• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 13:35 Uhr Wirtschaft am Mittag
StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturKorrektiv zur Medienöffentlichkeit19.05.2014

UkraineKorrektiv zur Medienöffentlichkeit

Die Berichterstattung zur Krise in der Ukraine kann lediglich Mosaiksteine für ein Gesamtbild zusammentragen, das sich noch nicht zu einem schlüssigen Ganzen fügt. Umso wichtiger ist das Buch "Euromaidan. Was in der Ukraine auf dem Spiel steht" mit einordnenden Aufsätzen von Wissenschaftlern und Publizisten.

Von Johannes Grotzky

Menschen mit Ukraine- und EU-Flaggen auf dem Maidan in Kiew (dpa / picture alliance / Zurab Dzhavakhadze)
Menschen mit Ukraine- und EU-Flaggen auf dem Maidan in Kiew (dpa / picture alliance / Zurab Dzhavakhadze)
Weiterführende Information

Ukraine | "Durch dieses Feuer weitergehen" (Deutschlandradio Kultur, Interview mit Juri Andruchowytsch, 13.05.2014)

Maidan-Bibliothek | Bücher der Freiheit (Deutschlandfunk, Kultur heute, 27.04.2014)

Je differenzierter eine Konfliktlage ist - wie in der Ukraine, desto eher suchen die Medien nach vermeintlich klärenden Unterschieden von Opfer- und Täterrollen. Dies soll eine Dramaturgie des leichten Verständnisses ermöglichen. In dieser sehr komplexen Situation hat der Suhrkamp-Verlag den verdienstvollen und gleichzeitig schwierigen Versuch unternommen, die Vorgänge um den Euromaidan darzustellen und aufzubereiten. Die Text- und Bildbeiträge von fünfzehn Schriftstellern, Journalisten und Historikern haben dokumentarischen, aber auch wertenden Charakter. Die Autoren stammen aus der Ukraine, aus Polen, Deutschland, Russland und den USA. Fast alle Autoren zeigen in ihren Beiträgen, dass sie den Machtwechsel für gut und richtig halten. Viele Artikel verstehen sich überdies als Korrektiv zu derjenigen Medienöffentlichkeit in Europa, die mit Unverständnis auf die Ukraine, dafür aber mit umso größerem Verständnis auf Russland blickt. Der Übersetzer und Psychoanalytiker Jurko Prochasko aus Lemberg sieht darin auch einen Konfliktfall für die neue Ukraine und das alte Europa:

"Das Zögern mit den Sanktionen, erst gegen Janukowitsch und seine Umgebung, dann gegen das Putin-Regime, wird als Verrat an der Ukraine und an den europäischen Werten interpretiert, als politische Blindheit oder sogar als imperialistische Verschwörung mit dem Ziel, die Ukraine zwischen Russland und Europa aufzuteilen. Was viele Ukrainer heute in Bezug auf Europa empfinden, ist eine seltsame Mischung aus Bewunderung, Neid, Verachtung, Erwartung, Hoffnung, Enttäuschung. Mit einem Wort: Ressentiments. ... Oder wir sagen uns: Wir können uns nur auf uns selber verlassen. Putin ist der klare, deklarierte Feind, auf Europa ist kein Verlass, den Westen« gibt es nicht."

Nun hat dieses vermeintliche westliche Unverständnis gegenüber der Ukraine mindestens drei Ursachen: Erstens hat sich Europa seit der Unabhängigkeit des Landes 1991 nicht wirklich für die Ukraine interessiert. Zweitens waren viele in der Europäischen Union enttäuscht darüber, dass die Oppositionskräfte nach der Orangenen Revolution 2004 die Chance für eine zivilgesellschaftliche Demokratisierung ihres Landes verspielt haben. Denn dadurch hatten sie den legalen Wechsel zu dem nun vertriebenen Präsidenten Janukowitsch erst ermöglicht.

