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Seit 10:00 Uhr Nachrichten
StartseiteEssay und Diskurs"Das kann ein bisschen mehr Anarchie mitbringen"28.12.2014

Ukraine"Das kann ein bisschen mehr Anarchie mitbringen"

Ukraine im Gespräch (4/4)

Der russisch-ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow befürchtet eine Zunahme von Anarchie und Selbstjustiz in der ukrainischen Politik. Viele freiwillige Kämpfer kehrten aus den Krisengebieten im Donbass in ihre Heimatorte zurück, um gegen Korruption zu kämpfen. "Sie kommen als Krieger," sagte Kurkow im DLF, und seien gewaltbereit.

Andrej Kurkow im Gespräch mit Katja Petrowskaja

(picture alliance / ZB / Jens Kalaene)
Der Schriftsteller Andrej Kurkow (picture alliance / ZB / Jens Kalaene)
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Katja Petrowskaja: Andrej, ich begrüße dich. Wir kennen uns schon seit vielen Jahren, und es ist irgendwie selbstverständlich, dass wir auf Deutsch hier reden. Wie hast du Deutsch gelernt, seit wie lange sprichst du Deutsch eigentlich?

Andrej Kurkow: Ich war eigentlich in 1997 von meinem Verlag Diogenes in Zürich angefragt, Deutsch zu lernen, um Lesungen auf Deutsch zu machen. Und dann machte ich dreieinhalb Wochen Intensivkurs in Bayern in Prien am Chiemsee, dann eine Pause, und dann hatten meine Lesungen begonnen. Und ich erinnere mich, während der ersten zwei Wochen konnte ich laut meine Texte vorlesen, aber ich verstand nicht, was ich las, und ich verstand fast keine Fragen auf Deutsch und bat, die Fragen auf Englisch zu wiederholen. Aber dann mit der Praxis, das war okay gegangen.

Petrowskaja: Du bist bei Leningrad geboren, du bist in Kiew aufgewachsen und du schreibst auf Russisch. Immer wieder kommt diese Frage vor: Was ist eigentlich in der Ukraine mit den Sprachen, was passiert? Kannst du kurz beschreiben, wie hat die Rolle der russischen Sprache sich verändert innerhalb dieser Jahre?

Kurkow: Ja, ich erinnere mich, als ich Kind war in Kiew, da sprach praktisch niemand Ukrainisch. Ich lernte Ukrainisch selber im Alter von 15 Jahren, weil ich hatte einen Freund in der Schule, einziger Freund aus einer ukrainischsprachigen Familie. Und das war interessant für mich, weil ich doch damals in der ukrainisch-sowjetischen Republik lebte, aber praktisch sprach in Kiew niemand Ukrainisch. Und heute natürlich sprechen ein bisschen mehr Leute Ukrainisch, aber bis 70 Prozent bis 75 Prozent der Bewohner von Kiew sind bis heute russischsprachig, und die Stadt bleibt sozusagen eine russischsprachige Stadt. Es gab und es gibt keine großen Probleme zwischen Leuten, die verschiedene Sprachen sprechen, weil ich komme zum Beispiel ganz oft - ich spreche beide, aber ich höre oft in Läden, in Geschäften, dass ein Käufer eine Verkäuferin etwas auf Russisch fragt, bekommt eine Antwort auf Ukrainisch, und das Gespräch geht so weiter ohne Probleme, ohne Missverständnisse.

"Immer versucht, das zu verstehen: Was ist Gerechtigkeit?"

Petrowskaja: Eigentlich ist es genauso wie im Parlament, und es gibt sogar mehrere Talkshows im ukrainischen Fernsehen, wo die Teilnehmer ständig zwischen den Sprachen wechseln, und das ist eigentlich eine sehr produktive Situation und beinahe einmalige Situation für eine Stadt, wo die Leute sogar im öffentlichen Fernsehen Sprachen wechseln und alle einander verstehen. Du hast mittlerweile sehr viele Bücher geschrieben, sehr viele Romane, auch einige Kinderbücher, du bist Autor von Drehbüchern. Man merkt in deinen Büchern, dass du eine unglaubliche Lust am Fabulieren hast, dass du immer Figuren entdeckst, die sehr, sehr absurd sind. Du hast auch mal gesagt, dass dir dieses sowjetische oder postsowjetische Absurde sehr viel wert ist. Hast du eigentlich Lieblingsfiguren, kannst du die beschreiben?

