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StartseiteHintergrundÜbervoll und unterfinanziert07.12.2010

Übervoll und unterfinanziert

Immer mehr Studierende drängen an die Hochschulen

Die Hochschulen sind so voll wie nie zuvor. Über 440.000 Erstsemester haben in diesem Wintersemester ein Studium aufgenommen. Offiziell wird das von den Kultusministern der Länder zwar begrüßt - doch in Wirklichkeit macht der Anstieg den Ministern große Sorgen.

Von Armin Himmelrath

Studenten sitzen in einem Hörsaal  in der Humboldt-Universität in Berlin. (AP)
Studenten sitzen in einem Hörsaal in der Humboldt-Universität in Berlin. (AP)

Wenn Anna Bergert an den Beginn ihres Studiums an der Universität Köln denkt, wundert sie sich immer noch, wie unwürdig es dort in den ersten Tagen zuging:

"Die schlimmste Situation war eigentlich in diesen großen Vorlesungen Anfang des Studiums gewesen, das sind immer die ersten drei Wochen, wenn man den Hörsaal quasi stürmen musste und ich einmal die Situation erlebt habe, dass Studenten von unten in die dritte Reihe ihre Jacken hoch geschmissen haben, um mit dieser Aktion sich einen Platz zu reservieren. Weil sie Angst hatten, dass sie da nicht mehr hochkommen und mit diesem Wurf ihrer Jacke dann den Platz reservieren wollten. Also, das fand ich so skurril – das hat mich wirklich abgeschreckt."

Anna Bergert ist 26 Jahre alt und studiert Betriebswirtschaftslehre im fünften Semester. Als Fachschaftsvorsitzende engagiert sie sich in der universitären Selbstverwaltung. Und bei jeder Sitzung, in jedem Seminar, jeden Tag merkt sie: Die Hochschule ist viel zu voll:

"Die Uni ist 200 Prozent ausgelastet. Wir bauen die ganze Zeit, aber trotzdem haben wir nicht genug Räume. Und so, wie es im Moment läuft, geht es nicht. Und wenn die doppelten Abiturjahrgänge hier in die Universitäten strömen, wird es einfach noch viel schlimmer."

Tatsächlich sind die deutschen Hochschulen so voll wie nie zuvor. Über 440.000 Erstsemester haben in diesem Wintersemester ein Studium aufgenommen, insgesamt 2,2 Millionen Nachwuchsakademiker sind aktuell eingeschrieben. Offiziell wird das von den Kultusministern der Länder, die sich am Donnerstag in Brüssel mit EU-Vertretern treffen, zwar begrüßt. Doch in Wirklichkeit macht der Anstieg der Studierendenzahlen den Ministern riesige Sorgen. Sie fürchten: Die Zahl der Studierwilligen wird noch weiter steigen – wie hoch, weiß niemand. Und das ist auch schwer vorherzusagen, sagt Dieter Dohmen, Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie in Berlin:

"Die Situation in den letzten Jahren ist nicht ganz einfach, weil die Prognosen Mitte der letzten Dekade eigentlich hießen: Es geht deutlich runter. Oder andersrum: Die Prognosen waren sehr hoch, und dann brachen die Studentenanfängerzahlen ein, vermutlich auch durch die Studiengebührendiskussion beeinflusst. Und im Moment, durch den Hochschulpakt, knallen die Zahlen richtig nach oben. Das heißt, wir haben einfach im Vergleich zu 2005 fast 90.000 zusätzliche Studienanfänger. Das ist durchaus eine Entwicklung, die positiv und so nicht vorhersehbar war."

