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Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteEssay und Diskurs"Die EU ist selbst sehr labil"23.11.2014

Ukraine-Krise"Die EU ist selbst sehr labil"

Im Westen neige man dazu, die Orange Revolution von 2004 als Revolution zu deuten, obwohl sie keine war, sagte der ukrainische Schriftsteller und Übersetzer Jurko Prochasko im Deutschlandfunk. Hingegen werde die heutige und echte Maidan-Revolution eher selten als solche wahrgenommen.

Jurko Prochasko im Gespräch mit Katja Petrowskaja

Der ukrainische Autor und Buchübersetzer Jurko Prochasko (undatiertes handout) sagt in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa, die Literatur aus Weißrussland und der Ukraine ist für Deutschland noch ein ungehobener Schatz. "Wir haben eine reiche und vielschichtige Literaturszene. Aber von den Westeuropäern wird sie behandelt, als gehöre sie nicht dazu." (zum dpa-Gespräch: "Ukrainischer Autor: Unsere Länder noch terra incognita" vom 13.03.2012). (picture-alliance / dpa / Markijan Prochasko)
Der ukrainische Autor und Buchübersetzer Jurko Prochasko (picture-alliance / dpa / Markijan Prochasko)

Katja Petrowskaja: Sie hören "Tête à tête" mit Jurko Prochasko und ...

Jurko Prochasko: Und mit Katja Petrowskaja. Guten Tag!

Petrowskaja: Guten Tag! Jurko, Sie haben einen sehr interessanten Essay über ukrainische Ereignisse geschrieben. Es ist fast ein Jahr vergangen, es gibt ganz unterschiedliche Meinungen. Sie sagen aber ganz klar, es war eine kleine Revolution. Können Sie das ein bisschen erklären?

Prochasko: Ja, natürlich, ja. Es ist ein Jahr her tatsächlich und vieles sieht man jetzt besser, aber auch schlechter. Dieser Essay, den Sie meinen, ja, das fängt mit den Worten an: "Es ist schön, einen Apfel zu brechen, denn solange er noch frisch ist, kann man die verschiedensten Strukturen darin sehen." Natürlich, ein Jahr später ist es sowohl vorteilhafter als auch nicht mehr so ganz unmittelbar. Aber es ist noch nichts ausgestanden, das geht noch alles weiter. Und daher ist es auch nicht abgeschlossen, diese Geschichte, und die vielen, vielen unzähligen Geschichten, aus denen diese große kleine Revolution besteht und bestand, sind auch nicht ausgestanden. Ja, warum klein? Klein war natürlich ironisch gemeint. Ich komme gleich zur Revolution, es ist mir wichtig, auch dann dieses kleine Wort "klein" zu erklären: "Klein" ist natürlich vor allem ironisch gemeint, weil ich, während ich das schrieb, schon merkte, dass es eben von sehr, sehr, sehr vielen, vor allem im sogenannten Westen nicht als Revolution wahrgenommen wird. Und das andere, die andere Dimension dieser Ironie war, dass wir, die wir uns zu der ukrainischen Kultur zählen, wir sind es gewohnt, uns als klein und unbedeutend zu sehen und gesehen zu werden, und wir gehen ja eben eher davon aus, dass das, was da bei uns passiert, nichts Überwältigendes sein kann. Das ist nun mal eine mitteleuropäische Einstellung, eine mitteleuropäische Ironie. Und das ist ja so genau das, was ich so an Mitteleuropa schätze, das ist diese Fähigkeit zu Witz und Ironie. Und nun zur Revolution: Revolution aus sehr, sehr vielen Gründen. Erstens, weil es für mich sich einreiht in eine große und auch noch nicht abgeschlossene Reihe von ukrainischen Revolutionen, es reiht sich nicht in die gleiche Reihe ein, die noch mit 1848 beginnt, mit der klassischen liberalen und Bürgerrevolution. Das war dann meistens ... Hauptsächlich waren die Ziele damals verhindert.

"Ein übles oligarchisches System"

Dann ging es weiter, 50 Jahre später, nach dem Ersten Weltkrieg, nach dem Zusammenbruch von Monarchien und Reichen und Imperien kam es auch in beiden Teilen der künftigen Ukraine, die damals noch nicht so hieß, also in Kiew 1918 und dann in Lwiw, in Lemberg 1918 auch zu Revolutionen, die zum Ziel hatten, ebenso wie sehr, sehr viele Völker und Nationen in Europa nach dem Ersten Weltkrieg auch einen eigenen Nationalstaat zu gründen. Und das ist auch dann schiefgegangen. Die Kiewer Revolution wurde von Bolschewiken kaputt gemacht und überrannt, die Lemberger und die westukrainische Revolution ist dann zugrunde gegangen auch, und das hat sich dann noch einmal verjährt, weiter verschoben. Und dann kamen die großen Jahre der Perestroika und des Zusammenbruchs der Sowjetunion, und da kamen diese famosen Jahre 1989, das wird gerade jetzt wieder gefeiert und ganz, ganz zu Recht gefeiert. Bei uns war das eher das Jahr 1991, wo wir, ein Teil der demokratisch und liberal gesinnten Gesellschaft geglaubt hat, nun sind wir an der Reihe, nun würden sich genau die ähnlichen, die gleichen, die analogen Logiken auch in der Ukraine einstellen, die mitteleuropäischen Logiken. Und das ist auch eine mitteleuropäische Revolution, genauso wie es in Polen, in der DDR, in der damaligen Tschechoslowakei, in Ungarn et cetera der Fall war. Und dass wir auch den gleichen Weg betreten werden, der uns dann zur europäischen Integration, zum Rechtsstaat führen wird und so weiter. Nun, auch das ist nicht gelungen. Stattdessen ist ein übles oligarchisches System nach und nach entstanden, das auch die elementaren Freiheiten und Vorstellungen darüber, wie ein Nationalstaat auszusehen hat, verhindert hat und wieder kaputt gemacht hat.

Petrowskaja: Aber im Westen wird oft die Frage gestellt, also, es gab Maidan von 2004 und ihr habt Janukowitsch eigentlich gewählt. Wie können Sie das erklären?

"Wir haben begriffen, wozu eine Zivilgesellschaft fähig ist"

Prochasko: Ja, das ist genau der Unterschied. Für mich ist diese Orangene Revolution auch überhaupt deshalb zustande gekommen, weil eben die Angelegenheiten und die Fragen von 1989, 1991 nicht gelöst wurden, nicht in einer überfälligen Art und Weise. Und wir haben einen ganz anderen Weg eingeschlagen und das war ein Versuch. Das war ein Versuch, diese elementare Bürgerrevolution fortzusetzen. Und interessanterweise neigt man im Westen viel eher dazu, diese Orange Revolution, die gar keine war, wie sich herausgestellt hat, eben als solche eher zu bezeichnen als die heutige Maidan-Revolution. Der Unterschied, der kolossale Unterschied zu damals war: Wir waren, wir sind eine Zivilgesellschaft geworden zum ersten Mal und wir haben geahnt und wir haben begriffen, wozu eine Zivilgesellschaft fähig ist. Das Unerfahrene, das Unreife war dabei, dass wir dann nach dem Sieg dieser Revolution alles an eine oder an zwei höchst idealisierte Personen delegiert haben, in der Hoffnung, sie würden das schon richten. Die haben gar nichts gerichtet. Und der Unterschied zu damals ist heute, dass ... Das war damals die Geburtsstunde der Zivilgesellschaft in der Ukraine, und jetzt war das eine Reifeprüfung. Und wir haben nichts mehr weiter delegiert, wir haben uns nicht zurückgelehnt, wir haben begriffen, dass, wenn wir schon etwas machen, dann ist es zu wichtig, um das der politischen Klasse anzuvertrauen. Und wir müssen auch weiterhin die Supervision dieser Revolution machen. Insofern ist es für mich auch so, dass diese letzte, die Maidan-Revolution, die auch noch Euro-Maidan genannt wird, gar nicht hätte ohne die Orange Revolution stattfinden können. Wir haben sehr viel Fertigkeiten von damals gelernt und mitgebracht und vor allem diese Überzeugung, dass es was bringt, wenn sich die Gesellschaft mobilisiert und auf etwas besteht. Das wäre ohne die orange Erfahrung gar nicht möglich gewesen.

