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StartseiteBüchermarktÜber das Wesen und den Sinn der Kunst12.07.2011

Über das Wesen und den Sinn der Kunst

Margriet de Moor: "Der Maler und das Mädchen". Hanser Verlag

Die niederländische Autorin Margriet de Moor hat Kunstgeschichte, Gesang und Klavier studiert. In ihren Büchern widmet sie sich gerne historischen Figuren zu diesen Themen. So auch in ihrem Roman "Der Maler und das Mädchen", der die Geschichte des 60-jährigen Malers Rembrandt und der 18-jährigen Elsje erzählt.

Von Ursula Nowak

Rembrandt Harmensz. van Rijn, Selbstbildnis als junger Mann, 1629 (Bayerische Staatsgemälde- sammlungen, Alte Pinakothek, München)
Rembrandt Harmensz. van Rijn, Selbstbildnis als junger Mann, 1629 (Bayerische Staatsgemälde- sammlungen, Alte Pinakothek, München)

Im 17. Jahrhundert beendete die Todesstrafe das Leben eines Verbrechers durch Erhängen am Galgen. Oder der Täter wurde erdrosselt. So erging es auch der 18-jährigen Dänin Elsje Christiaens. Das junge Mädchen wäre in Vergessenheit geraten, wenn nicht ein Maler, und zwar kein geringerer als Rembrandt, sie auf zwei kleinen Zeichnungen verewigt hätte. "Der Maler und das Mädchen" heißt der neue Roman von Margriet de Moor und erzählt die Geschichte des 60-jährigen Malers Rembrandt und der 18-jährigen Elsje. Nur einmal treffen Maler und Mädchen aufeinander, am 3.Mai 1664, der Tag der öffentlichen Hinrichtung von Elsje. Kurz nach ihrem Tod hat Rembrandt das junge Mädchen gezeichnet, einmal von vorne und von der Seitenansicht: "Elsje Christiaens, an einem Galgen hängend" heißen die Zeichnungen, heute im Besitz des Metropolitan Museum of Art in New York.

"Was mich inspiriert hat, das ist eine ganz kleine Zeichnung, nicht einmal zehn Mal 15 Zentimeter. Als ich die Zeichnung angesehen habe, man sieht ein erdrosseltes Mädchen, ein hingerichtetes Kind, und dann auch noch aufgenagelt an einem Pfahl. Da sehe ich natürlich, was der Maler gemacht hat. Aber ich sehe auch, was er nicht gesehen hat, das ist nämlich er, er selber. Ich sehe also die beiden Hauptfiguren meines Romans. Und ich habe sofort realisiert, dass es eine Begegnung gibt."

Margriet de Moor rekonstruiert aus den dürftigen Unterlagen der Archive das kurze Leben von Elsje Christiaens. Die historische Elsje ist im dänischen Jütland geboren und kam über eine lange beschwerliche Reise nach Amsterdam. Elsjes ältere Schwester ist der Jüngeren bereits vorausgeeilt, um in Amsterdam ihr Glück als Dienstmagd zu finden. Nun folgt Elsje ihrer Schwester mit fünf Talern und großer Hoffnung im Gepäck. Doch in Amsterdam ist dem jungen Mädchen alles zu groß und fremd. Sie versteht nicht einmal die Sprache. Sie irrt durch die Stadt auf der verzweifelten Suche nach ihrer Schwester. Nach 14 Tagen ist sie vollkommen mittellos und wird von ihrer Pensionswirtin gedrängt, mit Prostitution das Geld für die Miete zu verdienen. In die Enge getrieben, ergreift sie ein Beil, erschlägt ihre Vermieterin und wird unmittelbar nach ihrer Tat zum Tode verurteilt.

"An dem Tag, an dem das Mädchen erdrosselt werden sollte, war der Maler morgens in die Stadt gegangen. Normalerweise wäre er zu dieser Stunde bei der Arbeit, jetzt ging er die Rozengracht entlang. Nach zehn Uhr und sehr schönes Wetter. Seine Stimmung, die die ganze Woche über bedrückt gewesen war, entspannte sich. Die ersten Maitage sind von Natur aus fröhlich, an den Sommer mit seiner brütenden Hitze denkt man noch nicht. Im Morgenlicht bestehen die Häuserfassaden aus Grau- und Brauntönen, Schwarz braucht man dafür nicht, und der Himmel darüber ist von einem nicht zu benennenden Blau. Er überquerte die Straße. Seine Stirn mit den vielen waagrechten Falten verlieh ihm das Erscheinungsbild eines Denkers, der er auch war. Maler pflegen mit den Händen zu denken."

