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StartseiteBüchermarktUm sein Leben schreiben16.08.2009

Um sein Leben schreiben

Herta Müller: "Atemschaukel", Hanser Verlag

Die rumäniendeutsche Schriftstellerin Herta Müller beschäftigt sich in ihren Texten immer wieder mit der Erfahrung der Unterdrückung und den Deformationen, die Menschen erleiden, wenn sie permanenter Bespitzelung ausgesetzt sind. In "Atemschaukel" geht es um das Schicksal eines Zwangsarbeiters in einem sowjetischen Gefangenenlager.

Von Maike Albath

Ein sowjetisches Gulag,  1954. (AP Archiv)
Ein sowjetisches Gulag, 1954. (AP Archiv)

Er ist siebzehn Jahre alt, heißt Leopold Auberg, lebt in Hermannstadt in Rumänien und gehört zur deutschen Minderheit. Im Januar 1945 reichte das bereits, um auf einer der berüchtigten Listen zu landen. Die Rote Armee beherrschte das Land und stellte Forderungen. Alle Rumäniendeutschen zwischen siebzehn und fünfundvierzig Jahren sollten in Arbeitslager abtransportiert werden. Sie galten als Unterstützer des Hitler-Regimes, und die Sowjetunion brauchte Hilfe beim Wiederaufbau zerstörter Industrieanlagen. Der junge Mann packt seinen Koffer.

Alles, was ich habe, trage ich bei mir. Oder: Alles Meinige trage ich mit mir. Getragen habe ich alles, was ich hatte. Das Meinige war es nicht. Es war entweder zweckentfremdet oder von jemand anderem. Der Schweinslederkoffer war ein Grammophonkistchen. Der Staubmantel war vom Vater. Der städtische Mantel mit dem Samtbündchen war vom Großvater. Die Pumphose von meinem Onkel Edwin. Die ledernen Wickelgamaschen vom Nachbarn, dem Herrn Carp. Die grünen Wollhandschuhe von meiner Fini-Tante. Nur der weinrote Seidenschal und das Necessaire waren das Meinige, Geschenke von den letzten Weihnachten.

Man verfällt ihr sofort, dieser rauen, eindringlichen Stimme von Leopold Auberg, dem Helden und Ich-Erzähler in Herta Müllers neuem Roman "Atemschaukel". Es liegt an dem ganz bestimmten Ton, den man so noch nie gehört hat, es liegt daran, wie er die Welt in die Sprache hineinholt und neu entstehen lässt, und es liegt an dem Menschen, den man hinter dieser Sprache wahrnimmt. Gleich zu Beginn verrät Leopold Auberg, den man sich groß, kräftig und ein bisschen ungelenk vorstellt, dass er trotz der Ungewissheit froh ist über den Abtransport.

Ich wollte weg aus dem Fingerhut der kleinen Stadt, wo alle Steine Augen hatten. Statt Angst hatte ich diese verheimlichte Ungeduld. Und ein schlechtes Gewissen, weil die Liste, an der meine Angehörigen verzweifelten, für mich ein annehmbarer Zustand war. Sie fürchteten, dass mir etwas zustößt in der Fremde. Ich wollte an einen Ort, der mich nicht kennt. Mir war bereits etwas zugestoßen. Etwas Verbotenes. Es war absonderlich, dreckig, schamlos und schön.

Er nennt es den "Wildwechsel" im Park - heimliche Treffen mit Männern, die allesamt Decknamen haben und "die Schwalbe", "die Möwe" oder "die Perle" heißen. Leopold Auberg ist schwul. Er weiß, dass Rendezvous dieser Art mit einem Spezialgefängnis bestraft werden, aus dem kaum jemand lebend zurückkehrt. Hinzu käme noch die Schande, die er damit über die Familie brächte. Bei einer Deportation bleibt den Eltern wenigstens das erspart. Wegen seiner Neigung von tiefen Schuldgefühlen geplagt, ist das Lager für Leopold das kleinere Übel. Aber er weiß nicht, was ihn in der Sowjetunion erwartet. In Viehwaggons zusammen gepfercht, werden über fünfhundert Männer und Frauen ins Donbas-Becken verfrachtet, insgesamt achtzigtausend Rumäniendeutsche. Zwei Wochen dauert die Zugfahrt. Dann landen die Gefangenen in getrennten Baracken mit je 68 Betten, bekommen Watteanzüge gegen die Kälte, lange Unterwäsche, Fußlappen, Arbeitshandschuhe, Mützen mit Ohrenklappen, Holzschuhe und Gummigaloschen. Sie müssen Zementsäcke schleppen, Steine stapeln, Mörtel mischen, Wände mauern und Lastwagen fahren, bis das Kokswerk wieder aufgebaut ist. Später befeuern sie Dampfkesselanlagen und schippen Schlacke, Tag um Tag, Jahr um Jahr. Aber das ist nicht das Schlimmste.

