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StartseiteKommentare und Themen der WocheEs ist Vieles schief gelaufen13.12.2017

Umgang mit Breitscheidplatz-OpfernEs ist Vieles schief gelaufen

Vor einem Jahr starben in Berlin zwölf Menschen beim Attentat auf einen Weihnachtsmarkt. Staat und Gesellschaft hätten eine besondere Verantwortung gegenüber Opfern und Hinterbliebenen, kommentiert Gudula Geuther. Doch es habe, trotz der neuen Bundes-Hilfestelle, oft an Sensibilität beim Umgang mit letzteren gemangelt.

Von Gudula Geuther

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Blumen, Kerzen und kleine Botschaften sind am 12. Januar 2017 in Berlin auf dem Breitscheidplatz zu sehen, wo am 19.Dezember 2016 zwölf Menschen bei einem islamistischen Attentat getötet wurden. (dpa / picture alliance / Paul Zinken)
Der Breitscheidplatz im Januar 2017 (dpa / picture alliance / Paul Zinken)
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Offen Gefühle zu zeigen ist Angela Merkels Sache nicht. Dass ihr die große Geste nicht liegt, die der französische Staatspräsident Emanuel Macron gegenüber Hinterbliebenen der Anschläge in Frankreich gewählt hat, mögen manche als Bescheidenheit entschuldigen oder gar loben. Aber mindestens die kleine Geste ist manchmal unerlässlich – nicht nur für Personen, sondern auch für Staaten. Dass sich Angela Merkel erst in der kommenden Woche, ein Jahr nach dem Anschlag vom Breitscheidplatz, mit Hinterbliebenen trifft, ist kläglich. Zumal das, was es gab, der Gedenkgottesdienst, stattfand, als viele noch gar keine Klarheit über ihre Liebsten hatten.

So etwas darf nicht passieren

Es ist Vieles schief gelaufen in diesem vergangenen Jahr. Zu den geradezu skandalösen Details gehört die barsche Rechnung für die Obduktion, die zum Teil als erste offizielle Stellungnahme vom Krankenhaus an die Hinterbliebenen ging. So etwas darf nicht passieren. Hier wird es Routinen geben, auch für diejenigen Sicherheitskräfte, die sich vor einem Jahr unsicher und überfordert gezeigt haben im Kontakt mit verzweifelten Angehörigen.

Der Anschlag vom Breitscheidplatz war seit langer Zeit der erste große Terroranschlag in Deutschland. Es war nicht der erste große Unglücksfall. Dass Angehörige in anderen Fällen nicht so allein gelassen wurden wie hier, mag an den Bundesländern liegen, in denen sie aufgefangen wurden. In jedem Fall ist es gut, dass es nun auch dauerhaft eine Stelle auf Bundesebene geben soll, die Betroffenen erste Hilfestellungen für Beratung und Betreuung, dann aber vor allem auch Hilfe bei der Pfadsuche durch den Behördendschungel gibt – so wie es der Opferbeauftragte und seine Mitarbeiter auch in diesem Fall getan haben.

Besondere Verantwortung

Es ist richtig, dass Terroranschläge unserer Gesellschaft oder auch dem Staat gelten, es ist richtig, dass beide deshalb eine besondere Verantwortung haben. Es ist aber vor allem völlig richtig, dass das Bundeskabinett eine solche neue Koordinierungs- und Hilfestelle offenbar nicht nur mit Anschlägen, sondern mit allen Großereignissen, also auch Unglücksfällen, befassen will. Besondere Verantwortung bedeutet nicht Opferhierarchie. Ähnliches gilt für die materielle Entschädigung. Nicht nur die Härteleistungen für solche Fälle sollen erhöht werden, sondern auch die nach dem Opferentschädigungsgesetz, das an sich für die Opfer auch anderer Straf- und Gewalttaten gilt. Das ist gut so.

Es war Deutschlands Glück, dass wir bisher vergleichsweise wenig Anlass hatten, uns um die Folgen von Anschlägen und Katastrophen so konkrete Gedanken zu machen. Es ist trotzdem – bei aller Professionalität und Hilfe an vielen Stellen – schade, dass es nicht einfach so, ohne jede Erfahrung, an anderen Stellen mehr Sensibilität gegeben hat.

(Deutschlandradio / Bettina Straub)Gudula Geuther (Deutschlandradio / Bettina Straub)Gudula Geuther, Jahrgang 1970, studierte Rechtswissenschaften in München und Madrid. Nach Abschluss des Referendariats berichtete sie vom Rechtsstandort Karlsruhe erst unter anderem für Reuters und die taz, dann für das Deutschlandradio. Nach kurzer Zeit als Deutschlandradio-Landeskorrespondentin in Hessen arbeitet sie heute als Korrespondentin für Rechts- und Innenpolitik im Deutschlandradio-Hauptstadtstudio.

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