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StartseiteBüchermarktDie lange, schwierige Geburt eines literarischen Schmerzenskinds13.02.2018

Ulrich Alexander Boschwitz: "Der Reisende"Die lange, schwierige Geburt eines literarischen Schmerzenskinds

Fast 80 Jahre nach Erstveröffentlichung erscheint "Der Reisende" des deutsch-jüdischen Autors Boschwitz auf Deutsch, bearbeitet auf Grundlage eines alten Typoskripts. Der 1915 geborene Kaufmannssohn aus Berlin hatte den Roman 1939 unter dem Eindruck der Novemberpogrome veröffentlicht.

Von Andrej Klahn

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Buchcover Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende, im Hintergrund Polizisten (Klett-Cotta Verlag / picture-alliance / dpa)
Buchcover zu Ulrich Alexander Boschwitz´ "Der Reisende" - im Hintergrund Polizisten (Klett-Cotta Verlag / picture-alliance / dpa)

Die Überfahrt von Australien nach Europa sollte seine letzte Reise sein. Als Ulrich Alexander Boschwitz im Herbst 1942 an Bord des britischen Passagierschiffs Abosso geht, ist ihm klar, dass er sich in Gefahr begibt. Deshalb setzt der 27-Jährige noch einen Brief an die Mutter auf. Letzte, auf Englisch abgefasste Zeilen für den Fall, dass er auf der Fahrt nach Europa umkommen wird: "Wenn Dich dieser Brief erreicht", so beginnt er, "dann weißt Du, warum. Ich bin das Risiko eingegangen und habe es nicht geschafft". Dann kommt der Sohn schnell zum Wesentlichen - zu seinem Werk. 

Dieses Werk ist, wie könnte es bei einem so jungen Autor anders sein, sehr übersichtlich: immerhin zwei zu Lebzeiten im Exil veröffentlichte Romane, der erste 1937 in Schweden, der zweite 1939 in England, jeweils als Übersetzung. Vor allem in "The man who took trains" – nun erstmals auf Deutsch unter dem Titel "Der Reisende" erschienen – setzte Boschwitz große Hoffnung.

Der Text müsse noch mal überarbeitet werden, lässt er die Mutter in seinem Abschiedsbrief 1942 wissen. Damit habe er angefangen und ein Teil der Korrekturen sei auch schon unterwegs. Doch weder diese neue Fassung noch Boschwitz selbst kamen jemals in England an. Ein deutsches U-Boot torpedierte die Abosso am 29. Oktober 1942 nordwestlich der Azoren. Boschwitz und alle anderen 361 Passagiere starben - und das damals von ihm überarbeitete Manuskript von "Der Reisende" ist bis heute unauffindbar geblieben.

Das letzte Manuskript vom "Reisenden" - verschollen

Knapp 80 Jahre nach seiner Entstehung aber erscheint der Roman nun doch noch auf Deutsch. Herausgegeben hat ihn Peter Graf auf Basis des Typoskripts, das sich im Exilarchiv der Nationalbibliothek in Frankfurt befindet. Peter Graf hat Boschwitz also gewissermaßen beim Wort genommen und den Text überarbeitet. Ein Lektorat ohne Schriftsteller: 

"Am Anfang hat man natürlich Angst, weil eben der Dialog fehlt. Man probiert, ein Gefühl zu bekommen, liest sich in alles rein, was man findet, die anderen Texte, die er geschrieben hat. (...) Es gibt leider nicht sehr, sehr viel. All das habe ich natürlich begutachtet und habe mir das angeschaut und ich habe probiert, diesen Ton zu verinnerlichen. Das ist alles, was man tun kann – mit viel Ehrfurcht an so einen Text heranzugehen. Und dann braucht man aber eben auch ein bisschen Mut an der einen oder anderen Stelle, zu sagen okay, das hätte der Autor jetzt gut gefunden. Da muss man ein bisschen auch auf das vertrauen, was man über die Jahre gelernt hat."

