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StartseiteBüchermarktÜber die Lust an der Eifersucht07.01.2013

Über die Lust an der Eifersucht

Howard Jacobson: "Liebesdienst"

Eifersucht ist für den Held in Howard Jacobsons Roman keine peinigende, sondern eine lustvolle und zugleich rettende Erfahrung: ein Notprogramm zum Erhalt der Ehe. Deshalb treibt er seine Frau zum Sex mit einem Anderen. Allerdings entwickelt sich das Experiment zu einem furios erzählten Höllentrip.

Von Hajo Steinert

Eifersucht ist für den Helden Felix Quinn keine lästige Begleiterscheinung der Liebe, sondern ihre Voraussetzung.  (Stock.XCHNG / Nicole McDaniel)
Eifersucht ist für den Helden Felix Quinn keine lästige Begleiterscheinung der Liebe, sondern ihre Voraussetzung. (Stock.XCHNG / Nicole McDaniel)
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Der amoralische Hahnrei

Was bringt einen Mann im besten Alter dazu, seine hochattraktive Ehefrau ins Bett mit einem Anderen, deutlich Jüngeren zu treiben? Will er sie loswerden? Will er sein Gewissen beruhigen, weil er selbst fremdgeht? Gönnt er seiner Frau den erotischen Seitensprung, weil er selbst keine Lust auf Sex mehr hat oder gar impotent ist? Oder erregt ihn der Gedanke nur, dass seine Frau Sex mit einem anderen Mann hat' Geilt er sich sozusagen daran auf?

Zugegeben, ein in psychoanalytischer Hinsicht ziemlich kniffliger Fragenkatalog, den der 70-jährige englische Schriftsteller Howard Jacobson, Booker-Preisträger des Jahres 2010, in seinem Roman aufwirft. Auf den Helden in "Liebesdienst", im Original "The Act of Love", den Londoner Antiquar Felix Quinn bezogen, passt allein die zuletzt genannte Frage. Und das auch nur in Grenzen. Dass seine Frau es mit einem Anderen treibt, ist für ihn nicht nur ein sexuell erregender, sondern, mehr noch, ein über den körperlichen Dingen stehender metaphysischer Erlösungsgedanke. Felix Quinn verkuppelt seine Frau, die für ein Museum als Führerin und für Oxfam arbeitet, mit einem Mitte Dreißigjährigen, einem berüchtigten Frauenhelden, einem aus dem akademischen Mittelbau, der nicht nur reihenweise Studentinnen vernascht hat, sondern immerhin seinem Literaturprofessor die Frau ausspannte.

Eifersucht – was Männer jeden Alters in der Literatur wie im wirklichen Leben gemeinhin in tiefe Verzweiflung stürzt, ist bei Felix Quinn keine lästige Begleiterscheinung der Liebe, sondern ihre Voraussetzung. Ohne Eifersucht keine Liebe, je stärker die Eifersucht, umso größer die Leidenschaft für die Frau. Geht es mit der Leidenschaft den Bach hinunter, gerät die Ehe also in eine existenzielle Krise, ist es am Manne, den Zustand der Eifersucht unter Einsatz aller Fantasie, der erotischen zumal, flugs wieder herzustellen und in ekstatische Höhen zu treiben. Der Eifersüchtige wird zum Regisseur seines Schicksals. Besser handeln und sich selbst behandeln als sich tatenlos seinem Schicksal ergeben, wie es Felix geschehen ist, als er, verliebter Teenager, der er war, mit seinem Mädchen ins Kino ging. Nach dem Film kam es an der Hand eines Anderen wieder heraus und verschwand von der Bildfläche für immer – die Schlüsselerfahrung seiner Kindheit.

Sein Schicksal in die eigene Hand nehmen. Deshalb treibt Felix Quinn heute seine Frau zum Sex mit einem Anderen, den er – Liebe und Tod gehören nun mal zusammen - zufällig bei einer Beerdigung entdeckte und später dabei erwischt, wie er sich in einer Privatführung durch die Wallace Collection von Marisa das barocke Lust-Bild "Die Schaukel" von Jean- Honoré Fragonards erklären lässt – bestimmt haben Marisa mit Marius, spielerisch die Perspektive des anschubsenden Voyeurs, der dem schaukelnden Wesen zwischen die Beine schaut, einnehmend, über deren Vagina gesprochen – so zumindest spielt sich das in der Fantasie von Felix ab. Wie überhaupt: das Schaukeln zwischen Einbildung und tatsächlich Erlebtem, die Ungewissheit, was geschieht nur im Kopf des Erzählers, was ist wirklich passiert - dies bestimmt das raffinierte Erzählverfahren dieses Romans.

Die Erfahrung von Eifersucht ist in diesem mit burleskem Humor aufwartenden Buch keine peinigende, sondern eine erhebende, lustvolle und zugleich rettende Erfahrung, ein Notprogramm zum Erhalt der Ehe.

