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StartseiteDeutschland heuteStadtführung aus der Sicht von Obdachlosen11.06.2018

Unbekanntes Ulm Stadtführung aus der Sicht von Obdachlosen

Sie übernachten im Freien, unter Brücken oder auf Parkbänken: Rund 860.000 Wohnungslose leben in Deutschland - über ihr Leben wissen die meisten Mitmenschen nur wenig. Bei einer besonderen Stadtführung in Ulm erklärt ein ehemaliger Wohnungsloser, wie sich der Alltag auf der Straße anfühlt.

Von Thomas Wagner

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Auf einer Parkbank am Olivaer Platz schläft ein älterer Mann auf Zeitungen. (dpa/picture alliance/ M. C. Hurek )
Über das Leben von Obdachlosen wissen die meisten Menschen nur sehr wenig. (dpa/picture alliance/ M. C. Hurek )
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- "Das interessiert mich eigentlich schon lange: Ich habe einen Bekannten, der temporär wohnsitzlos ist. Ich kenne den gut. Und von daher war das für mich ein Anstoß, zu sehen, da Hintergründe zu sehen, wie der Tagesablauf ist, ob da ein wenig Struktur dahinter ist. Das ist für mich interessant."

- "Ansonsten kriegt man ja von den Wohnsitzlosen an sich nur mit, die sitzen irgendwo in der Hirschstraße. Man guckt, läuft ganz schnell vorbei, und das ist es dann. Und mich interessiert jetzt ganz einfach mal, was die sonst machen, und wo die sonst sind, wenn sie nicht auf der Straße sitzen."

Treffpunkt Caritas auf dem Michelsberg in Ulm. Eigentlich eine vornehme Gegend für Luxuswohnungen. Doch dafür interessieren sich die gut zwei Dutzend Frauen und Männer nicht, die auf Einladung der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Ulm-Wiblingen hierher gekommen sind. Viel spannender finden sie das, was Lemi zu sagen hat, ein Mittvierziger mit Bartstoppeln in Shorts, der seinen Nachnamen nicht preisgeben will. In Ulm, sagt Lemi, sei er unter seinem Vornamen bekannt genug.

"Da vorne, der Bäcker, zum Beispiel, da kriegen wir immer das Brot von gestern oder den Kuchen. Das müssten die ja im Prinzip auch wegschmeißen. Und das geben die uns."

Mit "uns" meint Lemi die über 400 Wohnungslosen in Ulm, zu denen er selber acht Jahre lang gehörte. Heute lebt er zwar mit seinem Hund in einer kleinen Wohnung, arbeitet für die Wohnungslosen-Zeitschrift "Trottoir" - und manchmal eben auch als Stadtführer der besonderen Art; es geht um "Stadtführungen aus der Sicht von Wohnungslosen."

"Wenn ihr mir dann folgen wollt. So, jetzt sind wir beim Roten Kreuz. Da kann man auch günstig essen."

Ein graues Gebäude - Aufschrift: "Deutsches Rotes Kreuz". Die Gruppe wird in die oberen Etage geführt, die Türe öffnet sich, gibt den Blick frei auf einen schmucklosen Raum mit lauter Etagenbetten drin.

"Es ist primitiv natürlich, aber allemal zehn Mal besser als unterm Baum oder auf der Parkbank. Da stehen nur die Doppelstockbetten und so. Es ist eine Notlösung, aber eine gute Notlösung. Der Meinung bin ich schon."

Strenge Regeln in der Notunterkunft

Marlies Holzhauser ist eine der Teilnehmerinnen, die bei dieser "Stadtführung aus der Sicht von Wohnungslosen" mitläuft. Sie blickt mit einer Mischung von Verwunderung und Unbehagen auf die kahlen Wände im Schlafraum, so als wolle sie sagen: Nichts für mich. Dieter Munz, ein weiterer Teilnehmer, schaut ebenfalls auf Bettgestelle aus Draht, aber auch auf die ordentlich gemachten Kissen und Matratzen.

"Na gut, Standard ist es grade nicht. Aber es ist besser wie draußen, muss ich sagen. Ich habe mir das schlimmer vorgestellt.. Und es sieht ja alles recht aufgeräumt aus und ordentlich. Ich habe mir das etwas chaotischer vorgestellt."

Was die Teilnehmer auch erfahren: Für diejenigen, die hier übernachten, gibt es Spielregeln wie: Kein Alkohol auf dem Zimmer, keine Drogen sowieso. Wer sich nicht dran hält, fliegt raus. Wer nach 23.00 Uhr kommt, darf erst gar nicht rein.