Mit dem dreiteiligen Hochschulpakt versuchen die Länder, auf diesen Ansturm zu reagieren. Je zur Hälfte teilen sich Bund und Länder dabei die Kosten für die neuen Studienplätze. Der Hochschulpakt I läuft gerade aus, Teil zwei erstreckt sich von 2011 bis 2015, danach kommt der Hochschulpakt III – und in jeder dieser Phasen sollten zusätzliche, neue Studienplätze entstehen, bis 2020 insgesamt 275.000. Doch diese Zahlen sind schon längst wieder überholt, sagt Dieter Dohmen:

"Im Moment muss man ganz ehrlich sagen: Die Politik ist nur zum Teil darauf vorbereitet, weil sie mit diesem Ansturm nicht gerechnet hat. Der Hochschulpakt 2007 bis 2010 sah gut 90.000 Plätze vor. Im Moment muss man davon ausgehen, dass er ungefähr doppelt ausgeschöpft ist. Und dafür sind die Mittel bisher nicht bereitgestellt; nach dem aktuellen Stand bedeutet das, dass aus dem Hochschulpakt 2011 bis 2015 quasi vorgezogen wird und damit sich die Frage stellen würde: Was bedeutet das für die Ausstattung des Hochschulpakts 2011-2015?"

Selbst die Kultusminister rechnen mit mindestens einer halben Million weiterer Studierender, zusätzlich zu den jetzt schon Eingeschriebenen. Die geplanten 275.000 neuen Studienplätze bis 2020 würden aber nur für etwa die Hälfte der Neulinge reichen. Der Druck auf die Bildungs- und Finanzpolitiker, den Hochschulen noch mehr Geld zu geben, werde deshalb noch zunehmen, sagt Bildungsökonom Dieter Dohmen. Erst recht, wenn die Erstsemesterzahlen von aktuell 440.000 Studienanfängern pro Jahr noch steigen:

"Ich denke, der Politik wird nicht viel anderes übrig bleiben. Weil, wir stehen jetzt vor den ganz starken Abiturientenjahrgängen, die nach unseren bisherigen Prognosen bedeuten, dass so 460.000, 470.000 junge Menschen an den Hochschulen anfangen könnten. Das setzt aber durchaus voraus, dass weiter ausgebaut wird. Dann kommt die Abschaffung Wehr- und Zivildienst dazu. Insofern ist der politische Druck, glaube ich, ausgesprochen hoch, und ich kann mir nicht vorstellen, dass es sich Bund und Länder leisten können, einfach in großem Umfang junge Menschen vor den Türen der Hochschulen stehen zu lassen. Aber gleichwohl muss man konstatieren, dass viele Länder dazu übergehen, derzeit auch bei den Hochschulen zu kürzen, sodass die Bundeszuweisungen umso wichtiger werden."

Bayern, Hessen und Thüringen haben solche Kürzungen für ihre Universitäten bereits beschlossen – und das, obwohl mit der geplanten Abschaffung der Wehrpflicht Mitte 2011 schon im kommenden Herbst mindestens 60.000 zusätzliche Studienanfänger an den Hochschulen erwartet werden.

Margret Wintermantel ist die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz HRK und damit so etwas wie die Stimme der Hochschulen. Sind die 60.000 jungen Männer, die statt in die Kasernen jetzt in die Hörsäle einrücken könnten, so etwas wie ein Testlauf für den noch weiter steigenden Andrang?

Wintermantel: "Ich würde nicht von Testlauf sprechen, sondern das ist eben nun noch mal eine zusätzliche Anforderung an die Hochschulen, die tatsächlich bis zum Äußersten fordert. Die Hochschulen sind bereit, sie sind in der Verantwortung dafür, aber sie brauchen dringend Unterstützung. Das bedeutet, sie brauchen dringend Ressourcen, um die jungen Leute dann auch aufnehmen zu können und: Wir können bei der Qualität der Ausbildung keine Kompromisse machen."

