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StartseiteSprechstundeÜbertriebene Angst02.08.2011

Übertriebene Angst

Radiolexikon Phobien

Furcht vor etwas hat jeder einmal - und Angst kann eine sehr vernünftige Reaktion sein. Aus der Angst wird eine Phobie, wenn man beispielsweise nicht mehr in den Park geht, weil man Furcht vor Wespen hat. Die gute Nachricht: Phobien lassen sich gut behandeln.

Von Justin Westhoff

Zur Ursache der phobischen Störungen gibt es keine endgültigen Antworten.  (dapd)
Zur Ursache der phobischen Störungen gibt es keine endgültigen Antworten. (dapd)
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"Das hat irgendwann mal angefangen, dass ich nicht U-Bahn fahren konnte, das war aber alles noch wunderbar, konnte auch mit Bus oder Fahrrad irgendwo hinfahren, und dann hat es angefangen, dass ich nicht mehr alleine mich fortbewegen konnte."

Klaus war 21, als er diese übermäßige Angst bekam, die mit seiner objektiven Situation nicht zu erklären ist. Phobien lautet die Sammelbezeichnung für solche Angststörungen. Furcht vor etwas hat jeder einmal, und Angst kann eine sehr vernünftige Reaktion sein. Was kennzeichnet also eine Phobie?

"Wenn zum Beispiel ich Angst habe vor Wespen – okay. Aber wenn ich nicht mehr rausgehe, weil: ich könnte ja im Gartenlokal auf eine Wespe stoßen, dann würde man sagen, diese Angst ist unverhältnismäßig. Dann ist es ein Kriterium, dass die Angst mit der Vernunft weder erklärbar ist, noch durch Vernunft beeinflussbar ist; und das nächste wäre, dass ich eine nennenswerte Einschränkung meines täglichen Lebens habe."

Die Psychologie-Professorin Heidi Möller von der Uni Kassel erläutert zudem die fachliche Einteilung je nach Ausprägung und Auslöser und nennt Beispiele:

"Die Agoraphobie, also die Angst auf die Straße zu gehen, soweit, dass Menschen nicht mehr das Haus verlassen können, oder ihr Gegenteil, Klaustrophobie, die Angst vor engen Räumen, vor Menschenansammlungen, Angst mit dem Aufzug zu fahren; dann gibt es den großen Bereich der sozialen Phobien, Angst öffentlich zu reden, Angst öffentlich zu essen, weil man Angst hat, man macht irgendwas falsch, dann alle möglichen isolierten Phobien, also die Angst vor Spinnen, die Angst vor Schlangen; dann gibt es auch noch die Krankheitsphobie: Angst vor Krebs, vor HIV, vor Herzinfarkt, das Herz funktioniert ganz normal, aber die Befürchtung ist ständig da, ich könnte einen Infarkt erleiden."

Und viele andere Formen mehr. Von Panikattacken unterscheiden sich Phobien unter anderem dadurch, dass sie – unbehandelt – dauerhaft bleiben. Und anders als Angstneurosen werden sie immer durch bestimmte Gegenstände oder Situationen ausgelöst.

Zur Ursache der phobischen Störungen gibt es keine endgültigen Antworten. Heute gehen Wissenschaftler von einer Kombination mehrerer Faktoren aus. Dazu gehört eine Konditionierung in der Kindheit, wo bestimmte Stimuli Angst auslösen und sich verfestigen. Später wird diese Reaktion auf den Auslöser womöglich verschoben, übertriebene Angst überlagert quasi biologisch sinnvolle Angst. Professor Ulrike Lehmkuhl, Kinderpsychiaterin von der Berliner Charité:

"Wir wissen, was passiert im Körper, das ist dann begleitet von Stress auslösenden Substanzen in unserem Gehirn, die dann auch wieder auslösen, dass unser ganzer Körper reagiert, mit Blässe oder mit beschleunigtem Puls oder mit Schweißausbrüchen; also es ist eine der Vorstellungen, dass es sich um eine Reizüberflutung handelt und dass nicht genug Widerstand und Selbstsicherheit bei den Menschen vorhanden ist, und Kinder können natürlich rasch Situationen als ängstigend erleben, die Erwachsene schon gar nicht mehr als ängstigend erleben, insgesamt sind es oft kleine Sachen, aber was letztlich den Anstoß gibt, das ist nicht klar."