Was kann man sagen über den chronischen Hunger. Kann man sagen, es gibt einen Hunger, der dich krankhungrig macht. Der immer noch hungriger dazukommt, zu dem Hunger, den man schon hat. Der immer neue Hunger, der unersättlich wächst und in den ewig alten, mühsam gezähmten Hunger hineinspringt. Wie läuft man auf der Welt herum, wenn man nichts mehr über sich zu sagen weiß, als dass man Hunger hat. Wenn man an nichts anderes mehr denken kann. Der Gaumen ist höher als der Kopf, eine Kuppel, hoch und hellhörig bis hinauf in den Schädel. Wenn man den Hunger nicht mehr aushält, zieht es im Gaumen, als wäre einem eine frische Hasenhaut zum Trocknen hinters Gesicht gespannt. Die Wangen verdorren und bedecken sich mit blassem Flaum.

In achtundsechzig kurzen Kapiteln lässt Herta Müller ihren Helden vom Lager erzählen. Zu Beginn des Romans geht Leopold Auberg chronologisch vor und schildert den Abschied von zu Hause, die Reise und die Ankunft im Lager. In der ukrainischen Steppe mit ihrer immer gleichen Landschaft geraten die zeitlichen Koordinaten ins Wanken: der Kontakt mit der Außenwelt reißt ab, die Häftlinge sind aus ihrer früheren Existenz heraus gefallen, und genau wie die Zwangsarbeiter die Gefangenschaft als einen unendlichen Kreislauf erleben, nimmt auch die Erzählbewegung eine kreisende Form an. Jetzt sind es Bestandteile des Lagers, die kapitelweise in das Blickfeld des Helden geraten. Ausgehend von Gegenständen wie den Watteanzügen, den Zementsäcken mit ihren Tücken, den Schlackobausteinen, den Kohlesorten, den Läusekämmen, den verschiedenen Lastwagen, einem alten Rohr, das als Stundenhotel dient oder dem "Meldekraut", einem Unkraut, das die Lagerinsassen während des Frühlings und Sommers sammeln und kochen, rollt sich der Erzählfaden jedes Mal neu auf. Nicht nur die quälende Eintönigkeit dieser Existenz, auch die Vernichtung der Individualität und die Reduktion auf die elementarsten Bedürfnisse werden für den Leser auf bestürzende Weise fassbar. Und im Untergrund wütet immer der Hunger. Dieser nie versiegende Hunger ist das bohrende Schmerzzentrum, von dem das Sprechen letztendlich seinen Anfang nimmt. Genau hier schlägt Herta Müller einen atemberaubenden Bogen und stellt einen existenziellen Zusammenhang zwischen Nahrung und Sprache her. Denn das einzige, was Leopold am Leben erhält, sind Sätze. Er füttert sich mit Wörtern, nimmt sie wie Speisen zu sich, bewegt sie in der Mundhöhle hin und her, dreht sie in diese oder jene Richtung. Wie den Abschiedssatz seiner Großmutter, die sagte "Ich weiß Du kommst wieder", als er aus der Tür ging. Es sind Sätze, die er sich ausdenkt, wenn der Hunger, den er den "Hungerengel" tauft, sein Inneres vollkommen ausfüllt. Mit diesen Sätzen tastet er die Umgebung ab und verleibt sie sich ein, als Ersatz für tatsächliche Nahrung. Manchmal sind es auch Kochrezepte, die er mit seinen Mitgefangenen austauscht, am liebsten mit den Frauen, weil sie die Zutaten und Zubereitungen der Gerichte viel ausführlicher als die Männer zu schildern wissen. Während morgens und abends wasserdünne Krautsuppe verabreicht wird und Leopold ein Anrecht auf eine einzige daumendicke Scheibe Brot am Tag hat, geht es um Nudelteig, gesottenes Fleisch, saure Hasen, Rehrücken, Schweinskopf, Knödel, Rumtorte, Apfelstrudel, Aprikosenkompott, Haselnusskroketten und Napoleonschnitten. Je mehr Wörter man für die Beschreibung der Kochprozedur braucht und je mehr Speisen man kennt, desto besser. Mitunter verschiebt sich aber auch alles auf die unbelebte Welt um ihn herum. Mit der Sprache haucht Leopold den Dingen Leben ein.