Zwei Milliarden Euro pro Jahr, so schätzen die Hochschulen, brauchen sie zusätzlich zu den bisherigen Geldern, um die steigenden Studentenzahlen bewältigen zu können. Schließlich sei die große Nachfrage eine riesige Chance, die man nicht verstreichen lassen dürfe, sagt Margret Wintermantel:

"Die Hochschulen fühlen sich und sind ja verantwortlich dafür und tun alles dafür, die Qualität der Ausbildung und Bildung hochzuhalten. Und das ist wirklich notwendig. Wir können bei der Qualität der Hochschulbildung keine Kompromisse machen. Und deshalb brauchen wir, das ist ja was, was wir immer wieder sagen, wir brauchen einfach die Unterstützung der Politik, die Unterstützung der Gesellschaft, dass die einfach sieht: Es muss investiert werden in die Hochschulbildung."

Doch woher soll dieses zusätzliche Geld kommen? Die Erfahrungen mit den Ländern sind für die Hochschulen in der Vergangenheit nicht die besten gewesen. So gab es für den Bologna-Prozess, diese wohl größte Reform für die deutschen Universitäten seit ihrer Gründung, keinerlei zusätzliche Unterstützung vom Staat: Mit der Umstellung auf Bachelor und Master, der Einführung kleinerer Lerngruppen und der stärkeren Ausrichtung auf Internationalität wurden die Hochschulen buchstäblich allein gelassen.

Wintermantel: "Natürlich müssen wir sehen, dass wir hier eine große Reform gemacht haben, dass sehr, sehr viel passiert ist in den Hochschulen. Wir haben eine tief greifende Veränderung der gesamten Studienarchitektur geleistet in den Hochschulen, auch trotz aller Unkenrufe ist das ne notwendige Reform gewesen, und trotz aller Schwierigkeiten und Bedingungen ist das ne insgesamt sehr positive Reform, an der nun weiter gearbeitet werden muss. Wir haben im letzten Jahr die Studierenden auf der Straße gehabt, wie Sie wissen, wir haben sehr vieles noch mal nachgesteuert, und wir müssen jetzt sehen, dass dieses auch gut weiter geführt wird und dass wir natürlich bei diesen vielen Studierenden und den vielen Studienanfängern wir die Bedingungen entsprechend schaffen müssen."

Genau das aber sei nicht gelungen, sagt die Kölner Fachschafterin Anna Bergert. Sie verweist auf mehrere Hundert Kommilitonen, die nach ihrem Bachelor-Abschluss in Betriebswirtschaft zum Beginn des Wintersemesters plötzlich erfuhren, dass sie im Anschluss in Köln keinen Master-Studienplatz mehr erhalten:

"Es sind ungefähr 215 Masterplätze hier in BWL von der Universität angeboten worden, und Bewerbungen gab es ungefähr 700 bis 800. Aber wir von der Fachschaft glauben eher, dass es nächstes Semester oder nächstes Jahr, wenn der Master wieder im Winter angeboten wird, noch extremer werden wird. Weil, es gibt noch nicht so viele Bachelorstudenten, die wirklich schon fertig sind, das ist bei uns die erste Kohorte dieses Semester gewesen. Nächstes Semester werden viel mehr Studenten von der eigenen Universität noch fertig, aber auch von anderen Universitäten fertig, und ich denke mal, dass sich die Zahl dann fast noch verdoppeln wird."

Tatsächlich wurden die Bildungspolitiker ganz offensichtlich von den Wünschen der Studierenden überrollt. In den meisten Ministerien und bei den Hochschulleitungen ging man bisher davon aus, dass nach dem Bachelorabschluss höchstens die Hälfte der Absolventen sofort einen Master anschließen würde. De facto aber, so hat es eine Studie der Universität Kassel ergeben, liegt die Zahl bei knapp 80 Prozent. Eine krasse politische Fehleinschätzung mit weitreichenden Folgen, sagt Bildungsökonom Dieter Dohmen. Bachelor- und Masterstudierende werden so nämlich zu Konkurrenten:

"Man muss befürchten, dass die Hochschulen tatsächlich dazu übergehen, dass sie sich vor allen Dingen erst mal um die Bachelor-Studierenden kümmern, weil die vor den Toren stehen. Hochschulpolitisch halte ich das für fatal, weil wir einfach im Moment dabei sind, die Studienabsolventen- oder Hochschulabsolventenstruktur komplett umzustellen: Hatten wir früher 70 Prozent Universitätsabsolventen, 30 Prozent Fachhochschulabsolventen, dann kann man im Moment sagen, sind wir eher dabei, 70 Prozent Bachelor-Absolventen und 30 Prozent Universitäts-Absolventen – was für den Arbeitsmarkt eine Katastrophe sein dürfte, wenn man davon ausgeht, dass diejenigen mit einem Bachelor-Abschluss mitnichten in den klassischen zum Beispiel Ingenieurberufen arbeiten, sondern ergänzende Tätigkeiten in Vertrieb und Marketing durchführen werden. Das könnte bedeuten, dass man auf Dauer den Fachkräftemangel, der sich in diesen Berufen meines Erachtens deutlich abzeichnet, noch massiv verschärft."

Was der Bildungsökonom als Katastrophe für den Wirtschaftsstandort interpretiert, erlebt die Kölner Studentenvertreterin Anna Bergert als Desaster für viele individuelle Lebensplanungen:

"Die Studenten, die das betroffen hat, waren erst mal total schockiert. Die waren wirklich fassungslos. Sie haben immer gesagt: Ich kann das nicht glauben, uns wurde im ersten Semester gesagt: Ja, wenn ihr einen Abschluss bis 2,5 habt, dann bekommt ihr auf jeden Fall einen Master hier in Köln, braucht ihr euch überhaupt keine Gedanken zu machen. Viele sind noch wesentlich besser gewesen als 2,5 und hatten überhaupt nicht damit gerechnet, dass sie keinen Masterplatz bekommen. Teilweise haben sie sich bei keinen anderen Universitäten beworben, standen jetzt mit einem guten Bachelor-Abschluss da, ohne einen Master zu bekommen, also, viele waren fassungslos und wirklich verzweifelt."

Reaktionen, die auch Margret Wintermantel, die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz nicht kalt lassen:

"Es muss etwas passieren! Es sei denn, man verschließt die Augen vor dieser großen Chance, die man hat. Eine Generation wirklich jetzt gut auszubilden und dieses Studierendenhoch wirklich jetzt zu nutzen."

Margret Wintermantel wird am Donnerstag zur Kultusministerkonferenz nach Brüssel reisen, um den Wissenschaftsministern der Bundesländer noch einmal nachdrücklich ins Gewissen zu reden:

"Ich hoffe, dass wir das hinreichend klar gemacht haben und wir werden das noch mal, auch in Brüssel noch mal sehr deutlich sagen. Was uns entgegen gehalten wird, ist die Schwierigkeit der Länderfinanzen; die Schwierigkeit, die die Länder haben, ihre Hochschulen vernünftig zu finanzieren. Und ich meine, da muss man in den Ländern überlegen, welche Prioritäten man setzen möchte und wir sind natürlich der Meinung, dass hier in die Hochschulen investiert werden muss, um tatsächlich Verantwortung für die gesamte Gesellschaft zu übernehmen."

Gleich mehrere Problembereiche tun sich da auf, für die dringend Geld gebraucht wird: Schon der Wissenschaftsrat, das höchste Beratungsgremium für Bund und Länder in Sachen Bildung, hatte vor zwei Jahren gefordert, dass die Länder mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr für bessere Lehre ausgeben müssten. Hinzu kommen Gebäude und zusätzliche Lehrkräfte für die neuen Studierenden, die bezahlt werden müssen. Doch Patrick Schnepper, seit Jahren als Studentenvertreter beim Landes-Asten-Treffen Nordrhein-Westfalen und beim bundesweiten studentischen Dachverband FZAS aktiv, findet trotz der unbestreitbaren Finanznöte der Hochschulen, dass Unis und FH's mehr tun könnten.

