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StartseiteEuropa heuteZwischen Vaterlandsliebe und Nationalismus11.12.2013

UkraineZwischen Vaterlandsliebe und Nationalismus

Vergangene Nacht rückte die ukrainische Polizei auf den Platz der Unabhängigkeit vor, riss Barrikaden nieder und drängte Demonstranten vom Platz. Die gemeinsame Wut der Opposition auf die Regierung Janukowitsch und der Wunsch nach einem europäischen Kurs kaschiert jedoch teils unversehens auch andere Interessen.

Von Sabine Adler

Demonstranten in Kiew, die die EU-Integration ihres Landes fordern. (picture alliance / dpa / Alexey Kudenko)
Nicht alle Demonstranten wissen, wie belastet manche ihrer Losungen sind (picture alliance / dpa / Alexey Kudenko)

Mit der Nationalhymne und dem Ruf "Ruhm der Ukraine", "Es lebe die Nation, es leben die Helden" waren die Demonstranten in der Nacht den Einsatzkräften entgegengetreten, als diese die nächsten Barrikaden beseitigten und sich auf das besetzte Bürgermeisteramt zu bewegten.

Kaum einer in der Menge, die heute diese Losungen skandiert, um das Wir-Gefühl zu stärken, weiß von ihrer dunklen Geschichte. "Wenn man jetzt von der Bühne ruft 'Es leben die Nation, Tod den Feinden!' oder 'Es lebe die Nation – Ruhm den Helden', dann muss man wissen, dass das eine Losung aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert war, in der ganz Europa sehr nationalistisch war und Männer wie Hitler und Mussolini als Helden verehrt wurden."

Der Populäre Sänger Oleg Skripka, der schon auf der Orangenen Revolution auftrat, appelliert an die Schönheit der Heimat und schickte zugleich eine Warnung hinterher. "Oleg forderte die Leute auf dem Maidan auf, über solche Losungen nachzudenken, denn sie würden Assoziationen mit dem nazistischen Deutschland wecken."

Den Ukrainern wurde ihre Sprache genommen, das Land war über Jahrhunderte auf irgendeine Weise Teil Russlands. Nun besinnt man sich auf eigene Identität und will zugleich zu Europa gehören, sogar der Führer der rechtsradikalen Svoboda-Partei, Oleg Tjanibok, gibt sich als Europäer. Ein Wolf im Schafspelz, meint Andrej Portnow, der Historiker. "Speziell Tjanibok vermeidet derzeit ganz gezielt jede Äußerung, die seine zentristische und pro-europäische Haltung infrage stellen könnte."

Andere Mitglieder seiner Partei äußern sich so ständig. Aber dennoch ist er bekannt für seine Äußerungen gegen Juden, Ausländer, Immigranten, Homosexuelle, die Liste ist lang. "Svoboda weiß, dass sie jetzt die Gunst der Stunde nutzen müssen, so viele Anhänger wie möglich zu bekommen, denn auf dem Maidan findet hinter den Kulissen der Kampf um die Führungsposition in der Opposition statt."

Die Strategie geht offenbar auf.

Losungen, die auch ganz anders verwendet werden könnten

Der Rentner Viktor Rybatschuk trägt die Svoboda-Fahne, obwohl er kein Mitglied ist. "Ich unterstützte die Partei, denn die ist für den europäischen Kurs und vertritt alles, was Europa ausmacht. Alle Bedingungen, die Europa uns genannt hat, werden von der Partei unterstützt. Es sind zu viele, um sie jetzt aufzuzählen."

Anders als der Rentner ist dieser Ukrainer aus Lemberg hier ein offener Antisemit und fühlt sich bei Svoboda zu Hause. "In der Ukraine gibt es 2000 Juden, aber von den Abgeordneten in der Werchowna Rada sind 63 Prozent Juden."

Auch wenn die allermeisten keine Nationalisten sind, so steckt in dieses ganzen Slawa-Ruhm-Rufen doch eine Gefahr. "Man muss einfach daran denken, dass diese Losungen morgen oder übermorgen in einem ganz anderen Zusammenhang mit einem ganz anderen politischen Ziel verwendet werden könnten."

Ähnlich die Begeisterung für alles angeblich Ur-Ukrainische, hundertfach werden die rot-schwarzen Fahnen der UPA geschwenkt, jener Untergrundorganisation, die im Zweiten Weltkrieg gegen die Rote Armee kämpfte, aber eben auch Zehntausende Polen tötete, um das Grenzgebiet Wolhynien ethnisch zu säubern. Das weiß diese Kindergärtnerin nicht, sie will die Kleinen einfach zu Patrioten erziehen.

"Das ist die Flagge von Stepan Bandera, der im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis und gegen die Rote Armee gekämpft hat. Wir sind für eine ukrainische Ukraine. Wir wollen, dass es bei uns wie in Europa ist, die Sauberkeit, die Schönheit, die Intelligenz. Das wollen wir auch. Wir wollen, dass es bei uns genauso wird."

Der Grad zwischen Vaterlandliebe und Nationalismus ist schmal.

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