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StartseiteForschung aktuellDer lange Atem des sauren Regens 21.07.2014

Umwelt Der lange Atem des sauren Regens

Das Waldsterben und der Saure Regen: Für viele ist das verblasste Umweltgeschichte aus den 80ern. Erledigt ist das Thema aber mitnichten. Wie Langzeitbeobachtungen zeigen, wirkt der saure Regen noch immer in deutschen Gewässern nach und verändert das Ökosystem bis heute.

Von Volker Mrasek

Wasser fließt durch einen Bach. (picture alliance / dpa - Henning Kaiser)
Äußerst saure Fließgewässer gibt es heute vor allem im Grenzgebiet zu Tschechien. (picture alliance / dpa - Henning Kaiser)

Auch nach gut drei Jahrzehnten gibt es Bäche und Flüsse in Deutschland, die sich nach wie vor nur in Zeitlupe vom sauren Regen erholen. Ihre pH-Werte sind noch immer sehr niedrig und die Konzentrationen von freigesetztem Aluminium so hoch, dass sie Gewässerorganismen schädigen.

Das zeigen die Messdaten aus einem 25-jährigen Beobachtungsprogramm in Bayern. Der Geoökologe Thorsten Scheel präsentierte sie jetzt auf einer Fachtagung am Bayreuther Zentrum für Ökologie- und Umweltforschung:

"Regionen, in denen wir noch sehr saure Fließgewässer haben, sind im Grenzgebiet zu Tschechien. Also vom Fichtelgebirge über den Oberpfälzer Wald, Bayerischer Wald hinunter. Dort gibt es eben sehr stark säuretolerante Arten. Nur die sind eben dort lebensfähig und treten dort auf. Die anderen haben dort keine Überlebenschancen."

Die anderen, das sind zum Beispiel empfindliche Kieselalgen und Fliegenlarven, die im Wasser leben. Wenn sie fehlen, reißt das Lücken in die Nahrungskette. Auch diverse Fischarten meiden die zu sauren Gewässer bis heute.

Ganz ähnliche Befunde hat die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt in Göttingen. Demnach erholen sich Flüsse im Harz genauso langsam vom sauren Regen. Der Hydrologe Henning Meesenburg:

"Wir untersuchen seit über 50 Jahren jetzt die Lange Brahmke, das ist ein kleiner Zufluss zur Oker-Talsperre. Dieses Gewässer hat derzeit so pH-Werte im Quellbereich von etwa 4,5. Das ist also schon relativ sauer. Nach unserer Beobachtung hängt das damit zusammen, dass sehr viel Schwefel in den Böden zwischengespeichert worden ist. Und jetzt langsam wieder freigesetzt wird. Und durch diese Schwefelverbindungen wird praktisch jetzt die Säure wieder freigesetzt und gelangt dann in die Gewässer."

Stark verwitterte Böden sind gute Säurespeicher

Man kann sich den Boden wie einen Akku vorstellen, den der saure Regen einst aufgeladen hat. Und der sich in den geschilderten Fällen nur äußerst langsam wieder entlädt.

"Das kann bis zu 100 Jahre betragen. Böden haben ein langes Gedächtnis. Und von daher muss man da eben mit sehr langen Zeiträumen rechnen."

In den sauersten bayerischen Flüssen stieg der pH-Wert seit 1985 lediglich von 4,2 auf 4,6 – also von ziemlich sauer auf immer noch ziemlich sauer, könnte man sagen. Und auch Thorsten Scheel ist sicher:

"Es wird uns auf jeden Fall noch einige Jahrzehnte weiter begleiten, das Thema."

Besonders gute Säurespeicher sind stark verwitterte Böden, die viele Ton- und Eisen-Minerale enthalten. Sie können Stoffe gut anlagern, zum Beispiel auch Schwefel. Deshalb konnten ton- und eisenreiche Böden die früheren Einträge durch den Sauren Regen gut abpuffern. Den dabei gespeicherten Schwefel geben sie allerdings nur zögerlich wieder ab, und er wird angrenzende Gewässer noch lange versauern.

Im Harz, in der Langen Brahmke, ist das bis heute kritisch für Forellen im Fluss, wie Henning Meesenburg erläutert:

"Die können dort im Unterlauf dieses Gewässers überleben. Aber es besteht immer wieder die Gefahr, dass sogenannte Säure-Schübe aufgrund von Hochwasser-Ereignissen auftreten. Und wenn die zu besonders kritischen Phasen der Entwicklung der Fische auftreten, wie zum Beispiel während der Ei-Ablage, dann besteht die Gefahr, dass eben die Organismen geschädigt werden. Hat es schon gegeben."

Artenvielfalt noch immer dezimiert

Umweltschadstoffe können viel länger Probleme bereiten, als man ursprünglich gedacht hat. Das zeigt das Beispiel der versauerten Gewässer, die es im übrigen auch im Schwarzwald, im Taunus und im Erzgebirge gibt. Bis heute ist ihr ökologischer Zustand schlecht und ihre Artenvielfalt dezimiert.

"Wir haben ja festgestellt, dass durch die Versauerung viele negative Effekte in den Gewässern aufgetreten sind wie das Verschwinden von bestimmten Tierarten oder auch Pflanzenarten wie Kieselalgen. Und je länger sich die Erholung der Gewässer verzögern wird, desto länger müssen wir dann auch warten, bis diese Arten dann wieder in den Gewässern zu finden sind."

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