"Ich meine die Struktur mit den Leuten, wer abgewiesen wird und wer nicht, das hat ein System. Wenn man keine klaren Linien zieht, ist ja allem Tür und Tor geöffnet."

Dennoch wird Dieter Munz im Übernachtungsheim nachdenklich: Was muss einem Menschen eigentlich widerfahren, damit er hier landet? 

"Keine Wohnung, keine Arbeit, umgekehrt das gleiche - das ist ja ein Kreislauf. Das eine schließt das andere aus. Aus diesem Kreislauf wieder rauszukommen - ich denke, das schaffen die wenigsten. Es ist eigentlich armselig, dass es überhaupt soweit kommt. Das Leute überhaupt so leben müssen in unserem reichen Staat. Das kann ich nicht ganz verstehen."

"Gehen wir weiter. Jetzt laufen wir am Tafelladen vorbei, am Ulmer. Das liegt alles auf dem Weg."

Lemi drängt zum Aufbruch. Der Stop am Tafelladen fällt kurz aus. Man will gegenüber denjenigen, die hier für verbilligte Lebensmittel anstehen, nicht wie ein neugieriger Voyeur auftreten.

"Das kann jeden auch schnell selber treffen"

"Das ist jetzt, wenn wir hier stehenbleiben, wie im Zoo für die Leute. Deshalb: weitergehen." Lemi führt die Gruppe durch die Straßen Ulms, Richtung Innenstadt. Über das große Interesse an dieser Stadtführung der besonderen Art freut er sich. Denn: "Es kann ja jeden treffen. Wir haben es ja vorher gerade davon gehabt: Wie wird man obdachlos? Ich verliere meinen Job, durch Drogen, Alkohol, Scheidung. Oder viele auch, wenn sie ausgestiegen sind, weil sie keinen Bock mehr haben. Der Abstieg geht schnell, aber der Wiederaufstieg, oder die Wiedereingliederung, das braucht halt ewig. Wir können ja auch ein bisschen mal zeigen, was im Argen liegt. Wir sind ja keine Aussätzigen oder so."

Und genau das liegt, glaubt Lemi, am meisten im Argen: Wohnungslose werden häufig von ihren Mitmenschen gemieden - dabei sind gerade für Wohnungslose soziale Kontakte besonders wichtig.

"Deswegen ist auch die Vesperkirche so eine Super-Einrichtung. Ein normaler Bürger kann mit dem Obdachlosen ins Gespräch kommen. Und er erfährt aus seiner Perspektive, aus seiner Lebenswelt etwas. Und vielleicht erfährt ja auch mal der Geschäftsmann aus seiner Lebensweise was."

Pico, der kleine Schäferhund, ist wieder mal ausgebüchst, Lemi muss schnell hinterher. Pfarrer Andreas Wündisch von der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Ulm-Wiblingen läuft eher gemächlich in der Gruppe mit, wirkt häufig nachdenklich. Denn er weiß: Hier, während der Stadtführung, erscheint den meisten das Schicksal der Wohnungslosen weit weg von ihrem eigenen Leben. Doch das kann sich schnell ändern - gerade in einer Stadt in Ulm, wo Wohnungen immer teurer und bezahlbare Wohnungen immer schwieriger zu bekommen sind:

"Es kommen tatsächlich Leuten zu Pfarrämtern, die sagen: Ich brauche eine Wohnung. Ich habe neulich eine Mutter mit vier Kindern da gehabt. Eine ganz schwierige Geschichte, also da geht es wirklich um Hunger auch, wo man sagen muss: Das gibt es gar nicht in unserer Gesellschaft. Aber: Armut ist unsichtbar. Man sieht es ihr nicht an. Der Traum ist: Sie sind in ihrer eigenen Wohnung, haben ihr eigenes Dach."

Letzte Station an diesem Nachmittag: "MoMo", die mobile Jugendhilfe der Stadt Ulm. Hier erfahren die Teilnehmer, dass manchmal bereits Jugendliche zur Betreuung kommen ohne ein eigenes Dach über dem Kopf. Camilla Flechtner gibt sich nach dem gut dreistündigen Rundgang nachdenklich:

"Ich habe nicht gewusst, dass es so ein großes Problem mit den Wohnsitzlosen gibt, weil man sie ja nicht sieht. Das kann jeden auch schnell selber treffen. Dass man sich einfach mal vor Ort informiert, in der Stadt, in der man lebt, was da eben abgeht."

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