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StartseiteBüchermarktÜber die komplizierte Maschinerie eines Talents18.02.2009

Über die komplizierte Maschinerie eines Talents

Petra Morsbach: "Der Cembalospieler"

Ein blinder Cembalist mit einer angeborenen Affinität für Bach ist Mittelpunkt dieser Studie über die Künstlerexistenz an sich. "Was Musik einem Musiker geben kann, der kann hier tief in die Materie eindringen, so tief, wie es selten in der Literatur geleistet wird", meint Kritiker Martin Ebel.

Rezensiert von Martin Ebel

Ein Cembalo im Händelhaus-Museum in London (AP Archiv)
Ein Cembalo im Händelhaus-Museum in London (AP Archiv)

Im Mittelpunkt von Petra Morsbachs letztem Roman "Gottesdiener" stand ein einsamer Dorfpfarrer. Diesmal spielt ein Musiker die Hauptrolle – auch er ist einsam, auch er verzweifelt manchmal am Leben und an der Kunst, aber anstelle der Leerstelle Gott hat er wenigstens Bach. Auf den kann er immer bauen.

Moritz Bauer ist ein Wunderkind. In nur einer Woche lernt er, der nie zuvor eine Taste gedrückt hat, das C-Dur-Präludium aus dem "Wohltemperierten Klavier", aber erst als er das Cembalo entdeckt, ist er ganz bei sich. Er studiert an der Hochschule, besucht Meisterkurse und Sommerseminare und wird selbst ein Meister seines Instruments, spielt "zwei- bis dreitausend Konzerte" und erzielt Abendgagen, die ebenfalls vierstellig sind, wenigstens eine Zeit lang.

Aber dieser Roman wird nicht, gottlob, zur Erfolgsstory eines Ausnahmecembalisten, die die Auftritte und Aufnahmen wie Perlen an einer Schnur aufreiht, sondern zielt aufs Wesentliche: die Künstlerexistenz. Und die ist heikel. Das Gelingen ist nur durch eine haarfeine Grenze vom Absturz entfernt, geben muss man alles. Die Kunst gibt auch, aber sie frisst einen auch auf. "Unaufhörlich", heißt es, "bedient der Künstler die komplizierte Maschinerie seines Talents und füttert sie mit dem Kraftstoff des Lebens, den er sich selbst versagt."

Das klassische Opfer, das der Künstler in der Märtyrologie bringen muss, ist die Liebe. So auch hier. Petra Morsbach hat ihrem Helden eine Reihe Handicaps mitgegeben, um den Ausnahmestatus noch zu verschärfen, eines ist seine Homosexualität. Unter ihr leidet er zwar nicht, er lernt auch, trotz seiner großen Sensibilität und eines sehr geregelten Lebenswandels, wie ihn ein Hochleistungsmusiker führen muss, seine Bedürfnisse hier und da zu befriedigen. Zum Schwulen-Milieu will er aber, ohne je herablassend oder verächtlich zu urteilen, nicht gehören, und so betrachtet er dessen Begleiterscheinungen und allerlei Zufallsbegegnungen mit einem distanzierten Blick, den die Autorin noch mit etwas trockenem Humor versieht. Die große Liebe, die ihn doch einmal ereilt, scheitert hauptsächlich daran, dass dieser Edgar in seiner Orientierung eher unbestimmt ist und unbedingt heterosexuell sein will – aber auch daran, dass er Händel über Bach stellt. So jemanden kann Moritz einfach nicht ernst nehmen.

Über Musik wird viel gehandelt in diesem Roman, und wer sich nicht wenigstens ein bisschen für die Klassik interessiert, ist mit dieser Lektüre nicht gut bedient. Wer aber mehr wissen will darüber, was Musikern wichtig ist – wie man ein Stück erarbeitet, wie man sich auf den Punkt in Hochspannung versetzt, welche Frustrations- und Beglückungsmomente einen in den stundenlangen einsamen Sitzungen am Instrument erwarten, vor allem aber: was Musik einem Musiker geben kann, der kann hier tief in die Materie eindringen, so tief, wie es selten in der Literatur geleistet wird.

