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StartseiteBüchermarktÜbervater der Popkritik13.09.2010

Übervater der Popkritik

Helmut Salzinger: "Best of Jonas Überohr - Popkritik 1966 - 1982". Textem Verlag

Unter dem Pseudonym Jonas Überohr schrieb Helmut Salzinger in den frühen 1970ern Plattenbesprechungen und Rezensionen für das Musikmagazin "Sounds" - und wurde damit zur Instanz für alle alternativen Angelegenheiten zwischen Pop und Politik.

Von Thomas Palzer

Helmut Salzinger: "Best of Jonas Überohr - Popkritik 1966 - 1982" (Textem Verlag)
Helmut Salzinger: "Best of Jonas Überohr - Popkritik 1966 - 1982" (Textem Verlag)

Ein Überohr ist kein Überbein. Vielmehr könnte man denken, dass ein Überohr eine Art musiktheoretischer Übervater ist. Etwa der alte Musiklehrer aus der Oberstufe, der als Mann im Ohr in einem fortwirkt. Ein Überohr scheint ein Organ zu sein, mit dem sich über den Musikgeschmack wachen lässt - den eigenen wie den des Zeitgeists.

Ein solches Organ gab es tatsächlich. Es stammte natürlich von keinem Musiklehrer. Schon gar nicht in den frühen 1970ern, wo obrigkeitsstaatlich noch streng zwischen Hoch- und Trivialkultur geschieden wurde, zwischen U und E. Es kam vielmehr aus Hamburg und nannte sich Sounds. Mit Sounds verlor die Trivialkultur ihre Trivialität und wurde zur Popkultur geadelt.

Der Musikjournalist Helmut Salzinger - also jener Mensch, der sich Überohr nannte, genauer Jonas Überohr - verfasste seit Mitte der 1970er-Jahre für genau dieses Hamburger Musikmagazin Kolumnen und Kritiken. Dafür wurde er berühmt, wurde er zur Instanz für alle alternativen Angelegenheiten zwischen Pop und Politik.

"Der Kritiker, der eine Platte bespricht, kann nur über das sprechen, was die Platte ihm sagt, was sie bei ihm angerichtet hat, was von ihr bei ihm angekommen ist. Das heißt besprechen. Indem der Kritiker die Geschichte der Beziehung zwischen der Platte und ihm erzählt, versucht er sich der Rolle zu entziehen, die ihm von den Produktionsbedingungen aufgenötigt wird, und die in ihn gesetzten Erwartungen zu enttäuschen. Vielleicht setzt seine Kritik dann etwas mehr in Gang als bloß Kauf und Verkauf."

Angefangen hatte Helmut Salzinger als 31-jähriger Mitte der 60er-Jahre mit Platten- und Buchbesprechungen für Rundfunkanstalten und Tageszeitungen. 1967 in Germanistik promoviert, schrieb er auch für Wochenblätter wie den "Spiegel" oder die "Zeit". Zum Beispiel besaß Letztere eine unschlagbare Rubrik namens Die neue Schallplatte, für die er - wie übrigens auch Hubert Fichte - gelegentlich Kritiken verfasste.

Salzinger rezensierte Platten von Jefferson Airplane, Greatful Dead, den Rolling Stones, von Frank Zappa und The Fugs; er rezensierte Bücher von Tom Wolfe, Hubert Selby, Rolf Dieter Brinkmann und andere. Und das machte er in einer ungewohnt eleganten und präzisen Sprache. Vielen mag damals der Gegenstand Salzingers einer solch intelligenten und charmanten Sprache nicht würdig gewesen sein. Dazu kam, dass er seine Rezensionen zunehmend nutzte, um Kritik an den bestehenden, an den herrschenden Verhältnissen zu üben.

In dem Artikel Wer besitzt das intellektuelle Eigentum für "Die Zeit" macht Salzinger im Sommer 1970 unverhohlen und, vom digitalen Zeitalter und der Piratenpartei aus betrachtet, ungeheuer prophetisch Stimmung für Raubpressungen und deren emanzipatorischen Kampf gegen die herrschende Kulturindustrie.

Es kommt zum vorhersehbaren Bruch mit der Redaktion, nachdem diese ihm empfohlen hat, sich anzupassen oder die Konsequenzen zu ziehen.

"Die radikale Konsequenz aus der Pop-Art hätte nämlich bedeutet, die Wirtschaftsfragen im Feuilleton zu untersuchen."

Salzinger suchte in den Äußerungen der Popkultur nach ihrem subversivem Potenzial. Fand er eine gewisse ästhetische Widerständigkeit vor, legitimierte das Warenförmigkeit und Marktzurichtung des betreffenden Produkts. Das eine hatte er von der Pop-Art gelernt, welche maschinelle Produktion, Konformismus und Anonymität zu ästhetischen Werten erhob; das andere von der marxistischen Dialektik zwischen Basis und Überbau.

Mit anderen Worten: In der Popkultur fand Salzinger - wie viele andere seiner und späterer Generationen - die Antwort auf Adornos Diktum, das es kein richtiges Leben im falschen gebe. Eine unorthodoxe und hedonistische Linke war vielmehr in genau jenem Moment geboren, als sie erkannte, dass - um mit der britischen Modeschöpferin Mary Quant zu sprechen - Kleidung Spaß machen müsse.

Kleidung, die Spaß macht? Für Alteuropa ein Schock. Salzinger alias Überohr verschrieb sich den Phänomenen der Popkultur. Und er hängte den Phänomenen ein kulturelles Gütesiegel an, wenn sie eine Dialektik zeigten, die die Sache überhaupt erst ventilierte: Kunst und Kommerz, Pop und Politik, U und E.