Petrowskaja: Ich wollte Sie noch fragen: Sie und ich und viele andere finden, dass eigentlich das Geschehen in der Ukraine vielleicht das europäischste Ereignis in den letzten Jahren in Europa war. Dabei ist Europa nicht wirklich froh über dieses Ereignis oder irgendwie ... nimmt das mit Verlegenheit. Es gibt natürlich diesen Mainstream, der sagt, wir sind pro-ukrainisch, wir unterstützen Demokratie und so weiter, aber eigentlich ist das Ganze ziemlich schleppend und sehr fragwürdig. Wie finden Sie das, sind Sie mit der Reaktion vom Westen zufrieden, was ist dieser Westen überhaupt?

"Die EU ist auch selbst sehr labil"

Prochasko: Nein, das weiß jetzt keiner mehr, was der Westen jetzt ist, das wird sich auch noch herausstellen müssen. Ich habe allgemein den Eindruck, dass der sogenannte Westen eben hier diese unglaubliche Fähigkeit gezeigt hat, die wichtigen Stränge und die wichtigen Entwicklungen mit einer großen Verspätung zu registrieren. Für meine Beobachtung ist es so, dass die Erkenntnis, die für uns oder für meinen Umkreis von Anfang an evident ist, dass es durchschnittlich mit zwei Monaten Verspätung im Westen registriert und verstanden und eingesehen wird. Warum es das ist, also, das hat den Westen, die EU zu einem sehr, sehr ungünstigen Moment getroffen, dieses Ereignis in der Ukraine. Die EU ist auch selbst sehr labil, sehr schwach, sehr verzweifelt, sehr an sich selber zweifelnd, das ist das eine. Sie hat sich kaum noch erholt von der letzten Wirtschafts- und Finanzkrise und schon droht eine nächste, das ist das andere. Das Dritte ist, es ist sehr gespalten, es gibt keine Einheit mehr, ob man die UNO noch braucht oder es besser wäre, sich zurückzuziehen wieder auf die gewöhnlichen, üblichen, herkömmlichen Muster von partikulären Interessen und Nationalstaaten. Und es gibt keine Begeisterung, aber es gibt auch überhaupt keine Begeisterung, etwas verändern zu wollen. Es ist so, als wäre der Westen erstarrt in der Angst, der Jetzt-Zustand, der Status quo könnte hier abhanden kommen. Deshalb, denke ich, war das zu einem sehr, sehr ungünstigen Augenblick, dass wir uns schlecht gegenseitig verstanden haben. Wir haben am Anfang - wir, wenn ich wir sage, meine ich den Großteil der Ukraine -, wir haben den Westen und die EU maßlos idealisiert. Und dann diese Entdeckungen und diese Einsichten, die wir gemacht haben, als die Reaktionen auf unsere Revolutionen kamen, haben noch nicht zu Ressentiments geführt, aber auch zu Ernüchterung. Weil wir schon diesen Westen nicht mehr idealisieren, aber bessere Verbündete haben wir auch nicht. Also, wir müssen mit den Verbündeten und mit der Orientierung leben, die uns bleiben. Und es ist deshalb aber auch gut, weil es realitätsbezogen ist. Es ist einfach realistischer, einfach nüchterner, es ist viel besser, dass wir verstanden haben, dass der Westen so ist, wie er eben ist, als würden wir ihn weiterhin idealisieren.

