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StartseiteInterview"Eine absolute Armutserklärung für ein Land wie Deutschland"04.05.2017

Umsetzung der Inklusion in Schulen"Eine absolute Armutserklärung für ein Land wie Deutschland"

Seit 2014 ist Inklusion in Nordrhein-Westfalens Schulen fest verankert. Doch die Umsetzung läuft an vielen Stellen schlecht, meint der Regisseur Thomas Binn, der eine Schule über Jahre filmisch begleitet hat. Vor allem fehle es an personellen Ressourcen, sagte er im DLF.

Thomas Binn im Gespräch mit Jasper Barenberg

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Ein Schulkind steht vor einer Tafel, auf der das Wort "Inklusion" geschrieben steht. (picture alliance / dpa)
In Nordrhein-Westfalen besteht ein Rechtsanspruch für Kinder mit besonderem Förderbedarf an allgemeinen Schulen. (picture alliance / dpa)
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Jasper Barenberg: Das gemeinsame Leben und Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung hat sich die rot-grüne Koalition in Nordrhein-Westfalen auf die Fahnen geschrieben und 2013 im Landtag einen Rechtsanspruch für Kinder mit besonderem Förderbedarf an allgemeinen Schulen beschlossen. Ob und wie das gelingt, das hat der Autor, Fotograf und Filmemacher Thomas Binn in einer Grundschulklasse in der nordrhein-westfälischen Gemeinde Uedem in den letzten Jahren aus nächster Nähe beobachten können. Er ist jetzt am Telefon. Einen schönen guten Morgen!

Thomas Binn: Guten Morgen.

Barenberg: Herr Binn, warum war es Ihnen so ein Anliegen, so lange und so genau bei diesem Thema Inklusion hinzuschauen?

Binn: Na ja. Wenn man mit Kindern zusammenarbeitet, muss man, um Prozesse zu visualisieren, einfach unglaublich lange dabei sein. Und ein Film, der so aufgebaut ist wie der, den wir jetzt gemacht haben, den kann man nur machen, wenn man viele, viele Tage mit den Kindern in der Klasse ist. Denn wenn man jetzt, ich sage mal, nur ein, zwei Tage dabei sitzt, dann kriegt man doch wieder nur irgendwie ein Blitzlicht zu sehen. Und um der ganzen Sache auf einer richtigen Art und Weise, auf einer angemessenen Art und Weise auf den Grund gehen zu können, mussten wir einfach viele Tage und viele Stunden mit den Kindern zusammen sein, um zu schauen, wie sich die einzelnen Kinder auch entwickeln.

"Die Rahmenbedingungen wurden 2014 schlechter"

Barenberg: Meine Frage zielte ein bisschen auch in die Richtung, mal abgesehen von dem Aufwand, oder sagen wir, warum haben Sie diesen Aufwand gerade betrieben? Was brannte Ihnen so auf den Nägeln gerade bei diesem Thema?

Binn: Die Grundschule dort in Uedem, die kenne ich sehr gut und habe schon vor Beginn der Dreharbeiten dort oft gearbeitet, auch im Pädagogischen oft gearbeitet. Die Schule hat 15 Jahre Erfahrung mit gemeinsamem Unterricht gemacht und ist sehr vertraut mit dem Unterrichten von Kindern mit und ohne Unterstützungsbedarf. Mit der Einführung von Inklusion 2014 wurden die Rahmenbedingungen schlechter und das war die große Befürchtung von allen, und da ich mich in erster Linie als ein Vertreter der Kinder sehe – mir ist es ein großes Anliegen, die Bildungssituation, die Lebensbedingungen von Kindern hier bei uns im Land zu verbessern -, war es mir einfach ein Stück weit eine Herzensangelegenheit.

Barenberg: Haben Sie bei Ihren Dreharbeiten irgendeinen der Beteiligten, der Betroffenen getroffen, der den Grundgedanken der Inklusion nicht unterstützt?

Binn: Nein. Alle wollen Inklusion. Die Kinder wollen Inklusion, die Lehrer wollen Inklusion, die allermeisten Eltern wollen Inklusion. Jeder, der halbwegs klar denken kann, sollte für den inklusiven Grundgedanken sein. Das ist das, wo sich unsere Gesellschaft hin entwickeln sollte. Wir wollen dieses vorurteilsfreie Miteinander. Wir wollen, dass die Kinder in ihrer eigenen Geschwindigkeit lernen und sich entwickeln können. Aber dafür braucht man entsprechende Rahmenbedingungen und diese Rahmenbedingungen, die schafft sich die Schule ja nicht selber, sondern die werden von der Politik, vom Schulministerium vorgegeben. Innerhalb dieser Rahmenbedingungen nur kann die Schule agieren und diese Rahmenbedingungen, die machen es aus meiner Sicht kaputt.

