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StartseiteForschung aktuellUnangenehmer Zwischenfall04.08.2006

Unangenehmer Zwischenfall

In schwedischem Kernreaktor fiel die Hälfte der Notfallsysteme aus

Kernenergie. - Im schwedischen Reaktor Forsmark-1 hat es vor einer Woche einen Störfall bei den Sicherheitssystemen gegeben. Der Reaktor selbst blieb davon unbeeinflusst, allerdings fielen bei einer Schnellabschaltung der Anlage zwei von vier Sicherheitssystemen aus ein und demselben Grund aus. Die Wissenschaftsjournalistin Dagmar Röhrlich erklärt im Gespräch mit Grit Kienzlen, warum das die Fachleute beunruhigt hat.

Geriet nach dem Störfall im schwedischen Forsmark auch ins Visier: Kernkraftwerk Biblis. (AP)
Geriet nach dem Störfall im schwedischen Forsmark auch ins Visier: Kernkraftwerk Biblis. (AP)

Kienzlen: Frau Röhrlich, was ist in Forsmark eigentlich passiert?

Röhrlich: Es hat Wartungsarbeiten am Stromnetz gegeben, weshalb das Stromnetz instabil geworden ist. Die Gründe dafür werden wir bestimmt noch erfahren, zurzeit ist das noch nicht bekannt. Es kam dadurch zu Spannungsspitzen, das ist in einem Kernkraftwerk so, als ob ein Blitzschlag hineinfahren würde, wenn die Spannungsspitzen stark sind, und das hat zu einem Kurzschluss in der Hochspannungsleitung geführt, und zwar in der Umspannstation, über die das Kernkraftwerk seinen Strom ans allgemeine Netz abgeführt hat. Und dadurch konnte die Leistung, die im Reaktor produziert wird, nicht mehr abgeführt werden, und der Reaktor musste sich abschalten. Das hat er auch getan, automatisch. Die Steuerstäbe fuhren ein, die Kettenreaktion war unterbrochen. So weit so gut, aber der Reaktor ist dann natürlich immer noch heiß, diese Hitze hätte abgeführt werden müssen.

Kienzlen: Jetzt muss ich einmal dazwischen fragen. Wie kann sich der Reaktor einfach abschalten? Da läuft ja eine Kettenreaktion ab.

Röhrlich: Dann fahren Steuerstäbe ein in den Reaktor, und wenn die Steuerstäbe eingefahren sind, dann fangen die die Neutronen, die die Kettenreaktion am Laufen halten, quasi ab, so dass sie dann unterbrochen ist. Das hat auch alles wunderbar funktioniert, aber jetzt hätte die Notstromversorgung starten müssen, damit die Notkühlung läuft. Man dieses System vierfach ausgelegt, das ist also viermal ein System, das die Notstromversorgung gewährleistet, aber es sind nur zwei Systeme gestartet.

Kienzlen: Das heißt also, zwei Systeme sind gestartet, die Kühlung lief an. Weiß man denn, warum die anderen zwei nicht gestartet sind?

Röhrlich: Ja, man hat so weit jetzt schon die erste Begründungsrunde durch, aber die Feinheiten muss man sicherlich noch weiter herausbekommen. Anscheinend ist dieser Stromschlag bis auf die unterste Ebene durchgeschlagen. Der Generator wird durch eine Batterie gestartet, und anscheinend ist das bis zu dieser Batterie durchgeschlagen. Das heißt, die hat nicht mehr funktioniert, in zwei Fällen, und hat diesen Generator nicht angeworfen. Die beiden anderen sind gestartet. Aber diese beiden, die ausgefallen sind, mussten von Hand angeworfen werden. Sprich, diese Generatoren sind nicht so gelaufen wie vorgesehen. Dadurch ist dieser Teil der Notkühlung nur verspätet ans Laufen gekommen.

Kienzlen: Wären alle ausgefallen, hätte es gar keine Kühlung mehr gegeben, was wäre dann passiert?

Röhrlich: Wenn alle vier ausfallen, dann kann es zu einer Kernschmelze kommen. Dann wird der Reaktor so heiß, dass das gesamte Kernmaterial darin anfängt zu schmelzen, dann kommt es zu einer unkontrollierten Kettenreaktion, dann habe ich so einen Fall wie Harrisburg, oder noch schlimmer, weil es auch explodiert ist, bei Tschernobyl.

Kienzlen: Jetzt könnte ich mich einmal ganz blöd stellen und sagen, vier Notstromsysteme hatte ich, zwei haben funktioniert. Reicht doch!

Röhrlich: Das hat auch gereicht, denn es ist ja so ausgelegt, dass man im Prinzip sehr viel mehr Sicherheit hat als man braucht. Aber, da gibt es zwei Probleme. Das eine ist, dass man sagt, es sind zwei Systeme aus ein und demselben Grund ausgefallen, da ist die Gefahr natürlich groß, dass irgendwann einmal vier Systeme aus ein und demselben Grund ausfallen. Das heißt, dieser Fehler in der Verschaltung, der wahrscheinlich dahinter steckt, der ist ganz gravierend und muss unbedingt beseitigt werden, oder Materialmängel, die eventuell auch da sind, also das darf auf keinen Fall so bleiben.

Kienzlen: Weiß man denn schon, dass das derselbe Grund war?

Röhrlich: Ja, das weiß man inzwischen schon. Man weiß halt nur nicht, warum die anderen funktioniert haben. Das muss man auch erst einmal herausbekommen. Und was auch passiert ist, es ist ein Blindflug für die Leute in der Warte gewesen. Die wussten nicht, was sie taten, weil ein Teil der Instrumente ausfiel, als der Strom wegblieb. Und das darf natürlich auch nicht passieren, dass man nicht genau weiß, in welchem Zustand sich der Reaktor gerade befindet.

Kienzlen: Kann so etwas auch in deutschen Kernkraftwerken passieren?

Röhrlich: Man wird da jedes Kernkraftwerk einzeln durchgehen müssen, weil das alles sozusagen Individuen sind. Es hat einen ähnlichen Zwischenfall vor zwei Jahren in Biblis gegeben, da hat es auch eine Störung gegeben, im Netz, aber da hat alles perfekt funktioniert sozusagen, die Notabschaltung funktionierte und alle Sicherheitssysteme sprangen an, so dass es keinen Störfall gegeben hat, sondern so funktionierte wie es sollte.

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