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StartseiteSonntagsspaziergangOdessa in der Identitätskrise28.02.2016

UkraineOdessa in der Identitätskrise

Odessa, die Millionen-Metropole am Schwarzen Meer, ist durch den ukrainischen Bürgerkrieg mit einer Krise konfrontiert: Das wichtige kulturelle Erbe der Stadt gerät zusehends in den Hintergrund, aber dennoch gilt Odessa als Gradmesser für die Suche der Ukraine nach ihrer kulturellen Identität.

Von Cornelius Wüllenkemper

Das Opernhaus von Odessa im Juli 2011. (picture alliance / dpa / Daniel Gammert)
Das Opernhaus von Odessa im Juli 2011. (picture alliance / dpa / Daniel Gammert)
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Ein Sonntag Nachmittag in Odessa, im Stadtgarten unweit der Haupteinkaufsstraße Deribasovskaya. Vor einem Musikpavillon tanzen Junge und Alte, Arme und Reiche. Eine kaum zwanzigjährige attraktive Frau lässt sich von einem älteren Herrn in einem durch und durch goldenen Anzug führen - und beide lächeln glücklich dabei. Die Herbstsonne scheint warm, dazu ein leichter Wind vom Meer. Das alte Odessa scheint hier für einen Moment wieder aufzuerstehen.

Welche Rolle spielt die Geschichte der Stadt in einem Land, dessen Selbstsuche in einen Bürgerkrieg mündete? Odessa war nicht nur eine wichtige Handelsstadt, sondern entwickelte sich rasch nach der Gründung 1794 durch die deutschstämmige Zarin Katharina die Große zu einer Kulturmetropole am Schwarzen Meer.

"Wir sind hier im Stadtgarten, dem ersten Park von Odessa. Unsere Stadt wurde in die Steppe gebaut, deswegen kamen all diese Bäume von außerhalb. Zwei Jahre nach der Stadtgründung wurde dieser Park erbaut", erklärt die Literaturwissenschaftlerin und Historikerin Katherina Ergeeva. Die 28-jährige Odessitin ist eine derjenigen, die der "surrealen Gegenwart des Krieges", wie es allenthalben heißt, das Gewicht der Geschichte entgegensetzen will.

Odessa, die Vorzeigemetropole

Katharina die Große und ihre europäischen Mitstreiter, allen voran Gouverneur Duc de Richelieu und Stadtplaner José De Ribas wollten die Stadt mit dem ersten eisfreien Handelshafen des Landes zu einer Vorzeigemetropole des "neuen Russland" machen.

"Der jüngere Bruder von José De Ribas, Feliks De Ribas, bekam ein großes Stück Land und baute eines der ersten Häuser Odessas darauf. Er legte diesen Park an, den man nur durch ein goldenes Tor betreten konnte. Ausschließlich die örtliche Aristokratie durfte ihn betreten. Heute ruht man sich hier auf den Bänken aus, am Wochenende spielt ein Orchester, die Leute tanzen - das ist wirklich schön."

Die Idee zu der neuen Stadt -  die "nowa rosja", das neue Russland, hatte damals freilich nichts mit dem zu tun, was Vladimir Putin 220 Jahre später darunter versteht. Odessa galt als "Riviera" des Zaren- und später des Sowjetreichs, eine schmucke Küstenstadt, liberal, multi-kulturell, mit breiten Straßen und pittoresken Häusern im südlichen Klima. Rasch siedelten sich nicht nur Freidenker und Oppositionelle aus dem strengen Zarenreich an, sondern auch Abenteurer, Unternehmer und Handwerker aus ganz Europa. Katherina Ergeeva:

"Katharina die Große sprach Neuankömmlingen eine ganze Reihe an Privilegien zu: Steuerfreiheit etwa, Befreiung vom Militärdienst, und die Siedler bekamen außerdem Land zugesprochen. Dadurch kamen immer mehr Ausländer in die Stadt. Von Anfang an ist Odessa so als multi-kulturelle, multi-nationale Stadt entstanden, in einem äußerst liberalen Geist. Hier gab es keine Leibeigenschaft wie im Rest des Zarenreichs, und man konnte sogar ohne Papiere in der Stadt wohnen. Das ist auch ein Grund, wieso die Stadt Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten anzog."

"Ich lebte damals im Getümmel Odessas, dieser staub’gen Stadt,
Die viel Verkehr, viel heitern Himmel und einen lauten Hafen hat.
Dort wehen schon Europas Lüfte, dort streut der Süden Glanz und Düfte
Pulsiert das Leben leichtbeschwingt, Italiens holde Sprache klingt
Auf allen Straßen: hier Slowenen, dort Spanier, Frankreich, Griechenland
Hat reiche Kaufherrn hergesandt. Armenier feilschen mit Rumänen, selbst aus Ägypten
stellt sich dar, Held Mor-Ali, der Ex-Korsar"

Das schrieb Alexander Puschkin in seinem berühmten Versepos Eugen Onegin 1825, also nur dreißig Jahre nach der Stadtgründung.

