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StartseiteBüchermarktÜber die seelischen Verwerfungen einer Familie24.05.2013

Über die seelischen Verwerfungen einer Familie

Evelyn Grill: "Der Sohn des Knochenzähler", Residenz Verlag

Ein Dorf in Österreich: Die schöne Mutter ist verschwunden. Die Konflikte zwischen Vater und Sohn und die ständige Frage, was aus der Mutter geworden ist, thematisiert Evelyn Grill in ihrem Roman. Dabei ist ihr eine atemberaubende und zugleich poetisch-elegante Geschichte gelungen.

Von Lerke von Saalfeld

Die Schriftstellerin Evelyn Grill (picture alliance / dpa)
Die Schriftstellerin Evelyn Grill (picture alliance / dpa)

"Die Familien sind für mich schlechthin das Interessanteste. Ich schreibe fast immer nur über Familien, weil es in der Familie alles gibt, was auch in der Welt im Großen an Furchtbarem geschieht, das kann ich alles in der Familie abhandeln. Das ist für mich einfacher, als wenn ich weiß Gott wo weit ausgreifen müsste und ins Weltgeschehen eingreifen müsste. Ich brauche nur Konstellationen erfinden oder Geschichten erzählt bekommen, die mich dann reizen, sie auf meine Art zu verwenden."

"Auf meine Art", das heißt bei Evelyn Grill in die Abgründe der Unbehaustheit einer Familie zu blicken, wo Grauen, Kälte und Aggression herrschen. Ort der Handlung ist ein kleines 800-Seelendorf im Salzkammergut mit einem idyllischen See, überkrönt von einem imposanten Felsmassiv. Am Felsen, 200 Stufen über dem Dorf, klebt ein wunderbares altes Haus mit prächtiger Aussicht. Hier leben in der Jetztzeit der Knochenzähler und sein Sohn Titus, 21 Jahre alt. Die Mutter dieser Familie ist vor acht Monaten spurlos verschwunden, keiner weiß, was passiert ist. Hat sie das Dorf verlassen, vielleicht sogar mit einem Liebhaber. Oder wurde sie ermordet? Die Gerüchte im Dorf brodeln, denn die Frau des Knochenzählers war eine glutäugige, schwarzhaarige, wunderschöne Fremde aus Italien. Der Knochenzähler ist Hofrat und Archäologe, er forscht nach keltischen Funden im Dorf.

"Das Verhängnis begann eben da, dass dieser Dörfler, dieser Archäologe, in Meran, in einem guten Bürgerhaus diese Frau kennenlernte, die eine rätselhafte Herkunft hatte und auch ein rätselhaftes Vorleben. Und dass er sie unbedingt heiraten wollte. Sie hat ihm einen Heiratsantrag gemacht, unter bestimmten Bedingungen, die er akzeptierte. Er nahm sie mit in dieses Dorf, das er an und für sich kennen sollte, dass das schwierig werden würde mit dieser Frau. Da fing das Verhängnis an, wenn er die nicht geheiratet hätte, dann wäre wahrscheinlich überhaupt keine Geschichte entstanden oder höchstens eine langweilige."

Erst gegen Ende des Romans, das ist der kunstvolle Aufbau, den Evelyn Grill entwickelt, erfährt der Leser, dass die schöne verschwundene Frau namens Benita damals in Meran schwanger war und einen angetrauten Mann brauchte. Dass sie ihm aber jede körperliche Beziehung verweigerte. Frost lag über dieser Beziehung von Anfang an. Evelyn Grill, die in Oberösterreich geboren wurde und heute in Freiburg lebt, verzichtet auf den üblichen Schmäh vieler österreichischer Literaten auf die Provinz. Bei ihr zeichnet sich wie in einem Kammerspiel die Verstörtheit der Gesellschaft in der Kleinfamilie ab. Die Mutter liebt ihren Sohn Titus, dessen Herkunft im Dunklen bleibt, abgöttisch: Er ist ihr persönliches Pfand gegen den ungeliebten Ehemann. Aber dann passiert etwas Schreckliches: Bei einer Sonnwendfeier, Titus ist 15 Jahre alt, springen die jungen Burschen als Mutprobe über das Feuer, so auch Titus. Er, der alles kann, verfehlt den Sprung und landet mitten im Feuer, seine linke Gesichtshälfte verbrennt, eine ekelerregende Entstellung zeichnet das Kind und den jungen Mann.

"Diese Verletzung braucht es deshalb, weil dieser Sohn, wenn er – wie seine Mutter behauptete – der Schönste und Klügste im ganzen Dorf sei, und überhaupt ein wunderbarer Mensch, dass dieser Mann dadurch, dass er verletzt wurde, eine ungeheure narzisstische Kränkung, nicht nur für die Mutter, sondern auch für den Sohn war. Die Mutter, die sich ja selber als eine Dame gerierte und sehr schön war und die Schönheit anbetete, sie war sehr stolz auf diesen sehr schönen Sohn, den sie vergötterte. Und plötzlich wird dieser Sohn dermaßen entstellt, dass sie ihn nur noch mit Entsetzen anschauen konnte. Und dass da ihre Liebe in eine Fassungslosigkeit und in eine gewisse Abneigung umkippte."