Kurkow: Unter meinen Helden?

Petrowskaja: Ja.

Kurkow: Ja, natürlich habe ich die, aber zum Beispiel in meinem letzten Roman, der auf Deutsch erschienen ist, "Jimi Hendrix live in Lemberg", da gibt es sechs Haupthelden und drei von ihnen sind wahre Lemberger, wahre Leute unter ihren wahren Namen. Unter ihnen gibt es Alik Olisewitsch, der existiert wirklich, er arbeitet als Beleuchter in Opern, und er ist ein alter Hippie, der bis heute Hippie bleibt. Er ist 56, und er war einverstanden, Held in meinem Roman zu werden, und wir sind gute Freunde. Und wenn man von erfundenen Figuren spricht, erfundenen Helden, vielleicht Dobrinin in meiner Trilogie "Geografie des einzelnen Schusses", zwei Bände sind auf Deutsch schon erschienen, "Der wahrhaftige Volkskontrolleur "und "Der unbeugsame Papagei". Er ist ein sowjetischer Mensch, weil der Roman spielt in sowjetischer Zeit, sehr ernst und nicht sehr klug vielleicht, aber versteht, was Gerechtigkeit ist. Und ich habe auch immer versucht, das zu verstehen, was ist Gerechtigkeit, historische oder situative Gerechtigkeit.

Petrowskaja: Ja, übrigens Gerechtigkeit, du fährst jetzt durch Deutschland, du hast beinahe zwei Monate Lesungen mit zwei Büchern, die sehr unterschiedlich sind. Also diesen Roman über Jimi Hendrix oder eher gesagt über Hippies in Lemberg und mit dem Buch, was vor Kurzem erschienen ist, "Ukrainisches Tagebuch". Du hast jeden Tag seit November 2013 die Ereignisse fixiert, und jetzt können wir Tag für Tag verfolgen, was eigentlich in Kiew und der Ukraine auf Maidan passierte. Wie reagieren deine Leser darauf, auch auf diese Zusammenpräsentation von zwei Büchern, die so unterschiedlich sind? Das eine ist so grotesk und absurd, und das andere ist mehr als ernsthaft und auch auf der Suche nach Gerechtigkeit, auf die Gerechtigkeit geschrieben.

Kurkow: Ja, das ist schwer zu sagen, weil jede Lesung, jedes Treffen verläuft irgendwie anders. Manchmal schaffe ich beide Bücher gleich zu präsentieren, manchmal spreche ich mehr über die Ukraine, und natürlich kommen nach der Lesung immer die Fragen, und die Fragen kommen jetzt nicht über Literatur - weil ich aus der Ukraine komme aber über die ukrainische Situation, Politik und was passiert nach der Revolution.

Petrowskaja: Du bist beinahe der einzige sehr bekannte russische Schriftsteller, also russischsprachiger Schriftsteller aus der Ukraine - welche Fragen bekommst du bei solchen Lesungen?

Kurkow: Ja, immer über Sprachen, eigentlich über die Rolle der Intellektuellen und Schriftsteller während der Euro-Revolution und den Maidan-Protesten, über die heutigen neuen Politiker und heutigen Präsidenten Petro Poroschenko und über Russland und russische Politik in der Ukraine, alles, was aktuell ist.

Petrowskaja: Hat sich für dich die Vorstellung von deiner eigenen Rolle verändert in diesen Tagen, also seit November letzten Jahres?

Kurkow: Meine Rolle ... Ich war und ich bin ein Schriftsteller natürlich und ich bin kein Revolutionär, obwohl ich in der Orangen Revolution natürlich viel, viel mehr engagiert war in 2004 als jetzt bei Euromaidan.

