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StartseiteKultur heuteZum Tod des Schrift-Connaisseurs Hermann Zapf06.06.2015

TypografZum Tod des Schrift-Connaisseurs Hermann Zapf

Er entwarf die Palatino, Aldus und Optima-Schriftfamilie. Außerdem war er als Kalligraf und Grafiker für Verlage tätig: Hermann Zapf. Ein Traditionalist war er nicht, 1977 übernahm die erste Professur für computergestützte Typografie in Amerika. Im Alter von 96 Jahren ist Hermann Zapf gestorben.

Von Ulf Erdmann Ziegler

Nach einer Arbeit von Hermann Zapf muss man nicht suchen, sie ist ohnehin schon da: unter den Schriften im Programm Word zum Beispiel findet man die Palatino, eine sichere und freundliche, aber keineswegs stolze oder gefällige Schrift. Die Palatino zeichnete Hermann Zapf mit 30 Jahren, das war 1949. Sein Werk hat die Typografie in der ganzen westlichen Welt beeinflusst.

Hermann Zapf, im November 1918 in Nürnberg geboren, war der Sohn eines Gewerkschafters, den die Nazis aus seinem Beruf drängten. Hermann wurde aus der Schule gedrängt und durfte sich sein Lehrfach nicht aussuchen; er begann schließlich eine Lehre als Retuscheur. Er besorgte sich, als Jugendlicher, Rudolf Kochs Buch "Das Schreiben als Kunstfertigkeit", und brachte sich selbst bei, Schriften zu zeichnen. Schon mit 20 Jahren arbeitete er für Stempel in Frankfurt, und als er aus französischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, war er der Mann der Stunde Null. Innerhalb weniger Jahre entstanden: die wunderschöne Palatino, die wie in Stein geritzte Saphir, die kraftvolle Sans-serif namens Optima, Schriften für alle Anwendungen, Zeitungen, Bücher, Amtspost, Einladungen zur Hochzeit.

Er dachte nicht, wie die Schweizer, in Typo-Baukästen und träumte auch nicht von einer absoluten, für alle und alles gültigen Schrift. Ganz im Gegenteil, er erkannte die enorme Vielfalt der typografischen Traditionen und modernisierte sie Schritt für Schritt für die Gegenwart. Alle berühmten Schriften Zapfs haben, mit der Lupe betrachtet, entschiedene Engführungen und Verbreiterungen im einzelnen Buchstaben, das heißt, Hermann Zapf war nicht im geringsten besessen von der Vorstellung, Schrift zu geometrisieren. Er war kein Bilderstürmer des Typohandwerks. Er wusste, was es bedeutet, Schrift in Stein zu meißeln, in Stahl zu schneiden und wie man einen Griffel führen musste, um auf Papyrus zu schreiben, Handbewegungen, bei denen es um Bruchteile von Millimetern ging.

Diese Liebe zum Handwerk sieht man in allen seinen Schriften, die oft gleichzeitig auf unterschiedlichste Quellen zurückgreifen, egal, ob sie ein Jahrzehnt alt waren oder ein Jahrtausend; die Synthetisierung ist der eigentlich kreative Akt.

Kein Traditionalist, sondern mit Blick in die digitale Zukunft

Wenn man ihn auf YouTube sieht, freihändig auf eine Tafel kalligrafierend, würde man ihn vielleicht für einen geschmackvollen Traditionalisten halten. Geschmackvoll - gewiss, aber ein Traditionalist war Zapf dann doch nicht. Tatsächlich gehörte er zu den wenigen Typografen, die schon in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts ahnten, dass der elektronische Zugriff auf Schriften und ihre digitalisierte Streuung die zweite große Herausforderung seiner Generation sein würde, und auch der Generationen nach ihm. Er wurde mit diesen Gedanken in Deutschland nicht ganz ernst genommen.

Ab 1977 pendelte er für eine Dekade zwischen Darmstadt und Rochester. Dort, in Amerika, am Rochester Institute of Technology wurde eine erste Professur für computergestützte Typografie eingerichtet, und der bescheidene Herr aus Deutschland, schon fast 60, nahm sie an. Es ging um nichts weniger, als alle Kenntnisse und Tricks des typografischen Fachs für die Zukunft zu retten, also für den Computeranwender und Schriftlaien verfügbar und zugleich unverwüstlich zu machen.

Im gleichen Jahr gründete er mit amerikanischen Kollegen eine Firma in New York, die ähnliche Ziele verfolgte, auf kommerzieller Basis. Er war davon überzeugt, dass Computer keine Maschinenschriften erzeugen müssten oder sollten, sondern im Gegenteil, er erkannte, dass in der Software alles möglich sein würde, was im Handwerk bereits präfiguriert war. Seine exzentrische, mit programmierten Varianten bestückte Schmuckschrift Zapfino Extra wurde 2001 von Apple erworben und von Akira Kobayashi digitalisiert. Zapf war jetzt schon über 80 und ließ sich jeden Tag etwas einfallen.

Sein Ausstoß war über 60 Jahre lang enorm; er entwarf sogar griechische und persische Schriften. Sein Engagement reichte bis in unwahrscheinliche Nischen. Die Frau eines Industriellen in Pittsburgh etwa stiftete eine Sammlung rarer botanischer Bücher. Für den Sammlungskatalog der Universität wünschte sie eine spezielle Schrift - Zapf lieferte sie, die Hunt Roman. Er ließ sie dort, als Rarität, für Connaisseure. Er war selbst einer.

Seit 15 Jahren lebte Zapf recht zurückgezogen in Darmstadt, wo er am Donnerstag, wie jetzt bekannt wird, gestorben ist, mit 96 Jahren. Er hinterlässt seine Ehefrau Gudrun Zapf-Hesse, ebenfalls Schriftgestalterin, 97 Jahre alt.

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