Schnepper: "Ich glaub nicht, dass die Hochschulen auf dem richtigen Weg sind. Da wird hin und her geschachert – am besten möglichst viel Geld für möglichst wenige Studienplätze aus diesem Hochschulpakt rauszuziehen. Also, das Grundproblem, dass man eigentlich ganz groß ausbauen müsste, wird nicht angegangen. Natürlich auch aus einer gewissen Angst der Hochschulen. Die sind heutzutage frei, müssen sehen, dass sie halt auch nach diesem Studierendenberg wieder zurecht kommen. Ich glaube, da zeichnet sich gerade keine Lösung ab, das sind alles warme Worte der Politik und da ist leider nicht sehr viel dahinter. Da wird auch glaube ich nicht viel passieren in Zukunft."

Der Leidensdruck in den Seminaren und Vorlesungen sei einfach für echte Veränderungen noch nicht groß genug, sagt Patrick Schnepper:

"Ich gehe davon aus, dass das noch wesentlich dramatischer wird. Die Hörsäle noch voller werden und man irgendwie versucht, möglichst viele Studierende auf möglichst wenig Raum unterzubringen."

Eine Prognose, die auch Bildungsforscher Dieter Dohmen nicht ganz abwegig findet. Denn der Hochschulpakt eröffnet Unis und Fachhochschulen einen relativ leichten Weg, um an Geld zu kommen: Für jeden Studienanfänger bekommen sie Bares.


Dohmen: "Die Hochschulen haben durchaus einen Anreiz, zusätzliche Studienanfänger aufzunehmen. Und wenn sie dann 26.000 Euro bekommen, und das für jeden Anfänger, den sie nehmen, unabhängig, was danach passiert, dann ist das schon ein deutlicher Anreiz. Und es spricht einiges dafür, dass sie diese Situation sich auch nicht entgehen lassen."

Irgendwann aber, sagt Dieter Dohmen, sei auch der letzte Platz in den Hörsälen ausgereizt. Und dann gebe es für die Unirektoren eigentlich nur noch eine Option:

"Die Hochschulen werden möglicherweise irgendwann sagen: Die Türen sind zu, wir können einfach nicht weiter aufstocken und dann bleiben junge Menschen vor den Türen stehen. Also, hier sind beide Seiten – das heißt: Politik und Hochschulen – gefordert, alles Mögliche zu unternehmen und im Zweifel kurzfristige Übergangslösungen zu finden. Das heißt, Lehrbeauftragte einzustellen, mehr freiberufliche Dozenten, auf externe Kräfte zurückzugreifen, und in Teilen auch in meinen Augen die Hochschulen mit zusätzlichen Professuren und wissenschaftlichen Mitarbeitern auszustatten. Denn nach unseren Zahlen ist bis Ende dieses Jahrzehnts, also bis 2020, nicht damit zu rechnen, dass es weniger als 400 000 Studienanfänger werden."

Immer wieder auf die aktuell schon vorhandene und sich wohl noch weiter verschärfende Notlage der Hochschulen hinweisen – einen anderen Weg sieht HRK-Präsidentin Margret Wintermantel nicht. Auch wenn sie nicht allzu optimistisch in die Gespräche geht:

"Die Hochschulen sind – ich kann eigentlich sagen: Enttäuscht, dass diese Unterstützung nicht in dem Maße gewährt wird, wie sie notwendig wäre. Ich meine, wir ziehen doch eigentlich alle an einem Strang. Wir wissen doch, dass wir ne gute Ausbildung brauchen. Wir wissen doch, dass wir diese jungen Leute brauchen. Wir wissen, dass Deutschland in dem Maße zukunftsfähig ist und erfolgreich ist, in dem gut ausgebildete Leute da sind. Das ist doch ne historische Tatsache. Und von daher denke ich: Wir müssen einen Pakt der Vernunft haben und entsprechend dafür sorgen, dass die Bedingungen sich verbessern für die jungen Leute."