Doch zunächst beginnt der Roman ganz ruhig, ein Vater und ein Sohn leben gemeinsam in einem zauberhaften Haus, aber sie haben sich nichts zu sagen. Der Vater kann seinem entstellten Sohn nicht ins Gesicht blicken. Der Sohn zieht sich zurück, wird immer mehr zum Außenseiter und Sonderling. Seine entstellte Gesichtshälfte versteckt er hinter einem Vorhang von Haaren. Beide leiden unter dem Verschwinden der Mutter, aber sie können sich nicht darüber austauschen. Dass Krieg herrscht zwischen den beiden, symbolisiert eine alte Pendeluhr. Als die Mutter noch anwesend war, durfte das Pendel nie ausschlagen und die Uhr sich durch lautes Ticken bemerkbar machen. Als sie verschwand, setzte der Vater das Pendel wieder in Bewegung. Sobald der Sohn das Haus betrat, hielt er es wieder an. Dissonanz und Konflikt bestimmte ihr Zusammenleben. Über das Verschwinden der Mutter wird geschwiegen, jeder leidet für sich allein. Seelische Not und soziale Kälte vereisen ihr Nebeneinanderherleben. Der Vater möchte, dass der Sohn endlich das Haus verlässt, etwas studiert. Der Sohn hat jeden Mut verloren, er traut sich nicht mehr in Gesellschaft. Nur ein Freund ist ihm geblieben und eine aus Kinderzeiten vertraute Cousine, die ihm aber auch nicht helfen kann.

Grundiert wird diese düstere Geschichte durch den Ort des Geschehens, wo vom 1. November an bis zum 21. Februar kein Sonnenstrahl in der Winterzeit durchdringt.

"Diese Schattenzeit ist sicherlich ein ganz wichtiges Symbol für diesen Ort. Da passiert alles Mögliche, die Menschen werden deprimiert. Manche überstehen es besser, manche überstehen es schlechter. Und diese Mutter verschwindet ausgerechnet am 21. Februar, wo am nächsten Tag zum ersten Mal die Sonne wieder kommt. Das wundert dann die Menschen."

Dieses Dorf hat Evelyn Grill bereits in ihrem früheren Roman "Wilma" beschrieben. Und sie hat die Figur der Agnes wieder aufleben lassen, die ein behindertes Pflegekind aufzog, das als junge Frau ermordet wurde und deren Grab sie liebevoll pflegt. Agnes wird als Putzfrau die Vertraute der Mutter, sie kann ihre Verlorenheit und Fremdheit verstehen und kommentiert das Geschehen im Haus des Knochenzählers in Gesprächen mit einer alten Freundin wie ein antiker Chor.

Im letzten Drittel des Romans überschlagen sich die Ereignisse. Die Autorin zieht mit großer Könnerschaft das Tempo an, sogar durch Rückblenden, die das Verhalten der Protagonisten besser verstehbar machen. Der Leser spürt, die Katastrophe steuert ihrem Höhepunkt entgegen. Titus verschwindet nach zwei bedrohlichen Auseinandersetzungen aus dem Haus des Vaters und wird schließlich im Bootshaus seines alten Jugendfreundes gefunden, er hat sich aufgehängt. Und auch das Verschwinden der Mutter löst sich auf, sie wird ermordet in der Zisterne hinter dem Haus am Felsen entdeckt. Wer der Mörder ist, das ist eine weitere Überraschung und soll hier nicht preisgegeben werden.

Man könnte meinen, ein gut gebauter, spannungsreicher Krimi, aber gerade dies hat Evelyn Grill nicht beabsichtigt. Sie hat einen Roman geschrieben, der die seelischen Verwerfungen zum Thema hat, der die Familie als Hort von Grausamkeit und Einsamkeit bloß legt. Dass ihr dies so überzeugend und meisterlich glückt, dazu trägt auch ihre strenge Stilistik bei, denn es gelingt der Autorin, auf nur 130 Seiten eine atemberaubende und zugleich poetisch-elegante Geschichte zu erzählen:

"Ich passe auf, ob Attributive überflüssig sind, die streiche ich als erstes. Oder ob ich irgendwelche Erklärungen gebe, die überflüssig sind, die man aus dem Zusammenhang versteht. Dann vermeide ich längere Sätze. Ich neige dazu, dass ich eher zur Parataxe gehe, weil ich den Eindruck habe, dass alles, was man ausspart, kann man durch diese kurzen Sätze viel bedrängender ausdrücken. Ich meide es, zu viel zu erklären. Ich mag auch keine Bücher, die zu viel erklären und immer alles deutlich machen. Es gibt natürlich Ausnahmen, die ganz große Künstler sind wie Heimito von Doderer. Aber für mich kommt das nicht infrage, sondern ich kann nur das, was ich sagen will, machen, das muss ziemlich knapp sein. Der Leser muss selber eine gewisse Fantasie entwickeln."

Buchinfos:
Evelyn Grill: "Der Sohn des Knochenzählers", Residenz Verlag, 132 Seiten, Preis: 17,90 Euro

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