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StartseiteDie neue PlatteUnbekannter Meister25.04.2011

Unbekannter Meister

Orgelmusik von Ludwig Boslet

Ludwig Boslet steht in keinem der wichtigen Musiklexika, nicht im deutschen Riemann oder MGG und schon gar nicht im britischen Grove. Dabei hat er sehr schöne, romantische Orgelmusik komponiert, die den Vergleich mit den Zeitgenossen nicht scheuen muss.

Von Ludwig Rink

Orgelpfeifen (Stock.XCHNG / daniel wildman)
Orgelpfeifen (Stock.XCHNG / daniel wildman)
<p>Vielleicht hätte er als Professor nach Würzburg oder München gehen sollen. Oder als Organist an die berühmte Hofkirche in Luzern. Vielleicht wäre es für seinen Nachruhm auch besser gewesen, die ja vorliegenden Angebote aus London oder Amerika anzunehmen. So jedoch steht er bis heute in keinem der wichtigen Musiklexika, nicht im deutschen Riemann oder MGG und schon gar nicht im britischen Grove. Und selbst eingefleischte Orgelliebhaber kennen seinen Namen nicht, den Namen von Ludwig Boslet. Damit das ein wenig anders wird, widmen wir ihm heute unsere Sendung. Denn komponiert hat er sehr schöne, eingängige, handwerklich perfekte romantische Orgelmusik von großem musikalischem Einfallsreichtum, die den Vergleich mit den Zeitgenossen vor allem in Frankreich nicht scheuen muss.<br /><br />&quot;Ludwig Boslet<br />'Toccata', op. 33<br />CD 1, Track <11><br />Dauer: 2'05<br />Joachim Fontaine an der Orgel der Marienkirche Kaiserslautern<br />LC 03722 Querstand (Verlag Klaus-Jürgen Kamprad)<br />VKJK 1003&quot;<br /><br />860, im gleichen Jahr wie Gustav Mahler und Hugo Wolf geboren, kam Ludwig Boslet in der Nähe von Zweibrücken zur Welt. Nicht mit Reichtümern gesegnet, war seine Familie froh, dass er es aufs Lehrerseminar in Speyer schaffte und dann auch den Beruf des Lehrers ergriff, was damals häufig mit Aktivitäten im musikalischen Bereich wie Gesangverein und Orgelspiel verbunden war. Seine erste Stelle im Örtchen Neunkirchen bei Kusel gefiel ihm allerdings ganz und gar nicht, denn es war nach seiner Meinung die schlechteste Schule im ganzen Bezirk, und von der Orgel stand nichts als das Gehäuse. So wechselte er bald nach Deidesheim an der Weinstraße, wo zumindest die Schule besser war. Den Durchbruch, was das von ihm gewünschte Weiterkommen in musikalischen Dingen anging, brachte dann die schicksalhafte Begegnung mit einem ebenso umtriebigen wie musikbegeisterten Eisenbahndirektor. Der war von seinem Orgelspiel so begeistert, dass er innerhalb von 14 Tagen mit Hilfe reicher Freunde das Geld zusammenhatte, um Boslet ein dreijähriges Studium an der Akademie in Stuttgart und noch einmal anderthalb Jahre in München zu finanzieren, dort bei einem der damals ganz großen der Organisten-Zunft, bei Gabriel Rheinberger. Danach machte er sich einen Namen als Konzertorganist, Chorleiter und Lehrer in Ludwigshafen. Zu dieser Zeit erreichten ihn die anfangs geschilderten Angebote, doch Boslet blieb der engeren Heimat treu, ging vom Rhein an die Saar nach St. Ingbert, wo er zehn Jahre blieb, dann an die Mosel, nach Trier, wo er 1911 die Stelle als Domorganist antrat. Dort hatte er ein für die damalige Zeit äußerst modernes Instrument zur Verfügung, eins der ersten mit elektromagnetischer Spieltraktur, das mit seinem (im Vergleich zu rein mechanischen Instrumenten) viel leichteren Anschlag deutlich schnellere Tempi und eine viel größere Beweglichkeit beim Registerwechsel ermöglichte. Dies kam seinen musikalischen Idealen sehr entgegen: sinfonisch angelegte Orgelmusik, hochromantisch, sehr virtuos und äußerst differenziert in den Klangfarben, ein Stück weit weg von der Starrheit der Terrassendynamik hin zu den für ein Orchester selbstverständlichen fließenden Übergängen von leise zu laut und umgekehrt.