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"Und am Ende steht dann nur noch die Sozialstation NPD"

Uwe-Karsten Heye: Zunahme rechtsextremer Einstellungen in der jüngeren Generation hat Gründe

Uwe-Karsten Heye im Gespräch mit Manfred Götzke

Flagge der NPD an der Fassade der Bundeszentrale der Partei in Berlin
Flagge der NPD an der Fassade der Bundeszentrale der Partei in Berlin (AP)

Der Zuwachs rechtsextremer Einstellungen bei jungen Erwachsenen sei auch eine Folge davon, dass nicht-priviligierte Kinder in dieser Gesellschaft faktisch chancenlos seien. Inzwischen gebe es mehr als vier Millionen junge Leute, die als bildungsfern eingestuft werden, sagt Uwe-Karsten Heye vom Verein "Gesicht Zeigen!"

Manfred Götzke: Rechtsextremismus ist in Deutschland leider mehr als NPD und NSU, das hat gestern die Friedrich-Ebert-Stiftung in einer Studie deutlich gemacht. Mittlerweile haben demnach neun Prozent der Bevölkerung ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild. Und in Ostdeutschland kommen die kruden rechten Thesen besonders gut an, da hat sich die Gruppe mit Rechtsextremem Weltbild seit 2006 mehr als verdoppelt: von 6,6 Prozent auf 15,8 Prozent der Bevölkerung.

Besonders dramatisch dabei: Offenbar wächst im Osten eine Gruppe neuer Nazis heran, mittlerweile stimmen da mehr junge Leute rechtsextremen Thesen zu als ältere. Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse forderte deshalb heute im Deutschlandfunk mehr Demokratie-Erziehung. Und darüber möchte ich jetzt mit Uwe-Karsten Heye sprechen. Er ist Vorsitzender des Vereins Gesicht Zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland. Guten Tag, Herr Heye!

Uwe-Karsten Heye: Ich grüße Sie!

Götzke: Herr Heye, haben Sie diese Zahlen, diese dramatische Zunahme rechtsextremer Überzeugung junger Leute überrascht?

Heye: Nein, sie haben mich nicht wirklich überrascht, sie haben mich erneut erschreckt, aber nicht wirklich überrascht. Ich wundere mich ein bisschen, dass diese Überraschung offenbar den einen oder anderen gepackt hat, denn wer ein bisschen genauer hingeguckt hat bei den letzten Landtagswahlen – nehmen wir nur mal als Beispiel Sachsen-Anhalt –, der hätte sich denken können, dass da etwas in Bewegung ist, denn da hat die NPD zwar nur knapp unter fünf Prozent, was dazu führte, dass gar nicht mehr nachgefragt wurde, wer hat sie denn gewählt? Und dann stellt sich doch heraus, wenn ich die Zahlen richtig im Kopf habe, dass jeder fünfte - vor allen Dingen männliche - Wähler zwischen 18 und 34 Lebensjahren die NPD in Sachsen-Anhalt gewählt hat. Und damit wurde sie zur, von ihrer Wählerstruktur her, jüngsten Partei. Wenn Sie einen ähnlichen Maßstab an die sächsische NPD stellen können oder würden, dann würden Sie zu ähnlichen Zahlen kommen. Das heißt, hier wächst etwas nach, was in der Tat erschrecken sollte, aber nicht überraschen darf.

Götzke: Wenn die NPD die jüngste Klientel hat, was machen die anderen Parteien falsch in ihrer Jugendarbeit?

Heye: Das ist ja nicht nur eine Frage der anderen Parteien. Das ist auch sicherlich eine Frage darüber: Wie gehen wir eigentlich um mit dem Rassismus in der Gesellschaft? Fremdenfeindlichkeit und Rassismus bedingen ja einander, wenn Sie die Zahlen sich mal betrachten, was Fremdenfeindlichkeit angeht und rassistische Vorstellung angeht, die in dieser Studie zu finden sind, dann wird Ihr Erschrecken ja nicht kleiner, sondern ja eher noch größer. Und das wiederum hat damit zu tun, wie wir in der politischen Debatte, welche politische Debatte wir führen.

Wenn Sie den Ministerpräsidenten von Bayern hören, der davor warnt, vor der Einwanderung in die Sozialsysteme Deutschlands, und Deutschland sei nicht das Sozialamt der Welt, dann ist dieses unmittelbar, scheint es unmittelbar aus dem Wörterbuch der NPD abgeschrieben zu sein.