"Es fehlt an allem"

Barenberg: Gibt es an der Schule in Uedem irgendjemanden, der mit der Situation heute zufrieden wäre?

Binn: Ich will es mal so sagen: Die Kinder fühlen sich ja grundsätzlich erst mal wohl in ihrem Umfeld. Aber wenn man von außen draufschaut, wenn man objektiv das Ganze betrachtet, dann weiß man, es gibt ganz viele Stellschrauben, an denen gedreht werden muss, um es zu optimieren. Sowohl der Schulleiter als auch die Eltern als auch die Klassenlehrerin, die Sonderpädagogin, alle sagen, wenn wir die Kinder optimal fördern wollen, müssen wir viel mehr tun, viel mehr.

Barenberg: Viel mehr tun, sagen Sie. Was sagen die Lehrer, sagen die Eltern, sagt der Schulleiter, was vor allem müsste als erstes anders werden?

Binn: Es fehlt letztendlich an allem. Es fehlt an Zeit, an Geld, an personeller, an räumlicher Ressource, es fehlt an Unterrichtsmaterial. Es fehlt an allem, um Inklusion zu einem gelingenden Modell führen zu können. Und das ganz große Problem sind die Ressourcen, die personellen Ressourcen. Es war in der Zeit, als GU praktiziert wurde, vor 2014 so, dass in den Modellschulen, an denen gemeinsamer Unterricht praktiziert wurde, fast alle Schulklassen doppelt besetzt waren. Doppelt besetzt heißt, es war eine Klassenlehrerin oder ein Klassenlehrer in der Klasse, unterstützt durch eine Sonderpädagogin oder einen Sonderpädagogen. Dieses Modell wurde aufgehoben, weil man gemerkt hat, dass durch die Auflösung der ganzen Förderschulen gar nicht genug Sonderpädagogen da sind, um an den Schulen adäquat arbeiten zu können. Das ist eigentlich das Allerwichtigste, dass genügend Sonderpädagogen in die Schulen kommen. Das Problem ist aber, es gibt sie gar nicht.

"Die Lehrer sind extrem belastet und auch hilflos"

Barenberg: Nun ist Uedem eine sehr kleine Gemeinde mit 8.000 Einwohnern und ich habe bei der Recherche gelesen, dass Sie oft mit dem Vorwurf konfrontiert waren, warum machst Du das da eigentlich, da ist das doch noch einfach und heile Welt im Vergleich zu, sagen wir, einer Großstadt und den Problemen, die da vielleicht noch hinzukommen. Was bedeutet es denn jetzt für Sie nach der Erfahrung, wenn es selbst dort nicht funktioniert?

Binn: Uedem ist für mich eigentlich beispielhaft, denn wenn es eine Schule geben kann, an der Inklusion gelingen kann, dann muss es eigentlich eine Schule wie die in Uedem sein. Und wenn es Kinder gibt, an denen Inklusion gelingen muss, dann müssen es eigentlich Kinder sein wie diejenigen, die ich in meinem Film begleitet habe, meine Protagonisten. Aber selbst da funktioniert es nicht und ich habe in den Filmgesprächen in den letzten Tagen immer wieder zu hören bekommen, das ist ja Bullerbü in Uedem, das ist ja heile Welt, komm doch mal zu uns nach Bochum, nach Erfurt, nach Düsseldorf, da ist es viel, viel schlimmer, und das glaube ich auch. Die Klassenlehrer und Klassenlehrerinnen sind extrem belastet und auch hilflos. Sie wissen nicht mehr, was sie mit den Kindern machen können. Und Schulleiter haben zu mir gesagt, wir sind im Grunde genommen gar keine Bildungseinrichtung mehr, wir sind nur noch eine Verwahranstalt für die Kinder, weil wir die Kinder nicht da abholen können, wo wir sie eigentlich abholen müssten. Und das finde ich für ein so reiches Land wie Deutschland eine absolute Armutserklärung.

Barenberg: Herr Binn, wollen Sie Ihren Film ausdrücklich auch als eine Art Weckruf für die Politik verstanden wissen?

Binn: Unbedingt!

Barenberg: … sagt der Filmemacher Thomas Binn. Sein Dokumentarfilm "Ich.Du.Inklusion." kommt heute in die Kinos. Herr Binn, vielen Dank für Ihre Zeit.

Binn: Herzlich gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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