Petrowskaja: Warum?

Kurkow: Warum! Damals entdeckte ich, die Intellektuellen und Schriftsteller spielten eine große Rolle und sie waren zusammen und sie beeinflussten die Situation. Ich erinnere mich zum Beispiel, als drei Wochen lang auf dem Europaplatz in der Nähe von Maidan - du kennst diese Buchhandlung Naukowa Dunka, große, alte Buchhandlung, wo ich und andere Schriftsteller, die Brüder Kapranov zum Beispiel, offene Diskussionen zwischen zwei politischen Seiten organisierten, Tee kochten und diese Diskussionen moderierten. Das war wirklich interessant, und man konnte eigentlich auch die Leute sehen, diese Bergleute, die wurden vom ehemaligen Präsidenten - damals war nur ein Kandidat, Janukowitsch - aus Donbass mit Zügen nach Kiew gebracht. Sie wollten angeblich sich nur aufwärmen, weil es waren minus 25 [Grad] draußen, aber sie engagierten sich ein bisschen auch in Diskussionen und wollten verstehen, was die Kiewer Leute denken über die Situation.

Maidan: "Jeder Mensch hatte seine eigene Idee, warum er dorthin fährt"

Petrowskaja: Du meinst, es gab sehr viel mehr Diskussion zwischen den Seiten, und jetzt gibt es diese Diskussion nicht?

Kurkow: Ja, weil ich glaube, was passierte, dass nach der Enttäuschung nach der Orangen Revolution ganz viele Nationalisten und verschiedene junge Politiker dachten, dass eigentlich die Revolution so negative Konsequenzen hatte, weil es gab kein Blut, es gab keinen Kampf, und sie dachten, dass man eigentlich ohne Blut, ohne Kampf das System nicht ändern kann. Deshalb glaube ich, einige Gruppen der Radikalen waren schon für den Kampf bereit, mehr als für Diskussionen, und sie wollten nicht Intellektuellen zuhören. Auch während Euromaidan gab es ganz viele runde Tische und Gespräche, aber es gab immer wenig Leute, die eigentlich zu dieser Diskussion kommen wollten, um zuzuhören. Und ich glaube, wenn die Zeit der Gewalt kommt, das heißt, dass die Leute eigentlich entscheiden, die Wörter nicht zu benutzen. Es gibt keinen Dialog, dann kommt die Gewalt. Und auch diese Revolution war nicht eine Mittelstufen- oder Mittelklasse-Revolution. Die Orange Revolution war Mittelklasse, das war eigentlich von ausgebildeten Leuten organisiert.

Petrowskaja: Und diese nicht?

Kurkow: Nein.

Petrowskaja: Also es gibt ganz unterschiedliche Meinungen?

Kurkow: Ja, diese Revolution war - zuerst waren die Proteste spontan, und die Studenten, die hatten mit dieser Revolution begonnen, wollten eigentlich keine politischen Proteste haben, sondern einfach den ehemaligen Premierminister Asarow und die Regierung zurück zum Unterschreiben des Assoziierungsabkommens bringen. Und nach der ersten Gewalt am 29. November waren die Proteste schon politisch, aber die Leute, die waren am Maidan angekommen aus verschiedenen Regionen. Jede Gruppe, jeder Mensch hatte seine eigene Idee, warum er nach Maidan fährt und was er erreichen möchte.

Petrowskaja: Du hast mehrere Tage geschildert, wenn ich mich nicht irre bis März ...

Kurkow: Bis April, Ende April, ja.

Petrowskaja: ... bis April 2014. Was waren für dich die wichtigsten Punkte dieses Widerstandes?

Kurkow: Ja, natürlich 20. bis 22. Februar, aber auch im Januar, Mitte Januar, 10., 11., 12. Januar, dann Anfang März ...

Petrowskaja: Was passierte genau?