Die Unterstützung durch die Ultras

Drittens sind dem Westen Koalitionen zwischen demokratischen und nationalistisch-undemokratischen Kräften suspekt, wie sie in der ukrainischen Regierung derzeit präsentiert werden, wenn auch nur als Notbündnis einer Übergangszeit. Dieses Notbündnis unter anderem mit den radikal-nationalen Fußballfans, das sich in den Tagen des Straßenkampfes auf dem Maidan in Kiew, aber auch an anderen Orten der Ukraine ergeben hat, beschreibt der Lyriker und Prosaschriftsteller Serhij Zhadan aus Charkiw:

"In diesen Tagen erklären die Ultras ihre Unterstützung für den Maidan. Natürlich sind viele von ihnen auch schon vorher Teil der Protestbewegung gewesen, jetzt aber geht es um eine politische Geste, um eine gemeinsame Position. Die Ultras schließen einen Waffenstillstand. Was das für solche Erzfeinde wie die Fans von Charkiw und Dnipropetrowsk bedeutet, lässt sich nur erahnen. Wir knüpfen den Kontakt zu den Charkiwer Fans immer enger, die kriminellen Banden werden immer aktiver, wir brauchen echten Schutz. Den Fans gefällt das. Wenn es über einen längeren Zeitraum keine Zusammenstöße gibt, verlieren sie das Interesse. Einfach nur rumstehen und sich irgendwelche Reden anhören, steht nicht gerade oben auf ihrer Tagesordnung."

Es wäre jedoch einseitig wie töricht, der Moskauer Interpretation zu folgen, dass es sich bei dem Umsturz um eine faschistisch geführte Revolte gehandelt habe. Gleichwohl warnt der angesehene amerikanische Historiker Timothy Snyder vor weiteren Kräften neben der ohnehin rechts stehenden Partei Swoboda:

"Die radikale Alternative zu Swoboda ist der Rechte Sektor, eine Gruppe rechtsextremer Organisationen, deren freimütig eingestandenes Ziel nicht eine europäische Zukunft, sondern eine nationale Revolution gegen jeglichen ausländischen Einfluss ist. Langfristig ist der Rechte Sektor diejenige Gruppe, die es zu beobachten gilt."

Diesen Rechten Sektor macht Moskau für antirussische Stimmungslagen und Übergriffe vor allem im Osten und Südosten der Ukraine verantwortlich, ohne freilich die eigene Unterstützung für die Separatisten dort einzudämmen. Dem Historiker Timothy Snyder unterlaufen jedoch inhaltliche Fehler und Ungenauigkeiten. So behauptet Snyder aus der Distanz der Medienbeobachtung:

"Journalisten wurden geschlagen, einzelne Aktivisten verschleppt, einige von ihnen gefoltert. Dutzende verschwanden und wurden bis heute nicht wiedergefunden."

Tatsächlich lässt sich derzeit keine so hohe Zahl von Verschwundenen belegen. Im Gegenteil: Zahlreiche Quellen sprechen dafür, dass nahezu alle Entführten bereits wieder identifiziert und die meisten auch lebend zurückgekehrt sind. Dennoch kursieren unterschiedliche Angaben über die wirkliche Zahl der Todesopfer auf dem Maidan. Es ist also zu früh, abschließend über Fakten zu urteilen, die noch aufgearbeitet werden müssen, zumal es inzwischen bei den Kampfeinsätzen der ukrainischen Armee wiederum zu weiteren Opfern auf beiden Seiten gekommen ist. Ist es daher auch zu früh, eine solche Bestandsaufnahme als Buch vorzulegen? Nein, das ist es nicht. Im Gegenteil: Es ist die notwendige Ergänzung von authentischen Beobachtungen, wie sie nur jetzt eingeholt werden konnten; Stimmen, die sich als Gegenposition zu einem Teil der Medienöffentlichkeit verstehen. Ein Buch, das im besten Sinne hilft, mit seinen engagierten Autoren einen Beitrag zu einem besseren Verständnis der Ereignisse in der Ukraine zu verhelfen. Ein Buch, das als Baustein dienen wird für das spätere politische Geschichtsverständnis der "Revolution vom Maidan".

"Euromaidan. Was in der Ukraine auf dem Spiel steht"
Herausgeber Juri Andruchowytsch, Suhrkamp-Verlag, 207 Seiten, 14,00 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk