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StartseiteMarkt und MedienKann man seinen Ohren noch trauen?19.11.2016

Umstrittener VoiceConverterKann man seinen Ohren noch trauen?

Bald könnte man Interviews im Radio hören, die nie geführt wurden. Voraussetzung: man hat schon 20 Minuten Stimm-Material vom potentiellen Interviewpartner. Eine neue Software von Adobe macht es möglich: Der VoiceConverter, kurz VoCo genannt. Eine höchst umstrittene Innovation.

Von Mechthild Klein

Mikos werden hoch gehalten (dpa)
Adobe Tool bietet ein Gefährdungspotential: Schließlich könnten auch Journalisten versucht sein, Aussagen von Interviewpartner zu frisieren. (dpa)
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"VoCo kann mit meiner Stimme Dinge sagen, die ich so nie gesagt habe. So jedenfalls hat Adobe das präsentiert, noch gibt’s das Tool ja noch nicht frei auszuprobieren", sagt Sandra Müller, freie Mitarbeiterin beim SWR  und Mitbegründerin von "fair radio" - einer Initiative von Radiomachern und Hörer, die sich für die Glaubwürdigkeit des Radios einsetzen. Sie warnt eindringlich davor, das Adobe-Tool VoCo in Redaktionen zu nutzen.

"Das ist für mich ein Paradigmenwechsel in der Audiowelt. Wir haben uns bis jetzt immer ein bisschen sicher gefühlt. Das betrifft nur Photoshop-Manipulationen und Bild-Fakes. Aber ich glaube, wir sind näher dran an einem neuen Zeitalter, an einer neuen Ära der Audio-Glaubwürdigkeitsprobleme als wir glauben. Und ich würde gerne gewappnet sein und früh die Diskussion darüber anfangen.

Paradigmenwechsel in der Audiowelt

Im Fotobereich haben Journalisten die bittere Erfahrung gemacht, dass Bilder schnell gefälscht werden können, etwa von den verschiedenen Parteien in Bürgerkriegen. Fotos aus Krisengebieten ist daher nicht mehr zu trauen. Kann man bei dem neuen Adobe Tool den Ohren noch trauen? Schließlich könnten auch Journalisten versucht sein, Aussagen von Interviewpartner zu frisieren.

"Ich glaube nicht, dass seriöse Radio-Journalisten, seriöse Radio-Sender dieses Tool einsetzen werden. Das halte ich für verboten", sagt Professor Volker Lilienthal vom Institut für Journalistik der Universität Hamburg. Aber auch er sieht ein großes Gefährdungspotential, dass PR-Agenturen den Journalisten VoCo-generierte Aussagen unterjubeln. Ein Beispiel für den möglichen Einsatz von VoCo in PR-Abteilungen liefert Sandra Müller:

"Was, wenn ich vom VW-Chef einen O-Ton haben möchte zum gerade brisanten VW-Skandal? Aber die Pressestelle sagt: Der Chef ist nicht da für ein Interview, aber sie können mir fertige O-Töne liefern. Und die liefern mir O-Töne, die nicht der VW-Chef selbst gesprochen hat, sondern wo sie den Text einfach eingetippt haben und den VW-Chef quasi synthetisiert haben aus der VoCo-Stimme. Warum sollten sie das machen? Weil die VoCo-Stimme eine total ausgeglichene Tonlage hat. Dem merkt man kein Vertuen an, kein Zittern, kein Wackeln, keine Nervosität, keine Unsicherheit. Sondern das ist eine ganz gesetzte synthetisierte Aussage. - Diesen O-Ton stellen die mir zur Verfügung. Ja soll ich den verwenden. Oder muss ich dann sagen, dass der synthetisiert ist. Aber vielleicht weiß ich das gar nicht."

Unechte O-Töne als Waffe

Volker Lilienthal vom Institut für Journalistik fürchtet, dass mit dem Adobe-Tool in Zukunft gefälschte Aussagen vor allem im Internet ein Eigenleben führen werden.

"Es wird ganz bestimmt kommen von politischen Propagandisten, die ihrem politischen Gegner etwas in den Mund legen. Es wird von Aktivisten aus dem Internet kommen. Es wird von politisch motivierten Bloggern kommen. Da sehe ich ne große Gefahr – weil die Generalwirkung ist so problematisch. Weil wenn es vermehrt Fälle gegeben hat, dass ein Ton war offensichtlich nicht echt, die Person, die ich gehört hat, hat dementiert, sich so geäußert zu haben, dann sät das einen Generalzweifel – welchem O-Ton kann ich dann überhaupt noch trauen."

Norbert Linke, Direktor der Privatradio FFH-Academy in Bad Vilbel: "Wir kommen um die ganze Problematik im Radio drum herum, wenn wir im Radio ordentlich Live arbeiten. Live ist die beste Versicherung gegen Tricksereien mit O-Tönen. Also insofern sollte sich Radio mehr auf seine Live-Fähigkeiten besinnen. Und um gefälschte O-Töne müssten wir uns dann keinerlei Sorgen mehr machen."

Lernen, Fälschungen zu erkennen

Linke glaubt nicht, dass die neue Technik im Journalismus eingesetzt wird, sondern vielmehr im fiktionalen Bereich, bei Hörbüchern oder eben in PR-Abteilungen. Deshalb müssten junge Journalisten schon früh trainiert werden, wie sie die Fälschungen erkennen. Weniger optimistisch blickt die Hörfunk-Redakteurin Sandra Müller in die Zukunft:

"Ich glaube überall dort, wo Texte gesprochen werden, wo es vorrangig um die Information geht und gar nicht um die Persönlichkeit geht, dass die künftig synthetisiert werden. Ganz banal gesprochen, warum soll sich ein Nachrichtensender vier Nachrichtensprecher für vier verschiedene Wellen leisten. Menschen, die krank werden können, die Forderungen nach Lohnerhöhungen stellen. Wenn er doch auch haben kann: vier verschiedene VoCo Stimmen aus der Maschine. Und das Szenario ist folgendes: Es gibt nur noch eine Redakteurin, die schreibt die Texte für diese Nachrichtensprecher, die eben nur noch virtuell sind und bestückt die vom Arbeitsplatz aus und niemand muss mehr ans Mikrofon und es wird dann vorgelesen. Das spart Geld – ganz einfach."

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