Kurkow: Ja, im Januar die ersten Opfer, die ersten zwei Demonstranten wurden getötet, ein armenischer Ukrainer, Sergej Nigojan aus dem Osten, aus dem Dnipropetrowsk Gebiet, und ein Bürger von Weißrussland. Dann natürlich 20., 21. Februar die Scharfschützen, die töteten ungefähr 100 Demonstranten ohne Waffen in Maidan, und dann 3., 4. März die Erwartung des Krieges, als Putin gesagt hat, dass die russische Armee offiziell in die Ukraine einmarschieren kann.

Kiew: "Das Leben ist viel teurer geworden"

Petrowskaja: Hier in deinem Tagebuch merkt man, dass das Leben in Kiew sich wahnsinnig verändert. Du schilderst einiges aus deinem privaten Leben, wie du mit den Kindern auf die Krim fährst oder wie du in die Sauna gehst, wie du Tage mit Freunden verbringst - und immer wieder Maidan und immer wieder dieser Wahnsinn und dann erste Tote. Wie verläuft das Leben in Kiew jetzt zwischen nun existierendem Krieg und einem normalen Alltag?

Kurkow: Ja, ich glaube, wenn man jetzt einfach nach Kiew fährt und als Tourist beobachtet, was in Kiew geschieht, dann bemerkt man nichts Besonderes. Aber für mich zum Beispiel - also ich wohne dort, und ich wohne in der Altstadt -, ich weiß, dass es ganz viele Flüchtlinge aus Donbass in Kiew gibt. Die sind keine einfachen Leute, die sind Geschäftsleute, Leute mit Geld, die möchten jetzt eigentlich in Kiew bleiben. Und es gab bis 4.000 Kinder dieser Flüchtlinge, die sind in eine ukrainische, in eine Kiewer Schule gegangen, auch in die Klasse von meinem älteren Sohn Theo, es gibt zwei Mädchen aus Donbass, und ich glaube, das provoziert auch ganz viele Diskussionen ohne Reaktion, weil sicher sind die Eltern dieser Kinder praktisch manchmal keine Patrioten in der Ukraine. Sie denken und sagen, das ist Kiew schuld, dass alles passiert, und die Kinder wiederholen das. Eigentlich gibt es jetzt mehr politische Diskussionen unter Schülern, unter Kindern als früher, und ich glaube, das wird auch die Atmosphäre in Kiew beeinflussen. Das Leben ist viel teurer geworden, teure Restaurants schließen, aber doch geht das Leben weiter. Nachtklubs funktionierten die ganze Zeit, aber man muss auch erinnern, dass es unter Maidan ein zweistöckiges unterirdisches Handelszentrum gibt, das funktionierte praktisch fast die ganze Zeit der Proteste, außer am 20., 21. und 22. Februar. So war diese Revolution sehr lokal, aber gleichzeitig für die Ukrainer global. Weil meine Nachbarn zum Beispiel würden immer am Morgen ihre Kinder zur Schule 57 bringen, und diese Schule war nur 50 Meter entfernt von den Barrikaden auf der Proriznaja-Straße.

Der Maidan-Platz in Kiew. Verbranntes Material und Trümer liegen überall herum, Rauchschwaden sind zu sehen. (picture alliance / dpa / Andrey Stenin)Brennende Barrikaden auf dem Maidan-Platz: "Es gab keinen Dialog, dann kommt die Gewalt." (picture alliance / dpa / Andrey Stenin)

"Sie kommen als Krieger gegen Korruption"

Petrowskaja: Genau, meine Mutter arbeitet immer noch in der Schule 77, das ist auf dem anderen Hügel von Maidan aus, und da auf Luteranska standen auch Barrikaden, nur einige Kinder konnten gar nicht dahin gelangen. Ich weiß nicht, jedes Mal, wenn ich nach Kiew komme, sehe ich doch diese offene Wunde, diesen offenen Friedhof in der Mitte der Stadt. Das ist wahnsinnig, in Kiew spazieren zu gehen. Man gelangt an Maidan oder in der Umgebung auf die Institutskastraße, und da sind überall Kreuze, überall Kerzen oder Schilder, manchmal spontan gemachte Erinnerungsstücke von irgendwelchen Menschen, die dann gestorben sind. Also die Stadt ist doch mit dieser Trauer und mit der neuen Trauer, mit neuen Opfern da. Und mir ist es wirklich nicht klar, wie tief sie in der Stimmung lebt. Mittlerweile haben die Wahlen stattgefunden, und ich wollte dich fragen, wie siehst du das - hat man das Gefühl in Kiew, dass tatsächlich neue Menschen an die Macht gekommen sind, dass tatsächlich die Leute, die auf Maidan aktiv waren, neue Kräfte ausgebaut haben? Ist es tatsächlich Machtwechsel gewesen?