Der Ich-Erzähler ist kein Gefühlsmensch; für ihn ist "Sentiment Brei, Chaos und Betrug". Das mag ihn menschlich manchmal mit Blindheit schlagen, der Erzählung kommt es unbedingt zugute. Der Ton dieses Romans ist nüchtern und klar, analytisch und transparent, fast wie der geliebte trockene Ton des Cembalos, der in keine Pedalsoße getränkt wird. (Pianisten mag diese Vorliebe kränken, aber dem Stil ist sie ganz offenbar förderlich).

So klar wie über die eigenen Defizite und Beschädigungen – etwa eine katastrophale Kindheit an der Seite einer neurotischen Mutter, die die Familie mit Herzanfällen terrorisierte, eines von ihr permanent erniedrigten Vaters und eines am Leben versagenden Bruders – so klar schreibt er über die Struktur, die Wirkung und die Beglückung, die von den großen Werken seines Abgottes Bach ausgeht. Nur selten schwingt er sich zur Emphase einer gewagten Metapher auf, wie hier: "Bach hatte den Kuchen der Schöpfung angeschnitten, und ich durfte das Stück in der Hand halten", und dann sind sie überraschend und treffend. Zur Metaphysik – Musik als Religionsersatz – braucht er nicht Zuflucht zu nehmen, und seine Autorin schon gar nicht, dazu hat sie zuviel auf Erden zu beobachten und zu sagen.

Denn "freilich geht es in der Kunst selten nur um Kunst." Es geht um Geld und Macht, Einfluss und Renommee, Neid und Eifersucht, kurz um das ganze menschliche Elend. Und hier ist der blinde Musiker – die Blindheit ist ein weiteres schweres Handicap, das Petra Morsbach ihrem Moritz auferlegt hat – besonders scharfsichtig. Dieser Roman bietet auch ein farbiges Panorama des Kunstbetriebs, Sparte Alte Musik, aber mit Ausblicken auch in die Bildende Kunst, und des sich dort tummelnden Bestiariums. Es sind dies Leute, die vom Glanz der Kunst profitieren, ohne – wie die Künstler selbst – das letzte zu geben, nämlich sich selbst mit Haut und Haaren. Hier geht es nicht ohne eine Spur Verachtung ab, und wenn man sich die Typen auf der Zunge zergehen lässt, die Petra Morsbach erfunden (oder auch nur gefunden) hat, dann teilt man dieses delikate literarische Gefühl gern.

Der Affekt ist verständlich, hängen die Künstler doch von Geldgebern, Kritikern und VIP-Publikum ab und müssen ihre Launen und ihre Ignoranz mit einem Lächeln hinnehmen. Erfolg in der Kunst ist zu 40 Prozent Show, zu 40 Prozent Beziehungen und nur zu 20 Prozent Talent, heißt es einmal; das verbittert den Künstler, der vergeblich nach "Gerechtigkeit" verlangt. Doch was ist das, entgegnet sein Künstlerfreund: "Du willst die kleine Gerechtigkeit, die jeder will – Belohnung für sich –, aber das ist keine. Schon die mittlere Gerechtigkeit würdest du nicht wollen, denn dazu gehört der Konzertmeister von Minsk, der in Wuppertal auf der Strasse fiedelt. Und die ganz große Gerechtigkeit – nun, die müssen wir alle fürchten. Die würde uns vom Platz fegen."

Passagen wie diese zeigen, dass "Der Cembalospieler" auch ein zutiefst lebenskluges Buch ist, das viel weiß über die Menschen und ihr vergebliches Bemühen, sich selbst und anderen gerecht zu werden und sie glücklich zu machen. Ohne eine gewisse Traurigkeit gibt es solche Einsicht nicht. Es ist wie mit Dur und Moll in der Musik: Beides macht die Harmonie komplett.

Petra Morsbach: Der Cembalospieler.
Roman. Piper, München 2008. 280 S., 18 Euro.

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