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Seit 17:30 Uhr Kultur heute
StartseiteKommentare und Themen der WocheDie USA als internationaler Risikofaktor12.10.2017

Unesco-Austritt Die USA als internationaler Risikofaktor

Von keinerlei Zweifeln geplagt, bricht US-Präsident Donald Trump immer neue Konflikte vom Zaun, kommentiert US-Korrespondent Thilo Kößler die jüngste Entscheidung, aus der Unesco auszutreten. Damit setze er ein krachendes politisches Signal, was er von der UNO im Allgemeinen und von internationalen Verträgen im Besonderen halte.

Von Thilo Kößler

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Logo der Unesco am Hauptsitz in Paris (AFP / Jacques Demarthon)
Angeblich ineffizient und antiisraelisch: Die Unesco wird immer wieder von den USA kritisiert (AFP / Jacques Demarthon)
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Dass die Vereinigten von Amerika mit der Kulturorganisation der Vereinten Nationen im Clinch liegen, ist beileibe nichts Neues. Und dass dabei immer wieder die angebliche Voreingenommenheit der Unesco gegenüber Israel eine Rolle spielt, auch nicht: Es war Barack Obama, der bereits 2011 unter dem politischen Druck Israels und seiner politischen Lobby in Washington den Geldhahn abdrehte, nachdem die Unesco Palästina in den Rang eines veritablen Staates gehoben hatte und als Vollmitglied aufnahm.

Bei Donald Trump geht es aber in Wahrheit um viel mehr als um die Unesco und deren Voreingenommenheit gegenüber dem israelischen Bündnispartner. Donald Trump setzt mit dieser Entscheidung ein krachendes politisches Signal, was er von der UNO im Allgemeinen und von internationalen Verträgen im Besonderen hält: nämlich gar nichts.

Multilaterale Nachkriegsordnung steht auf dem Spiel

Nicht nur in der New Yorker Zentrale der Vereinten Nationen dürften die Alarmglocken klingeln - hält doch Donald Trump mit seiner Kritik an der Organisation und ihrer teuren Ineffizienz nicht hinter dem Berg. Ihrem Credo von der multilateralen Konfliktlösung hatte Donald Trump erst vor einem Monat in seiner ersten Rede vor der Uno-Vollversammlung seine politische Parole von "America first" entgegengehalten. Amerika über alles: Nicht Verhandlungen und Gespräche, die auf Konsens und Verbindlichkeit abzielen, spielen in Trumps politischem Weltbild eine Rolle – sondern das nationale Eigeninteresse und die Durchsetzungskraft der Nationalstaaten.

Donald Trump will die Stärke des Rechts durch das Recht des Stärkeren ersetzen. Weil alles andere stets zu Lasten und auf Kosten der USA gegangen sei. Gewinn oder Verlust, Sieg oder Niederlage: Politik als Nullsummenspiel - das ist das politische Weltbild dieses Präsidenten. Auf dem Spiel steht nicht nur die politische Kultur. Auf dem Spiel steht die multilaterale Nachkriegsordnung.

Offenbar bekommt niemand den Präsidenten in den Griff

Das Schlimme daran ist, dass es nichts und niemanden mehr zu geben scheint, der Donald Trump in seinem destruktiven Wirken stoppen könnte. Wie ein Irrwisch fegt Donald Trump durch die Innen- und Außenpolitik seines Landes. Binnen neun Monaten hat er den USA ein völlig anderes politisches Gesicht gegeben – und es ist gewiss kein freundliches. Ohne Rücksicht auf Verluste gegenüber Bündnispartnern, ohne Achtung für die politischen Leistungen seiner Vorgänger, ohne Wertschätzung für den politischen Gegner, ja selbst ohne Respekt für sein engsten politischen Mitarbeiter und Wegbegleiter fährt Trump an ungezählten Fronten Geschütze auf. Ob er dabei eine Vorstellung von den Risiken und Nebenwirkungen hat, darf immer mehr bezweifelt werden. Stattdessen scheint sich im Zentrum der Macht im Weißen Haus zunehmend Resignation breitzumachen über diesen Präsidenten, den offenbar niemand in den Griff bekommt.

Von keinerlei Zweifeln geplagt, bricht Trump immer neue Konflikte vom Zaun. Und man fragt sich, wann ihm der ganze Laden um die Ohren fliegt. Sei es der Streit um Obamacare, die halbgare Steuerreform, die Russlandaffäre, der Ausstieg aus dem Klimaabkommen. Die Drohung, den Nuklearvertrag mit dem Iran zu kündigen. Die Nordkorea-Krise. Und und und …

Vor diesem Hintergrund wirkt der Austritt aus der Unesco geradezu wie eine Petitesse. Und doch ist er ein weiteres Warnsignal aus der zerstörerischen Welt des Donald Trump. Nach neun Monaten seines erratischen Wirkens sind die Vereinigten Staaten von Amerika kein zuverlässiger Partner mehr. Sondern ein internationaler Risikofaktor.

Thilo Kößler, Korrespondent in Washington (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Thilo Kößler (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Thilo Kößler begann nach einem Geschichtsstudium seine Rundfunk-Laufbahn 1978 als Reporter im Studio Nürnberg des Bayerischen Rundfunks. 1987 wechselte er als Zeitfunk-Redakteur zum SDR nach Stuttgart und war von 1990 bis 1996 ARD-Hörfunk-Korrespondent für den Nahen Osten am Standort Kairo. Seit 1998 arbeitete er als Redakteur im Deutschlandfunk, zunächst im Zeitfunk, dann als Leiter der Europaredaktion. Ab 2007 war er Leiter der Abteilung "Hintergrund". Seit Juni 2016 ist er USA-Korrespondent von Deutschlandradio mit Sitz in Washington.

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