Kommentar /

Unentschuldbarer Reflex

Die Unruhen in Bengasi und Kairo

Von Thilo Kößler, Deutschlandfunk

Demonstranten stürmen US-Botschaft in Kairo
Demonstranten stürmen US-Botschaft in Kairo (picture alliance / dpa / Khaled Elfiqi)

Gewaltaktionen gegen US-Botschaften haben im Nahen Osten eine lange, eine traurige Tradition: Sie gehören zu den politischen Ritualen, die jahrzehntelang von den diktatorischen Regimen einstudiert wurden, kommentiert Thilo Kößler.

Die Bilder sind scheußlich. Die Fakten sprechen für sich: Ein islamfeindliches Hassvideo im Internetportal Youtube hat in Kairo und Bengasi den empörten Mob auf die Straßen getrieben - hier wie dort hat er sich vor den amerikanischen Vertretungen zu hysterischen Wutausbrüchen, in Libyen sogar zum Mord am amerikanischen Botschafter und drei US-Diplomaten, hinreißen lassen. Ein Fanal gegen die USA, gegen den gesamten Westen – ein Fanal inmitten der Umbrüche und Unsicherheiten nach den arabischen Revolten.

Die Szenen werfen ein Schlaglicht auf die labile Sicherheitslage in Ägypten und in Libyen, in diesen besonders markanten Ländern der Arabellion. Es kann keine Rede davon sein, dass sich die Lage beruhigt habe und dass die politische Ordnung gewährleistet sei. Ein Funke genügt und die Lunte am Pulverfass brennt lichterloh. Die Szenen von gestern: Sie sind nicht die Kehrseite des arabischen Frühlings. Sie sind ein Ausdruck dafür, dass seither alles viel zu langsam geht.

Sowohl in Kairo wie in Tripolis gibt es eineinhalb Jahre danach zwar gewählte Parlamente und Regierungen. Aber es gibt noch immer keine gefestigten staatlichen Strukturen, keinen wirklich funktionierenden Sicherheitsapparat und keine Rechtssicherheit, auf die sich Bürger – oder eben auch Diplomaten - verlassen könnten. Die Gesellschaften sind noch immer hoch emotionalisiert, wobei die Euphorie über den Sturz der Regime längst der Empörung darüber gewichen ist, dass die breite Masse nicht zu den Profiteuren der Revolten gehört: An den oftmals erbärmlichen Lebensbedingungen hat sich nichts geändert.

Und an den alten Feindbildern auch nicht: Sie werden genährt durch die Zurückhaltung, die die USA und Europa den neuen Verhältnissen im neuen Nahen Osten entgegenbringen. Zutiefst verunsichert über den post-diktatorischen Lauf der Dinge und die Unberechenbarkeit der neuen politischen Kräfteverhältnisse im Zeichen des Islam unterstützt der Westen immer noch viel zu zögerlich die Demokratisierung und den gesellschaftlichen Wandel. Und lässt sich stattdessen allzu offensichtlich von seinen wirtschaftlichen Interessen leiten. Gewaltaktionen gegen US-Botschaften haben in der islamischen Welt, nicht zu vergessen, eine lange, eine traurige Tradition: Sie gehören zu den politischen Ritualen, die jahrzehntelang von den diktatorischen Regimen einstudiert worden waren. Und sie sind ein – unentschuldbarer - Reflex auf die bis heute zweifelhafte, weil als einseitig und ungerecht empfundene Nahostpolitik der Vereinigten Staaten.

Da genügt ein beleidigendes, islamfeindliches Internetvideo eines durchgeknallten fundamentalistischen Provinzpredigers aus den USA, um via Youtube all die Vorurteile und Klischees zu bedienen, die in der arabischen Welt über den Westen verbreitet sind. Die Sprengkraft der Feindbilder und die religiösen Gefühle der Massen – sie bilden jenes brandgefährliche Gemisch, das im Nahen Osten schon immer tödlich wirkte: Die neuen politischen Führungen in Ägypten und Libyen müssen noch entschlossener Stellung beziehen. Der Westen darf nicht Öl ins Feuer gießen. Gefordert ist die Politik.



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