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StartseiteKommentare und Themen der WocheDas Leben ist mehr als ein abgespultes Genprogramm06.08.2017

Umstrittene GenreparaturDas Leben ist mehr als ein abgespultes Genprogramm

US-Forscher haben erstmals ein defektes Gen eines Embryos entfernt. Noch sei Zeit, um gesetzliche Grenzen auszuhandeln, meint Christiane Florin. Im schlimmsten Fall würden Krankheit und Behinderung wieder das, was sie einmal waren, bevor der medizinische Fortschritt uns eines Besseren belehrte: eine Frage von Schuld und Strafe.

Von Christiane Florin

Menschlicher Embryo mit vier Zellen (künstlerische Darstellung) (imago/stock&people/Science Photo Library)
Menschlicher Embryo mit vier Zellen (künstlerische Darstellung) (imago/stock&people/Science Photo Library)
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In wenigen Wochen erscheint ein Buch mit dem Titel "Das ganze Kind hat so viele Fehler". Geschrieben hat es eine Journalistin. Gut die Hälfte des Buches ist das Protokoll ihrer Schwangerschaft. Genauer: Es ist eine Liste von ärztlichen Schadensmeldungen. Down-Syndrom, Herzfehler, zu viel Hirnflüssigkeit. Das Kind mit den vielen Fehlern ist heute zwei Jahre alt. Die Familie sei glücklich, schreibt die Mutter. 

Neueste Gentechnik basiert auf der alten Verheißung, dass eine Welt mit weniger Krankheit, weniger Behinderungen, weniger Leid machbar ist. Die Gleichung dahinter lautet: mehr Gesundheit, mehr Glück. Seit einigen Tagen macht ein Forschungsergebnis Schlagzeilen, das einen kleinen Schnitt für die Menschen und einen großen für die Menschheit bedeuten könnte: Forscher in den USA haben durch künstliche Befruchtung Embryonen erzeugt. Die Spermien enthielten Erbanlagen für eine Fehlbildung des Herzens, die Mehrzahl der Embryonen aber hatte diesen Herzfehler am Ende jedoch nicht. 

Möglich wurde das durch Crispr/Cas, eine Methode, mit der defekte Gene fast so leicht herausgeschnitten werden können wie Versprecher aus einem aufgezeichneten Radiobeitrag. Alles hört sich leicht an: Ein Biomolekül identifiziert die fehlerhafte Stelle, eine winzige Schere wird einmal links, einmal rechts angesetzt – und nach der Reparatur läuft genetisch alles glatt. 

Euphorie und Grusel - spielt der Mensch Gott?

Die Reaktionen auf Meldungen dieser Art schwanken zwischen Euphorie und Grusel. "Ich glaube an den Fortschritt", bekennt da ein Kollege. Hätten sich in der Medizingeschichte die Bedenkenträger durchgesetzt, sagt er, dann wäre eine Blinddarm-OP-Teufelswerk. Defizite, ob beim Tier oder beim Menschen, sollten, meint er, korrigiert werden. 

Die Grusel-Fraktion bemüht für die kleinteilige Genwelt große Worte: Der Mensch spiele Gott, wenn er in die Keimbahn eingreife. Wer heute eine Herzkrankheit wegschnipselt, beseitige morgen das Gen für Glatzenbildung und setze übermorgen die Nobelpreis-Garantie-Erbinformation ein. Das Schreckbild ist das optimierte Kind aus dem Baukasten. 

Als 1997 das sogenannte Klonschaf Dolly der Welt präsentiert wurde, war die Polarisierung ähnlich. Es war das erste geklonte Säugetier. Wäre es ein handelsübliches Exemplar seiner Gattung, könnte es noch leben. Dolly aber steht ausgestopft im schottischen Nationalmuseum, das Tier starb mit sechs Jahren. Auch die Technik, die das Klonschaf möglich machte, taugt eher fürs Museum als für den Markt. 

Warnung vor einer "gesellschaftsvergessenen Forschung"

Das heißt nicht, dass Crispr/Cas denselben Weg nimmt. Es heißt aber, dass jetzt noch Zeit ist, um gesetzliche Grenzen auszuhandeln und ein gesellschaftliches Herzmuskeltraining zu beginnen. Christiane Woopen, die frühere Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, warnte vor einer "gesellschaftsvergessenen" Forschung. Sie befürchtet, dass sich Wissenschaftler wenig um die Konsequenzen ihres Tuns scheren. Doch es gibt Forscher, die ein Moratorium für gentechnische Veränderungen am Menschen fordern. Das ist zwar kein Nein, aber eine Nachdenkpause, die genutzt werden muss. 

Diese Debatte lässt sich nicht auslagern an Wissenschaftler und Fachleute in den Ministerien, an Ethiker und Moraltheologen. Denn sind die Methoden der frühen Fehlererkennung einmal marktreif, wird von jedem Expertise erwartet. Das zeigt die Praxis schon jetzt. Sagt zum Beispiel der Pränataldiagnostiker: "Ihr Kind hat so viele Fehler", dann müssen plötzlich Paare mit Statistiken und Wahrscheinlichkeiten umgehen, dann müssen sie Entscheidungen treffen für oder gegen das Kind und all das in weniger Zeit, als eine Ethik-Tagung dauert. 

Embryonen für wissenschaftliche Zwecke zu erzeugen, ist in Deutschland verboten. Aber sollte aus der Crispr/CAS-Meldung eine massentaugliche Methode werden, sollten Erbkrankheiten sich verhindern lassen, dann werden Gesetze in diesem Bereich anders zugeschnitten.

Wahrscheinlich sind die Embryonen ohne Herzfehler erst der Anfang im weltweiten Geschäft mit Forschung und Verheißung. Im schlimmsten Fall werden Krankheit und Behinderung wieder das, was sie einmal waren, bevor der medizinische Fortschritt uns eines Besseren belehrte: eine Frage von Schuld und Strafe. Wer krank wird, erhält eben die Quittung für einen versäumten genchirurgischen Eingriff. 

Das muss nicht so kommen. Das Leben ist mehr als ein abgespultes Genprogramm. Gilt der erste Blick dem Defizit oder dem ganzen Menschen? Wird ein Kind begrüßt oder begutachtet? Das hat nichts mit Natur zu tun, aber viel mit Willkommenskultur. Crispr/Cas geht ans Herz einer Gesellschaft. Wie fortschrittlich diese Gesellschaft ist, entscheidet sich auch an ihrer Fehlertoleranz.

 

Dr. Christiane Florin ( Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Dr. Christiane Florin ( Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christiane Florin, Jahrgang 1968, ist Redakteurin für "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk. Bis 2015 leitete sie die Redaktion von Christ&Welt in der Wochenzeitung "Die ZEIT". Ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn verarbeitete sie in dem Essay "Warum unsere Studenten so angepasst sind" (Rowohlt 2014). 2017 veröffentlichte sie das Buch "Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen" (Kösel).

 

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