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StartseiteEine WeltAlltag in einer von Indiens größten Kliniken28.04.2018

ÜberlastetAlltag in einer von Indiens größten Kliniken

Indien: bestes Wirtschaftswachstum und doch größte Armut. Wo es im Land Krankenhäuser gibt, sind diese oft überfüllt. Wie das All India Institute of Medical Sciences in Neu-Delhi. Vor dessen Toren wartet zum Beispiel Samodh seit zehn Monaten in seinem Rollstuhl auf eine OP.

Von Jürgen Webermann

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Wartende vor der Wartehalle des All India Institute of Medical Sciences in Neu-Delhi. Rund 13.000 Patienten werden hier täglich behandelt. Und draußen warten noch mehr. (Deutschlandradio / Jürgen Webermann)
Kranke vor der überfüllten Wartehalle des All India Institute of Medical Sciences (AIIMS). Rund 13.000 Patienten werden täglich im AIIMS behandelt. Doch der Bedarf ist viel größer. (Deutschlandradio / Jürgen Webermann)
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Samodh sitzt in seinem Rollstuhl, starrt ins Leere und wartet. Darauf in Indiens größtes staatliches Krankenhaus eingelassen zu werden. Das All India Institute of Medical Sciences, kurz AIIMS. Man könnte das Krankenhaus auch die Uni-Klinik von Neu-Delhi nennen. Aber vor dem AIIMS herrscht das pure Elend. Ganze Familien campieren neben Samodh auf dem Bürgersteig der sechsspurigen Straße, die vor der Klinik verläuft. Abends bilden sich hunderte Meter lange Schlangen vor den kleinen Snackverkäufern. Auch Samodh reiht sich jeden Abend ein.

"Ich bin hier jetzt seit zehn Monaten vor dem AIIMS. Ich hatte bereits eine Operation an meinen Nervenbahnen. Eine andere Operation steht noch aus. Aber sie haben hier zu wenige Betten, deswegen warte ich schon so lange."

Samodh stammt aus Patna, das ist die Hauptstadt des Bundesstaats Bihar, ebenfalls in Nordindien gelegen. Samodh ist Ende 20 und Elektriker. Das ist in Indien ein gefährlicher Job. So etwas wie Arbeitsschutz gibt es in den meisten Fällen nicht. Als Samodh einen Strommasten reparieren wollte, habe ihn ein schwerer Schlag getroffen, sagt er.

"Danach war ich bewusstlos, sechs, sieben Stunden lang lag ich da rum. Die Leute dachten, ich sei tot. Man brachte mich ins Krankenhaus in Patna. Da kam ich auch wieder zu mir. Aber ich konnte mich nicht bewegen, ich konnte meinen Kopf nicht bewegen, und meine Beine auch nicht. Auch eine Operation an den Beinen hat da nichts dran ändern können."

Täglich so viele Menschen wie in einem Fußballstadion

Irgendwann gaben die Ärzte in Patna auf. Also beschloss Samodh, nach Neu-Delhi zum AIIMS zu fahren. Die Reise dauerte mehrere Tage und liegt jetzt zehn Monate zurück. Aber das AIIMS ist für Samodh die letzte Hoffnung.

"Das AIIMS ist ein großes Krankenhaus. Wir versuchen alles, um es größer zu machen. Wir haben hier jeden Tag 13.000 bis 14.000 Patienten, die zu uns kommen. Dazu haben wir 2.500 Betten, wir wollen diese Zahl verdoppeln. Wenn jeder Patient mit einem Angehörigen kommt, dann betreten jeden Tag rund 30.000 Menschen diese Klinik. Das sind so viele Menschen wie sonst bei einem Fußballspiel!"

Samodh war Elektriker und sitzt nach einem Unfall im Rollstuhl. Die Ärzte in seinem Heimatkrankenhaus haben ihn aufgegeben. Seit zehn Monaten kampiert er vor dem AAIMS. (Deutschlandradio / Jürgen Webermann)Samodh war Elektriker und sitzt nach einem Unfall im Rollstuhl. Die Ärzte in seinem Heimatkrankenhaus haben ihn aufgegeben. Seit zehn Monaten kampiert er vor dem AAIMS. (Deutschlandradio / Jürgen Webermann)

Randeep Guleria ist der Geschäftsführer des AIIMS in Neu-Delhi. Guleria ist eigentlich ein Lungenspezialist, und damit ein gefragter Mann. Neu-Delhi hat ein großes Problem mit Smog. Aber jetzt fühle er sich eher wie der Manager einer Baugesellschaft, sagt Guleria. Das AIIMS steht unter massivem Druck, seine Kapazitäten auszuweiten. Indiens Bevölkerung wächst und wächst. Extreme Armut, schlechte Umweltbedingungen, Epidemien und vor allem eine Unterversorgung in den ländlichen Gegenden lassen die Zahlen der Patienten überall dort, wo es Kliniken gibt, in die Höhe schnellen.

"Wir müssen den Ansturm hier irgendwie begrenzen. Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen in ihren Heimat-Staaten eine bessere Erstversorgung bekommen, damit sie nicht den ganzen Weg bis hierher nach Neu-Delhi kommen müssen."

Indien plant Krankenversicherung für alle

Die indische Regierung will jetzt das System grundlegend verändern – mit einer Krankenversicherung für alle. So will sie private Kliniken und Ärzte aufs Land locken, weil sich dann auch dort Behandlungen lohnen könnten. Noch befinden sich die Pläne im Anfangsstadium.

Für Samodh käme eine Versicherung zu spät. Er hat sich verschuldet, um als Obdachloser vor dem Krankenhaus in Neu-Delhi über die Runden zu kommen. Der junge Elektriker im Rollstuhl hofft nur noch, dass sich das Warten irgendwie gelohnt hat. Dass die Operation, die immer wieder verschoben wurde, bald durchgeführt werden wird, und er seine Beine wieder spüren kann. Aber darüber, sagt Samodh, werde am Ende sowieso nur einer der vielen indischen Götter entscheiden.

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