So gesehen ist es erstaunlich und erfreulich, dass Phobien meist gut behandelt werden können. Bestimmte Medikamente gegen Depressionen helfen zwar, aber ihre Wirkung lässt spätestens dann nach, wenn sie abgesetzt werden. Es liegt also nahe, Angststörungen vor allem psychotherapeutisch anzugehen. Hier hat sich die Verhaltenstherapie gegenüber anderen Verfahren wie etwa der Psychoanalyse als überlegen erwiesen. Die Psychologin Heidi Möller nennt beispielhaft die Konfrontationstherapie, bei der sich der Kranke – begleitet vom Therapeuten – bewusste in jene Situation begibt, die ihm große Angst macht:

"Da macht man einen Vertrag, dass man diese ganz schlimme Situation gemeinsam aufsucht, wie zum Beispiel Angst durch einen Tunnel zu fahren, ist ja sehr häufig. Dann würde man mit dem Therapeuten gemeinsam mitten hineinfahren in den Tunnel und solange dort verharren, bis die Angst weniger wird. Und da macht man sich ein physiologisches Moment zunutze: Angst kann nicht über Stunden auf dem gleich hohen Niveau bleiben. Das wird dann noch unterstützt, dass die Leute lernen, wie sie mit sich sprechen, vielleicht so, wie man ein aufgeregtes Kind beruhigt, und natürlich lernt man auch Entspannungstechniken, die man gegen die Angst einsetzen kann. Die Konfrontationstherapie, das ist die sehr harte Methode, die recht erfolgreich, so sagen die Zahlen, ist, und nicht jeder Patient ist bereit dieses Wagnis auf sich zu nehmen."

Wer dies aber wagt, hat gute Chancen. Klaus, der damals junge Mann, kann den Erfolg am eigenen Verhalten ablesen:

"Dass ich in Angstsituationen gehe und merke, dass halt nicht diese Katastrophe, die ich mir immer vorstelle, dieser schlimme Panikanfall oder verrückt zu werden, dass das halt einfach nicht eintritt, um so mehr ich in die Situation reingehe, dass mir nichts passiert, dass es halt einfacher wird dann, in den Situationen zu bleiben bis dahin, dass die Angst dann weg ist."

Auch mildere psychotherapeutische Verfahren stellen die Kognition in den Mittelpunkt, also alle Gedanken und Überzeugungen des Patienten, seine angelernten Erkenntnisse. Diese werden in der "kognitiven Verhaltenstherapie" bewusst gemacht, korrigiert und in konkrete Lebenssituationen überführt.

Zum Teil hilft dies auch bei der Behandlung von Kindern, die schon an einer Phobie leiden können, sagt die Kinder- und Jugendpsychiaterin Ulrike Lehmkuhl:

"Wenn die Situation völlig klar und eindeutig ist, dann würde man entsprechende Desensibilisierungen, kann man das nennen, auch mit den Kindern machen, indem man zum Beispiel erst mal darüber spricht und dann vielleicht sich Bilder anguckt, dann vielleicht eine plastische Abbildung, vielleicht eine Figur von dem Gegenstand, wenn das möglich ist, bis nachher hin, dass dann man sich das Tier anschaut, oder vielleicht ganz zum Schluss sogar streichelt und solche Dinge, und dass das so ganz allmählich gesteigert wird, auch immer abhängig davon, wann das Kind selber angibt, dass die Angst wieder kommt, das können Kinder in der Regel schon ganz gut."

Übrigens hat bereits Goethe – als Erwachsener – sich quasi selbst mit "Desensibilisierung" behandelt. Er hatte Höhenangst. Um sie zu überwinden, ist er häufig auf einen hohen Kirchturm gestiegen. Haben Phobien seither zugenommen, wie man annehmen könnte?

"Die Spinnenphobie finden Sie eben auch schon in den Lehrbüchern der dreißiger oder zwanziger Jahre, das ist geblieben. Man kann vermutlich annehmen, dass es schon immer ähnlich war, dass sich nur die Inhalte geändert haben, wovor man Angst hat, weil ja auch die realen Bedrohungen andere sind, aber Angstsyndrome gibt es eben weltweit, auch bei allen Völkern, in allen Kulturen, aber ob das mehr ist oder weniger, dazu können wir leider nichts sagen."

Insgesamt hat sich das Spektrum der Ängste – sowohl in ihrer berechtigten als auch in ihrer unangemessenen Form – verlagert, sagt auch Professor Heidi Möller:

"Die ganzen Umwelt-, Katastrophenängste, aber auch bestimmte hypochondrische Geschichten, also besondere Krankheiten: Und was auch noch ist: historisch gesehen sind natürlich die religiösen Ängste sehr viel stärker gewesen, die Angst vorm Teufel oder vor der Hölle; heute ist es so: Es gibt sehr viel weniger Sicherheit und das geht einher mit Ängsten. Die Existenzangst ist sicherlich sehr viel größer geworden in letzter Zeit."

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