Die Gedanken des Malers kreisen um ein unfertiges Bild. Es ist "Die jüdische Braut". Margriet de Moor führt die beiden Fäden der Geschichte zusammen: just am Tag der Hinrichtung, dem sogenannten Justiztag, geht der Maler in die Stadt, um Farben zu besorgen. Auf dem Weg dorthin erfährt er von der bevorstehenden Hinrichtung. Doch ihn scheint das Spektakel, das die ganze Stadt in Bewegung bringt, nicht zu interessieren. Er geht zum Apotheker, wo er die wertvollen Farbpigmente bekommt, diskutiert mit ihm über Farbe und Lichtverhältnisse und begibt sich wieder auf den Heimweg. Der Name des Malers wird nie genannt, nur die Nennung seiner Werke lassen auf Rembrandt schließen. Margriet de Moor setzt sich mit dem Maler als Künstler, mit seinem Handwerk und seinen Voraussetzungen im 17. Jahrhundert – und natürlich auch mit der Kunst auseinander. Detailgenau beschreibt sie das Mischen der Farbpigmente oder die präzise Nutzung des Lichteinfalls in einem Gemälde sowie die Hell-Dunkel-Malerei, für die Rembrandt ja beispielgebend und später sehr berühmt wurde.

"Der Maler war damals nicht die Berühmtheit von 300 Jahren. Der Maler, um den es geht in diesem Buch, erkennt man sofort. Denn in diesem Buch figurieren einige seiner Gemälde, zum Beispiel 'Die jüdische Braut'. Man weiß sofort, wer dieser Maler ist. Trotzdem muss man sich realisieren, dass das Buch im 17. Jahrhundert spielt. Das war damals eine aktuelle Zeit. Also der Maler war sehr bekannt und in kleinem Kreis, einem Kreis von Kennern war er auch wohl schon berühmt, aber er war nicht die legendäre Figur, die er jetzt ist. Um zu zeigen, wer er damals war, habe ich ihn incognito gelassen."

Margriet de Moor spürt dem Blick des Malers auf die Welt nach. Seine Gedanken kreisen permanent um seine Arbeit. Nichts scheint ihm wichtiger als die Perfektionierung seines Gemäldes. Die bevorstehende Hinrichtung der jungen Dienstmagd berührt ihn nicht. In unzähligen, virtuos miteinander verknüpften Erzählschlaufen, in Vorausdeutungen und Rückblenden ersinnt Margriet de Moor die Lebensläufe dieser sehr unterschiedlichen Figuren. Zwei Handlungsstränge laufen auf einen Fluchtpunkt zu: die Begegnung der beiden Figuren. Doch der Maler begegnet nur dem toten Mädchen. Mit Elsjes schwieriger Reise von Jütland nach Amsterdam wird das Ende des jungen Lebens bereits angedeutet.

"Elsje denkt, dass sie sich auf dem Weg in eine Stadt befindet, die keine Stadt ist, sondern eine Stimme, eine Art des auf-sie-Einredens, eine Erzählung, in die sie zitiert worden ist. Wie sollte sie ahnen, dass sie in Wirklichkeit nicht auf dem Weg in eine Erzählung ist, sondern in eine Zeichnung, Tusche auf Papier?"

Geschickt knüpft Margriet de Moor einen Teppich aus verschiedenen Zeitebenen, der den ganzen Roman durchwebt. Nicht nur die beiden Erzählstränge sind miteinander verflochten, auch die Figur des Malers entzieht der Zeit ihre Chronologie. Er unterhält sich mit seinen Kollegen aus den vergangenen Jahrhunderten, zum Beispiel mit Raffael oder Tizian. Letzterer schaut mit Schrecken in die Zukunft und weiß um das zerstörte Bild der "Danae" von Rembrandt, das 1985 im sowjetrussischen Museum Eremitage mit Säure übergossen wurde. Auch die späteren Bewunderer Rembrandts wie beispielsweise van Gogh kommen zu Wort. Für die Kunst hat die Zeit eben eine andere Dimension, auch für Margriet de Moor.

"... mein Maler unterhält sich mit Tizian, der ein Jahrhundert zuvor gelebt hat. Es ist natürlich so, dass Künstler immer sich miteinander unterhalten und bis heute ist es so, dass man sich überhaupt nicht darum kümmert, ob man sich unterhält mit jemand, der noch lebt ... Ich, wenn ich möchte, kann mich unterhalten mit Tolstoi. Und das hab ich auch gemacht."

