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StartseiteForschung aktuellUmstrittene Zeitschriften02.11.2012

Umstrittene Zeitschriften

Grötschel: "Ich bin sicher, dass man es besser machen kann!"

Forschungspolitik. - Wissenschaftler forschen, aber sie müssen ihre Ergebnisse auch ihren Kollegen und zunehmend auch einer breiteren Öffentlichkeit mitteilen. Der Königsweg ist die Publikation in einer möglichst hochrangigen Zeitschrift. Deren Rang korrespondiert oft mit der Höhe der Lizenzgebühr, weshalb seit geraumer Zeit ein heftiger Streit um die Kosten des Zeitschriftenwesens entbrannt ist. Gegen die etablierten Publikationen versuchen sich verschiedene Modelle des Open Access zu positionieren, bei denen der Leser von den Kosten weitgehend freigestellt wird. Der Mathematiker Martin Grötschel vom Konrad-Zuse-Zentrum für Informationstechnik in Berlin erläutert Open Access im Gespräch mit Arndt Reuning.

Martin Grötschel im Gespräch mit Arndt Reuning; Fakten zusammengetragen von Lennart Pyritz

Literatur ist das Rückgrat jeder Wissenschaft. (picture alliance / dpa / Jan Woitas)
Literatur ist das Rückgrat jeder Wissenschaft. (picture alliance / dpa / Jan Woitas)

Der Begriff "Open Access" – "freier Zugang" – bezeichnet das Konzept, wissenschaftliche Literatur und Materialien im Internet frei verfügbar für jede Person bereitzustellen. Interessierte dürfen die entsprechenden Veröffentlichungen lesen, ausdrucken, herunterladen und verteilen, ohne dafür zu zahlen oder rechtliche Auflagen beachten zu müssen. Die einzige Bedingung für die Nutzung der Dokumente ist, dass die Autoren der jeweiligen Studie korrekt zitiert und ihre Arbeiten nicht verfälscht werden.

Die meisten wissenschaftlichen Projekte werden durch öffentliche Gelder finanziert. Hinter dem Open Access-Konzept steckt auch die Idee, die Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit und nicht nur einer akademischen Minderheit zugänglich zu machen. Zudem soll der wissenschaftliche Diskurs nicht davon beeinflusst werden, wie viele kostenpflichtige Fachmagazine sich eine Forschungseinrichtung leisten kann. Unterstützt wird das Model unter anderem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Max-Planck-Gesellschaft.

Es gibt zwei Wege, auf denen die wissenschaftlichen Dokumente frei zugänglich publiziert werden. Als "goldener Weg" wird die Veröffentlichung in Open-Access-Fachzeitschriften bezeichnet. Ein Beispiel dafür ist "PLoS One", eine Online-Zeitschrift der amerikanischen "Public Library of Science". Die Qualität der Artikel wird dabei durch unabhängige Fachgutachter gesichert. Finanziert werden die Veröffentlichungen unter anderem durch Publikationsgebühren, die die Autoren oder deren Institutionen zahlen.

Auf dem "grünen Weg" werden Dokumente verbreitet, wenn Forscher sie direkt auf private oder Instituts-Homepages stellen. Das können begutachtete Artikel aus einer Fachzeitschrift sein aber auch nicht-begutachtete Konferenzbeiträge, Forschungsberichte und Monografien.


Reuning: Herr Grötschel, welche Argumente gibt es für dieses Modell?

Grötschel: Ich bin ganz einfach der Meinung, dass alles das, was Wissenschaftler, die öffentlich gefördert werden, produzieren, auch für die allgemeine Öffentlichkeit zugänglich sein muss. Nicht nur für Wissenschaftler selbst, sondern für alle. Und wir müssen alles dazu unternehmen, dass dies möglich wird.

Reuning: Welches Modell favorisieren Sie denn dabei? Dass die Autoren selbst ihre Veröffentlichungen einstellen, zum Beispiel auf der Homepage des Instituts, oder dass Verlage das übernehmen, gegen Gebühr?

Grötschel: Das ist schwierig zu beantworten und wir sind im Moment auch nicht in der Lage, den richtigen Weg zu finden. Das bisherige Modell ist natürlich, dass Verlage die Veröffentlichung übernehmen, indem sie Aufsätze bündeln und in Zeitschriftenhefte zusammenfassen und die dann auf dem Markt anbieten. Parallel dazu produzieren wir ja schon längere Zeit Preprints und stellen viele von denen auch auf unseren Servern in unseren Heimatinstitutionen bereit. Im Moment gibt es also schon einen Mix. Aber wie der richtige Weg ist, ist nicht klar.

Reuning: Diese Preprints, können Sie noch kurz erklären, wie die funktionieren?

Grötschel: Preprints sind Artikel, die man verfasst hat und bei einer Zeitschrift zur Veröffentlichung einreichen. Die sind also nicht endgültig fertig, die werden noch begutachtet und normalerweise auch noch ein wenig überarbeitet, wenn Gutachter einige Fehler gefunden haben, die dann korrigiert werden müssen.

Reuning: Das existiert also bereits?

Grötschel: Das gibt es bereits seit langer Zeit. Früher sind Preprints gedruckt und per Post verschickt worden, heute hat praktisch jede Institution so etwas wie einen Preprint-Server, so dass man auch die so genannten Veröffentlichung dort einsehen kann.

Reuning: Das macht die Verlage aber trotzdem nicht überflüssig!

Grötschel: Richtig, weil Verlage ja auch positive Aspekte haben. Zum Beispiel managen die dem Begutachtungsprozess, der allerdings wieder von Wissenschaftlern durchgeführt wird. Ich halte Begutachtung für wichtig. Ich bin Mathematiker und das Wesen mathematischer Artikel ist anstrengend, nicht nur für einen Laien, sondern auch für mich. Und ich muss dann manchmal für einen Artikel mehrere Stunden oder Tage aufwenden. Und ich bin glücklich darüber, dass es vorher Spezialisten gab, die einen solchen Artikel gelesen und für gut befunden haben, so dass ich eine Vorprüfung der Qualität vorgefunden habe. Ich erlebe es selbst in meiner anderen Funktion als Generalsekretär des Weltmathematikerverbandes, dass ich sehr viele unsinnige Artikel zugeschickt bekomme, von Laien oder Mathematikern, die glauben, sie müssten mir etwas schicken. Ich habe überhaupt keine Zeit, das alles zu lesen. Und deswegen ist ein Filter, der gute Qualität heraussucht, wichtig.

Reuning: Und wenn Sie gerade schon die Fachgesellschaften angesprochen haben. Jede wissenschaftliche Disziplin hat gewissermaßen solch eine Fachgesellschaft. Könnten die hier einspringen als Verlagsersatz?

Grötschel: Ja und nein. In Deutschland sind die meisten Fachgesellschaften sehr schwach organisiert in dem Sinne, dass alle dort tätigen Ehrenamtliche sind. Die Deutsche Mathematikervereinigung beschäftigt nur eine einzige Sekretärin. Sie können diese Begutachtungsverfahren überhaupt nicht von sich aus übernehmen, sie müssen sich zu Verlagen hin entwickeln, und das ist in vielen anderen Ländern nun geschehen. In den USA und in Großbritannien zum Beispiel gibt es große Verlagshäuser, die eigentlich mathematische Gesellschaften sind und die dann eigene Abteilungen mit 100 oder mehr Mitarbeitern haben, die Zeitschriften und Bücher herausgeben. Diese sind in der Regel deutlich billiger als die kommerziellen Verlage und deswegen gibt es auch den Wunsch, dass mathematische Gesellschaften solche Aktivitäten in die Hand nehmen. In Deutschland ist eben die geschichtliche Entwicklung anders gewesen.

Reuning: Ergibt sich hier nicht vielleicht auch eine Marktlücke für neue und junge Verlage, die online publizieren und in diese, ja, Lücke beim vordringen können?

Grötschel: Das passiert natürlich jetzt, gerade da jetzt ganz verschiedene open access Modelle diskutiert werden. Es gibt ja nicht nur ein Open-Access-Modell. Typischerweise redet man von hybrid-open access, gold und green, delayed open access, da versucht man sich jetzt zu positionieren und einige kleine Verlage sehen das als neue gute Geschäftsidee und versuchen in den Markt einzudringen. Das passiert. Allerdings ist die Marktkonzentration erheblich, einige wenige Verlage beherrschen den Weltmarkt im Wesentlichen.

Reuning: Wie sieht es aus mit dem Finanziellen? Kann man sich denn wirklich Kosten sparen, wenn die Bibliotheken zwar die Lizenzgebühren nicht mehr zahlen müssen, dafür aber die Forscher für das Publizieren ihrer Arbeit einen Betrag entrichten müssen?

Grötschel: Ja, man sollte mal darüber nachdenken, wie viel Geld in dem Gesamtsystem ist. Ich habe mal recherchiert, allein für die naturwissenschaftlich-technischen und medizinischen Publikationen werden im Jahr ungefähr 20 Milliarden Dollar umgesetzt. Das ist schon richtig viel Geld. Und wenn man überlegt, dass man das anders organisieren könnte, da bin ich vollkommen sicher, dass man mit wesentlich weniger wesentlich mehr erreichen könnte und vor allem könnte man die Reichweite stark erhöhen. Das Problem ist nur, dass wir ein festgefahrenes System haben, das sich aus der Papierpublikation entwickelt hat und bei dem die starken Marktspieler eben eine so große Monopolsituation erzeugt haben, dass Veränderungen schwer ist. Das macht den Wechsel des Systems so schwierig. Ich bin aber sicher, dass man es besser machen kann.

Hinweis: Am Sonntag, 04.11., 16:30 Uhr, sendet der Deutschlandfunk in der Sendung "Wissenschaft im Brennpunkt" einen Beitrag zum Thema Publikationen in der Forschung

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