Kurkow: Noch nicht, aber es gibt neue Gesichter und es gibt neue Politiker - die sind noch nicht Politiker, aber vielleicht vorbereitet, Politiker zu werden. Aber was passierte, dass nach Maidan, als der Konflikt in Donbass begonnen hat, dann ganz viele Maidaner, die potenzielle Politiker waren, als Freiwillige nach Donbass gefahren sind, um für die Ukraine dort zu kämpfen. Und jetzt sind einige zurückgekommen, die hatten an den Parlamentswahlen teilgenommen und sind jetzt in verschiedenen Parteien als Parlamentsabgeordnete. Diese Leute sind natürlich keine erfahrenen Politiker oder keine erfahrenen politischen Leute, das heißt, die sind militant, die sind bereit zu kämpfen, aber sie haben keine Erfahrung und machten keine Studien. Und das ist interessant, positiv und ein bisschen gefährlich gleichzeitig, weil sie verstehen manchmal nicht, was ist erlaubt in politischem Kampf und was nicht. Für Janukowitsch und seine Partei war alles erlaubt, aber wenn wir eigentlich ein zivilisiertes System einführen wollen, müssen wir auch Grenzen zeigen, was kann man als Politiker machen und was ist nicht erlaubt zu machen. Und jetzt, außer diesen jungen Politikern wie Vladimir Parasuco zum Beispiel oder die Kommandeure der freiwilligen Bataillone, gibt es auch ganz viele Freiwillige, die einfach jetzt rausziehen aus der Donbass-Region und denken, dass sie jetzt eigentlich in der Lage sind, mit Korruption in ihren Dörfern und Städten zu kämpfen, und sie denken nicht, dass sie auch in der Lokalpolitik engagiert sein könnten. Sie kommen einfach schon als Krieger gegen Korruption, und das kann ein bisschen mehr Anarchie mitbringen als früher. Diese korrupte Anarchie, das war eine Sache, aber jetzt, wenn man praktisch zurück nach Hause von dem Krieg kommt - und manchmal versuchen sie auch, die Waffen mitzunehmen -, dann bewegen wir uns natürlich ein bisschen in Richtung Selbstjustiz. Und damit muss ich sagen, dass eigentlich die politische Aktivitäten des Parlaments jetzt unglaublich wichtig sind. Hauptsache ist, die Besten von diesen neuen jungen Politikern müssen sehr schnell lernen, wie können sie eigentlich ihre Stimme und Ideen laut im Parlament machen, ohne selber ein bisschen zu aggressiv zu sein.

Petrowskaja: Wie siehst du eigentlich die weitere Entwicklung von diesem sogenannten Konflikt oder sagen wir Krieg zwischen Ukraine und Russland?

Kurkow: Ja, ich glaube, Russland ist interessiert, dass die Situation eingefroren bleibt und unter Kontrolle der russischen Armee und der russischen Politiker, und das bedeutet, dass eigentlich diese 200 Kilometer der Grenze zwischen Russland und dem Territorium, das von Separatisten und russischer Armee kontrolliert [wird], werden eigentlich sozusagen offen bleiben, und Russland wird alles dorthin liefern, was Russland möchte. Das bedeutet, dass eigentlich die ukrainische Regierung ganz viel Geld für Verteidigung und für die Armee ausgeben muss, weil wir haben jetzt 2.000 Kilometer lang Grenze zwischen Separatisten und uns. Ich habe einfach Angst, dass in dieser Situation die Regierung und der Präsident nicht in der Lage sein werden, über ökonomische Reformen nachzudenken oder andere Probleme, die bei uns existieren.