Wie überarbeitet man einen Roman, wenn der Autor tot ist?

Ulrich Alexander Boschwitz hat "Der Reisende" in nur wenigen Wochen und unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Novemberpogrome von 1938 geschrieben. Obwohl er die Ereignisse aus sicherer Distanz im Exil beobachtet hat und sein Stil – zumindest in Peter Grafs Fassung – gekonnt nüchtern und kontrolliert ist, ist dem Roman die persönliche Betroffenheit des Verfassers anzumerken. Hauptfigur ist Otto Silbermann, ein wohlhabender jüdischer Kaufmann. Ein Mann, der im Ersten Weltkrieg auf der Seite des Kaiserreichs gekämpft hat; ein deutscher Großbürger, für den die eigenen jüdischen Wurzeln nie von Belang waren.

Doch mit der Machtübernahme der Nazis zerfällt auch Silbermanns säkulare Welt plötzlich in Juden und Nicht-Juden, in Menschen, die dazugehören und Aussätzige. Silbermann sieht sich verdächtigen Blicken, abschätzigem Getuschel und unverschämter Hetze ausgesetzt. Boschwitz versetzt den Leser hier häufig direkt hinein in Silbermanns von Angst und Zweifeln angetriebenes Bewusstseinskarussell:

"Ich lebe, als wäre ich kein Jude, wunderte er sich. In diesem Moment bin ich zwar ein bedrohter, doch noch vermögender und bislang unangetasteter Bürger. Wie kommt man eigentlich dazu? Man lebt in einer modernen Sechszimmerwohnung. Die Menschen sprechen mit einem und behandeln einen, als gehöre man völlig zu ihnen. Fast könnte man ein schlechtes Gewissen haben und gleichzeitig möchte man die Wirklichkeit, das Jude- und seit gestern Anders-Sein, den Lügnern, die so tun, als wäre ich noch das, was ich gewesen bin, entschieden präsentieren. Was war ich? Nein, was bin ich? Was bin ich eigentlich? Ein Schimpfwort auf zwei Beinen, dem man es nicht ansieht, dass es ein Schimpfwort ist!"

Über Nacht degradiert zu einem "Schimpfwort auf zwei Beinen"

Bemerkenswert hellsichtig entwirft Boschwitz in "Der Reisende" das Psychogramm einer vom Antisemitismus vergifteten Gesellschaft. Rachsüchtige Neider und skrupellose Profiteure trauen sich aus der Deckung, charakterlose Mitläufer haben ihren Auftritt genauso wie überzeugte Parteisoldaten. Als eine aufgehetzte Meute an Silbermanns Tür klingelt, beginnt für ihn eine demütigende Flucht durch Deutschland, seine Heimat, die ihm über Nacht fremd geworden ist. Von Berlin aus geht es nach Hamburg, dann wieder zurück nach Berlin, es folgen Dortmund, Aachen und wieder Dortmund. In Belgien wird Silbermann beim Versuch, die Grenze zu passieren, von Polizisten aufgegriffen und zurückgeschickt. Dresden und Berlin sind schließlich die letzten Haltestellen dieses Stationen-Dramas. Silbermann, der »Reisende«, ist immer in Bewegung, gehetzt und rastlos. Am Ende ist das Reisen, dieses ausweglose Hin und Her, nur noch Ausdruck seiner zunehmenden Verzweiflung.

"Züge schießen aneinander vorüber. Ein fernes Tuten und Schrillen klingt herein, und im Nebenabteil lachen fremde Stimmen. Die Räder aber mahlen über den Schienen das immer gleiche Lied: Eine Telegraphenstange ist wie die andere, eine Telegraphenstange ist wie die andere, auf der Flucht ... auf der Flucht. Reist man? Nein! Man verharrt auf der immer gleichen Stelle, ist wie ein Mensch, der ins Kino flieht, und die Filme flimmern an ihm vorüber, er aber sitzt unbeweglich auf seinem Platz, und die Sorgen warten vor der Ausgangstür."
 
