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StartseiteBüchermarktUnbefangener Wissensdurst14.01.2011

Unbefangener Wissensdurst

Corina Caduff: "Kränken und Anerkennen." Essays. Lenos Verlag, Basel 2010

In ihrem vorherigen Essayband "Land in Aufruhr" schrieb Corina Caduff über die gesellschaftliche Relevanz der Literatur. Nun hat sie sich de Schweizer Kulturwissenschaftler in ihrem neuen Essayband dem Thema "Kränken und Anerkennen" zugewandt.

Von Shirin Sojitrawalla

Buchcover Corinna Caduff: Kränken und Anerkennen (Lenos Verlag)
Buchcover Corinna Caduff: Kränken und Anerkennen (Lenos Verlag)
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Schubladendenken ad absurdum führen

Herausragende Essays zeichnen sich nicht nur durch eine Klarheit des Denkens und Tadellosigkeit des Stils aus, sondern auch dadurch, dass sie dem Leser neue Perspektiven für das eigene Denken eröffnen. Die Schweizer Kulturwissenschaftlerin Corina Caduff zeigt in ihren neuen Essays Wege auf, denen man nur zu gerne folgt. Im Mittelpunkt ihrer zehn Essays stehen die zwei titelgebenden Pole Kränkung und Anerkennung. Das gleichlautende Kapitel beginnt die Autorin mit dem Befund, dass unser aller Bedarf an Anerkennung unerschöpflich sei, wobei sie die Kränkung sogleich als Kehrseite der Anerkennung offenbart. Besonders bedenkenswert sind ihre Überlegungen zu "Kunst und Kritik". Dabei folgt sie den vielfältigen Kränkungen im Kunstbetrieb und ortet Höhepunkte bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt, wo jedes Jahr mehr oder minder begabte Autoren nach Anerkennung gieren und nicht selten geschlagenen Hunden gleich nach Hause gehen. Caduff spricht von einer literaturbetrieblichen Traumatisierung. Und auch damit dürfte sie recht haben. Das ambivalente Verhältnis von Kritik und Kunst legt sie offen wie eine eiternde Wunde. Dabei weiß sie wohl, dass auch in Zukunft Kritik und Kränkung Hand in Hand gehen werden, doch darum geht es ihr auch gar nicht. Vielmehr zeigt sie, dass niemand vor Kränkung gefeit ist und schon die genaue Wahrnehmung der kulturbetrieblichen Mechanismen zu einem anderen Umgang befähigt. Psychologisch gewieft und von einem geradezu kindlich neugierigen Erkenntnisinteresse geleitet, umkreist Caduff ihre Themen und ist dabei zumeist Analytikerin und Analysandin in einer Person.

Das gilt etwa für ihren Essay mit dem Titel "Erschrecken", in dem sie ein an sich banales persönliches Erlebnis zum Ausgangspunkt nimmt: Im Juli 2008 erschreckte der zehnjährige Sohn einer Freundin sie heillos, als sie gerade den Kaffee auf die Terrasse bringen wollte. Der Junge kam blitzschnell hinter einem Sessel hervor und gab einen lauten Zischlaut von sich. Diese Petitesse gereicht der Autorin zum Anlass, ein Nachdenken über den Schreck und seine Implikationen in Gang zu setzen, dem Beizuwohnen eine Freude ist. Dabei verwundert es nicht, dass sie auch im Erschrecken die Kränkung ausmacht, die in diesem Fall Kontrollverlust bedeutet und letztlich mit dem Verlust der eigenen Autonomie einhergeht. Schwerer wiegt, dass der Erschrockene, wie sie schreibt, blitzartig und bei lebendigem Leib die größte Kränkung des Lebens streift: den Tod.

Dass wir auch mit "Blicken" kränken wie anerkennen, erläutert sie dann im gleichnamigen Essay, wobei sie Literatur, Philosophie, Politik und Alltagskultur gleichermaßen im Blick behält. Dabei kommt Caduff ohne Umstände vom Besonderen zum Allgemeinen, in dem sie das nächste Kapitel den "Kränkungen der Menschheit" widmet. Dem Tod als der größten Kränkung verschreibt sie sich dann zum Ende des Buches, wenn sie sich mit der Totenfotografie beschäftigt. Fotografien der todkranken Susan Sontag nimmt sie ebenso in den Fokus wie die Fotogalerien totgeborener Kinder im Internet und Verbrennungszeremonien in Indien und Nepal, wobei letzteres zu den schwächeren Passagen des Buches gehört, weil Caduffs Beschreibungen weniger gekonnt daherkommen als ihre Analysen. Ihre Neugierde treibt sie dann noch zu Kontaktversuchen mit dem Jenseits.

Als Leser sitzt man daneben und freut sich am unbefangenen Wissensdurst dieser Frau, die ihr eigenes Erleben zum Ausgangspunkt für Generalisierungen nimmt und damit erstaunlich oft ins Schwarze trifft.

In ihrem vorherigen Essayband "Land in Aufruhr" schrieb Caduff über die gesellschaftliche Relevanz der Literatur, es sei ihre wesentliche Fähigkeit und Funktion, dass sie die Wahrnehmung des Lesers schärfen könne und dass sie dazu beitrage, ihn aufmerksamer und präziser zu machen, und zwar sowohl seinen persönlichen als auch den gesellschaftlichen Verhältnissen gegenüber. Und genau das gelingt Corina Caduff mit ihren Essays.

Corina Caduff: "Kränken und Anerkennen." Essays. Lenos Verlag, Basel 2010, 169 Seiten, Euro 9,95.

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