: Genau. Wir wissen, dass wenn eine intensive Auto-Immunantwort vorliegt bei einem Kind, das heißt wenn zwei oder mehr von diesen Diabetes-Auto-Antikörpern nachweisbar sind, dann wissen wir, dass ein frühes Stadium des Typ 1 Diabetes bereits vorliegt. Es müssen noch keine Symptome, also Krankheitszeichen, aufgetreten sein. Aber wir wissen, dass diese Kinder über einen individuell variablen Zeitraum dann auch die Symptome entwickeln und dann letztendlich auch behandelt werden müssen.

Reuning: Das heißt: Es ist sicher, dass die Krankheit früher oder später auftritt, aber es ist unklar, wann genau das dann stattfinden wird?

Achenbach: Ja, das ist korrekt. Man hat allerdings noch zusätzliche Möglichkeiten, die Geschwindigkeit hier noch besser einzuschätzen, indem man zusätzliche Tests vornimmt bei den Kindern.

Vorbereitung für die Familie

Reuning: Wenn die Diagnose Prä-Diabetes Typ 1 gestellt wurde, was bedeutet das dann für die betroffene Familie? Wie kann sie auf diesen Befund reagieren?

Achenbach: Das Ziel von Fr1da ist primär, dass wir verhindern wollen, dass Familien und Kinder in die Erkrankung, in die klinische Erkrankung plötzlich hinein stürzen in einer akuten Notsituation, dass das Kind auf die Intensivstation muss mit einer starken Überzuckerung und einer Übersäuerung des Blutes, was schwerwiegende Konsequenzen haben kann. Und das tritt auch heute noch auf. Das ist das primäre Ziel von Fr1da, dass wir das verhindern wollen. Und wir erreichen das mit ganz einfachen Mitteln. Und zwar wenn wir ein frühes Stadium des Typ 1 Diabetes diagnostiziert haben durch unsere Untersuchung in der Fr1da-Studie, dann bieten wir den Familien eine Teilnahme an einer ganz einfachen Schulung an. Und wir erzählen den Familien, worauf sie achten müssen, welche Symptome ein Zeichen darauf sind, dass der Diabetes jetzt klinisch wird und wann man den Arzt sehr schnell aufsuchen muss. Weiterhin geben wir den Familien dann auch die Möglichkeit, alle ihre Fragen und Sorgen letztendlich zu stellen, und das wird dann von uns als Fachleute beantwortet. Und die Familien haben bereits die Möglichkeit, ein Diabeteszentrum für Kinder in ihrer Nähe kennen zu lernen, damit sie auch gleich wissen: Wer ist denn der Ansprechpartner, wenn dann die ersten Symptome auftreten.

Reuning: Lastet man damit der Familie nicht aber auch eine besondere Bürde auf: Das Kind, die Eltern, die wissen zwar, dass Typ 1 Diabetes irgendwann ausbrechen wird. Möglicherweise schon in wenigen Monaten, aber vielleicht auch erst in zehn oder noch mehr Jahren.

Achenbach: Ja, das ist eine Frage, die uns immer wieder gestellt wird, und ein Ziel der Fr1da-Studie ist natürlich auch, die Familien in einer Art und Weise zu betreuen, dass ihnen diese Ängste und Sorgen genommen werden und letztendlich über einen längeren Zeitraum hier eine Vorbereitung auf die Erkrankung stattfinden kann. Die Fr1da-Studie wird auch psychologisch betreut. Da ist die Frau Professor Lange aus Hannover ganz aktiv in die Studie involviert. Und wir untersuchen auch die psychologischen Auswirkungen auf die Familie. Erste Daten, die wir hier bekommen haben, zeigen, dass es bei den Familien, wo wir eine Diagnose bisher gestellt haben, zu keinen größeren psychologischen Belastungen geführt hat.

Neue Therapieansätze: Intervention mit oralem Insulin

Reuning: Gibt es denn Ansätze, Typ 1 Diabetes zu behandeln, möglicherweise zu heilen?

Achenbach: Die Behandlung des klinischen Typ 1 Diabetes ist immer noch basierend auf der Insulingabe, die durch Spritzen letztendlich erfolgen muss. In dieser frühen Phase des Typ 1 Diabetes gibt es heute noch keine wirkliche Möglichkeit, zu therapieren, oder eine gesicherte Maßnahme, um die Erkrankung in ihrem Fortschreiten zu stoppen. Wir sind allerdings dabei, hier neue, innovative Therapiemöglichkeiten zu untersuchen. Und wir haben jetzt gerade eine Studie initiiert, die wir auch den diagnostizierten Kindern in der Fr1da-Studie anbieten können. Das ist eine Intervention mit oralem Insulin, wobei wir hier versuchen, durch die Gabe von Insulin über die Nahrung, was dann über die Schleimhäute aufgenommen wird, das Immunsystem tolerant gegenüber dem Insulin zu machen.

Reuning: Das heißt, die Kinder erhalten täglich Insulin als eine Art Pulver oder Pille. Ist das nicht auch eine hohe Belastung?

Achenbach: Nein, das ist eigentlich keine Belastung. Wir haben da schon eine Pilotstudie durchgeführt bei Kindern im selben Alter. Und die Kinder nehmen meistens zum Frühstück Insulin in Pulverform auf, was letztendlich in einer Kapsel verpackt ist. Die Kapsel wird geöffnet und wird dann auf ein kleines Stück Joghurt oder Brot gegeben und mit der Nahrung in eine oder zwei Bissen aufgenommen. Und das wird täglich dann durchgeführt, und das ist eigentlich wenig belastend.

 

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