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StartseiteEuropa heuteHoffnungsträgerin für den Westen22.03.2016

UkraineHoffnungsträgerin für den Westen

Die Ukraine steckt weiterhin in einer Regierungskrise. Mitte Februar hat Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk ein Misstrauensvotum überstanden. Doch es bleibt ungewiss, ob er bleiben kann. Als mögliche Nachfolgerin ist eine Frau im Gespräch: die ukrainische Finanzministerin Natalia Jaresko.

Von Florian Kellermann

Die ukrainische Finanzministerin Natalia Jaresko (picture alliance / dpa - Andrew Kravchenko / Pool)
Die ukrainische Finanzministerin Natalia Jaresko (picture alliance / dpa - Andrew Kravchenko / Pool)

Russische Medien nennen sie gerne Natalia Jaresko - so unterstreichen sie, dass die ukrainische Finanzministerin in den USA geboren ist. Tatsächlich wuchs sie in Chicago auf, als Tochter ukrainischer Immigranten. Doch die Verbindung zur ukrainischen Kultur verlor die Familie nie, Natalia Jaresko erlernte sogar das ukrainische Zupfinstrument Bandura. Deshalb habe es ihr nichts ausgemacht, ihre US-Staatsbürgerschaft aufzugeben, sagte sie als frischgebackene Ministerin:

"Ich war immer Ukrainerin, mein Herz war immer hier. Natürlich verstehe ich Menschen, die einen Pass möchten, mit dem man leichter reisen kann, mit dem man nicht so lang auf ein Visum warten muss. Aber ich bin einfach stolz auf meinen ukrainischen Pass."

"Ich bin in Amerika aufgewachsen"

Ihren Patriotismus stellt Jaresko immer wieder heraus, so bei einer Pressekonferenz:

"Nein, Russisch spreche ich nicht", beschied sie einem russischen Journalisten. Trotzdem weiß Jaresko um ihren Vorteil gegenüber altgedienten ukrainischen Politikern: Die 50-Jährige entstammt keinem der Oligarchen-Klans, sie ist niemandem persönlich verpflichtet. Ihr erhebliches Vermögen erwarb sie als Investment-Bankerin. Sie vertrat die eine Investment-Gesellschaft, die sie selbst mit gegründet hatte, acht Jahre lang in der Ukraine. Auch ihr Lebensstil entspreche nicht der ukrainischen Oberschicht, betont sie:

"Ich bin in Amerika aufgewachsen, in der amerikanischen Mittelschicht, und kaufe zum Beispiel Kleidung und Schuhe ganz anders ein. Ich kaufe keine Designerware. Unser Haus sieht zwar von außen groß aus, ist aber innen sehr bescheiden. Eine Frau hilft mir einmal im Monat beim Putzen, aber ich und meine Kinder machen im Haushalt auch viel selbst."

Jaresko wirkt bodenständig, das hilft ihr auch bei den schwierigen Verhandlungen mit Geldgebern. Sie erreichte bei den wichtigsten Gläubigern einen Schuldenerlass und verhandelte erfolgreich mit dem Internationalen Währungsfonds. Die Ukraine erhielt einen Kredit über 17,5 Millarden US-Dollar. Dessen erste Tranchen bewahrten das Land bisher vor dem Staatsbankrott - und hätte Mitte des vergangenen Jahres auch die wirtschaftliche Talfahrt gestoppt, sagt Robert Kirchner von der Deutschen Beratergruppe, die der ukrainischen Regierung beiseite steht:

"Zumindest haben wir die erste Etappe gemeistert, dass der starke Fall gebremst ist und dass wieder eine gewisse Stabilisierung eingetreten ist, die natürlich immer noch fragil ist. Also es gibt keinerlei Garantien, dass sich das nicht auch wieder verschärfen kann, was von internen, aber auch von externen Faktoren, auch Stichwort Konflikt in der Ostukraine, abhängt."

Doch zuletzt stockte die Zusammenarbeit mit dem Währungsfonds - wegen des zu langsamen Reformtempos und der politischen Krise. Der Westen erwarte mehr Engagement, bevor er die nächste Kredittranche ausbezahle, erklärte erst vor Kurzem die US-Diplomatin Victoria Nuland.

Jaresko gilt dafür im Westen als Hoffnungsträgerin. In der Ukraine dagegen sehen das viele anders, nicht nur unter den Oligarchen. Sie will den Haushalt unter allen Umständen konsolidieren, das stößt auf Kritik. Kleinunternehmer, die bisher kaum Steuern zahlen müssen, sind gegen Jareskos geplante Steuerreform. Rentner klagen darüber, dass die Gaspreise steigen.

Kritik aus dem Parlament

Im Parlament kommt die schärfste Kritik an ihrer Kandidatur vom Rechtspopulisten Oleh Ljaschko:

"Niemand kann Ministerpräsident sein, der nicht genug Rückhalt im Parlament hat. Er kann keine Reformen durchbringen. So ist es bei der amtierenden Regierung, so würde es auch bei einer Regierung von Jaresko sein. Sie ist keine Lösung für die politische Krise. Zwei, drei Monate nach ihrer Wahl würde die Krise mit neuer Kraft zurückkehren."

Dass Jaresko keine Hausmacht in der ukrainischen Politik hat, ist also ihre größte Stärke und zugleich ihre größte Schwäche.

Immerhin haben sich inzwischen schon zwei große Fraktionen im Parlament bereit erklärt, Jaresko zu unterstützen: neben der Partei des Präsidenten Poroschenko auch die "Nationale Front" des amtierenden Premier Arsenij Jazenjuk. Aber wie die Verhandlungen hinter verschlossenen Türen ausgehen werden, ist weiterhin offen. Täglich streuen die Medien neue Gerüchte.

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