Der Hungerengel wusste, wie gern ich mit der kalten Schlacke allein war. Dass sie gar nicht kalt war, sondern lauwarm und ein bisschen nach Flieder roch oder nach behaarten Gebirgspfirsichen und späten Sommeraprikosen. Doch am meisten roch die kalte Schlacke nach Feierabend, weil in der nächsten Viertelstunde Schichtschluss und kein Desaster mehr möglich war. Sie roch nach Heimweg aus dem Keller, nach Kantinensuppe und Ausruhen. Sogar nach ziviler Welt roch sie und machte mich übermütig. Ich stellte mir vor, ich gehe nicht im Watteanzug aus dem Keller in die Baracke, sondern feingemacht mit Borsalino, Kamelhaarmantel und weinrotem Seidenschal in Bukarest oder in Wien ins Kaffeehaus und setzte mich dort an ein Marmortischchen. So freilebig war die kalte Schlacke, sie schenkte einem den Selbstbetrug, durch den man sich ins Leben zurückstehlen konnte.

Mit der Erfahrung der nahrhaften Sprache, die Herta Müller ihrem Helden auf den Leib schreibt, entwickelt sie nebenbei eine kleine Sprachtheorie. Die Sprache wird selbst zum Körper und zu einem Mittel, die Welt neu zu erschaffen. Im Hintergrund schwelt die jüdisch-christliche Tradition mit ihrer Betonung des Logos, was sich hier in eine plastische Erfahrung übersetzt. Die Wörter sind Leopolds Rettung, sie bieten den einzigen Fluchtraum. Wenn Leopold von seinem "Augenhunger" spricht, von der "Erwartungsmütze", vom "Eigenbrot" im Unterschied zu dem Brot der anderen, und von der "Brotfalle", in die man beim Tauschhandel des Eigenbrotes gegen das Brot der anderen tappt, von den "Perlmuttketten" herausquellender Eingeweide oder von dem "ausgefrorenen Unterleib" und den "totkalten Beinen" beim stundenlangen Appell, dann ist das ein Akt der Selbstbehauptung. Auch Begriffe wie der "Hungerengel" und die "Atemschaukel", die sich bei übermäßigem Hunger einstellt, gehören in dieses private Repertoire. Der Leser wird ebenfalls von Leopolds Worthunger erfasst. Die eigenwilligen Sprachbilder sind einerseits absolut konkret. Sie überführen den schwer fassbaren Lageralltag in etwas Metaphorisches, das Fantasien freisetzt. Gleichzeitig geht Müller mit den Neologismen sehr sorgsam um und streut sie nie zu dicht. Bildhafte Vergleiche fangen die eigentümliche Schönheit dieses Ortes ein: "die Sonne drehte die Steppe in den Spätherbst" heißt es zum Beispiel, die Märzsonne hat "bleiche Fransen", oder es "glitzert eine Organzapelerine aus Glasstaub in der Luft" und schwebt im nächsten Moment "als verchromte Voliere" durch die Nacht. Bei einer Gefangenen kommt der rechte Mundwinkel ins Flattern und "verließ ihr Gesicht, als sei dort, wo das Lachen an die Haut gebunden ist, der Faden abgerissen". Herta Müllers sprachschöpferische Kraft macht die Geschichte ihres Helden für den Leser überhaupt erst erträglich. Die sinnlich aufgeladenen Details sind eingebettet in eine schlichte Syntax, barocke Redewendungen wechseln mit kargen Beschreibungen der Industrieanlagen, was ihre Wirkung noch verstärkt. Herta Müller weidet sich nicht am Schicksal ihres Protagonisten, sondern übermittelt über die ästhetische Verdichtung den Kern dieser Erfahrung. Dabei wird die Duplizität des Erlittenen deutlich, denn Leopold Auberg kann nach seiner Rückkehr das Lager nicht mehr loslassen. Er verharrt darin, weil es ist längst Teil seiner Identität ist. Vor allem die körperliche Arbeit im Keller beim Schlackeschippen erzeugt in seinem Inneren einen Gleichklang; er entwickelt einen ganz eigenen Stolz auf die wieder aufgebauten Industrieanlagen und die komplizierten Fertigungsprozesse.

