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StartseitePodiumEine ungewisse Zukunft24.06.2014

Ukraine-FlüchtlingeEine ungewisse Zukunft

Mehr als 100.000 Ukrainer haben in den vergangenen Wochen die Grenze nach Russland überquert. Wie viele von ihnen wirklich Flüchtlinge sind, ist aber unklar, denn viele Ukrainer arbeiten im Nachbarland. Andere besuchen in der Sommerzeit Verwandte. Im Grenzort Primorka bei Rostow leben 240 Flüchtlinge in einem Lager.

Von Gesine Dornblüth

Ostukrainer aus Slawjansk stehen in einem Flur des Flüchtlingslager in Snizhne, Russland. (AFP/Daniel Mihailescu)
Ostukrainer aus Slawjansk stehen in einem Flur des Flüchtlingslager in Snizhne, Russland. (AFP/Daniel Mihailescu)
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Das Kinderferienheim "Pionier". Baracken, frisch bepflanzte Blumenbeete, weiß-blau-rote Fähnchen. Am Tor steht der Direktor, Alexander Dobrowolskij, und begrüßt Besucher. Es kommen gleich mehrere auf einmal, zwei junge Männer im Anzug, ein korpulenter älterer Herr.

"Das sind die Leute von Astachow, vom Kinderbeauftragten des Präsidenten. Aus Moskau. Alle waren schon bei uns. Die Mitarbeiter der Präsidialverwaltung drei Tage, und dann kam noch der Leiter selbst. Und das ist der stellvertretende Leiter der Bezirksverwaltung."

Nun kommt auch noch eine Frau. In jeder Hand eine dicke Plastiktüte. Darin Kinderbücher – eine Spende. Die meisten Bewohner des Heims sind Kinder.

Neben der Einfahrt sitzt eine Gruppe Frauen unter einer Linde. Aus dem Dorf ist eine Friseurin gekommen, schneidet kostenlos Haare. Gerade ist Svetlana an der Reihe, etwa vierzig Jahre alt, ihr Pony fällt ihr in die Augen. Svetlana kommt aus Anthrazit, einer Industriestadt im Gebiet Lugansk. Sie hat dort als Verkäuferin gearbeitet. Als in den Vororten gekämpft wurde, floh sie.

Mit vier Bussen über die Grenze

"Gerüchte machten die Runde, Truppen würden die Stadt einkreisen. Mein Mann hat angerufen und gesagt: Packt eure Sachen und macht euch sofort auf den Weg. Ich bin mit meiner älteren Tochter und meiner Enkelin hier. Meine jüngere Tochter und mein Mann sind geblieben. Sie verteidigen die Stadt."

Vier Busse brachten sie nachts über die Grenze. Katja mischt sich ein, Ende dreißig. Sie kommt aus dem Donezker Gebiet und hat ein sechsjähriges Mädchen auf dem Schoß.

"Wir mussten gehen. Ich habe das Referendum mitorganisiert. Die Männer sagten, ich sollte gehen, um das Leben meiner Kinder zu retten. In unserer Stadt ist es noch ruhig. Mein Mann macht Dienst am Kontrollpunkt vor der Stadt. Wenn meine Töchter nicht noch so klein wären, würde ich sofort zurückfahren und mich auch beim Landsturm einreihen."

Angst vor ukrainischer Regierungsmacht

Für die Frauen ist klar: Die ukrainischen Regierungstruppen sind die Angreifer. Svetlana, die Verkäuferin:

"Ein paar Frauen hier im Lager haben Computer dabei. Wir gucken russische und ukrainische Nachrichten, und wir vergleichen sie. Die ukrainischen Medien lügen. Die haben gesagt, die Zivilbevölkerung werde nicht berührt, der Einsatz richte sich nur gegen Terroristen. Aber die werfen doch offensichtlich Bomben auf Wohnhäuser.

"Pionierleiter! Wer passt hier auf die Kinder auf? Teilt jemanden ein, der die Kinder beaufsichtigt."

Der Direktor des Lagers, Alexander Dobrowolskij, hat etwas Zeit und zeigt das Gelände. An den Barackenwänden prangen Mosaike aus der Sowjetzeit: Jungen mit roten Halstüchern, Trompeten und roten Fahnen vor einer Sonne, junge Kosmonauten in einer Rakete, Friedenstauben. Kinder spielen in Gruppen. Die Kleinsten buddeln im Sand. Ein Jugendlicher läuft herbei. Er trägt ein rotes Halstuch, geknotet genau wie bei den Pionieren.

"Die Kinder sind in Gruppen eingeteilt, nach Altersstufen. Die Pionierleiter malen mit ihnen, die Kinder lernen Lieder und Tänze. Sie unternehmen Ausflüge. Alle sind froh und glücklich."

Mosaike aus der Sowjetzeit

Eine Treppe führt hinab zum Meer. Die Stufen haben Löcher. Das Ufer ist zugewachsen. Das Ferienheim hat früher einer Fabrik gehört. Fünf Jahre stand es leer. Dann hat Dobrowolskij die Anlage gekauft.

"Wir wollten diese Saison eröffnen. Dann wurde uns gesagt, dass am 4. Juni ein Flüchtlingsstrom einsetzen werde. Da haben wir umdisponiert. Wir haben 200 Plätze, es sind aber schon 240 Leute. Wir richten gerade ein Obergeschoss her, dann können wir noch 50 aufnehmen. "

Die Regierung in Moskau hat Gelder bewilligt, er bekommt die Kosten erstattet. Dobrowolskij geht davon aus, dass die Flüchtlinge lange bleiben.

"In der Schule wurden bereits 60 zusätzliche Plätze eingerichtet. Und der Kindergarten im Ort wird vorbereitet. Ich denke, sie werden den Winter hier verbringen. Bis dahin werde ich eine Heizung einbauen. Viele wollen auch nicht zurück. Wir werden gemeinsam hier leben."

Der Direktor saniert sein Heim. Die Flüchtlinge aber stehen vor einem Dilemma. Wenn sie lange in Russland bleiben wollen, müssen sie einen Flüchtlingsstatus beantragen. Dann müssen sie ihren ukrainischen Pass abgeben und können nicht wieder zurück. Einfacher ist es, als Besucher in Russland zu bleiben. Doch das ist formal nur einige Monate möglich. Niemand weiß, ob der Konflikt bis dahin beendet sein wird. Svetlana, die Verkäuferin aus Anthrazit, möchte ihren Pass behalten. Sie streicht sich durch das frisch frisierte Haar:

"Sobald die Kämpfe aufhören, fahren wir nach Hause. Ich hatte dort Arbeit, meine Tochter auch, meine Mutter ist dort, und sie ist krank. Aber wir müssen sicher sein, dass uns niemand etwas an tut, dass uns niemand umbringt dafür, dass wir nach Russland geflohen sind. Irgendjemand hat uns gegeneinander aufgehetzt. Wir haben doch früher auch in Freundschaft gelebt, die West- und die Ostukraine. Wir sollten wieder alle Freunde sein, wie früher in der Sowjetunion."

Und so flüchten sie sich vor der ungewissen Zukunft in die Vergangenheit.

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