Doch es sei zu wenig, sich nur auf den reinen Ausbau der Studienangebote zu konzentrieren, warnt Bildungsökonom Dieter Dohmen. Die Verteilung zwischen Bachelor- und Masterangeboten müsse neu austariert werden, und auch das lebenslange Lernen gewinne immer mehr an Bedeutung:

"Das, was abzusehen ist - wobei: noch deutliche Zukunftsmusik - ist, dass ein Bachelor- oder Masterstudium auf Dauer nicht reichen wird, sodass man davon ausgehen kann, dass man mit Ende 30, Anfang 40 vielleicht den zweiten Master oder ein anders gelagertes Bachelor-Studium absolvieren wird und vielleicht mit Ende 50 noch mal. Wobei man dann nicht davon ausgehen kann, dass das Bachelor-Master-Studium dann identisch sein kann mit der Struktur dessen, was man mit Mitte, Ende 20 macht."

Im Klartext: Die Hochschulen stehen nicht nur vor Kapazitätsproblemen, sondern müssen bei ihren Studienangeboten auch strukturell nachbessern. Beide Probleme seien bisher aber nicht gelöst, so Dieter Dohmen. Und damit würden Studierwillige aus Deutschland vertrieben:

"Die Entwicklung kann man, durchaus gibt's starke Indizien dafür, sehen: Die Zahl der deutschen Studierenden in Österreich nimmt zu, die Zahl der deutschen Studierenden in Holland nimmt meines Wissens zu, und das dürfte auch für einige andere Länder gelten. Also, insofern ist das eine Ausweichstrategie. Wobei ich auch sagen muss: Grundsätzlich hab ich nichts dagegen, wenn jemand nach dem Abitur erst mal sagt, ich mach ne Berufsausbildung und geh erst dann an die Hochschule. Wir können aus eigener Erfahrung sagen: Diejenigen, die ne Berufsausbildung haben, sind deutlich besser für den Berufseintritt qualifiziert als diejenigen, die in Anführungszeichen nur ein Bachelorstudium absolviert haben."

Doch auch Dieter Dohmen will – trotz aller Handlungsoptionen in den Hochschulen – die Bildungspolitiker nicht aus ihrer Verantwortung entlassen:

"Grundsätzlich bedeutet das aber in der Konsequenz, dass natürlich die Politik hier und auch die Hochschulen gefordert sind, alles Mögliche zu tun, damit die jungen Menschen, die ihr Abitur gemacht haben oder über die berufliche Ausbildung die Studienberechtigung erworben haben, tatsächlich auch ein Studium aufnehmen können. Denn aufgrund der Demografie ist absehbar, dass wir einen massiven Fachkräftemangel haben, gerade bei den Hoch- und Höchstqualifizierten. Insofern braucht Deutschland jeden hoch qualifizierten Menschen, egal, ob Männlein oder Weiblein und egal, welche Fachrichtung. Insofern ist – und das kann man nicht oft genug wiederholen – die Politik gefordert."

Eine Einschätzung, der sich die Kölner Studentin Anna Bergert vorbehaltlos anschließt:

"Also, eigentlich müsste man die Masterplatzanzahl extrem erhöhen, und dazu müssten auch Gelder her. Und dafür müssten auch Gelder aus dem Hochschulpakt II für die Erweiterung der Masterplätze zur Verfügung stehen. Das ist aber nicht der Fall – alle Gelder, die zusätzlich vom Bund kommen in diesen Hochschulpakt II, sind ausschließlich für die Erweiterung der Bachelorplätze gedacht. Somit werden wir natürlich langfristig das Problem haben, dass wir noch mehr Bachelor haben und noch weniger Master-Plätze zur Verfügung haben."

Anna Bergert bleibt deshalb skeptisch:

"Wir werden das nächste Semester noch viel mehr Bewerber bekommen, und wir werden viele gute Kölner Studenten und auch viele gute Studenten von anderen Fakultäten abweisen müssen."

Mit anderen Worten: Die Hochschulen sind so voll wie nie. Und die Studierenden fühlen sich von den Bildungspolitikern genau so alleine gelassen wie die Rektoren.

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