Margriet de Moor beschreibt das blühende Amsterdam des 17. Jahrhunderts mit seinem Geschäftsleben, dem Treiben auf den Märkten und am Hafen. Die wirtschaftliche Blüte konterkariert sie mit den Schrecken dieser Zeit: Pest, Armut und Gewalt. Passend zu ihrer Hauptfigur hat sich Margriet de Moor schreibend eine Technik der Malerei zu eigen gemacht: Wo es Helligkeit gibt, gibt es auch Dunkelheit. Dem unausweichlichen Drama, untermauert von dem im Buch vorangestellten Lied "Mein junges Leben hat ein End", setzt sie die Schönheit der Malerei Rembrandts entgegen. Ein Lichtblick in dieser Geschichte ist das Gemälde "Die jüdische Braut", das später in die Kunstgeschichte eingehen wird. Ein anderer Lichtblick sind die beiden kleinen Zeichnungen von Elsje, die Rembrandt entgegen seiner üblichen Praxis nicht im Atelier, sondern draußen gezeichnet hat; und dies mit besonderer Sorgfalt im Detail und deskriptiver Klarheit.

"Es geht in diesem Buch um sehr viel Unheil, um sehr böse Taten, um sehr viel Gewalt und das Gegenstück davon ist gerade diese kleine Zeichnung. Und sehr tief versteckt in dem Buch geht es natürlich auch darum, dass es etwas Schönes ist, eine Zeichnung, aber auch um etwas Gutes, etwas moralisch Gutes."

Elsje handelt unmoralisch und wird zwangsläufig zum Tode verurteilt. In einem Kerker wartet sie auf ihre Hinrichtung. Margriet de Moor wählt die Beschreibung des Dunkels für den bevorstehenden Tod. Und mit Helligkeit lässt sie Leben aufblitzen. Sonnenlicht strahlt auf das Schafott.

"Das Licht hat in meinem Roman eine Beziehung auch mit dem Mädchen. Zum Beispiel Elsje... In diesem Kapitel, wo Elsje im Gefängnis ist, unter dem Rathaus und das ist an dem Tag, wo sie hingerichtet wird, da wird sie hochgebracht auf das Schafott und in diesem Moment sieht sie, dass es ein sehr schöner Tag ist, die Sonne scheint, der Himmel ist blau, und als sie das Licht sieht, will sie leben. Und sie fängt an zu kämpfen. Und sie vermasselt ihre eigene Hinrichtung. Das finden ihre Richter. Also sie fängt an zu kämpfen ... Und da ist das Licht funktionell, es hat wirklich eine Rolle in der Erzählung und dann kommt auch die Anspielung, was das Licht für meinen Maler bedeutet."

Elsje bereut nicht. Daher wird sie nicht nur hingerichtet, sondern auch noch öffentlich zur Schau gestellt und den Vögeln zum Fraß überlassen. Elsje hat sich aufgebäumt, denn sie sieht das Licht und will leben. Das Licht arbeitet, es gibt ihr Kraft und sie wehrt sich gegen ihren Henker. Die Gesellschaft hat das Ritual der Reue vorgesehen, daher hat ihr Starrsinn Folgen. Der Maler will das alles gar nicht sehen. Erst nachdem sein Sohn von der Hinrichtung heimkehrt und dem Vater sehr aufgewühlt von dieser ungewöhnlich halsstarrigen jungen Mörderin erzählt, hält er inne. Er macht sich auf den Weg und begegnet dem toten Mädchen mit den Augen eines Malers. Sofort beginnt er mit seiner Arbeit.

"Und jetzt diese Szene. Die Begegnung eines sehr dummen Mädchens und eines Mannes, der absolut nicht weiß, wohin mit seinem Kummer, aber viel vom Malen versteht. Was sie verbindet, verdichtet sich in diesem Moment. Wie wenig es doch braucht, damit er fortdauert, nicht nur für kurze Zeit, sondern für immer."

Margriet de Moor ist ein grandioses Werk über Wesen und den Sinn der Kunst gelungen. Mit künstlerischen Mitteln wurde das vergängliche Leben von Elsje in die Ewigkeit überführt. Es war eine flüchtige Begegnung zweier sehr unterschiedlicher Menschen. Und was es braucht, um diese Begegnung für die Ewigkeit fest zu halten, ist die feine Feder eines großartigen Malers.

Margriet de Moor: Der Maler und das Mädchen. Roman. Übersetzt aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Preis: 19,90 Euro. ISBN 978-3-446-23638-7. Hanser Verlag.

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