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Unermüdliche musikalische Feldforschung

Corso Rockwärts: Die Münchner Band Embryo

Von Andi Hörmann

Schlagzeuger und Sänger Christian Burchard ist der Kopf von Embyro.
Schlagzeuger und Sänger Christian Burchard ist der Kopf von Embyro. (AP)

Embyro hat Musikgeschichte geschrieben. Das Kollektiv trat auf Fehmarn 1970 nach Jimi Hendrix auf. Zusammen mit der Band "Ton Steine Scherben" gründeten Embryo die "Musikkooperative April" - später "Schneeball-Records" -, das erste von Musikern betriebene Label.

"Embryo war von vornherein geplant als Experimentierfeld. Da probiere ich mal was aus, was ich sonst nicht machen kann, oder nicht machen darf."

Christian Burchard, Jahrgang 1946, hat nie aufgehört zu experimentieren. Sein Bandkollektiv Embryo betreibt seit den späten 60er-Jahren unaufhörlich musikalische Feldforschungen - immer auf der Suche nach "magic moments", den magischen Momenten: die Symbiose zwischen Musiker, Publikum und Universum.

Christian Burchard: "Manchmal waren da 20, 30 Musiker auf der Bühne. Jeder hat was gemacht und es entstand ein Klang. Ich kam manchmal zu spät zu diesen Sessions und ging in den Raum und wurde von dem Klang... Das war faszinierend! Wie wenn du auf ein Bild von Jackson Pollock schaust: Du siehst erst mal nichts, aber spürst eine Kraft. Und da ist es: Du gehst in einen Raum, hörst einen Klang und der trägt dich ganz woanders hin als wo du vorher gewesen bist."

Eskapismus auf allen Ebenen - die Gefühle von Aufbruch, Protest und Umsturz der 68er-Revolte zerfließen in orgiastischen Jamsessions. Die Musik gewordene Anarchie von Embryo umweht heute noch ein Hauch von Hippie-Kommune. Und das in München, dieser oftmals als zu bieder oder konservativ verschrieenen Stadt.

Christian Burchard: "München war toll. Weil in München waren unglaublich viele Jazzclubs. Es gab die Reitschule, dann gab es das Domizil, dann gab es das Birdland. Und gleichzeitig waren unglaublich gute Musiker hier, weil die Max Greger Big Band lief gut und der hat sich Starsolisten eingekauft. Und die haben wiederum andere angelockt. Wie zum Beispiel Albert Ayler, der hat in der Nähe von München gewohnt."

Embryo sprechen von Anfang an eine musikalische Universal-Sprache ohne Grammatik: Free-Jazz. Das Vokabular: Die unerschöpflichen Spielarten der Improvisation. Frei fließend, bunt schillernd, hier und jetzt. Der Text: ein Instrument. Die Geschichten erzählt der Beat. Verzögert, versetzt, verschachtelt - Christian Burchard nennt das "Mikrorhythmus". Kleinteilige Klangstrukturen. Embryo gehen auf Expedition, auf Schatzsuche im Sound. Doch unter den kosmischen Krautrock-Bands der Stunde - von Amon Düül bis Xhol Caravan - waren Embryo immer ganz konkret die weltlichen Musik-Abenteurer. Ihre Mission: Geografische Grenzen überwinden, unendliche Klangwelten entdecken.

Christian Burchard: "Im 'Spiegel' war damals ein großer Artikel: Neue deutsche Musik. 1971 war das. Tangerine Dream, Can, und so weiter. Und wir wurden auch genannt. Dann bekamen wir Post vom Goethe-Institut in Casablanca. Und der Leiter hat gesagt, er würde gerne eine Tournee machen, mit so einer Musik, wie sie da im Spiegel-Artikel besprochen wurde. Also eine progressive, neue Musik. Dann haben wir dem geantwortet: Wenn wir zu euch reisen, bitte kein Flugzeug, bitte Zeit zwischen den Konzerten. Wir wollen die Kultur kennenlernen."

"Embryo's Reise" heißt ein legendäres Album aus dem Jahr 1979. Diese Reise hat nie aufgehört. Auf ihren mehrmonatigen Konzert-Touren in den Orient und nach Afrika spielen sie immer auch mit Musikern, die sie vor Ort kennen lernen. Globale Musik mit lokalen Musikern. Eine Art Völkerverständigung über kollektive Virtuosität - jenseits der Weltmusik-Klischees.

Christian Burchard: "Der Weltmusikbegriff ist ja eigentlich überheblich. Was ist denn Weltmusik? Die gibt es eigentlich nicht. Wenn man alle Musik auf einmal spielen würde, dann käme weißes Rauschen, oder so etwas, raus."

Um die Zukunft von Embryo muss man sich nicht sorgen. Wie ein pilzartiges Wurzelgeflecht musizieren sie immer noch durch die Welt - im fernen Osten oder nahen Bayern.

Und selbst namhafte Elektronik-Musiker sind fasziniert von Embryo und ihrem grenzenlosen musikalischen Schaffen: Der Sample-Virtuose DJ Shadow bedient sich zum Beispiel 1996 auf seinem viel gerühmten Debüt-Album "Entroducing" bei Embryo.

Die Bass-Figur von dem Embryo-Song "Klondyke Netti" - aus dem Jahr 1976 - wird bei DJ Shadow's "Changeling" zum Beat-Gerüst:

Der renommierte DJ und Produzent Madlib geht sogar noch einen Schritt weiter und sucht den persönlichen Kontakt zu Embryo und besucht sie für eine Session in München.

Christian Burchard: "Der Madlib, der hat uns angemailt, hat mich angeschrieben: You are the dude, ich bitte um Audienz. Dann haben wir im Nietzsche-Keller zwei Tage Session gemacht. Da saßen wir da und haben uns nur unterhalten und Musik gehört. Der Madlib, der wollte checken, wo wir sind, wo wir stehen, was wir für Typen sind. Und am Tag darauf kam er mit J Rocc, ein DJ, der auch Musik machen kann und dann haben wir gejammt."

Und auch die nächste Embryo-Generation steht schon mit auf der Bühne: Die 1984 geborene Tochter von Christian Burchard sitzt schon bei Konzert-Sessions an den Tasten. Der musikalische Spirit dieses Krautrock-Urgesteins entwickelt sich weiter und bleibt im Fluss - natürlich gegen den Strom im Pop-Zirkus.

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