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StartseiteForschung aktuellUnd es gibt ihn doch!20.08.2013

Und es gibt ihn doch!

Hirnforscher finden Indizien für den freien Willen

Der freie Wille ist eine Illusion. Mit dieser Aussage ritten Hirnforscher in den letzten Jahren eine schmerzliche Attacke auf das menschliche Selbstbewusstsein. Kritik an dieser These kam bisher vor allem aus der Philosophie. Nun aber liefert die Hirnforschung selbst einen neuen Befund.

Von Martin Hubert

Britischen Forschern zufolge sind bewusste Willensentscheidungen in Hirnprozessen nachweisbar.   (GA Tech)
Britischen Forschern zufolge sind bewusste Willensentscheidungen in Hirnprozessen nachweisbar. (GA Tech)
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Freier Wille unter der Lupe

Als der Philosoph Immanuel Kant das Problem des freien Willens anging, kam er zu dem Schluss: Ja, Menschen sind in insofern frei, als sie über die Fähigkeit verfügen

"unabhängig von Naturursachen etwas hervorzubringen, mithin eine ganze Reihe von Begebenheiten ganz von selbst anzufangen."

Seitdem gilt die Fähigkeit, etwas selbst verursachen zu können, als wichtiges Kriterium für einen freien Willen. Nun zeigte aber eine ganze Serie von Experimenten in den letzten Jahren: Das Gehirn trifft Entscheidungen offenbar lange bevor das Bewusstsein überhaupt Notiz davon nimmt. John-Dylan Haynes vom Bernstein Center der Berliner Charité zum Beispiel hatte Versuchspersonen aufgefordert, entweder einen linken oder einen rechten Knopf zu drücken. Dabei scannte er ihr Gehirn.

"Da stellte sich raus, dass wir bis zu sieben Sekunden vor der Entscheidung bereits vorhersagen können, wie sich jemand gleich entscheiden wird. Und das bedeutet, dass anscheinend unbewusst im Gehirn eine Entscheidung vorbereitet wird, noch lange bevor diese Entscheidung das Bewusstsein erreicht."

Für manche Hirnforscher war das ein gewichtiges Argument gegen den freien Willen. Vor allem Philosophen kritisierten die Experimente jedoch als zu simpel. Es sei auch überhaupt kein Problem, wenn Handlungen im Gehirn frühzeitig eingeleitet würden. Entscheidend sei, dass man dagegen bewusst ein Veto einlegen, die Handlungen also wieder abbrechen könne. Der Neurowissenschaftler Patrick Haggard vom University College London machte sich also erneut auf die Suche:

"Wir baten Versuchspersonen, sich mit ihrer rechten Hand darauf vorzubereiten, einen Knopf zu drücken. Manchmal sollten sie das zügig zu Ende bringen, manchmal sollten sie die Aktion aber auch im letztmöglichen Augenblick abbrechen. Wir instruierten die Versuchspersonen dabei nicht, wann und ob sie einen linken oder rechten Knopf drücken sollten. Wir überließen ihnen sogar die Entscheidung, ob sie es überhaupt tun wollten."

Nach Alltagsmaßstäben ziemlich viel Entscheidungsfreiheit. Dabei scannte Patrick Haggards Team die Hirnaktivität der Versuchspersonen. Er fand dabei erneut ein frühes sogenanntes Bereitschaftspotenzial, das anzeigte, dass die Handlung im Gehirn schon vor der bewussten Entscheidung eingeleitet wurde. Und zwar sowohl, wenn die Versuchspersonen die Bewegung schnell durchführten als auch wenn sie sie abbrachen. Allerdings entdeckte Patrick Haggard in der oberen Mitte des vorderen Gehirns noch ein anderes frühes Signal.

"Eine Hirnregion namens dorsomedialer frontaler Cortex war besonders stark aktiv, wenn die Versuchsperson eine vorbereitete Handlung wieder abbrach, viel stärker, als wenn sie sie zu Ende führte. Sie gehört nicht zu den klassischen Regionen, in denen Willenshandlungen normalerweise eingeleitet werden. Sie ist auch nicht die Quelle des Bereitschaftspotenzials. Wir glauben daher, dass diese Region daran beteiligt ist, zu überprüfen, ob wir eine Handlung wirklich ausführen wollen. Wir können sie dann noch stoppen, bevor es zu spät ist."

Ein kurzes Signal aus dem dorsomedialen frontalen Cortex: Ist das wirklich schon der "freie Wille"? Haggard gesteht zu, dass sein Experiment nur eine simple Fingerbewegung misst, die nicht so ohne weiteres mit komplizierten Lebensentscheidungen vergleichbar ist. Trotzdem liefert es seiner Meinung nach ein Modell dafür, wie bewusste Willensentscheidungen im Gehirn ablaufen könnten.

"Es gibt eine Art Veto, aber das ist ein "Gehirn-Veto". Es handelt sich um einen Hirnprozess, nicht um den Einfluss einer übernatürlichen Seele. Wir besitzen einfach ein weiteres System innerhalb des Gehirns, das unsere Handlungen bewertet, überwacht und anpasst. Philosophisch betrachtet ist es nichts völlig anderes als das System, mit dem wir zum Beispiel die Bewegungen unseres Arms überwachen und kontrollieren, wenn wir einen Ball auffangen wollen."

Patrick Haggard interpretiert seine Ergebnisse also ganz im Rahmen der Hirnforschung. Für ihn zeigen sie, dass bewusste Willensentscheidungen in Hirnprozessen nachweisbar sind und sich von automatisch ablaufenden Prozessen unterscheiden. Wie frei ein einzelner Mensch ist, hängt demnach davon ab, wie stark sein Veto-System auf das unbewusst arbeitende Handlungssystem zurückwirken kann. Doch auch Haggard räumt ein: Das Leben ist komplex, und die Details müssen noch erforscht werden.

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