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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturWas Gewaltherrscher historisch gemein haben 12.06.2017

Tyrannen Was Gewaltherrscher historisch gemein haben

Es gibt drei Arten von Tyrannen, also drei Stufen der Tyrannei - das behauptet der kanadische Politologe Waller Newell. Um solchen Gewaltherrschern zu entgegnen, müsse man wissen, mit welcher Kategorie man es zu tun habe. Eine etwas andere Sicht auf ein altes, gefährliches Phänomen.

Von Marc Engelhardt

Ein Medienvertreter fotografiert am 12.05.2016 im Rheinischen Landesmuseum in Trier eine Nero-Büste in der Ausstellung "Nero - Kaiser, Künstler und Tyrann". Die Ausstellung mit rund 700 Exponaten in drei Tierer Museen ist vom 14.05.2016 bis 16.10.2016 zu sehen. (Harald Tittel / dpa)
Nero-Büste (Harald Tittel / dpa)

Nero, Napoleon und Stalin: Drei Tyrannen, die in ihrem jeweiligen Jahrhundert gewütet, das heißt Tod, Hass und Zerstörung verantwortet haben. Handelt es sich bei ihnen um Ausnahmen, um eine Art Störfall der Geschichte? Waller Newell ist Professor für Politologie an der Carleton University in Kanadas Hauptstadt Ottawa. Und er ist der Überzeugung: Tyrannen sind nicht etwa außergewöhnlich, sondern höchst normal. Und es gibt sie - in unterschiedlichen Ausprägungen - bis heute.

"[Der russische Präsident] Wladimir Putin ließ die von Stalin ausgefüllte Rolle des 'Meisters' wiederauferstehen, und das einfache Volk feierte die damit verbundene neue Ordnung und Stabilität. Weil der Weg zum freien Markt steiniger war als in China und das riesige russische Imperium schwerer zu regieren, hat Russland Chinas Marsch zum Wohlstand nicht folgen können. Stattdessen will Putin sich ein Denkmal in der Außenpolitik setzen. Er beeindruckt sein Volk mit Provokationen und militärischer Invasion und lenkt damit von fehlenden Wirtschaftserfolgen ab. Ein klassisches Muster, das sich durch alle Jahrhunderte hindurch beobachten lässt."

Die Betrachtung der Tyrannei als geschichtliches Ereignis ist die Stärke von Newells Buch "Tyrants. A history of power, injustice, & terror". In dieser Geschichte von Macht, Ungerechtigkeit und Terror schert Newell nicht alle Tyrannen über einen Kamm. Stalin ist nicht Putin, Robespierre nicht Nero.

Vom Feld-, Wald- und Wiesentyrann zum millenarischen Herrscher

Drei Grundtypen unterscheidet er. Da wäre der Feld-, Wald- und Wiesentyrann, dem es um nichts als Macht und Geld geht. Nero zählt für Newell ebenso zu dieser Kategorie wie Ägyptens Ex-Herrscher Husni Mubarak. Dann gibt es den Tyrannen vom Schlage eines Julius Cäsar oder Napoleon Bonaparte, der laut Newell mit seiner Diktatur vor allem Ordnung in einer chaotischen Welt schaffen will. Ihn nennt er den reformistischen Tyrannen: Die Tyrannei ist für ihn Mittel zum Zweck. Der dritte Typ tritt erst mit der französischen Revolution in die Welt: Der millenarische Tyrann, der ein tausendjähriges Reich oder Vergleichbares anstrebt.

"Er ist ein revolutionärer Messias, der uns in eine strahlend neue Zukunft zu führen verspricht: Männer wie Robespierre, Lenin, Hitler, Mao, Pol Pot, Ayatollah Khomeini oder IS-Chef Al-Baghdadi. Wenn es nötig ist, setzen sie ihre Utopie mit Gewalt durch. Ihre Tyrannei rechtfertigen diese Männer als vorübergehend nötig, um aller Tyrannei und Ungleichheit für immer ein Ende zu machen."

Weder in diesem Vortrag im Black Mountain Institute noch in seinem Buch lässt Newell einen Zweifel daran, dass er diesen Typ des Tyrannen als den gefährlichsten überhaupt empfindet.

Sind einige Tyrannen harmloser als andere?

Und welcher ist nun Putin? Ein bisschen von allen dreien, urteilt Newell. Und erklärt nicht nur anhand von Putin, was das Kategorisieren eigentlich soll. Für liberale Gesellschaften nämlich stelle sich unweigerlich die Frage, wie sie einem Tyrannen entgegnen sollten. Und das hänge voll und ganz davon ab, um welchen Typ Tyrann es sich handele, schreibt der Professor.

"Wir sollten nicht gegen einen Feld-, Wald- und Wiesentyrannen oder einen heruntergekommenen reformistischen Tyrannen vorgehen oder seine Herrschaft untergraben, wenn das die Chancen erhöht, dass ein millenarischer Tyrann die Macht übernimmt."

Doch stimmt das? War Syrien allein unter Assad ein besserer Ort als heute unter Assad und Al-Baghdadis sogenanntem Islamischem Staat? War Mubaraks Militärherrschaft in Ägypten besser als die der frömmelnden Muslimbrüder, die Newell als potentielle Islamisten sieht? Wie steht es mit Libyen, wo erst mit dem Sturz des Jahrzehnte lang herrschenden Diktators Muammar al-Gaddafi der Staatszerfall begann?

Halbherzige Aufstände rufen noch mehr Gefahr auf den Plan

Es sind keine einfachen Fragen, die man sich beim Lesen von Newells Buch stellt. Dabei plädiert Newell klar gegen die Tyrannenherrschaft: Putsche oder Volksaufstände befürwortet er ausdrücklich. Doch er warnt vor gut gemeinter, aber unbedachter Einmischung.

"Millenarische Tyrannen kommen nicht dann an die Macht, wenn die alte Gewaltherrschaft auf ihrem Höhepunkt ist. Sondern in dem besonders explosiven Moment, wenn der Autokrat moderate Reformen anbietet, seine absolute Macht aber nicht wirklich teilen will. Es gibt liberale Reformkräfte, eine halbherzige Zustimmung des Herrschers, Hoffnungen werden geweckt und enttäuscht – und die Liberalen werden zugunsten der Extremisten hinweggefegt."

Als Revolution der enttäuschten Hoffnungen sei das Scheitern der Französischen Revolution von Zeitgenossen bezeichnet worden, erinnert Newell. Diese enttäuschten Hoffnungen aber seien der Treibstoff, der vor allem junge Männer zu Tyrannen und ihren Unterstützern werden lasse - über alle Jahrtausende hinweg.

Manche von Newells historischen Vergleichen hinken, andere überzeugen sofort. Es ist ähnlich wie mit der Frage, ob man manche Tyrannen harmloser finden soll als andere. Dass ausgerechnet die USA immun gegen Tyrannen seien, wie Newell meint, darf ebenfalls bezweifelt werden. Aber genau das ist das Wertvolle des Buchs. Auf 230 Seiten beschäftigt Waller Newell, beschäftigen sich die Leserin und der Leser mit den blutrünstigen und brutalen Führern, die so oft als bizarre Abarten der politischen Wirklichkeit abgetan werden. Sie sind es nicht, wie Newell zeigt – sondern fester Bestandteil der politischen Realität. Tyrannen gab es, gibt es, wird es immer geben. Besser, man setzt sich mit ihnen auseinander.

Waller R. Newell: "Tyrants. A history of power, injustice, & terror"
Cambridge University Press, 264 Seiten, 25,99 Euro.

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