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StartseiteEuropa heuteEin Ukrainer und sein Kampf für die Menschenrechte30.06.2017

Ukraine-KriegEin Ukrainer und sein Kampf für die Menschenrechte

10.000 Tote gab es bislang im Ukraine-Krieg. 2014 einigten sich Ukrainer und Russen im Minsker Abkommen auf einen Waffenstillstand - die Umsetzung kommt nur schleppend voran. Ein junger Mann setzt sich seit Jahren vor Ort für die Wahrung der Menschenrechte in den umkämpften Gebieten ein.

Von Sabine Adler

Pawel Lisjanksi aus Luhansk hat die "Menschenrechtsorganisation der Ostukraine" gegründet. (Deutschlandradio / Sabine Adler)
Pawel Lisjanksi aus Luhansk hat die "Menschenrechtsorganisation der Ostukraine" gegründet (Deutschlandradio / Sabine Adler)
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Pawel Lisjanksi hat sich verändert. Seit dem letzten Treffen vor gut einem Jahr hat er stolze 50 Kilo verloren, er macht seinen Master in Jura, lernt Deutsch und Englisch, hat zwei Kurse in Mediation von Wirtschaftskonflikten und Rechtsstreitigkeiten absolviert und baut gerade seine Menschenrechtsorganisation aus. Die hat ihren Sitz derzeit in Lissitschanks in der Ostukraine, bis Oktober sollen zehn weitere Filialen in der Krisenregion öffnen.

"Wir täten besser daran, Menschenrechte zu stärken"

Der 30jährige mit einem Gespür für Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft forderte zudem, überall in ukrainischen Städten Ombudsmänner für Kinderrechte einzusetzen, denn die würden gerade jetzt zu Kriegszeiten massiv verletzt. 

"Am 9. Mai hat man Schülern einen Film vorgeführt, in dem eine Vergewaltigung zu sehen war. Es war eine russische Produktion über den Zweiten Weltkrieg, die ukrainische Soldaten als Verbrecher zeigte. Diese Kinoveranstaltung für Kinder hat die Stadtverwaltung von Bachmut im Donezker Gebiet organisiert, ich habe das in der Werchowna Rada, im Parlament in Kiew, zur Sprache gebracht. Wenn wir unsere Auseinandersetzung mit Russland mit solchen Methoden führen, verletzen wir Menschenrechte. Wir täten besser daran, sie zu stärken." 

3.200 Menschen verurteilt - ohne Verteidiger

Pawel Lisjanksis Vorbild ist sein Vater, ein Bergmann, der sich immer starkgemacht hat für seine Kollegen. Er eifert ihm nach, arbeitete auch unter Tage und finanzierte so sein erstes Studium, Ingenieurwesen. Doch nach dem Tod des Vaters erkannte er, dass er für die Rechte anderer professionell eintreten will, als Menschenrechtsaktivist, und zwar auch für die Menschen in den sogenannten Volksrepubliken, die er nach wie vor als seine ukrainischen Mitbürger betrachtet.

"In den drei Jahren, in denen das Recht der sogenannten "Luhansker Volksrepublik" gilt, sind dort 3200 Menschen in Gerichtsprozessen verurteilt worden. Es kann sein, dass darunter tatsächlich Straftäter waren, aber sie hatten keinen Verteidiger, denn das Recht gibt es nicht. Es gab keine adäquate Ermittlung der ihnen zur Last gelegten Straftaten. Unklar ist, wie ihre Freiheitsstrafen begründet wurden. Es geht um 3200 Personen."

"Luhansker Gewerkschafter betätigen sich als Lobbyisten"

Pawel Lisjanksi fordert eine Überprüfung dieser Verfahren.  Der 30jährige wirkt wie ein gutmütiger Riese, doch er weiß, was er will, zum Beispiel, dass Löhne pünktlich gezahlt werden und eine Rentenreform. Damit Geringverdiener eine Chance haben, für das Alter zu sparen. Dafür macht er sich erstmals auch im Parlament stark und sprach am Rednerpult, als wäre das für ihn längst Routine.

Den Gewerkschaften in den besetzten Gebieten der Ostukraine traut er nicht über den Weg. Seine Menschenrechtsorganisation hat mithilfe von Informanten in den Separatistengebieten herausgefunden, dass die Gewerkschafter mit den Führern der Luhansker Volksrepublik gemeinsam Sache machen, anstatt für die Rechte der Arbeiter zu kämpfen. 

"Die Gewerkschafter aus Luhansk betätigen sich als Lobbyisten für die sogenannte Volksrepublik. Sie fahren nach Brüssel, um dort europäische Gewerkschafter zu treffen und denen die Anerkennung der Republik nahezulegen.  Diese Gewerkschafter behaupten nur, für die Rechte der Arbeiter einzutreten, aber sie protestieren kein einziges Mal für die Zahlung der ausstehenden Löhne. Stattdessen helfen sie den Separatisten bei der Anwerbung von freiwilligen Kämpfern für deren Armee."

"Besser aussöhnen mit dem besetzten Gebiet"

Pawel Lisjanksi hat diese Vorwürfe öffentlich erhoben und belegt. Er macht den Mund auf, wenn er etwas falsch findet. Als die ukrainischen Freiwilligenverbände und die Partei Samopomitsch, "Selbsthilfe", eine Wirtschaftsblockade über die besetzten Gebiete verhängten, trat er öffentlich dagegen auf und wurde prompt bedroht.

"Man diskreditierte mich als Verräter, ich sei kein Patriot. Sie schüchterten Personen ein, die mir nahestehen. Auf der Pressekonferenz zu meinen Einwänden gegen die Blockade der Bahnstrecke erschienen über 40 maskierte Männer, die sich aggressiv verhielten, auch den Arbeitern gegenüber, die aus einem Betrieb gekommen waren, der unter der Blockade leidet. Die Blockade passt nicht zu dem Minsker Friedensprozess. Wir sollten uns besser aussöhnen mit dem besetzten Gebiet."

Der entschlossene Menschenrechtsaktivist aus der Ostukraine mit den weichen Gesichtszügen und dem raspelkurzen Haar  wäre vermutlich auch gut bei den jungen europäisch gesinnten Parlamentsabgeordneten aufgehoben. Doch noch hat er es nicht eilig, in die Politik zu gehen, zu viel liege bei den Menschenrechten im Argen. 

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