• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 21:05 Uhr Querköpfe
StartseiteCorsoNiemals trennen, höchstens pausieren12.03.2016

UnderworldNiemals trennen, höchstens pausieren

Das Stück kennt fast jeder: "Born Slippy" aus dem 96er Kult-Film "Trainspotting". Geschrieben hat es das britischen Elektro-Duos Underworld - es ist der Grundstein für eine Karriere, die bis heute anhält. Jetzt legen Karl Hyde und Rick Smith wieder ein reguläres Studio-Album vor: "Barbara Barbara, We Face A Shining Future".

Von Marcel Anders

Hören

"Wenn du so viele Jahre zusammen bist, wie wir, kann eine Arbeitsbeziehung schon mal zur Belastung werden. Weshalb es wichtig ist, auch Sachen in anderer Umgebung und mit anderen Leuten auszuprobieren. Und wir haben entschieden, uns nie zu trennen, sondern höchstens eine Zeit lang separate Wege zu gehen – bis wir erkennen: ‚Hey, die Person, die ich am meisten vermisse und mit der ich wahnsinnig gerne arbeiten würde, ist mein alter Partner.‘"

Karl Hyde ist ein großer, hagerer Waliser. Und jemand, der nie stehenbleibt, der immer neue Klänge und Instrumente ausprobiert, sich in verschiedenen Medien bewegt und seit Anfang der 80er zwischen Rock, Techno, House und Drum´n´Bass pendelt. Wobei er am liebsten mit Dauer-Partner Rick Smith arbeitet. Ein Team, das inzwischen auf acht Alben zurückblickt und auf "Barbara Barbara, We Face A Shining Future" einen fast schon revolutionären Ansatz verfolgt – weil er so altmodisch und simpel ist.

"Wir haben lange dieses moderne File-Sharing-Ding praktiziert, das einfach langweilig ist. Aber wir haben nie ein Album aufgenommen, bei dem wir beide in einem Raum waren. Und das, obwohl wir gerne und oft auf der Bühne stehen – wo wir improvisieren und uns gegenseitig anstacheln. Aber gemeinsam in einem Raum zu sein und ein Album aufzunehmen, hat 36 Jahre gedauert. Was ziemlich bizarr ist. Wir kratzen uns echt am Kopf, wie das wohl passieren konnte."

Zumal sich die neue Arbeitsweise als die deutliche schnellere erwiesen hat. Dauerte die Produktion von Underworld-Alben in der Vergangenheit durchschnittlich drei Jahre, waren es diesmal knapp 11 Monate. Mit zwei Arbeitstagen pro Woche und einem unkonventionellen Plan, nämlich keinen Plan zu haben – außer: Sämtliche Instrumente und Stimmen so experimentell wie möglich einzusetzen. Also in den Tonabnehmer eines elektrifizierten Banjos zu schreien, auf einer Gitarre herum zu kratzen, eigene Module zu bauen oder nette Melodien neben hypnotische Beats und atmosphärische Klanggemälde zu stellen. Ein Musik-Kosmos, der völlige künstlerische Freiheit propagiert.

"Beim Musik machen gibt es weder Regeln noch Gesetze. Und wir lieben es, auch mal Fehler zu machen und irgendwelche sonderbaren Klänge festzuhalten. Einfach, um nicht in Routine zu verfallen. Nach dem Motto: ‚So singt ein Sänger‘ - oder: ‚So spielt man Gitarre.‘ Die menschliche Stimme ist ein wunderbares Instrument, mit dem sich alle erdenklichen Sounds erzeugen lassen und das man nie auf das Archetypische reduzieren sollte. Genauso sollte man auch jedes Instrument hinterfragen."

Ein musikalisches Spiel ohne Grenzen und eine Reise ins Unbekannt – mutig, expressiv und aufregend. Wobei Underworld immer sphärisch, mystisch und ein bisschen distanziert wirken. Kein Wunder bei epischen Kompositionen, die keinen klassischen Song-Strukturen folgen, sondern eher einen Flow darstellen. Die einen Satz als Titel tragen, den Ricks Vater kurz vor seinem Tod zu Ehefrau Barbara sagte, und bei lyrischen Ergüssen, die aus Karls fragmentarischen Beobachtungen bestehen. Gesammelt an ungewöhnlichen Orten zu einer unmenschlichen Zeit. Was der 59-Jährige als meditative Übung bezeichnet.

"Die meisten Texte entstehen morgens um 7 Uhr. Das ist die Zeit, wenn meine kleinen, grauen Zellen langsam auf Betriebstemperatur kommen und meinem Körper ermöglichen, mich wie ein halbwegs normaler Mensch zu verhalten. Ich sitze dann irgendwo, schreibe und versuche, meine Gedanken in positive Bahnen zu lenken. Leider hat morgens um 7 kaum etwas auf, wo es warm ist, es eine Ecke zum Verkriechen gibt und man Leute beobachten kann. Insofern verkehre ich seit 25 Jahren in Cafés, Bars, Restaurants, Bahnhöfe und Flughäfen - weil sich diese Orte hervorragend dafür eigenen. Gehe ich dagegen in eine öffentliche Bibliothek, sind da zu viele Informationen."

Zu viele Informationen sind nicht ihr Ding. Underworld, die zu den Pionieren der britischen Dance-Kultur zählen, sind eher Minimalisten und Querdenker. Eben ein Duo, das keine bestimmte Botschaft hat, aber vieles anders macht als seine Zeitgenossen. Mit "Barbara Barbara, We Face A Shining Future" liefern sie den Beweis, dass man auch mit Ende 50 noch innovative, künstlerische Akzente setzen kann. Genau wie mit ihrer Design-Firma "Tomato", die Werbe-Spots vertont, sich mit Malerei, Fotografie und Grafik befasst und Ausstellungen organisiert – wie an diesem Wochenende in Tokio.

"Wir übernehmen das "Parco"-Kaufhaus in Shibuya, das auch mehrere Galerien enthält. Da wir dieses Jahr den 25. Geburtstag von ´Tomato´ feiern, haben sie uns eingeladen, den gesamten Laden für eine gigantische Ausstellung zu nutzen. Wofür ich eigens eine neue Installation angefertigt habe, zu der Rick den Soundtrack liefert. Es ist das erste Mal seit Langem, dass wir ein gemeinsames physisches Kunstwerk präsentieren. Anschließend geben wir noch ein Konzert auf dem Dach des Gebäudes. Und deshalb ist es toll, in dieser Band zu sein – da passiert so viel und man versucht sich an den unterschiedlichsten Dingen. Es gibt keinen Grund, frustriert zu sein."

Zur Veröffentlichung von "Barbara Barbara, We Face A Shining Future", gastieren Underworld für zwei Konzerte in Deutschland: Am 17.3.2016 in der Berliner Columbia Halle und am 18.3.2016 im Maimarktclub in Mannheim. Weitere Auftritte folgen im Herbst 2016.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk