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StartseiteEuropa heute"Unentschlossenheit - typisch europäisch"06.05.2010

"Unentschlossenheit - typisch europäisch"

Serie "Mein Europa", Teil 4: Der deutsch-russische Schriftsteller Wladimir Kaminer

Ob ich froh bin, ein Europäer zu sein? In meinem deutschen Ausweis steht ja noch immer als Geburtsort Moskau. Ich bin also leicht als ein sehr junger Europäer zu erkennen.

Von Wladimir Kaminer

Wladimir Kaminer (Deutsche Oper Berlin)
Wladimir Kaminer (Deutsche Oper Berlin)

Das Erste überhaupt, womit ich in Deutschland zu tun hatte, war dieses Unwissen über die nächsten Nachbarn. Wir waren ja die ganze Zeit sehr nah zueinander, aber wussten voneinander so gut wie nichts. Deswegen die ganzen Klischees und Vorurteile. Ich glaube, dass dieser Weg zu einem gemeinsamen Europa auch die Grenzen natürlich verschoben hat zu den anderen Ländern, die nicht zu Europa gehören. So wissen ja die Deutschen viel mehr über Russland. Und die Russen über Deutschland.

Mich würde eher die kulturelle Frage von diesem vereinigten Europa beschäftigen. Wie können die Menschen profitieren davon, dass sie da in gewisser schon auch kulturell dann zusammengeworfen werden.

Ich würde dann meinen Kindern vielleicht als Beispiel unsere Schrebergartenkolonie vorführen und sagen: Viele unterschiedliche Häuschen, viele unterschiedliche Fahnen, viele unterschiedliche Kulturen, Pflanzen, die da bearbeitet werden, aber immer die gleichen Menschen im Grunde genommen.

Was meine Vision von Europa ist? Wenn meine Schwiegermutter zu mir kommt aus dem Kaukasus, um uns zu besuchen. Dass ich mit meiner Schwiegermutter überall hinfahren kann, nach Paris, nach Portugal, ihr also die ganzen europäischen Sehenswürdigkeiten zeigen kann, dass wir überall hin dürfen ohne Probleme, was eigentlich schon jetzt der Fall ist. Nur das Problem ist für meine Schwiegermutter eher natürlich, ein Visum für Deutschland zu bekommen. Weil das kompliziert ist. Es ist einfach kompliziert. Und ich wünsche mir nicht, dass diese Europäische Union dann sich abschottet von den anderen Nachbarn.

In Berlin leben wir an der ehemaligen Grenze, am sogenannten Mauerpark. Das ist für mich eine Erinnerung an die alten Zeiten, an die Zeiten des Kalten Krieges. Aber der Ort an sich, das ist schon bezeichnend auch für das heutige Europa, finde ich. Mauerpark – wissen Sie, was Mauerpark ist? Es ist einfach eine leere Fläche mitten in der Stadt, typisch für Berlin, da gibt's keinen Park und auch keine Mauer. Da gibt's eigentlich gar nichts. Diese Unentschlossenheit. Man weiß noch nicht, nach 20 Jahren nach dem Fall der Mauer weiß man noch immer nicht, was man da machen soll. Soll man da Bäume pflanzen oder Mauer bauen? Und das ist diese Unentschiedenheit, Unentschlossenheit, die eigentlich für mich so typisch europäisch ist.

Ich wünsche mir ein Europa des Dialogs. Dass all diese Leute, so unterschiedlich sie auch sind, nicht gegeneinander, sondern miteinander reden. Dass sie alle an einem Tisch sitzen, dass sie ein gemeinsames Ziel haben. Ich rede jetzt nicht vom großen Sinn des Lebens, sondern von pragmatischen Zielen für ihre Länder. Wenn sie einsehen, dass sie gemeinsam mehr schaffen können als jeder für sich, dann wäre Europa eigentlich ein Traumland.

Ich bin der Meinung, dass man Russland auf gar keinen Fall ausschließen darf aus dem Europa. Russland ist ein europäisches Land, mit asiatischen Zügen, was dieses Land auch besonders macht, unvergesslich macht. Das ist die Eigenart, die eigentlich alle Länder in Europa haben, weil sie durch ihre Geschichte, durch die Kriege, die sie geführt haben, durch die Niederlagen, die sie erlitten haben. Die Grenze Europas würde ich an die mongolische Grenze bringen.

Kurzbiografie:

Wladimir Kaminer, geboren 1967 in Moskau. Mit 14 Jahren absolvierte Kaminer eine Ausbildung zum Toningenieur für Theater und Rundfunk. Nach dem Militärdienst studierte er Dramaturgie am Moskauer Theaterinstitut. Er gründete eine unabhängige Theaterwerkstatt und arbeitete später als Regisseur im Musiktheater. In der Moskauer Rockszene organisierte Kaminer Partys und Untergrundkonzerte.

1990 kam Wladimir Kaminer nach Ost-Berlin und erhielt die deutsche Staatsangehörigkeit. Er machte erste literarische Versuche auf Russisch, begann 1998 auf Deutsch zu schreiben und trug seine Texte mit großem Erfolg auf Berliner Lesebühnen vor.

Seit 2000 veranstaltet Kaminer regelmäßig im Berliner "Kaffee Burger" die berühmt gewordene "Russendisko" mit osteuropäischer Musik vom Kinderlied bis zum Balalaika-Rock. Im gleichen Jahr veröffentlichte er auch sein erstes Buch, "Russendisko", das ihn mit dem Nachfolger "Militärmusik" (2001) zu einem der beliebtesten und gefragtesten Jungautoren Deutschlands machte. In beiden Büchern erzählt Kaminer in ironisch-skurrilen Geschichten vom Leben in der Sowjetunion. Diesem Stil ist er treu geblieben. Seine Werke wie "Schönhauser Allee" (2001), "Mein deutsches Dschungelbuch" (2003) oder "Küche totalitär. Das Kochbuch des Sozialismus von Wladimir und Olga Kaminer" (2006) beschäftigen sich meist mit dem Alltag und seiner russischen Herkunft. Zuletzt erschien "Es gab keinen Sex im Sozialismus" (2009). Wladimir Kaminer lebt mit seiner Familie in Berlin.

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