Petrowskaja: Du bist sehr viel durch die Ukraine gereist, du warst in mehreren Orten und vielleicht überhaupt fast überall. Wie siehst du die Ukraine, wie unterschiedlich ist die Ukraine für dich? Gab es eigentlich einen Grund für diesen Konflikt, was oft als innerer Konflikt in der Ukraine geschildert wird?

Kurkow: Der Grund ist da eigentlich und war immer da, weil ukrainische Politiker, ukrainische frühere Präsidenten wollten eigentlich nicht ein Konzept, eine innere Politik in dem Land zu führen, die alle Regionen eigentlich vereinen oder eine gemeinsame Nationalidee finden oder eine Idee, die eigentlich ein ganzes Land in eine Richtung bringen wird. In diesem Sinne, die russischsprachigen Regionen wie Donbass sind nicht eine oder nur eine Region, es gibt ganz viele russischsprachige überall, in Sakarpatje, in Lemberg, zehn Prozent der Bevölkerung. Das heißt aber, dass die Leute in Donbass von der Lokalmafia und von Oligarchen und Lokalpolitikern konserviert waren. Sie haben es geschafft, die sowjetische Mentalität zu behalten, bis heute, und in diesem Sinne sind sie mehr eigentlich ähnlich zu Russländern, weil dort herrscht bis heute diese Mentalität, fast monarchische Mentalität. Es muss eine Partei sein, ein Präsident, der bis zu seinem Tod bleiben wird, wie ein Zar, und die Leute haben eigentlich keine Lust, aktiv in die Politik einzutreten.

"Eigentlich habe ich fast keine Kontakte mehr"

Petrowskaja: Wie, denkst du, wird es sich weiterentwickeln?

Kurkow: Das ist schwer zu sagen, eigentlich glaube ich, nach dem Winter wird es klarer sein, weil die Hauptsache ist jetzt für alle Regionen in der Ukraine, den Winter zu überleben, obwohl der Vertrag mit Russland wegen Gas ist unterschrieben, aber alles kann passieren, weil Russland gibt nie eine Garantie, dass die russische Regierung auch Verträgen folgen wird. Aber ich glaube, auch für Donbass gibt es jetzt Schwierigkeiten. Die sind komplett finanziell, weil natürlich die ukrainische Regierung kein Geld dorthin schicken wird für Renten, für Gehälter, weil es praktisch keine Banken gibt, die dort funktionieren und Filialen von der Nationalbank wurden ausgeraubt. Das heißt, dass jetzt entweder Russland diese Region, besetzte Region die ganze Zeit finanzieren muss, oder es wird neue Probleme für die Bevölkerung dort geben.

Petrowskaja: Ich weiß, dass viele Freunde von mir in Kiew eigentlich mit dieser Problematik beschäftigt sind. Sie organisieren große Vereine, um Flüchtlingen zu helfen, um finanzielle Hilfe zu leisten, und es sind mittlerweile Dutzende, Tausende Menschen, die sich damit beschäftigen. Ich hatte von meinen Freunden das nicht erwartet. Ich wollte dir eine Frage über Freunde stellen. Du bist auch in diesem großen sowjetischen Raum aufgewachsen, du hast bestimmt Freunde in St. Petersburg und Moskau. Wie kommunizierst du jetzt mit ihnen, hast du was Katastrophales mit ihnen erlebt, hast du Freunde verloren wegen dieses Konfliktes? Wie siehst du das Ganze?

