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StartseiteCampus & Karriere"Und nebenbei unterrichten wir auch noch"28.08.2012

"Und nebenbei unterrichten wir auch noch"

Hauptschullehrerin über ihren Schulalltag und das Buch, das sie darüber geschrieben hat

Der Normalzustand sei Störung, sagt Hildegard Monheim über ihren Berufsalltag. Ungeschönt Auskunft darüber gibt ihr Buch "Manchmal schauen Sie so aggro". Sie wolle "nicht resignativ sein", so die Hauptschullehrerin. Aber es sei wichtig, genau hinzuschauen, wenn man etwas besser machen wolle.

Hildegard Monheim im Gespräch mit Manfred Götzke

"Ich mag die Schule, aber sie strengt mich ungemein an", sagt Hildegard Monheim.   (AP)
"Ich mag die Schule, aber sie strengt mich ungemein an", sagt Hildegard Monheim. (AP)

Manfred Götzke: Wer das nicht selbst erlebt hat, kann es sich einfach nicht vorstellen. Das sagt Hildegard Monheim über ihren Berufsalltag. Monheim ist Lehrerin und unterrichtet an einer Schulform, die langsam ausstirbt, von Bildungspolitikern Mittelschule und von Schülern und Eltern Resteschule genannt wird: die Hauptschule. Und damit wir uns Hauptschulalltag vorstellen können, besser vorstellen können, hat sie darüber ein Buch geschrieben. Von 33 mehr oder weniger lustigen Anekdoten erzählt sie in ihrem Buch, das heißt passenderweise "Manchmal schauen Sie so aggro". Frau Monheim, wann schauen sie denn so aggro und was machen Sie dann mit Ihren Schülern?

Hildegard Monheim: Ganz schreckliche Dinge! Nein, es ging darum, ob den Menschen ihr Beruf Spaß macht, und irgendwie kam es dann auf: Wie ist es denn bei Ihnen? Und ich sagte, ja, ratet mal, und hab natürlich gehofft, sie sagen, wir spüren, dass Ihnen Ihr Beruf so richtig Spaß macht. Und dann meldete sich ein Schüler und sagte: "Sie schauen manchmal so aggro, wenn Sie von der Schule nach Hause fahren, und ich glaube, das Ihnen das nicht so gut gefällt." Und da war ich erst ein bisschen vor den Kopf gestoßen, und dann hab ich erklärt, dass das wahrscheinlich die Erschöpfung eines langen Unterrichtsvormittages ist, die sich mir da ins Gesicht gegraben hat.

Götzke: Also die Schüler hatten nicht recht?

Monheim: Dass ich die Schule nicht mag? Ich mag sie schon, aber sie strengt mich ungemein an – und das möchte ich auch immer wieder sagen und das trotz Teilzeittätigkeit. Ich verstehe alle Lehrer, die Vollzeit arbeiten und sagen, ich bin einfach vollkommen kaputt, denn es ist wahnsinnig anstrengend. So sehe ich es.

Götzke: Was erschöpft Sie denn so in Ihrem Beruf an der Hauptschule?

Monheim: Das ist ein Sammelsurium an verschiedensten Herausforderungen und Anforderungen. Erstens, man muss immer präsent sein und man muss in jeder Sekunde mit Störung rechnen, mit irgendetwas rechnen, was einem das, was man mühsam geplant hat, durcheinanderbringt – sei es Verhaltensauffälligkeiten von Schülern, sei es Störungen von außen, sehr oft sind natürlich auch Anforderungen von oben da, die auch nach obendrein dazukommen, dass man dies oder jenes noch zusätzlich machen muss. Aber ich finde schon, das Anstrengendste ist, dass man einfach im Prinzip jederzeit voll da sein muss, sonst ist man in meinen Augen verraten und verkauft.

Götzke: Sie schreiben in Ihrem Buch, der Normalzustand sei Störung – inwiefern?

Monheim: Wenn man sich das so vorsagt, dass das der Normalzustand ist, dann ist man hinterher nicht mehr so entsetzt, habe ich festgestellt.

Götzke: Also wenn die Erwartungen gleich null sind?

Monheim: Gleich null nicht, also das wäre ja sehr tragisch, wenn ich mit null Erwartung reingehe. Aber ich hab festgestellt, alle die, die mit einer sehr hohen Erwartung in die Schule gehen, die haben ihren Frust eigentlich vorprogrammiert. Ich bemühe mich einfach, mich über sehr kleine Erfolgserlebnisse und sehr kleine Schritte in die richtige Richtung aus meinen Augen zu freuen.

Götzke: Unterrichten Sie noch oder stellen Sie nur noch ruhig?

Monheim: Ich unterrichte schon auch, aber es ist tatsächlich so, dass man manchmal schon den Eindruck hat und wir Lehrer auch schon untereinander gesagt haben: Und nebenbei unterrichten wir auch noch. Und manchmal müssen wir uns das auch fast schon mit Stolz sagen, weil eben das Störende oft schon doch relativ im Vordergrund ist. Es ist natürlich jetzt schon ein bisschen zugespitzt, natürlich gibt es viele Stunden, die so einigermaßen normal laufen, aber der Idealzustand, so, wie man es eigentlich sich denkt, so nach dem Motto, "der Lehrer bereitet sich sehr gut vor, der Lehrer ist sehr motiviert, und dann läuft es", so ist es ganz bestimmt nicht.

Götzke: Sie schreiben ja auch, dass relativ wenig glatt geht, Sie haben es ja auch gerade gesagt, in der Hauptschule. Da schreiben Sie zum Beispiel, Sie könnten jeden knutschen, der länger als drei Minuten in ein Buch schaut. Das klingt ja schon alles ganz schön resignativ.

Monheim: Ja, das will ich ja gerade nicht, ich will ja nicht resignativ sein, aber ich will eben auch – und das war ja mit ein Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe – ich will einfach zeigen, wie es ist, weil es keinen Wert hat, so zu tun als ob. Wenn wir was besser machen wollen, müssen wir erst mal ganz genau hinschauen, wie es ist. Und in meinem Alltag – und ich unterhalte mich ja wirklich oft mit Kollegen, und nicht nur mit denen an meiner Schule –, da ist es einfach so, dass für viele das Lesen eine entsetzliche Plage ist. Es gibt fast in jeder Klasse einige wenige, die noch gerne lesen, und sehr viele, die sagen, so ungefähr: Bleib mir mit dem Lesen vom Hof, wenn ich nicht lesen muss, tu ich's auch nicht. Und eine schöne, spannende Lektüre zu finden, die die Schüler fesselt, ist inzwischen fast ein Kunststück.

Götzke: Warum haben Sie denn das Buch geschrieben, auch zur Selbsttherapie ein bisschen?

Monheim: Ein kleines bisschen sicher, das war aber nicht das Ausschlaggebende. Sondern das Ausschlaggebende war eben, dass ich gedacht hab, das, was ich da alles erlebe, ist wert, dass es auch andere Leute mal sozusagen miterleben. Weil ich finde, es sollte eigentlich in einer Gesellschaft schon ein Bewusstsein dafür da sein, wie Schule heutzutage ist und wie Schule stattfindet und was sich da alles abspielt.

Götzke: Sie arbeiten in Bayern, in einem der wenigen Länder, in denen die Hauptschule noch hochgehalten wird. Halten Sie denn die Hauptschule noch für eine gute Schulform?

Monheim: Da müssten wir jetzt einen Rundumschlag machen. Also ich halte meine Schüler hoch, so möchte ich mal sagen. Ich finde es entsetzlich, wenn man so tut, als wären das die Allerletzten und nur U-Bahn-Schläger und nur Hartz-IV-Anwärter und nur völlig demotiviert. Natürlich ist es schwierig, es ist halt einfach die Restschule, da kann man sagen, was man will. Da kann man es umnennen, da kann man sich in allem Möglichen bemühen, aber von dem Gefühl dieser Schüler ist es so: Und sie haben es nicht geschafft. Und in der Grundschule ist ja noch dieser wahnsinnige, ja, dieser Eifer erst mal vorhanden und dann auch diese Hoffnungen. Ich hab's natürlich bei x Schülern schon miterlebt – diese Kinder, die hoffen, ich hoffe so, dass ich wenigstens noch die Realschule schaffe. Dann haben sie es nicht geschafft, also den Absprung, und dann hab ich sie später in meiner Hauptschulklasse, und dann laufen die schon mit dem Stempel rum, den ich ehrlich gesagt spüre und manchmal auch sehe, und das finde ich schade. Und ich befürchte, dass man das, wenn man das dreigliedrige Schulsystem so lässt, wie es jetzt ist, dass man das so nicht wegkriegen kann.

Götzke: Sagt die Hauptschullehrerin Hildegard Monheim. Sie hat ihren Alltag an der Hauptschule in Buchform gegossen: "Manchmal schauen Sie so aggro" heißt es, erhältlich im Schwarzkopf-Verlag.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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