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StartseiteThemen der WocheDie Renaissance der Feindbilder16.08.2014

Ukraine-KonfliktDie Renaissance der Feindbilder

Amerikaner und Russen wissen beide, wie man ein Festival der Propaganda feiert, kommentiert Gabor Steingart vom Handelsblatt für den DLF. Beide hätten ständig den Finger am Abzug. Und die Deutschen würden dieses Spiel in der Ukraine-Krise mitspielen. Es werde geistig mobil gemacht gegen alles, was gestern noch als Voraussetzung für ein friedliches Miteinander in Europa galt.

Von Gabor Steingart, Handelsblatt

Russischer Hilfskonvoi auf einem Feld nahe Lugansk (picture alliance /dpa / Sergey Pivovarov)
Der Hilfskonvoi für die Ost-Ukraine - ein getarnter Militärangriff? (picture alliance /dpa / Sergey Pivovarov)
Weiterführende Information

Ukraine-Konflikt - Russland-Experte: Hilfskonvoi ist innenpolitisch motiviert (Deutschlandfunk, Interview, 16.08.2014)

Irak - Asselborn für Waffenlieferungen (Deutschlandfunk, Interview, 16.08.2014)

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Ukraine - Kiew meldet Angriff auf russische Fahrzeugkolonne (Deutschlandfunk, Aktuell, 15.08.2014)

Hilfslieferungen - Ukraine inspiziert russischen Konvoi (Deutschlandfunk, Aktuell, 15.08.2014)

In allen amerikanischen Wahlkämpfen spielt sie eine wichtige, eine bösartige Rolle: die Charakter-Attacke. Der Gegenkandidat wird dabei als Schuft inszeniert. Man malt sich den Gegner so, dass das Publikum gar nicht anders kann, als sich zu gruseln. Ich erinnere mich gut, wie ein Wahlstratege aus dem Lager von Hillary Clinton mir erklärte, dass man ihren damaligen Gegenkandidaten Barack Obama mit einem einfachen Pinselstrich zur Strecke bringen könne: "We have to paint him black." Wir müssen ihn schwarz anmalen, also als Interessenvertreter der Afro-Amerikaner abstempeln. Wir kennen das als Kinderspiel: "Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann". Die Charakter-Attacke zielt - und darauf kommt es hier an - nie auf den Kopf, sondern immer auf das Gemüt, auf Urängste, Vorurteile, Ressentiments. Sie nimmt etwas, was tatsächlich da ist - und vergrößert und vergröbert es.

Der Schwarze Mann heißt in diesem Fall Wladimir Putin

Womit wir bei der den ost-westlichen Beziehungen wären. Der Schwarze Mann heißt in diesem Fall Wladimir Putin und ist gewählter russischer Präsident. Als solcher ist er gut geeignet für eine Charakter-Attacke. Denn: Sein Umgang mit der Opposition ist, ohne Zweifel, autoritär, die Vetternwirtschaft mit den Oligarchen entspricht nicht unserer Vorstellung von Marktwirtschaft, der Einmarsch auf der Krim war - trotz Volksabstimmung - ein Akt wider das Völkerrecht. Nichts davon wird also je unseren Beifall finden. Auf diesen berechtigten Vorwürfen baut die Charakter-Attacke auf: Sie macht aus einem kühl kalkulierenden Machtpolitiker einen instinktgetriebenen Aggressor, einen politischen Primitivling, der Russlands alte Größe mit Gewalt wieder herstellen will und dabei über Leichen geht. Eine erregte Öffentlichkeit traut Putin plötzlich alles zu: Die Volksabstimmung auf der Krim - gefälscht. Der Hilfskonvoi für die Ost-Ukraine - ein getarnter Militärangriff. Der Abschuss des malaysischen Flugzeugs - eine vom Kreml angeordnete Tat. Es darf fantasiert werden auf Teufel komm raus: Putin gleich Hitler, das ist die Gleichung, die von Hillary Clinton ja auch öffentlich aufgemacht wurde. Die Dame weiß, wie Charakterattacken funktionieren. Gelernt ist gelernt. So weit so absehbar. Weltmächte untereinander, könnte man sagen, waren noch nie zimperlich. Amerikaner und Russen - beide wissen wie man ein Festival der Propaganda feiert. Beide haben ständig den Finger am Abzug. Jeder braucht den anderen und sei es als Feindbild. Auch eine Hassbeziehung ist eine Beziehung.

Alles scheint auf einmal kontaminiert zu sein

Aber was um Himmels Willen treibt uns Deutsche dieses gefährliche Spiel mitzuspielen? Und wenn wir hier von "uns Deutschen" sprechen, dürfen sich Politiker und Medien in gleicher Weise angesprochen fühlen. Nicht alle Politiker, nicht alle Medien, das ist klar, aber doch ein erheblicher Teil dieses politisch-medialen Komplexes ist in den vergangenen Wochen in Kriegsschwingung geraten. Selbst Zeitungen, hinter denen doch ein kluger Klopf stecken sollte, sind plötzlich seltsam erregt. Man spricht von militärischer Stärke, die es jetzt zu demonstrieren gelte. Früher war ein kluger Kopf ein kühler Kopf. Aber diese - für jedwede Nachdenklichkeit doch so notwendige gemäßigte Betriebstemperatur - scheint in der Hitze des Gefechts verloren gegangen. Es wird geistig mobil gemacht gegen alles, was gestern noch als Voraussetzung für ein friedliches Miteinander in Europa galt: Die Worte, Dialog, Interessenausgleich, Verständigung, die Verben verstehen, zuhören, austarieren scheinen auf einmal kontaminiert.

Die Scharfmacher und die Scharfgemachten

Selbst Wirtschaftsbeziehungen, früher der Garant für Verständigung – wir erinnern uns - Wandel durch Handel - gelten plötzlich nicht mehr als progressiv, sondern als dubios. Dabei ist nahezu die gesamte Lernerfahrung seit dem Ende des Kalten Krieges eine friedvolle: Rund die Hälfte der damaligen sowjetischen Bevölkerung hat mittlerweile den Einflussbereich des Kremls verlassen - darunter Litauer, Letten, Esten, Georgier, Kasachen, Moldawier und nun die Ukrainer - ohne dass seitens der gekränkten Weltmacht zum Äußersten gegriffen wurde. Aber wer das sagt, will verharmlosen. Auch die DDR, wir erinnern uns, wurde in die Freiheit entlassen, ohne dass ein einziger Schuss fiel. Alles Nostalgie, sagen nun die Scharfmacher und die Scharfgemachten. Dabei wäre es für Deutschland deutlich bekömmlicher, wieder zur Realpolitik zurückzufinden. Wir sind den westlichen Werten verpflichtet, aber dazu gehören eben auch Nachdenklichkeit und die Lust am eigenständigen Denken. Wir sind die Freunde der Amerikaner, aber nicht ihre Vasallen. Wir verteidigen die Freiheit, aber ohne feuchte Aussprache. Wir schauen mit Sorge nach Russland, aber doch nicht mit Hassgefühlen. Die Verhältnismäßigkeit der Mittel setzt die Verhältnismäßigkeit der Gedanken voraus. Realpolitik ist nichts für Eiferer und Rechthaber. Sie braucht den ruhigen Ton, die überlegte Geste und die Fähigkeit sich selbst mit den Augen des anderen sehen zu können. Von allen Herrschaftsformen ist nun mal die Selbstbeherrschung die schwierigste.

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