Kurkow: Ja, vor einiger Zeit habe ich Freunde verloren, eigentlich habe ich fast keine Kontakte mehr, weil auch meine Freunde meine E-Mails nicht mehr beantworteten im Dezember, Januar, März. Nur einige meiner Kollegen, russische Schriftsteller, unterstützen eigentlich Ukraine und mich in dieser Situation, aber diese Schriftsteller sind im Westen bekannt und sind Übersetzer - Wladimir Sorokin, der auch jetzt hauptsächlich, glaube ich, in Berlin lebt, Ljudmila Ulitzkaja, die verbringt mehr Zeit vielleicht in Israel jetzt als in Moskau, und Boris Akunin - Grigori Tschchartischwili -, der in Frankreich lebt. Mit diesen Leuten bin ich noch in Kontakt. Die anderen Schriftsteller, ich werde sie nicht nennen, aber sie beantworten keine E-Mails. Und ich habe auch die Texte von einigen gelesen, die waren ganz anti-ukrainisch und pro Putin, ich war wirklich sehr überrascht.

Petrowskaja: Wie kannst du das erklären? Also ich erinnere mich auch an einige Freunde von mir, wir waren alle zusammen Anfang der 90er, als zum Beispiel damals noch sowjetische Panzer nach Vilnius kamen. Es gab so einen Fall, es sind Hunderttausende Menschen in Moskau auf die Straße gegangen, und ich frage mich jetzt, wo sind alle diese Menschen, was ist mit ihnen passiert, und es gab auch viele Freunde von uns unter diesen Menschen. Meine Freunde sind doch irgendwie anti Putin geblieben, und das ist auch ganz klar, aber einige Bekannte sind doch zusammen mit dieser pro-russischen, pro-nationalistischen Bewegung gedriftet.

Kurkow: Ja, ich glaube, einige haben Angst. Die anderen, zum Beispiel Kulturleute, sie verstehen, dass die russische Regierung die ganze Zeit sehr stark russische Kultur gefördert hat, und praktisch sind alle Schriftsteller oder Künstler oder Filmemacher abhängig von der russischen Regierung und dem russischen Budget und bekommen das Geld von dort und wollten eigentlich nicht diese Kontakte oder Möglichkeiten verlieren. So schweigen sie oder sie sind zusammen mit anderen, mit der Regierungspartei. Weil ich erinnere mich, nach der Besetzung von der Krim unterschrieben Hunderte russische Schriftsteller diesen Brief, um Putin zu unterstützen.

"Ukrainische Rechtsradikale sind wirklich eine Minderheit"

Petrowskaja: Ja, es gibt immer ein paar Kulturschaffende in Russland, die sich ganz laut melden. Ich werde jetzt nicht über Memorial oder politisch engagierte Menschen reden, sondern solche wie Andrej Makarewitsch, und der war, man kann nicht sagen, Held unserer Jugend, aber er war schon sehr, sehr bekannt, als wir jung waren, also ein Sänger, der sich ganz hart und direkt gegen Putin gesetzt hat, und er wurde beinahe verfolgt. Und es gibt doch viele Menschen in Russland, die sich ganz klar äußern. Hast du Freunde unter solchen Menschen?

Kurkow: Schwer zu sagen. Ich kenne Andrej Makarewitsch nicht persönlich, und ich glaube, es gibt ganz viele Kulturschaffende, die sind eigentlich bereit, das Land zu verlassen - aus Protest oder einfach weil sie Angst haben, dass das Land in eine sehr gefährliche Richtung geht.

Petrowskaja: Also diese gefährliche Richtung ist beinahe pro-faschistisch geworden, und dabei sagt die russische Regierung und die russischen Medien über die Ukraine, dass da irgendwie pro-faschistische Kräfte sich ausbauen. Wie ernst ist das, diese pro-faschistische Bewegung in der Ukraine, ist es überhaupt etwas, worüber man reden soll, oder ist es eine Erfindung russischer Propaganda?