Der Albert Gion sagt: Ich kipp drei Wagen, dann kippst du drei. Ich sage: Dann putze ich den Berg. Er sagt: Ja, danach gehst du stoßen. Zwischen Kippen und Stoßen geht die Schicht hin und her, bis die Hälfte um ist, bis der Albert Gion sagt: Wir werden eine halbe Stunde schlafen unter dem Brett, unterm Siebener, dort ist es ruhig. Und dann kommt die zweite Hälfte. Der Albert Gion sagt: Ich kipp drei Wagen, dann kippst du drei. Ich sage: Dann putze ich den Berg. ( ... ) Nach jeder Schicht ist der Keller rein, denn jede Schicht ist ein Kunstwerk.

Herta Müller, die wie ihre Hauptfigur Rumäniendeutsche ist, verarbeitet in "Atemschaukel"einen authentischen Stoff. Sie erzählt die Geschichte des Lyrikers Oskar Pastior. In einem knappen Nachwort erklärt sie, wie es dazu kam. Als Tochter einer Zwangsarbeiterin aus einem sowjetischen Lager war die Erfahrung der Deportation ihre ganze Kindheit hindurch atmosphärisch präsent. Darüber sprechen konnte ihre Mutter nicht. Als Herta Müller Oskar Pastior näher kennenlernte, erfuhr sie, dass auch der 1927 in Hermannstadt geborene Dichter fünf Jahre lang in einem ukrainischen Arbeitslager gewesen war. Anders als ihre Mutter und viele andere ehemalige Deportierte aus Müllers Dorf hatte er ein Vokabular für seine Erlebnisse gefunden: er sprach eben vom "Hungerengel", von der "Atemschaukel" und von den "Kofferschätzen", wie er seine wenigen Habseligkeiten nannte. Pastior, der 1968 über Wien nach Berlin geflohen war, hatte einige Jahre nach der Rückkehr sogar drei Schulhefte mit Erinnerungen gefüllt. Daraus las er Herta Müller jetzt vor und erzählte ihr, wie der Alltag im Lager ablief. Müller schrieb alles auf, fragte nach, ließ sich die Gebäude beschreiben, die Arbeitsabläufe, die Mitgefangenen und wollte verstehen, was sich hinter den Wörtern verbarg. Gemeinsam fuhren sie dann in die Ukraine und fanden die inzwischen wieder zerstörten Industrieanlagen im Donbas-Becken wieder, wohin Pastior verschleppt worden war. Es entstand das Projekt eines Romans, den sie zu zweit verfassen wollten. Einzelne Teile gab es bereits. Doch dann starb Pastior im Oktober 2006 plötzlich. Herta Müller blieb mit dem Material allein zurück. Die Erzählungen Pastiors wurden zu einer Art Vermächtnis, und die Schriftstellerin brauchte eine Weile, bis sie an dem Manuskript weiter arbeiten konnte. "Atemschaukel" ist ein großartiges Buch geworden, ein Epitaph für einen verlorenen Freund und eine Geschichte über das, was Menschen in Lagern widerfährt, und was sich kaum in Worte fassen lässt. Dafür eine angemessene Erzählweise zu finden, die jenseits eines kruden Realismus liegt, ist bereits ein großes Verdienst. Wer will, kann sogar eine Erklärung für Pastiors Poetik darin entdecken, für seine experimentelle Spracharbeit, sein "Schreiben aus zwei Richtungen auf die weiße Mitte hin", wie er es einmal genannt hat, für sein Abtasten, Ausdehnen und Überdehnen der Wörter und der Grammatik. Durch die Drangsalierungen und die Schwerstarbeit zum reinen Körper reduziert, wurde die Sprache zum materiellen Fluchtpunkt. Im Roman gibt es einen Moment, an dem plötzlich die Bezüge auf ein Außen aufblitzen und die Chronologie wieder einsetzt, einen Umschlagpunkt. Eines Tages im November erreicht Leopold Auberg nämlich eine Rote-Kreuz-Postkarte von zu Hause. Es ist eine Anzeige, die ein halbes Jahr lang unterwegs war: Seine Eltern geben die Geburt seines kleinen Bruders Robert am 17. April 1947 bekannt. Ihn packt ein archaischer Hass. Während seine Familie nicht einmal sicher wissen kann, ob ihr erster Sohn noch am Leben ist, bekommen sie ein zweites Kind. Leopold nennt ihn den "Ersatzbruder". Sein Heimweh wird schal und hat keinen Ort mehr. Drei Jahre lang setzt sich die Routine im Lager noch fort, mit kleinen Variationen. Im vierten Sommer erhalten die Insassen plötzlich Geld für ihre Arbeit. Sie kaufen sich Essen und Kleidung. Am Wochenende dürfen sie tanzen, und sie improvisieren kleine Feste, zu denen sich Leopold mit einem neuen Anzug herausputzt. Genauso unvermittelt, wie sie fünf Jahre zuvor abtransportiert worden waren, werden sie eines Tages im Winter 1950 wieder in Waggons verfrachtet und in ihre Heimatorte zurück gebracht. Aber eine Fortsetzung seines alten Lebens ist für Leopold nicht mehr möglich. Dass dort alles so weiter gegangen ist, wie vor seiner Deportation, hat etwas Gespenstisches.