Petrowskaja: Ja, es wird ständig über die Ukraine gesprochen, als wäre sie so ein Objekt von Interessen. Und man sagt, ja, natürlich, es wäre sowieso passiert, weil die Ukraine Richtung Westen gegangen ist und mit Russland nicht mehr sein wollte. Dabei ist eigentlich dieser Traum von Europa in der Ukraine und diese Idealisierung von Europa für die Ukraine auf realer Ebene die einzige Garantie, um diese demokratischen Werte zurückzuholen. Und das haben, glaube ich, viele Leute hier nicht verstanden, dass vielleicht Europa in der Vorstellung der Ukraine viel europäischer, viel schöner ist, voller verschiedener Garantien und Ereignisse als das Bild von Europa in europäischen Köpfen.

Prochasko: So ist es, in der Tat, ja. Paradoxerweise ist es auch richtig, wenn man sagt, dass sich die Ukraine nach Westen orientiert und orientieren will und nach Westen gehen will. Nur, das Fehlerhafte dabei besteht darin, dass man darunter das Institutionelle meint, die institutionelle Anbindung, die institutionelle Annäherung, die institutionelle Integration, die ist natürlich enorm wichtig. Und Sie haben absolut recht, wenn Sie sagen, die Ukraine hat überhaupt keinen anderen Weg, nicht nur wenn die Ukraine westlich oder europäisch oder europäischer werden möchte, sondern wenn sie sie selbst bleiben möchte. Auch deshalb. Die Ukraine kann sich unmöglich jetzt verlieren in diesem imperialen, neoimperialen Projekt, denn da hört sie auf zu sein. Sie ist nicht stark genug, sie ist keine eigene Zivilisation, um einen dritten, einen mittleren Weg zu verfolgen. Und sie kann eigentlich nur weiter bestehen, indem sie sich nach Westen orientiert. Aber diesen Westen verstehe ich viel, viel elementarer, viel klassischer, wenn Sie wollen. Westen im Sinne von klassischen liberalen und demokratischen Vorstellungen von Rechtsstaatlichkeit, von Bürgerrechten, von Bürgerfreiheiten, von Gewaltenteilungen, von freiem Unternehmertum. Das sind alles Werte, die eben im Westen entstanden sind. Und insofern stimmt es wirklich, dass sich die Ukraine nach Westen orientiert.

Petrowskaja: Das ist eine der schwierigsten Fragen überhaupt, was ist diese Ukraine mit ganz unterschiedlichen kulturellen Einflüssen und Himmelsrichtungen, in welche die Leute sich entwickeln möchten. Sie vertreten die westlichste Ukraine, biografisch und kulturell, Sie sind in Stanislau geboren und haben in Lemberg studiert, und Ihre Ukraine ist auch Richtung Wien gerichtet. Und meine Ukraine war absolut russisch, ich wusste überhaupt nicht mal, dass Leute, irgendwelche Leute um mich herum doch Ukrainisch als Muttersprache hatten, denn alle in Kiew haben Russisch gesprochen. Und zweieinhalb Freunde, die Ukrainisch sprachen, nahm ich immer als Exoten, und wir waren komplett auf Moskau ausgerichtet, wir wussten auch nicht, dass die Geschichte voll von Unterdrückung ist, jedenfalls in der Kindheit habe ich das überhaupt nicht wahrgenommen. Und was verbindet uns überhaupt, können Sie mir das erklären?