Kurkow: Es gab keine Faschisten im Dezember, Januar, Februar in der Ukraine, aber es gab immer Rechtsradikale. Sie waren klein und sie sind weniger mächtig als Rechtsradikale in Frankreich, wo die Le-Pen-Partei 25 Prozent in den Kommunalwahlen bekommen hat, oder in Ungarn. In diesem Sinne sind ukrainische Rechtsradikale wirklich eine Minderheit. Der Chef der radikal-sozialistischen Partei Swoboda Oleh Tjanybok während der Präsidentschaftswahlen hat nur 1,1 Prozent bekommen und der Chef vom rechten Sektor 0,7 Prozent bekommen, jetzt auch. Diese radikal-sozialistische Partei Swoboda hat es nicht geschafft, fünf Prozent zu bekommen, um ins Parlament zu kommen, so werden sie ja jetzt eigentlich keine nationalistische Partei im Parlament haben, das ist auch interessant. Gleichzeitig werden wir keinen Kommunisten haben. Aber der Grund ist anders, weil für die Kommunisten hatten immer die Krim-Wähler gestimmt, und jetzt, als Krim okkupiert ist, die Wähler stimmen jetzt für russische Parteien, sind die ukrainischen Kommunisten weg, sind Geschichte geworden.

Petrowskaja: Was ist deine Vision, was wäre so eine, wenn man über das positivste Bild, was du vor Augen hältst, reden kann, was siehst du in der Zukunft?

Kurkow: Ich glaube, das Problem mit Donbass und Krim wird bleiben natürlich, aber was wichtig ist, dass der Präsident Russlands Putin zusammen mit dem ehemaligen Präsidenten Janukowitsch hatten zusammen die ukrainische Nation konsolidiert, und endlich waren praktisch alle Regionen zusammen in diesem Kampf für die unabhängige Ukraine, fürs Überleben des Landes. Ich hoffe, dass das so bleibt, dass die Vertreter von allen Regionen jetzt über die Zukunft des Landes nachdenken werden, mehr als über ihre eigene Tasche und ihr eigenes Geld - das war üblich in früherer Zeit im Parlament und unter Politikern. Und natürlich werden jetzt die Politiker unter dem Druck von Maidan-Aktivisten bleiben, und das ist auch sehr wichtig, weil dann verstehen sie, dass sie eigentlich auch in einen Müllcontainer geworfen sein können. Das ist natürlich auch ein Teil von Selbstjustiz, was jetzt passiert, aber diese Maidaner oder die Aktivisten aus Maidan, aus der Konfliktzone, kommen zurück nach Hause, und wenn sie sehen, dass die Richter nicht mit Korruption kämpfen, dann kämpfen sie selbst mit korrupten Beamten und Politikern.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

Andrej Kurkow wurde 1961 in St. Petersburg geboren, er lebt in Kiew. Er war Zeitungsredakteur, Kameramann und Drehbuchautor, seit 1996 arbeitet er als freier Schriftsteller und veröffentlichte u.a. die Romane "Picknick auf dem Eis" und "Der Milchmann in der Nacht". Kurkow spricht elf Sprachen und ist Kommentator in internationalen Medien über das politische Leben in der Ukraine. Zuletzt erschien sein "Ukrainisches Tagebuch. Aufzeichnungen aus dem Herzen des Protests".

Katja Petrowskaja, 1970 in Kiew geboren, studierte Literaturwissenschaft im estnischen Tartu und promovierte in Moskau. Seit 1999 lebt sie in Berlin und arbeitet als Journalistin für russische und deutsche Medien. Für ihren Erzählband "Vielleicht Esther" erhielt sie 2013 den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Über die Reihe "Ukraine im Gespräch":

Nach französischen Vorbild heißt es auch auf Russisch tête-à-tête, wenn zwei Menschen sich unterhalten. Vier Gespräche mit Schriftstellern und Künstlern aus der Ukraine führt Katja Petrowskaja für "Essay und Diskurs", nicht allein um die Lage in der Ukraine aus der Sicht von Intellektuellen im Blick zu behalten.

Es geht weniger um die aktuelle Nachrichtenlage, zu der in den Medien auch immer wieder Schriftsteller aus einer Krisenregion gefragt werden. Es geht um einen diskursiven Hintergrund: Inwieweit ist es Künstlern überhaupt möglich, situativ Stellung zu nehmen? Worin liegt ihre eigentliche Aufgabe? Welchen Einfluss hat die politische Situation auf das eigene Werk?

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