"Je mehr man eine Frau liebt, desto mehr befürchtet man, sie zu verlieren", lautet eine der vielen Sentenzen. Die Ehe prägende Erfahrung von Eifersucht machte Felix schon auf der Hochzeitsreise. Bei der Untersuchung durch einen kubanischen Arzt versteiften sich Marisas Brustwarzen unter seinen Händen. Gelegentlich spricht der Icherzähler den Leser direkt an:

"Hier ein einfacher Test für Ehemänner. Würden Sie eher sagen: Ich habe die Befürchtung, dass ein anderen Mann mit meiner Frau schläft? Oder: Ich habe die Hoffnung, dass ein anderer Mann mit meiner Frau schläft. Was von beiden wäre ihnen lieber?"

Eine rhetorische Frage. Für Felix steht fest, wie er zu seinem Glück findet: Er hofft nicht nur, dass seine Frau mit einem anderen Mann schläft, er lässt sich allerhand einfallen, eine logistische Herausforderung sondergleichen, damit seine Frau, die das von sich aus eigentlich gar nicht will, das auch tut. Drei Mal die Woche, so sieht es Felix Arrangement vor, kommt Marius ins Haus der Quinns, um mit Marisa ins Bett zu gehen, immer um 16 Uhr. Der Gehörnte, besser: der sich selbst freiwillig Hörnende will nicht stören und verbringt für den Zeitraum von zwei Schäferstündchen, an nichts anderes denkend, die Zeit in seinem Geschäft mit einschlägiger Literatur, auf den Straßen Londons oder im Pub an der Theke -, manchmal versteckt er sich allerdings heimlich im Nebenzimmer und lauscht dem körperlichen Betrieb in seinem Haus. Immer will er, dass ihm seine Frau von ihren Erlebnissen mit Marius erzählt. Marius nimmt sich das Recht des Bestimmens. Das Wechselspiel von Macht und Ohnmacht in der Liebe – auch darüber geht es in diesem Eheroman.

Aber wer ist es, der verliert? Kein Zweifel, Felix Quinn ist ein beklagenswerter Masochist. Die Selbstironie des Romans besteht darin, dass sich der Ich-Erzähler als solcher selbst in krassen narzisstischen Bildern montiert und zugleich demontiert, er macht sich lächerlich, er weiß es selbst: "Es befriedigte mein brennendes Verlangen, erniedrigt zu werden, als letztes Glied einer obszönen Suchtkette – Marisa, die den Duftstoff verbreitet, Marius, der Witterung aufnahm, und ich, der hinter beiden hertrottete wie ein verwundeter Hund." Aus der verwegenen Spannung, wie der lustvoll Eifersüchtige und masochistisch Leidende seine Frau nicht nur in der Phantasie, sondern in ihrer Folge auch in Wirklichkeit zum Liebesspiel mit jenem Marius treibt, bezieht der Roman, in den ersten Kapiteln kaum mehr als ein essayistischer Exkurs in Liebe und Lust, Eifersucht und Ehe, seine im Verlauf erheblich Fahrt aufnehmende erzählerische Dramaturgie. Damit Felix Quinn seine Frau nicht verliert und die Ehe nicht scheitert, schickt der Autor seinen Antiquar, angestachelt von allerhand Figuren der Weltliteratur, von Shakespeare bis Dickens, Nietzsche bis Sacher-Masoch, Dostojewskis bis Nabokov, Baudelaire bis Bataille, in ein monströses Stück Rollenprosa.

"Der Liebesdienst ist in der ersten Person aus der Perspektive eines "Cuckolds" erzählt. "Cuckold" – so nennt man seit Jahrhunderten in der Literatur einen Mann, der seine Frau im Bett mit einem Anderen wähnt und nichts dagegen unternimmt, im Gegenteil: das auch noch genießt. Doch von Genuss kann in diesem Roman am Ende nicht mehr die Rede sein. Was als eine Art Komödie begonnen hat, endet als Tragödie. Das seltsame Experiment des Herrn Quinn lässt der Autor in einem furios erzählten Höllentrip durch einen Fetisch-Club enden. Mit Marisas Erkrankung fällt das mühsam erbaute Ehe-Experiment in sich zusammen. Was dem Leser bleibt, ist ein außergewöhnlich intensives Lektüreerlebnis. Fragen jenseits der merkwürdigen Ereignisse im Buch gehen ihm durch den Kopf: Wie wären Felix und Marisa mit sich umgegangen, wenn sie nicht nur sich selbst, sondern auch ein Kind gehabt hätten?

Howard Jacobson: Liebesdienst.
Roman. Aus dem Englischen von Thomas Stegers
Deutsche Verlags-Anstalt 2012, 392 Seiten, 22,99 Euro

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