<br /><br />&quot;Ludwig Boslet<br />3. Satz Vivace aus: Sonate Nr. 4 b-moll, op. 15<br />CD 1, Track <3> <br />Dauer: 3'21<br />Joachim Fontaine an der Orgel der Versöhnungskirche Völklingen<br />LC 03722 Querstand (Verlag Klaus-Jürgen Kamprad)<br />VKJK 1003&quot;<br /><br />Nachdem er in der Mannheimer Christuskirche ein Werk von Ludwig Boslet gehört hatte, verglich ein Kritiker diesen mit dem etwa eine Generation älteren Komponisten-Kollegen César Franck und kam zu dem für Boslet positiven Fazit: "In Erfindung von schönen Themen und der kühnen Verarbeitung derselben ist der deutsche Komponist dem Franzosen weit überlegen." In der Tat erweist sich Boslet als Kenner der spätromantischen Tonsprache, beherrscht virtuos Fugen- und Sonatenform. Er erfindet sehr effektvolle, markante Themen, beeindruckt mit feierlichen, manchmal etwas bombastischen Eröffnungen, schlägt aber auch leisere, meditative, manchmal geradezu mystische Töne an. Sein musikalisches Denken ist deutlich beeinflusst von den Orgelvirtuosen jenseits des Rheins, von Charles-Marie Widor, Louis Vierne oder Alexandre Guilmant. Letzterer hatte übrigens selbst Boslets e-moll-Sonate im Repertoire und spielte sie in seinen Konzerten im Pariser Trocadéro.<br /><br />&quot;Ludwig Boslet<br />3. Satz Allegretto aus: Sonate Nr. 3 e-moll<br />CD 2, Track <12> <br />Dauer: 2'20<br />Joachim Fontaine an der Orgel von St. Hildegard in St. Ingbert<br />LC 03722 Querstand (Verlag Klaus-Jürgen Kamprad)<br />VKJK 1003&quot;<br /><br />Dass jetzt sechs Orgelsonaten und weitere Einzelstücke von Ludwig Boslet in mustergültigen Einspielungen auf CD zu hören sind, verdanken wir dem Organisten und rührigen Kirchenmusiker aus Saarlouis, Joachim Fontaine. Seine Interpretationen sind von großer Frische und Spielfreude, zupackend und schwungvoll, dabei hochmusikalisch gestaltet und bestens phrasiert. Gleichzeitig bieten die beiden CDs eine Art Orgelrundreise auf den Spuren des bislang weitgehend unbekannten Meisters, der 1951 im hohen Alter von 90 Jahren in Trier gestorben ist. Denn Joachim Fontaine nutzte für seine Einspielungen insgesamt fünf zu dieser Art von Orgelmusik passende Instrumente aus dem Raum Pfalz, Saar und Mosel, die Ludwig Boslet teilweise selbst kannte und spielte. Sie stehen in der Marienkirche zu Kaiserslautern, in St. Hildegard in Sankt Ingbert, in der Martinskirche zu Trier und in Völklingen in St. Eligius und der Versöhnungskirche. Außerdem schrieb Fontaine einen sehr ausführlichen Booklet-Text, der uns das Leben und die Werke dieses Orgelmeisters näher bringt. Leider ist dieser Text mit seinen kleinen Buchstaben auf einem grauen, künstlich auf alt gemachten, aber glänzenden Papier denkbar schlecht zu lesen und die eher im größeren DVD-Format daherkommende Box schlecht im CD-Regal unterzubringen. Aber das sind Kleinigkeiten, die bei der Bewertung der höchst verdienstvollen editorischen Großtat des Labels Querstand zu vernachlässigen sind. <br /><br />Eine Antwort auf die Frage, warum Ludwig Boslet die zahlreichen Angebote zur Förderung seines Ruhmes abgelehnt hat, finden wir vielleicht in seiner Musik selbst. Da wird zum Beispiel – so beschreibt es Joachim Fontaine - in der 2. Sonate das ungestüme Allegro des Kopfsatzes abgelöst von der "moselanischen" Sonnigkeit der zweiten Themengruppe. Und einem Berichterstatter der Badischen Zeitung fiel auf: <br /><br /><em>"Manchmal klingt seine Musik (...) so, als sei sie mit einem guten Riesling zusätzlich verfeinert."</em><br />Wer würde denn solche Inspirationsquellen für ein noch so attraktives Angebot aus London aufgeben?<br /><br />&quot;Ludwig Boslet<br />1. Satz Allegro aus: Sonate Nr. 2 d-moll, op. 6<br />aus: CD 1, Track <5> <br />Dauer: 5'49<br />Joachim Fontaine an der Orgel der Versöhnungskirche Völklingen<br />LC 03722 Querstand (Verlag Klaus-Jürgen Kamprad)<br />VKJK 1003&quot;<br /><br />Die Neue Platte – heute mit bislang weitgehend unbekannter Orgelmusik des langjährigen Trierer Domorganisten Ludwig Boslet, gespielt von Joachim Fontaine, herausgebracht vom Label Querstand.</p>

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