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StartseiteInterview"Überraschungsärmer als das Duell zwischen Merkel und Steinbrück"03.09.2013

"Überraschungsärmer als das Duell zwischen Merkel und Steinbrück"

Politikwissenschaftler analysiert die TV-Debatte zwischen Gysi, Trittin und Brüderle

Inhaltlich habe es bei dem TV-Dreikampf zwischen Gregor Gysi (Die Linke), Jürgen Trittin (Grüne) und Rainer Brüderle (FDP) keine Überraschungen gegeben, kommentiert der Politikwissenschaftler Frank Decker. Am meisten aus dem Duell herausgeholt habe Gregor Gysi.

Frank Decker im Gespräch mit Jasper Barenberg

Gysi, Brüderle und Trittin (v.l.n.r.) lieferten sich einen Dreikampf. (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)
Gysi, Brüderle und Trittin (v.l.n.r.) lieferten sich einen Dreikampf. (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)

Jasper Barenberg: Die Kanzlerin staatstragend, der Herausforderer mäßig angriffslustig. Das einzige Aufeinandertreffen zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück am Sonntag ist nach Meinung der meisten Beobachter unentschieden ausgegangen. Auf das Duell folgte nun gestern Abend der Schlagabtausch der Spitzenkandidaten der drei kleinen Parteien. Rainer Brüderle von der FDP traf auf den Grünen Jürgen Trittin und den Linkspolitiker Gregor Gysi. Und es war in der Tat tatsächlich ein Streitgespräch.
Über den Dreikampf im Fernsehen hat mein Kollege Jonas Reese Gelegenheit gehabt, mit dem Politikwissenschaftler Frank Decker von der Universität Bonn zu sprechen, und er hat ihn natürlich gefragt, wer denn als Gewinner vom Platz gegangen ist.

Frank Decker: Schwer zu sagen. Das meiste aus dem Duell herausgeholt hat wahrscheinlich Gregor Gysi, aber er hatte auch den leichtesten Part, denn er ist nicht in der Verlegenheit, nach der Bundestagswahl in die Regierung zu kommen und dann an dem gemessen zu werden, was er an Forderungen erhoben hat. Und aus dieser Rolle eines Oppositionspolitikers konnte er dann Honig saugen. Für meine Begriffe relativ wenig aus seinen Möglichkeiten gemacht hat Jürgen Trittin, weil er auch am Ende zu wenig auf das Kernthema der Grünen eingegangen ist, nämlich Umweltpolitik. Da liegt ja die Kompetenz der Grünen. Trittin ist dann relativ defensiv gewesen bei Themen, die sich im Grunde – etwa das Steuerthema oder das Schuldenthema – eigentlich für die Grünen als Gewinnerthemen nicht anbieten. Und Brüderle natürlich in einer schwierigen Position, denn die FDP ist nach wie vor im demoskopischen Tief. Aber er hat seine Möglichkeiten, denke ich, genutzt. Dazu trägt auch die Union indirekt bei, denn sie hat sich ja in vielen Positionen auch in die Mitte bewegt beziehungsweise nach links bewegt und lässt dadurch der FDP zumindest den Spielraum, sich in der Wirtschaftspolitik und insbesondere in der Steuerpolitik dann auch zu profilieren.

Jonas Reese: Also hat Brüderle Ihrer Meinung nach auch die Taktik genutzt, sozusagen den Grünen die bürgerlichen Wähler abzujagen, die Angst vor mehr Belastungen und Ökovorgaben haben?

Decker: Ja. Die Schnittmenge zwischen den beiden Parteien, was die Wählerschaft angeht, die darf man nicht überschätzen. Aber ich denke schon, im Nachhinein werden die Grünen sicherlich auch darüber nachdenken müssen, ob sie nicht beim Steuerthema – und es bleibt ja nicht beim Steuerthema, das hat Brüderle auch kurz anzusprechen versucht; es geht ja auch um die Sozialabgaben, also die Erhöhung der Bemessungsgrenze -, ob die Grünen da nicht eine Spur zu forsch gewesen sind und damit eben auch ihrer eigenen Klientel, das ist ja eine besserverdienende Klientel, zu viel zumuten. Es zeichnet sich ab, dass die Grünen jetzt in den Umfragen zu schwächeln beginnen, und vielleicht wären sie klüger beraten gewesen, sich bei diesem Thema ein Stück weit bedeckter zu halten, oder vielleicht die Forderungen etwas abzuschwächen, so wie es die SPD gemacht hat beim Steuerthema.

Reese: Inhaltliche Erkenntnisse konnte ich jetzt nicht gewinnen. Ist es Ihnen anders gegangen?

Decker: Nein. Es gab keine neuen Ideen. Die Parteien, die Vertreter der Parteien haben sich an das gehalten, was die Parteien selber nun programmatisch vorgegeben haben. Insoweit war das Duell oder der Dreikampf fast noch überraschungsärmer als das Duell zwischen Merkel und Steinbrück, wo es ja mit der Pensionsfrage oder der Mautfrage zumindest zwei Überraschungsmomente inhaltlicher Art gegeben hat.

Reese: Darauf wollen wir gleich noch zu sprechen kommen. Es war in meinen Augen ein teilweise sehr schwer verständliches Durcheinander von Zahlen und Fakten, die schwer zu überprüfen sind. Hat man sich da vielleicht die Kritik von gestern etwas sehr zu Herzen genommen nach dem großen Duell?

Decker: Ja es ist natürlich ein rhetorisch beliebtes Mittel, mit Zahlen zu argumentieren, weil das immer so ein Stück weit immunisiert gegen die Widerlegung. Aber die Gefahr besteht natürlich schon, dass man dann den Zuschauer und den Zuhörer auch damit überfordert und vom Argument ablenkt. Auf der anderen Seite war dieses Duell oder dieses Triell doch bedeutend lebendiger als der doch ziemlich strukturierte und regulierte Zweikampf zwischen Merkel und Steinbrück. Da sind sich die Kontrahenten wechselseitig ins Wort gefallen, haben sich gegenseitig auch Fragen gestellt, und insoweit war es vielleicht inhaltlich genauso wenig ergiebig wie das Duell gestern Abend, aber es war zumindest streitlustiger.

Reese: Kann man auf diese Weise zumindest eine Prämisse erfüllen, nämlich die Millionen unentschlossenen Wähler noch zu gewinnen?

Decker: Ja natürlich. Es heißt ja häufig, dass sich die Parteien in ihren inhaltlichen Positionen immer mehr annähern, kaum noch voneinander unterscheidbar seien. In der Tat orientieren sich Wähler in ihrer Wahlentscheidung heute nicht mehr an natürlichen Bindungen, sondern sie gucken auf die Themen, sie gucken auf die Antworten der Parteien. Sie gucken auch auf die Personen, welcher Person vertrauen sie, und dafür sind solche Fernsehformate natürlich wichtig.

Barenberg: Der Politikwissenschaftler Frank Decker von der Universität Bonn im Gespräch mit meinem Kollegen Jonas Reese.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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