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StartseiteForschung aktuellUnbedachte Folgen27.08.2009

Unbedachte Folgen

EU-Chemikalienverordnung könnte Millionen Tieren das Leben kosten

Ethik. - Nach der EU-Chemikalienverordnung Reach müssen alle Stoffe nachträglich untersucht werden, von denen bisher nicht genau bekannt war, wie gefährlich sie für Mensch und Umwelt sind. Das auf den ersten Blick löbliche Projekt könnte jedoch 70 Millionen Versuchstiere das Leben kosten.

Von Christine Westerhaus

EU-Chemikalienverordnung fordert offenbar hohen Versuchstiereinsatz. (AP Archiv)
EU-Chemikalienverordnung fordert offenbar hohen Versuchstiereinsatz. (AP Archiv)

Um festzustellen, ob Chemikalien für den Menschen giftig sind, müssen meist Versuchstiere herhalten. Ratten, Mäuse oder Zebrafische werden mit der fraglichen Substanz behandelt und dann wird beobachtet, wie sie darauf reagieren. Genau das wird auch mit den Stoffen geschehen, die durch Reach nachträglich überprüft werden müssen. Zwar gibt es bereits alternative Verfahren, die ohne Tiere auskommen. Doch bisher können sie nur einen kleinen Teil der Tests ersetzen, die Reach vorschreibt. Sollten alle Substanzen, die die Hersteller für eine Überprüfung angemeldet haben, so getestet werden wie geplant, könnte das bis zu 70 Millionen Versuchstieren das Leben kosten. Das wären 20 Mal mehr Tiere, als die EU ursprünglich berechnet hatte.

"Unsere Analyse zeigt, dass wir insgesamt ein Problem haben mit der Machbarkeit des gesamten Programms. Wenn man aber genauer hinschaut kommt heraus, dass sich das Problem auf einen Test zurückführen lässt. Das ist diese 2-Generations-reproduktionstoxikologische Untersuchung. Und dieser Test ist verantwortlich für fast 90 Prozent des Tierverbrauchs und fast 70 Prozent der Kosten, die Reach produzieren wird."

So Thomas Hartung, Professor an der Johns Hopkins Universität in Baltimore. Bei der reproduktionstoxikologischen Untersuchung wird an Ratten oder Mäusen getestet, ob bestimmte Chemikalien die Fruchtbarkeit einschränken oder die Nachkommen schädigen. Auch die Kinder dieser Nachkommen – also die zweite Generation – werden untersucht. Ein Verfahren, bei dem pro getesteter Substanz 3200 Tiere sterben müssen. Kostenpunkt: 600.000 Euro pro Chemikalie. Um die Zahl der Tierversuche und die Kosten zu reduzieren schlägt Hartung vor, diesen besonders aufwändigen Test durch ein anderes Verfahren zu ersetzen:

"Es gibt Überlegungen, dass man den 2-Generationen-Test durch eine erweiterte Ein-Generationen-Studie ersetzen könnte. Das heißt, dass man sich nicht mehr standardmäßig die Enkel der Tiere anschaut sondern dass man länger und ausführlicher die Kinder anschaut und unter bestimmten Verdachtsmomenten insbesondere die Entwicklung des Immunsystems und des Nervensystems anschaut."

Ein solches Verfahren kommt mit deutlich weniger Versuchstieren aus. Nur ein Fünftel der Tiere wäre nötig. Außerdem ist es deutlich billiger. Doch auch wenn die Vorteile von alternativen Methoden auf der Hand liegen: Damit sie auch tatsächlich eingesetzt werden können, müssen alle beteiligten Staaten mit ins Boot geholt werden. Hartung:

"Diese Studie ist schon sehr weit fortgeschritten. Leider sind aber zwei Mitgliedsstaaten der OECD noch nicht überzeugt, dass das ein sinnvoller Weg ist. Und diese beiden Staaten können alles blockieren, weil die OECD nur auf dem Konsensprinzip basiert und der letzte der dreißig gibt letztendlich den Ausschlag."

Die Chemikalienverordnung Reach legt fest, dass alle Stoffe bis zum Jahr 2018 getestet sein müssen. Sonst fliegen sie aus dem Handel. Damit Versuchstiere dabei nicht sinnlos getötet werden, sollten die Vorgaben rechtzeitig überarbeitet werden, fordert Thomas Hartung.

"Es war für uns wichtig aufzuzeigen und das auch klar und unzweifelbar zu machen, was die Konsequenzen des Aufhaltens dieser Studie ist. Wir wollen dass Chemikalien sicherer sind und dass in sinnvoller Weise Chemikalien, die schon lange auf dem Markt sind, noch mal angeschaut werden. Deshalb finde ich es wichtig, dass unsere Analyse zeigen soll, vielleicht zwei bis drei Jahre bevor das sonst aufgefallen wäre, worin das Problem liegt. So dass wir noch einigermaßen rechtzeitig anfangen können, gegenzusteuern."

Zwar wird inzwischen verstärkt versucht, Tierversuche durch alternative Verfahren zu ersetzen. Doch Zellkulturen und Hautmodelle stoßen schnell an ihre Grenzen. Zum Beispiel wenn es darum geht, Langzeiteffekte von Chemikalien oder ihre Wirkung auf Fruchtbarkeit oder das Immunsystem zu untersuchen. Deshalb geht es bei der Suche nach Alternativen vor allem darum, weniger Tiere in bestimmten Versuchen einzusetzen.

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