Prochasko: Ja, für mich ist genau das Wesen, das genuine Wesen der Ukraine diese unglaubliche Vielfalt, diese Pluralität. Und ich bin vielleicht anders als Sie schon mit dieser sehr, sehr großen Pluralität von Anfang an aufgewachsen. Denn es stimmt schon wirklich, dass ich aus dem ukrainischen Ostgalizien komme, und ich bin dort sozialisiert und da hat meine geistige Evolution stattgefunden hauptsächlich. Aber meine Umwelt, meine Lebenswelt war schon sehr, sehr, sehr vielfältig. Das waren zum einen wir, die sich zur ukrainischen Kultur zählten und zur ukrainischen Sprache und zu ukrainischen Visionen, es waren auch die Überbleibsel von der heruntergekommenen Welt von früher, es waren irgendwelche Relikte von der k.u.k.-Zeit, aber auch aus der Zwischenkriegszeit. Und zugleich waren es die Sowjets, die sowjetischen Kulturen, die da neu gekommen waren nach '39 und dann nach '44 zu uns. Und für mich ist deshalb auch das Russische natürlich, nicht nur das Sowjetische, sondern auch das Russische ist das Allernatürlichste dieser Welt. Und ich habe lange geglaubt, nur dieser Teil der Ukraine, oder diese Teile der Ukraine, die früher zur Habsburger Monarchie gehört haben - sprich: Ostgalizien und die Bukowina und Transkarpatien -, die können damit rechnen, sich als Mitteleuropa zu bezeichnen. Also, wir sind Mitteleuropa und das ist gut, der Rest der Ukraine ist eben nicht Mitteleuropa, ja, das ist bloß die Ukraine. Ja, aber was mir sehr, sehr wichtig ist: Diese Revolution, die November-, die Maidan-Revolution, die, wie gesagt, noch weiter geht, ist für mich entscheidend deshalb, weil hier zum ersten Mal in der neueren ukrainischen Geschichte etwas sehr, sehr, sehr deutlich geworden ist, was bis dahin nicht so klar war. Erstens, dass die Werte und die Vorstellungen davon, was Mitteleuropa ist, haben sich sozusagen von nur Galizien oder der Bukowina oder Transkarpatien jetzt für mich auf die gesamte Ukraine erweitert. Wir sind Mitteleuropa. Jetzt ist die ganze Ukraine Mitteleuropa und ich versuche zu erklären, warum: Weil sich für mich Mitteleuropa nämlich aus sehr wenigen, aber sehr, sehr, sehr wichtigen Voraussetzungen zusammenfügt. Erstens ist es eine absolute Absage an Großmacht- und Großstaatlichkeit. Wir sind selber keine Großmacht und das ist gut so. Mitteleuropa und Großmacht sind Begriffe, die nicht zusammenkommen, die nicht zu vereinbaren sind. Wir sind eben keine Großmacht und wir wollen das auch nicht sein und wir wollten das auch nicht sein. Deshalb sind wir auch genuin Mitteleuropa. Und zweitens: Wir sind eine multiple, vielfältige Gesellschaft, und das ist auch sehr mitteleuropäisch. Und das ist jetzt völlig klar geworden, dass diese Konstitution, diese Verfassung für die ganze Ukraine gilt. Das war auch eine multiple und plurale und pluralistische Revolution. Da ging es tatsächlich weder um Ethnien noch um Sprachen, noch um die Frage, was nun die Leitkultur - um zum deutschen Begriff zu greifen - in der Ukraine sein sollte. Nein, es ging um viel, viel bedeutendere Sachen, nämlich um die Frage, wie wir gemeinsam mit unserer ganzen Vielfalt, mit unseren vielen Sprachen, mit unseren unzähligen Hintergründen, Familiengeschichten gemeinsam eine vernünftige Gesellschaft bauen wollen, aufbauen wollen, wo wir uns alle wohlfühlen. Darum ging es. Und das ist für mich auch eminent zentraleuropäisch, mitteleuropäisch.

Petrowskaja: Haben Sie das Gefühl, das wird uns gelingen?

Prochasko: Es könnte gelingen, ja. Also, ich bin nicht gegenüber den vielen, vielen Gefahren, die da lauern aus verschiedensten Richtungen, überhaupt nicht blind, ich bin gar nicht so naiv, um zu glauben, dass alles schon getan ist. Die wichtigen Voraussetzungen sind geschaffen. Aber die Garantie, dass es für immer gefestigt ist, ist natürlich nicht da. Also, das kann auch von verschiedensten Seiten her wieder zerstört werden. Es kann von außen zerstört werden, es kann von innen kaputt gemacht werden, es kann vermasselt werden, es kann radikalisiert und gespalten werden und dann wieder ginge diese Vielfalt und diese Fähigkeit zum Aushandeln, diese Fähigkeit verloren auszutarieren, wenn wir uns radikalisieren. Natürlich ist diese Gefahr auch da, geschweige denn dieser große, konterrevolutionäre Krieg, der genau deshalb losgetreten wurde, um diese demokratische, liberale Bürgerrevolution in der Ukraine zu verhindern.