Er sei ein "Nichtrührer", sagt der Nachbar zu ihm, ein Tunichtgut und nimmt ihn mit in die Kistenfabrik, wo Leopold wenigstens eine Beschäftigung hat. Nach ein paar Jahren zieht er um in die Hauptstadt, heiratet zum Schein, setzt unter dauernder Panik seine heimlichen Rendezvous nachts auf Parkbänken fort, obwohl er um die Gefahren weiß, bis er eines Tages zu einem Besuch nach Wien aufbricht und von dort nicht mehr zurückkehrt. Das Lager steckt weiter in ihm, auch als er längst im Westen lebt, weit weg von allen Orten des Geschehens. Es ist sein innerer Kern.

Meine Heimkehr ist ein verkrüppeltes, ständig dankbares Glück, ein Überlebenskreisel, der sich wegen jedem Dreck zu drehen beginnt. Er hat mich in der Hand wie alle meine Schätze, die ich weder ausstehen noch loslassen kann. Ich gebrauche meine Schätze seit über 60 Jahren. Sie sind schwächelnd und zudringlich, intim und widerlich, vergesslich und nachtragend, abgenutzt und neu. Wenn ich sie aufzähle, komme ich ins Straucheln. Meine stolze Unterlegenheit. Meine zugemaulten Angstwünsche. Meine unwillige Eile, ich springe von Null auf Total. Meine trutzige Nachgiebigkeit, in der ich allen recht gebe, damit ich es ihnen vorwerfen kann. Mein verstolperter Opportunismus. Mein höflicher Geiz. Mein matter Sehnsuchtsneid, wenn Leute wissen, was sie vom Leben wollen. Ein Gefühl wie stockende Wolle, kalt und kraus. Meine steile Ausgelöffeltheit, dass ich von außen bedrängt und innen hohl bin, seit ich nicht mehr hungern muss. Meine seitliche Durchschaubarkeit, dass ich beim Einwärtsgehen auseinander komme. Meine plumpen Nachmittage, die Zeit rutscht langsam mit mir zwischen die Möbel. Mein gründliches Imstichlassen. Ich brauche viel Nähe, aber ich gebe mich nicht aus der Hand. Ich beherrsche das seidene Lächeln im Zurückweichen. Seit dem Hungerengel erlaube ich niemandem, mich zu besitzen. Der schwerste meiner Schätze ist mein Arbeitszwang.

Hinter dem Arbeitszwang verbirgt sich die Zwangsarbeit, es ist die Umkehr dessen, was Leopold Auberg angetan wurde. Nach dieser Erfahrung ist die Freiheit kaum mehr auszuhalten. Herta Müller legt nicht nur Zeugnis ab vom Leben Oskar Pastiors und vom Lager als einer Chiffre für die Bruchstellen des 20. Jahrhunderts. "Atemschaukel"erzählt auch davon, wie jemand um sein Leben schreibt und wie das Schreiben zum Leben wird.

Herta Müller: "Atemschaukel", Carl Hanser Verlag München 2009, 303 Seiten, 19,90 Euro

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