Viele Schriftsteller lebten in Odessa

Mit Mitte zwanzig sollte Puschkin als junger Staatsbediensteter im "Kollegium für Auswärtige Angelegenheiten" aufgrund seiner antizaristischen Spottgedichte von Sankt Petersburg nach Sibirien verbannt werden - doch einflussreiche Freunde erwirkten die gnädige Abschiebung ins südliche Odessa. Heute tut man hier keine zwei Schritte, ohne auf die Geschichten aus der glorreichen Vergangenheit zu stoßen. Alexander Puschkin, Nicolai Gogol, Vladimir Jabotinsky, Isaak Babel, das ist nur ein kleiner Teil einer langen Liste allein an Schriftstellern, die in Odessa gelebt oder gearbeitet haben.

"Odessa ist eine sehr literarische Stadt. Man könnte sogar sagen, dass ihre Existenz auf den literarischen, poetischen Bildern aufbaut, die die Schriftsteller von ihr vermittelt haben", erklärt Anna Misyuk.

Die korpulente, freundliche Dame ist die Direktorin des 1984 eröffneten Literaturmuseums von Odessa. Über 300 Autoren werden hier präsentiert, persönliche Gegenstände, seltene Manuskripte, Briefe, Originalausgaben sowie Schreib- und Salonmöbel - Memorabilien, die die Kulturgeschichte der Stadt eindrucksvoll nachzeichnen. In den 1970er Jahren gehörte die heutige Museumsdirektorin Misyuk einer sowjetischen Dissidentenbewegung an, die Schwarzdrucke von verbotener Literatur verbreitete. Misyuk war Teil der Initiative von Autoren, Literaturwissenschaftlern und Historikern, die später das Museum aus der Taufe hob.

"Der Anführer unserer Gruppe und erste Direktor des Museums war Nikita Brygin. Er war Journalist und Ex-KGB-Offizier und kannte sich äußerst gut in den Strukturen des Sowjet-Staates aus. Auf der ersten Seite des Projektantrags für das Museum ließ er eine aufwändige Zeichnung des Hauptsaales anfertigen. Und auf die zweite Seite schrieb Brygin: Diese Halle wird Lenins Artikeln über die Literatur gewidmet. Von da an konnte niemand mehr sein Veto gegen das Projekt einlegen, selbst der Generalsekretär des Politbüros nicht."

Liberales Erbe droht zur Touristenattraktion zu werden

Das Literaturmuseum von Odessa ist in einem der schönsten Gebäude des historischen Stadtzentrums untergebracht, dem Mitte des 19. Jahrhunderts erbauten Palais der Familie Gargarin. Im sogenannten Goldenen Saal des Museums mit seinen kristallenen Lüstern und prunkvollen Wandornamenten spürt man bis heute das Ambiente der aristokratischen Literatursalons des 19. Jahrhunderts. Das liberale, widerständige Erbe Odessas droht derweil zur reinen Touristenattraktion zu werden.

"Heute erzählen mir unsere jungen Politiker, das alles sei doch bloß ein Mythos. Ich frage sie dann: "Haben Sie je eine Zeile aus dieser Zeit gelesen?" Haben sie natürlich nicht. Sie interessiert nur, wie viele Menschen wann und wo gelebt haben und welche wirtschaftliche Leistung sie erbracht haben. Nur: Was bedeuten diese Zahlen überhaupt? Wie haben diese Menschen auf ihr eigenes Leben geschaut? Nur in der Literatur erfährt man doch etwas über das Bewusstsein dieser Zeit."

Auf einem Spaziergang durch das historische Zentrum von Odessa stößt man nicht nur auf die Geschichten aus dem Zaren- und des Sowjetreichs, sondern auch auf die deutsche Vergangenheit der Stadt. Vorbei an den Würfelspielern auf der Alexander-Avenue, dort wo auf dem Priwos-Markt allerhand Händler ihre Geschäfte mit Touristen treiben, gelangt man zur lutherischen Sankt Paulskirche, ein Wahrzeichen der deutschen Geschichte Odessas. Zu Hochzeiten lebten rund 10 000 Deutsche in der Stadt. Nicht nur die erste Buchhandlung wurde Anfang des 19. Jahrhunderts von einem Einwanderer aus Württemberg gegründet. Auch Bauern, Händler, Ingenieure und Architekten aus deutschen Landen versuchten ihr Glück im damaligen Zarenreich.

"Hier stehen wir vor der deutschen Kirche von Odessa. Erbaut wurde sie 1897 vom deutschen Architekten Hermann Scheurembrandt. Er wurde dafür vom Zaren Niklaus II. sogar mit einer goldenen Medaille geehrt", erklärt die Historikerin Katherina Ergeeva auf unserem Rundgang durch die Stadt an einer Straßenkreuzung direkt vor der alten Kirche.

"Das Gebäude hat leider eine ziemlich tragische Geschichte. Während der Sowjet-Zeit verfiel es fast vollständig. Die Sowjets wollten die Kirche erst ganz abreißen und planten dann, sie als Fernsehturm zu nutzen. Erst nach der Unabhängigkeit der Ukraine setzte sich eine Initiative aus Bayern für den Wiederaufbau ein. Vor fünf oder sechs Jahren wurde sie fertiggestellt. Wir können ja mal kurz reinschauen."