So dunkel Boschwitz den zeithistorischen Hintergrund seines Romans auch ausgemalt hat: Otto Silbermann hebt sich nicht als Lichtgestalt von ihm ab. Ganz im Gegenteil: Silbermann ist ein moralisch widersprüchlicher und eben deshalb überzeugender Charakter - einerseits selbstlos und großzügig, andererseits knallhart und egoistisch. Kein Held also, sondern ein Mensch, dessen Handeln nur ein Ziel kennt: überleben. Und, Silbermann ist – wie nicht wenige patriotisch gesinnte deutsche Juden damals – in Momenten der Schwäche von jüdischem Selbsthass getrieben. Dann hat er regelrecht antisemitische Gedanken: 

Ein schillernder, nicht nur sympathischer Charakter

"Es sind zu viele Juden im Zug, dachte Silbermann. Dadurch kommen wir alle in Gefahr. Euch anderen habe ich es überhaupt zu verdanken. Wenn ihr nicht wärt, dann könnte ich in Frieden leben. Weil ihr aber seid, falle ich in eure Unglücksgemeinschaft! Ich unterscheide mich durch nichts von anderen Menschen, aber vielleicht seid ihr wirklich anders und ich gehöre nicht zu euch. Ja, wenn ihr nicht wärt, würde man mich nicht verfolgen. Dann könnte ich ein normaler Bürger bleiben. Weil ihr existiert, werde ich mit ausgerottet."

Ulrich Alexander Boschwitz selbst hatte Deutschland bereits 1935 verlassen. Über Schweden, Norwegen, Frankreich und Belgien führte ihn sein Weg nach England. Von dort wurde er als "enemy alien" in ein Internierungslager nach Australien abgeschoben. Er teilt mit seiner Hauptfigur also den Schock des Heimatverlustes und die Erfahrung, in der Fremde nicht willkommen zu sein. Doch es war nicht das Leben im Exil, das Boschwitz zum Schriftsteller machte. Seine ersten Texte hatte der gelernte Kaufmann bereits in Deutschland zu Papier gebracht. Darunter auch der 1937 bei Bonnier in Schweden veröffentlichte Roman "Menschen neben dem Leben", der im Berlin der Weimarer Republik spielt. Peter Graf:

"Aber "Der Reisende" ist (...) natürlich ein Thema, das ihn so unmittelbar angeht, dass das sein Schreiben sehr beeinflusst und, ich finde, auch sehr viel besser macht, weil er aus der Position des Beobachtenden herauskommt in die Position dessen, der vieles von dem, was auch seine Hauptfigur in "Der Reisende", was ihm widerfährt, das hat er auch selbst erfahren. Und das ist dann sehr viel unmittelbarer und authentischer und von der Beobachtung her präziser als der Blick eines Zwanzigjährigen auf bestimmte andere Milieus und Zustände, die er in Prosa fassen möchte." 

Zeitloses Plädoyer für Mitleid mit Flüchtlingen

In "Der Reisende" verdichtet Boschwitz die Entfremdungserfahrung zur Extremsituation. In den wenigen Tagen des Unterwegsseins wird Silbermann alles verlieren, was seinem Leben einen Sinn gegeben hat: sein Haus, seinen Geschäftskompagnon, seine Frau – und sein letztes Geld. Silbermann aber bewahrt in seiner Verzweiflung Haltung. Während er bis zuletzt vergeblich darauf hofft, doch noch ausreisen zu können, brüllt der Chor um ihn herum beharrlich: "Juden raus." Das ist die bitter-böse Pointe dieses zugleich anrührenden und verstörenden Buches, das uns zur rechten Zeit daran erinnert, was es bedeutet, auf der Flucht zu sein. 

Ulrich Alexander Boschwitz: "Der Reisende"
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Peter Graf. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart. 303 Seiten, 20 Euro.

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