Petrowskaja: Ja, in Deutschland gibt es einige Medien, die immer noch von Krise reden. Es ist Krieg gegen die Ukraine, es ist irgendwie akzeptiert, man weiß überhaupt nicht, wie es weitergehen wird. Es gibt immer wieder ... Meist sind es westukrainische Intellektuelle oder sogar Schriftsteller, die meinen, wir sollen vergessen, was in Lugansk und Donezk stattfindet, Mauer bauen, ich weiß nicht was, das ist keine Ukraine. Was halten Sie von diesen Aussagen?

"Was ist besser: ein schlechter Frieden oder ein guter Krieg?"

Prochasko: Die sind unmöglich. Und es wäre genau die Einstellung, die diese Errungenschaften und die innerste Natur dieser Revolution kaputt machen würde und kaputt macht, sofern es tatsächlich passiert. Wir haben wirklich nun überhaupt keine Gründe, uns als etwas Besseres zu verstehen, als etwas Fortschrittlicheres, als Menschen, die irgendwie mehr verstanden haben, ganz und gar nicht. Ich höre zwar immer wieder, dass es diese Einstellungen gibt, viel mehr, es ist eine der Linien, wo ich vorhin gemeint habe, wo ich eine mögliche Radikalisierung und eine mögliche Spaltung im Lande, in der Gesellschaft, einen Riss, der mitten durch die Gesellschaft geht, schon jetzt beobachten kann, aus dem heraus sich eine mögliche innergesellschaftliche Auseinandersetzung ergeben kann, nämlich die Frage eben, was mit den kontaminierten Landschaften, um mit Martin Pollack zu sprechen, natürlich in einem anderen Sinne, mit den bedrohten, mit den dem Krieg ausgesetzten Teilen der Ukraine tun? Sollen wir die behalten, sollen wir die um jeden Preis behalten, sollen wir darauf bestehen, sollen wir das verteidigen, sollen wir das um jeden Preis verteidigen oder eben nicht um jeden Preis verteidigen? Was ist besser: ein schlechter Frieden oder ein guter Krieg? Wie stehen wir gegenüber den Bürgern der Ukraine, die dort leben? Es ist auch so, dass wir uns verpflichten, sie auch zu schützen und zu verteidigen. Das erwarten sie auch vom ukrainischen Staat. Aber das ist eben das zentrale Problem, das wir, glaube ich, noch nicht angesprochen haben und wo es für mich auch noch das Revolutionäre manifestiert, das Sie am Anfang angesprochen haben: Ja, es passiert alles vor dem Hintergrund eines fast völligen Staatszerfalls. Es war auch so, dass für uns immer traditionell, seit Jahrhunderten und Jahrzehnten, der Staat als etwas Feindliches, als etwas Fremdes, als etwas, was nicht akzeptiert werden kann, als etwas, was gegen uns ist, als etwas ...

Petrowskaja: Gewalttätiges.