Bayern machte sich um Odessas Vergangenheit verdient

Das Kirchentor gibt den Blick frei auf eine protestantisch-nüchterne, reichlich moderne Innengestaltung. Im Eingangsbereich erinnern Schautafeln an Gewalt und Verfolgung in der Stalin-Ära. Es war das Bundesland Bayern, das sich nach der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 besonders um die deutsche Vergangenheit Odessas verdient gemacht hat. Davon zeugt nicht zuletzt das Bayrische Haus, das nur ein, zwei Straßenecken weiter in einem unauffälligen Wohnhaus untergebracht ist.

Neben einer gut bestückten Bibliothek mit über 5000 Bänden finden im Bayrischen Haus vor allem die Deutschkurse großen Anklang, zur Zeit zählt das Haus über 500 Deutschschüler. In einem Unterrichtsraum bringt Anastasia lelagina einer Gruppe von etwa 20 Schülerinnen und Schülern aus allen Altersgruppen die deutschen Uhrzeiten bei.

"Als ich hier angefangen habe, da waren es viel weniger. Jetzt ist es unglaublich. Es ist immer mehr, mehr und mehr", erklärt die 26-jährige Anastasia während ihre Schüler über den Arbeitsblättern brüten. Aber wieso stehen Deutschland und die deutsche Sprache in Odessa wieder so hoch im Kurs?

"Es gibt hier die jüdische Linie, die Juden, die in Deutschland jetzt einen Arbeitsplatz oder einen Wohnsitz bekommen können. Es gibt auch die Spätaussiedler. Deutsche Familien, die hier früher gelebt haben. Die dürfen auch. Sie müssen aber das A1 Niveau in Kiew bestehen, und dann dürfen sie. Und dann gibt es einfach viele Studenten und Schüler, die ihre Kenntnisse verbessern möchten, und viele machen es einfach als Hobby."

Erklärt Anastasia und wendet sich wieder ihrer Klasse zu. Vom Bayrischen Haus geht es dann noch einmal zurück auf den breiten, von Akazien-Bäumen gesäumten Straßen auf die Spuren der Geschichte Odessas, der multikulturellen Perle am Schwarzen Meer.

Odessas Opernhaus ist eine Perle

Heute kündet vor allem die Architektur Odessas von der Blüte der Stadt als milde, südliche Kulturmetropole des Zarenreichs. Die schicken Clubhäuser der alten Bourgeoisie, die Philharmonie, die eigentlich mal eine Börse werden sollte, das Denkmal Katharina der Großen, das nach dem Zerfall der Sowjetunion aus der eingeschmolzenen Lenin-Statue wiederhergestellt worden ist. Nur wenige Meter entfernt vom pittoresken Katharina-Platz stößt man dann auf die eigentliche architektonische Perle Odessas: das Opernhaus.

Wer vor der Fassade des dreistöckigen Rundbaus steht, wird überwältigt von einem Historizismus zwischen Neo-Barock und Renaissance. Bis heute gilt der Bau zweier Wiener Architekten von 1883 als eines der schönsten und mit der besten Akustik ausgestatteten Opernhäuser der Welt. Über zwei prachtvoll ausgestattete Treppenhäuser gelangt man in den großen Saal, in dem purer Luxus herrscht. Allein der riesige Kronleuchter an der Runddecke wiegt mehr als zwei Tonnen. Die Stadt Odessa lässt sich ihre wichtigste Sehenswürdigkeit einiges kosten: Nach einer aufwendigen Sanierung wurde das gesamte Opernhaus zuletzt mit 2000 Stützpfeilern untermauert. Am oberen Rand des Steilabfalls zum Hafen gelegen drohte es in den sandigen Untergrund zu rutschen.

Ein paar Gehminuten von der Oper entfernt, vorbei an den berühmten Potjomkischen Treppen, die vom Matrosenaufstand gegen den Zaren Nikolaus II. künden und dem Denkmal des ersten Stadthalters Duc de Richelieu endet der Stadtrundgang mit Katherina Ergeeva auf dem Primorsky Boulevard oberhalb des Hafens vor dem geschichtsträchtigen Hotel Londonskaya.

"Auch Mark Twain stieg auf seiner Weltreise im Londonskaya ab. Er schrieb damals einen Essay, in dem er Odessa mit den USA verglich: "Endlich fühle ich mich wie zu Hause. Die gleiche Atmosphäre, die Menschen sitzen im Café und lesen Zeitung." Odessa hat ja einen ähnlichen Grundriss wie New York und war damals die Stadt der Freiheit und der unbegrenzten Möglichkeiten, jeder konnte hier reich werden. Ganz so wie in Amerika."      

Auf einer Bank am Primorsky-Boulevard kann man Isaak Dunaevskiis Hymne auf die weißen Akazien von Odessa lauschen. Der erste Stadthalter Odessas, der Duc de Richelieu, hatte sich die Samen der Weißen Akazie von seiner Frau aus der französischen Heimat schicken lassen, um die Stadt zu begrünen. Bis heute sind sie das Wahrzeichen der Perle am Schwarzen Meer.

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