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Unbekleidet in den Tod

Peter Zadek inszeniert "Nackt" von Luigi Pirandello

Von Eberhard Spreng

Die neuste Inszenierung  Peter Zadeks ist in Hamburg zu sehen.
Die neuste Inszenierung Peter Zadeks ist in Hamburg zu sehen. (AP Archiv)

Ein älterer Dichter hat das junge Mädchen Ersilia nach einem Selbstmordversuch von der Straße aufgelesen. Durch sie möchte er das Leben direkt und unmittelbar erleben. Star-Regisseur Peter Zadek bringt das Theaterstück "Nackt" des italienischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Luigi Pirandello am St.-Pauli-Theater in Hamburg auf die Bühne.

Die Nacktheit auf der Bühne, so sagte Peter Zadek einmal vor vielen Jahren in einem Publikumsgespräch, die Nacktheit sei so wie ein Tier auf der Bühne, eine unkünstlerische Störung, in der etwas sichtbar wird, was über die Grenzen des Theaters hinausweist. Damals war die Schauspielerin Susanne Lothar als Lulu tatsächlich nackt auf der Bühne, was einige erhitze Diskussionen ausgelöst hatte.

Nun geht es wieder um: die Nacktheit im Theater. Aber die ist von ganz anderer Art, als das Reeperbahnumfeld erwarten lässt. Denn was Ersilia Drei am St.-Pauli-Theater in dem Pirandello-Stück von 1922 fehlt, ist nicht ein Kostüm, sondern ein Rollenkleid, das sie im Spannungsfeld des Lebens und ihrer Mitspieler schützt oder wenigstens im Augenblick ihres Todes anständig kleiden könnte.

Das Kindermädchen hatte versucht, sich umzubringen, nachdem sich ihr Verlobter, der Marineleutnant Franco von ihr getrennt und ihr Dienstherr, der Konsul Grotti sie entlassen hatte, weil sie den Unfalltod von dessen kleiner Tochter nicht hatte verhindern können.

Jetzt sitzt sie in der Wohnung des Schriftstellers Ludivico Nota, der sie aufgenommen hatte, nachdem er in der Lokalpresse von ihrer Geschichte, diesem veristischen Rührstück, erfahren hatte. Er will statt über das Leben zu schreiben, es nun selbst erleben, ist quasi anders als die "sechs Personen" in Pirandellos berühmtesten Stück nicht auf der Suche nach einem Autor, sondern nach dem Leben, während Ersilia in Nota eine Erhöhung ihres gescheiterten Lebens als literarische Figur erhofft - ein Kleid für die Nachwelt, ein Bleiben in der Kunst.

Peter Zadeks Inszenierung müht sich in Karl Kneidls Bühnenbild mit seinen klapprigen Kulissen, einem Sperrmüllbücherschrank und marodem Fenster etwas spannungslos mit der Exposition der komplizierten Geschichte und bekommt erst szenische Dichte, wenn die beiden Männer auftreten, die für Ersilias Vorleben entscheidend waren: Der von Nikolai Kinski als artifizielle Kunstfigur angelegte Leutnant Franco Laspiga und der von Friedhelm Ptok gespielte Konsul. Jetzt wird die Affäre ruchbar, die er mit dem Dienstmädchen hatte.

In der Szene zwischen dem geilen alten Mann und der geplagten Ersilia strahlt von der kleinen Bühne des St.-Pauli-Theater wieder Zadeks Meisterschaft bei der Inszenierung der großen Kämpfe zwischen Mann und Frau. Plötzlich legt er, wo es doch dem Autor ums Theater im Theater geht und um die kritische Überprüfung des Melodramtischen, dessen brutalen, ja tragischen menschlichen Urgrund frei: Ersilias Lügengerüst, die vorgeschobenen Gründe für ihren versuchten Selbstmord, das falsche Bild in der Lokalpresse, das, wie wir heute sagen würden, falsche Medienimage sind verzweifelte Abwehrkämpfe einer Mittellosen.

Auf den Knien kriecht die zarte Annett Renneberg als Ersilia vor den Konsul auf dem Boden und wünscht sich nur noch einen Tod, dem ein halbwegs anständiges Andenken folgt: vergeblich. Ihr zweiter, jetzt erfolgreicher Selbstmordversuch endet in einem Monolog über das elementare Geworfensein auf die Straße der Verachtung.

Eigentlich müsste Peter Zadek, der Liebhaber der großen erotischen Tragödie mit diesem etwas komplexen Stück hier die tiefgreifendste Nacktheit, eine gewissermaßen philosophische Beraubung des Ich vorführen, die größtmögliche Verletzung der theatralischen Menschenwürde: Das Nicht-Sein. Stattdessen zeigt er den melodramatischen Gehalt der Geschichte vor und schenkt der theatralischen Versuchsanordnung des sizilianischen Klassikers nur anfänglich Beachtung.

Diese Anti-Lulu, die erotisch Verfolgte, die ihrer notdürftigen Lebenslügen beraubt wird, ist also am Ende gar nicht so nackt, wie sie Pirandello gerne hätte. Wo der Autor das Theater benutzt, um das Leben an der Kunst zu überprüfen, bringt Meister Zadeks Theater die Figuren der Kunst zurück ins Leben und erweist sich dabei an der Reeperbahn als der Barmherzigste im Geschäft mit der Nacktheit.

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