Prochasko: ... Gewalttätiges auf jeden Fall, wogegen man sich verbinden sollte, um dagegen zu wirken, erlebt und auch gefeiert und auch gelebt wurde. Und nun haben wir auch nach Janukowitsch tatsächlich die Zustände, wo fast die gesamten staatlichen Strukturen in Schutt und Asche liegen. Und es entstand einfach ein Vakuum im Osten der Ukraine, es funktioniert gar nichts mehr dort. Für mich ist es ein Zeichen, nicht nur ein Zeichen, sondern ich sehe das, das ist ja mein Leben, dass diese revolutionäre Energie überhaupt nicht aufgehört hat. Also, diese revolutionäre Energie lebt weiter in den genuinen Aufgaben, die sich dieser Aufstand gestellt hat, eben anti-oligarchisch, anti-paternalistisch, Rechtsstaatlichkeit, also diese klassischen Bürgerrechte, in denen es unzählige Initiativen gibt und Bürgergruppen, die die politischen Prozesse beobachten und die Umsetzung der angestrebten Reformen in allen Bereichen, was die Antikorruptionsgesetze anbelangt, was die Lustration angeht, was die Reformen in der Staatsanwaltlichkeit, im Rechtswesen, im Innenministerium, in allen, allen, allen Bereichen angeht. Das wäre der eine große Bereich, wo diese Energie weiterlebt und wo sie es auch verunmöglicht, dass die Errungenschaften und die Zielsetzungen wieder verhunzt und vermasselt werden, so wie es auch nach der Orangenen Revolution der Fall war und woher sich diese tiefe Enttäuschung einstellte. Und die anderen Bereiche sind nicht weniger essenziell und existenziell in dieser Lage insbesondere. Das eine ist die Wehrfähigkeit der ukrainischen Armee, der ukrainischen Streitkräfte. Also, ohne diese Selbstaufopferung, ohne diese Organisation, diese Fähigkeit, Dinge zu managen, wäre es nie möglich gewesen, dass das, was noch von der ukrainischen Armee übrig blieb nach Janukowitsch, dass es überhaupt wehrtätig, wehrfähig war. Die Soldaten wurden buchstäblich mit allem ausgerüstet, das ging alles auf diese Bürgerinitiativen zurück. Mit allem außer Waffen natürlich, mit Kleidung, mit Essen, mit Kommunikationsmitteln, mit Handys, es wurden für sie Kulturveranstaltungen organisiert und so weiter und so fort. Und schließlich, last but not least, ein großes Feld, wie man mit den Flüchtlingen umgeht. Lemberg - um noch zurückzugreifen auf diese Diversität und diese Pluralität und diese Vielfalt -, Lemberg wird jetzt wiederseines Geistes gewahr, denn Lemberg wird optisch zusehends anders, indem man zum Beispiel sehr viele krimtatarische Frauen sieht in diesen charakteristischen Kleidern, und auch akustisch, indem man sehr, sehr viel mehr Russisch auf der Straße hört, weil eben die meisten Flüchtlinge, die aus dem Osten kommen, überhaupt nicht daran denken, weil sie jetzt in Lemberg angekommen sind, die Sprache zu wechseln. Aber viele, natürlich nicht alle, viele Flüchtlinge haben sich auch für Russland entschieden, weil sie dem Ukrainischen überhaupt nicht vertrauen oder das auch nicht vertragen oder auch nicht vertragen wollen. Aber andere haben sich explizit für den Westen der Ukraine entschieden, von dem ihnen jahrelang versucht wurde einzureden, dass das extrem nationalistisch-intolerant ist. Das haben sie zum Glück nicht geglaubt.

Petrowskaja: Vielen Dank für dieses Gespräch! Ich hoffe, wir verbleiben!

Prochasko: Ja, ja, sehr gerne! Und ich hoffe tatsächlich, dass wir uns gegenseitig über- und durcheinander besser verstehen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Katja Petrowskaj, 1970 in Kiew geboren, studierte Literaturwissenschaft im estnischen Tartu und promovierte in Moskau. Seit 1999 lebt sie in Berlin und arbeitet als Journalistin für russische und deutsche Medien. Für "Vielleicht Esther", ihren Erzählband über die NS-Verbrechen in ihrer Heimatstadt, erhielt sie 2013 den Ingeborg-Bachmann-Preis und wurde zur Stimme der Ukraine in den Medien.
Jurko Prochasko, geb. 1970 in Iwano-Frankiwsk, studierte Germanistik in Lwiw, Lemberg, wo er heute als Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Übersetzer lebt. Er schrieb zahlreiche Essays zur Kulturgeschichte Galiziens. Für seine Übertragungen deutschsprachiger Literatur, u.a. Joseph Roth und Robert Musil, wurde Jurko Prochasko mit dem Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland ausgezeichnet. 2011/2012 war er Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin.

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