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Umstrittene Idole

Juan José Sebreli: "Comediantes y Mártires", Editorial Debate

Diego Maradona, Evita Perón, Che Guevara und Carlos Gardel: Mit diesen vier Nationalikonen will sich Argentinien auf der Frankfurter Buchmesse 2010 präsentieren. Doch Argentiniens Helden sind auch in ihrer Heimat alles andere als unumstritten - und zugleich der Stoff, aus dem der Schriftsteller Juan José Sebreli einen Bestseller machte.

Von Victoria Eglau

Maradona, vom Volk als bester Spieler aller Zeiten und Rebell aus dem Armenviertel bewundert, charakterisiert Sebreli als Opportunisten. (AP Archiv)
Maradona, vom Volk als bester Spieler aller Zeiten und Rebell aus dem Armenviertel bewundert, charakterisiert Sebreli als Opportunisten. (AP Archiv)

"Mein ganzes Leben lang habe ich mich bemüht, Mythen zu demontieren. Die argentinische Gesellschaft und die heutige Welt insgesamt neigen sehr zur Mythenbildung","

sagt Juan José Sebreli, dessen Buch "Komödianten und Märtyrer" in seinem Land seit Monaten zu den Bestsellern gehört. In seinem Essay wagt er sich daran, gleich vier ur-argentinische Volksidole zu entzaubern. Zugleich Götter und Teufel, schreibt Sebreli, schwankten sie stets zwischen dem Heiligen und dem Schmutzigen.

Gardel war die Stimme des Volkes, der nationale Tangosänger, aber auch der Lumpenprolet und Gigolo. Evita, Beschützerin der Armen und fanatische Verfolgerin, Dame der Hoffnung und Frau mit der Peitsche. Che war der Vorkämpfer für eine bessere Welt und der Wahnsinnige, der sich selbst und andere bei absurden Abenteuern opferte. Und Maradona: der größte Spieler und gleichzeitig der Gedopte, der Schwindler.

Es gibt nicht viele Argentinier, die es in der Welt zu so viel Ruhm gebracht haben wie Evita und Gardel, Che und Maradona. Im Einwandererland Argentinien selbst trugen diese Idole zur Identitätsbildung bei. Juan José Sebreli arbeitet die Gemeinsamkeiten zwischen den vier legendären Figuren heraus. Sie alle hatten eine turbulente Kindheit, stammten aus ärmlichen Verhältnissen oder wurden unehelich geboren. Und jeder von ihnen, so Sebreli, habe den Willen gehabt, berühmt zu werden.

""Kein Idol ist unschuldig. Alle Idole haben sich vorgenommen, welche zu sein. Maradona sagte mit zehn Jahren im Fernsehen, er wolle Weltmeister werden. Auch Evita wollte ein Star werden, ein Filmstar. Das hat sie nicht geschafft, aber sie wurde ein Star viel größerer Massen als der, die ins Kino gehen. Che Guevara hat jede Menge Briefe hinterlassen und ständig Tagebuch geschrieben. Er war sehr offen und hat ganz klar zum Ausdruck gebracht, dass er jemand Besonderes sein wollte."

Der Wille allein reicht aber nicht, um sich in einen Mythos zu verwandeln, meint Sebreli - auch der historische Kontext sei entscheidend. Fünfzehn Jahre vorher wäre aus Eva Duarte nicht Evita Perón, der Engel der Armen, geworden - weil die Gesellschaft eine andere war. Und als drittes Element der Mythenbildung kommt der Zufall hinzu: Hätte Ernesto Guevara nicht in Mexiko Fidel Castro kennengelernt, wäre aus ihm nicht der Revolutionsheld Che geworden. Nur zwei Wochen vor der Begegnung mit Castro habe Guevara noch mit dem Gedanken gespielt, mit einem Stipendium nach Paris zu gehen, schreibt Sebreli. Als viertes Element seien schließlich die Medien nötig, um Mythen zu fabrizieren. Sebreli dagegen demontiert - etwa den Mythos von Evita als Vorkämpferin des Frauenwahlrechts:

"Das stimmt nicht. Evita war, bevor sie Perón kennenlernte, in keiner Bewegung aktiv, die für die Buergerrechte der Frau kämpfte, das interessierte sie nicht. Das Frauenwahlrecht gehörte bereits zu den Forderungen in Peróns Programm, bevor Evita begann, eine politische Rolle zu spielen."

Das Jugendidol Che Guevara beschreibt Essay-Autor Sebreli als idealistischen Abenteurer und politischen Idioten, aber auch als Liebhaber von Krieg und Waffen, der eigenhändig und kaltblütig die Feinde der Revolution erschoss. Der Tangosänger Carlos Gardel sei erst in seinen letzten Lebensjahren tatsächlich zu dem Volksidol geworden, als das er heute verehrt wird. Und Maradona, vom Volk als bester Spieler aller Zeiten und Rebell aus dem Armenviertel bewundert, charakterisiert Sebreli als Opportunisten mit besten Beziehungen zur Macht und zur Mafia, als Süchtigen mit eher magerer Torbilanz. Bis auf ihn, der seine Drogenexzesse überlebt hat, sind die argentinischen Ikonen jung und tragisch gestorben - auch deshalb wurden sie zu Mythen. Für den argentinischen Intellektuellen Juan José Sebreli sind sie "Komödianten und Märtyrer" - warum ein "Essay gegen Mythen"?

"Ich meine, wir müssen eine demokratische Gesellschaft aufbauen, die es in Argentinien fast nie gegeben hat. Heute haben wir eine halbe Demokratie. In einer demokratischen Gesellschaft sind die Menschen frei und für ihr eigenes Schicksal
verantwortlich, und brauchen keine Retter oder Ausnahmefiguren."

Es muss kaum erwähnt werden, dass Juan José Sebreli die Pläne der Regierung, Argentinien bei der Frankfurter Buchmesse im kommenden Jahr mit den Nationalikonen Evita, Gardel, Che Guevara und Maradona zu präsentieren, ablehnt.

Juan José Sebreli: "Comediantes y Mártires - Ensayo contra los Mitos", Editorial Debate, Buenos Aires 2008,
$ 42.00

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