Und ich finde, es ist unmöglich, dass demokratische Parteien so etwas tun, nämlich solche Vorurteilslandschaften auch noch zu befördern und zu befeuern. Das ist sozusagen mindestens ein Appell, den man schon mal richten kann an alle, die in diesem öffentlichen Diskurs eine Rolle spielen wollen.

Götzke: Wie erklären Sie sich denn diese starke Zunahme rechtsextremer Überzeugungen gerade bei jungen Leuten im Osten?

Heye: Ich denke, das hat was mit der Frage zu tun, ungleichwertig zu sein, nicht gleichwertig zu sein. Sie wissen ja – oder jedenfalls lassen sich alle statistischen Belege dafür finden –, dass Menschen oder junge Menschen, die aus Familien kommen, die sozial und/oder von ihrer ganzen Haltung her eher, sagen wir mal, bildungsfern sind, dass die faktisch chancenlos in der Schule sind, weil die soziale Selektion zu früh einsetzt.

Eine Entwicklung von Ganztagsschulen, die wir brauchen, die Notwendigkeit, gerade solchen Kindern ein höheres Maß an Zuwendung zu geben und Anregung zu geben, dieses alles findet nicht statt, im Gegenteil: In vielen ländlichen Regionen sind die Schulen zugenagelt, weil angeblich zu wenig Schülerinnen und Schüler durch den demografischen Wandel in die Schulen kommen. Also macht man schnell mal eine Schule zu.

Damit aber wird sozusagen das gesamte kulturelle Leben in einer Gemeinde zerstört. Und die jungen Leute sind alleingelassen, und am Ende steht dann nur noch die Sozialstation NPD, die den verbliebenen jungen Leuten, die in der freiwilligen Feuerwehr sind, auch noch den Fußball spenden und so den Eindruck erwecken, als ob sie sich um sie sozial und inhaltlich kümmern würden. Das tun sie auch, aber in eine Richtung, die uns als Demokraten sofort angehen, und die wir nicht durchlassen dürfen.

Götzke: Nun fordert Wolfgang Thierse wie gesagt eine andere, eine neue Demokratie-Erziehung, auch in der Schule. Sie würden sagen, das ist vielleicht gar nicht nötig, man sollte erst mal die Schulen nicht schließen?

Heye: Das ist das Erste, was man nicht tun sollte. Das Zweite ist, dass wir – denke ich – unser Bildungssystem verändern müssen vor dem Hintergrund der Tatsache, dass wir, ob wir es nun wollen oder nicht, Einwanderungsland sind. Wenn wir sozusagen zeitgleich die Altersarmut befürchten und gleichzeitig aber sagen, in einem demografischen Wandel einer älter werdenden Gesellschaft und immer weniger jungen Leuten, die nachkommen. darf auf keinen Fall auch Einwanderung sein – wenn wir beides tun, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn in beide Richtungen die Extreme wachsen und das Gefühl, nicht wirklich eine Veränderung der gesellschaftlichen Lage zu haben, bei den Menschen ankommt.

Götzke: Ihr Verein leistet ja genau diese Demokratieerziehung mit zahlreichen Ausstellungen, Projekten, Filmwochen et cetera, aber eben nur punktuell, was müsste sich in den Schulen strukturell verändern?

Heye: Ja, ich glaube, strukturell heißt es, Ganztagsschulen, strukturell heißt, dass wir diejenigen, die sozusagen mit einer Sprachbarriere in die Schulen kommen, angemessen und frühzeitig über Kindergärten und Krippen, die wir notwendig erst errichten müssen und einrichten müssen, sozusagen eben angeregt werden, in diesem Land anzukommen. Wenn wir aber alles tun, damit sie möglichst nicht ankommen, dürfen wir uns nicht wundern, dass die Zahl der bildungsfernen Jugendlichen weiterhin stark wächst. Wir haben jedes Jahr zwischen 80.000 und 100.000 jungen Leuten, die keinen Schulabschluss schaffen. Wir haben mehr als vier Millionen junge Leute, die als bildungsfern eingestuft werden, also schon Opfer unseres Schulsystems sind. Wir können das weiter so machen, aber dann sind wir beide, Herr Götzke, auch im nächsten und übernächsten Jahr dabei, zu beklagen, dass die Probleme eher größer werden als kleiner.

Götzke: Rechtsextreme Überzeugungen haben in den letzten Jahren stark zugenommen, insbesondere unter ostdeutschen Jugendlichen. Über die Gründe dafür habe ich mit Uwe-Karsten Heye gesprochen, er ist Vorsitzender des Vereins Gesicht Zeigen! Vielen Dank für das Gespräch!

Heye: Danke auch Ihnen!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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