Kleidung, die Spaß macht, lieferte den Beweis, dass der Überbau die Basis zu retten vermag. So gab es innerhalb der U-Musik plötzlich progressive und kommerzielle Musik. Und ein Kriegsfilm konnte zu einem Antikriegsfilm avancieren. Immer rettete der Überbau die Basis. Kein Wunder, dass sich Salzinger das Pseudonym Überohr gab. Überohr wie Überbau.

Salzinger äußerte sich zu Andy Warhol und zu Hubert Fichte, zu Marcel Reich-Ranicki und zu Truman Capotes Kaltblütig; er schrieb über die Rolling Stones im Hyde Park, über die RAF, über Objektivität und über "Kacke" - mit welchem Wort er die bestehenden Verhältnisse meinte. Und er spaltete alle Generationen, die nach ihm kommen sollten, mit einem 1968 in "konkret" publizierten Text, in dem er sich für die Rolling Stones und gegen die Scheiß-Beatles aussprach.

Pop-Art als erster eigenständiger nationaler Beitrag Amerikas zur bildenden Kunst, als Entdeckung der amerikanischen Alltagswirklichkeit, dieser Aspekt ist nicht neu. Das anfängliche Missverständnis, Pop-Kunst sei eine Art Neo-Dada hat sich inzwischen aufgeklärt. Das Gegenteil von all dem ist der Fall. Pop-Art bedeutet, die Dinge, alle Dinge zu mögen.

Salzinger gehörte zu den ersten Schreibern von Format, die der Popkultur in Deutschland eine Sprache gaben. Damit folgte er dem Schriftsteller und Kritiker Uwe Nettelbeck - so, wie unzählige Salzinger gefolgt sind und weiterhin folgen. Dass Phänomene der Popkultur in den Feuilletons der großen Zeitungen rezensiert werden, ist heute eine Konvention. So gesehen ist die Politik der Ekstase, wie sie Timothy Leary einst forderte, tatsächlich zur Tagespolitik geworden.

"Vielleicht - wer weiß es? - zur Feier seiner Verhaftung und Auslieferung an die US-Behörden haben die Kultur-Heinis von Aspekte einen alten Leary-Film gezeigt, in welchem ein Experte in Fragen des Drogen-Missbrauchs namens Wolfgang Ebert vergeblich versuchte, Timothy Leary zu interviewen. Ob er sich denn gar nicht verantwortlich fühle für all die vielen, vielen jugendlichen Fixer, fragte er Leary aus. Und schien seinen Ohren nicht trauen zu wollen ob des nüchternen befreienden No, das als Antwort kam."

Im Rückblick betrachtet, könnte man sagen, dass Salzinger sein Überohr dem Übervater suhrkamp culture nachgebildet hat. Hat dieser der vaterlosen Generation der 1940er die Väter gewissermaßen nachgeliefert - die Väter ohne braune Flecken auf der Weste -, lieferte Überohr einer protestantisch strengen Linken endlich den Hedonismus nach, die Übung zur letzten Lockerung, wenn man so will. Er stellte dem missachteten Genre der Pop- und Protestkultur höhere Weihen aus.

Am 1. September 1982 veröffentlichte Salzinger in der "taz" einen Artikel mit dem Titel: Weltgeist on the run. Zu einem neuen Musikbuch von Helmut Salzinger. Darin schreibt er unter seinem Pseudonym Überohr:

Rock um die Uhr ist mal wieder ein Buch für Salzinger-Fans, wenn auch nicht nur für solche. Wer immer den Traum von der Gegenkultur mitgeträumt hat, wird in diesem Buch Aufschluss darüber finden, wovon sein Traum denn letztlich gehandelt hat. Dass dieses Autors Sache die Bescheidenheit sei, lässt sich nicht gerade sagen. "Meine Kriterien", schreibt er, "sind subjektiv, aber nicht willkürlich, sondern durch mich vermittelte Äußerungen des Weltgeistes".

Genau das ist es, was an der Lektüre Spaß macht von Best of Jonas Überohr. Popkritik 1966 - 1982.

Am Ende - nach all der kulturrevolutionären Euphorie - stand bei Salzinger, der bereits Mitte der 70er Jefferson-Airplane-mäßig aufs Land gezogen war, die Ernüchterung, die Desillusionierung. Auch darin zeigte er sich als Überohr - als sensibler Hörer und Repräsentant des Weltgeistes: Er wurde zum melancholischen Radikalökologen. Im März 1981 publizierte er in Sounds - der Zeitschrift, die ihn groß gemacht hatte - seinen letzten Jonas-Überohr-Beitrag, gewissermaßen einen radikalen Anti-Sounds-Artikel, in dem er bedauert, dass die Alliierten seinerzeit nach der Niederlage Groß-Deutschlands darauf verzichteten, den sogenannten Morgenthau-Plan in die Tat umzusetzen. Hätten sie das gemacht, wir wären heute fein heraus. Deutschland wäre Ackerland mit ein bisschen Handwerk und Klein-Industrie, allenthalben wehte die gesunde Landluft, und wir liefen alle in Holzschuhen herum, und Schweißfüße gäb's nicht.

Helmut Salzinger "Best of Jonas Überohr - Popkritik 1966 - 1982", hrg. Von Frank Schäfer
Hamburg: Fundus Bücher 187, Philo Fine Arts 2010. 367 Seiten, Euro 16,00

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