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Ungarn
Feier für den türkischen Sultan Süleyman

Der heutige türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ist ein glühender Verehrer des Sultans Süleyman. In Ungarn, auf einem Weinberg, haben Archäologen vermutlich sein Lager entdeckt, in dem auch seine Innereien bestattet worden sein sollen. Die Türkei fördert die Forschungen finanziell - zu seinem 450. Todestag im September wollen Ungarn und die Türkei dort gemeinsam an ihn erinnern.

Von Karla Engelhard | 09.05.2016
    Zwischen 1520 und 1566 unter der Regentschaft von Sultan Süleymann des Prächtigen war das osmanische Reich so groß wie nie zuvor und auch später nie wieder. Während Süleymann versuchte, auch noch Wien zu erobern, starb er in dem kurz zuvor unterworfenen Teil Ungarns.
    Im letzten Jahr wurde die Stelle in Ungarn entdeckt, an der seine Eingeweide bestattet wurden. Der türkische Präsident Erdogan kann sich für die damalige Ausdehnung des osmanischen Reiches durchaus begeistern und sucht - so scheint es - öfters den Bezug zu Sultan Süleymann als zu Mustafa Kemal Atatürk, dem Gründer der türkischen Republik. Deshalb hat auch die Türkei Suche und Ausgrabungen der inneren Organe des Sultans in Ungarn finanziert, während sie wichtigen archäologischen Projekte im eigenen Land die Mittel streicht.
    Erdogan ist glühender Verehrer Süleymans
    Die katholische St. Rochus Kirche im südungarischen Städtchen Szigetvar ist die frühere Ali-Pascha-Moschee. Man sieht es ihr heute noch deutlich an. Szigetvar ist der Ort, wo 1566 bei der erfolgreichen osmanischen Belagerung der Stadt der größte aller Sultane starb: Süleyman der Prächtige. Er eroberte den Balkan, Ungarn und kam bis nach Wien. Der heutige türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ist glühender Verehrer Süleymans und will sein Vorbild auch in Ungarn ehren. Der Bürgermeister von Szigetvar Peter Vass sieht das mit gemischten Gefühlen:
    "Die Türkei gibt viel Geld für die Archäologen, damit sie alles ausgraben, weil der 450. Todestag von Süleyman im Herbst bevorsteht. Der türkische Staat finanziert den Park der türkisch-ungarischen Freundschaft, der bis zum Herbst vollständig umgebaut werden soll und auch der Ausgrabungsort von Süleymans Mausoleum, in den Weinbergen, soll bis 6. September begehbar sein. Dann kommt Erdogan nach Szigetvar."
    Wirklich vorbereitet sei die Stadt auf einen Staatsbesuch nicht, es fehle an Hotels und Infrastruktur. Außerdem ist der Eroberer Süleyman in Ungarn umstritten, er gilt als "Schlächter der Magyaren". Ungarische Archäologen suchten mit türkischem Geld lange nach sterblichen Überresten des osmanischen Herrschers, der mit über 70 krank im Feldbett starb und nicht heldenhaft auf dem Felde.
    Sein Körper liegt zwar in Istanbul begraben, doch "Herz, Leber, Magen und andere Innereien wurden entfernt und in einem goldenen Gefäß begraben", hielt ein Geschichtsschreiber im 17. Jahrhundert fest. Nur wo? Norbert Pap von der Universität Pecs, der die Ausgrabungen leitet, macht es spannend:
    "Es gibt zwei Theorien. Eine sagt, dass sich Süleymans Herz hier befindet, wo heute der ungarisch-türkische Friedenspark erneuert wird. Die zweite besagt, es liegt unter der Kirche, an der sogar eine alte Gedenktafel hängt."
    Auf einem Weinberg wurden Forscher fündig
    Es wurde gesucht, nichts gefunden und weiter gesucht. Per Computersimulation gelang es dem Team um Norbert Pap, die Landschaft von 1599 zu rekonstruieren. Das Bodenradar zeigte Umrisse größerer Gebäude an. Im örtlichen Kirchenarchiv tauchten Schriftstücke dazu auf. Im Herbst vergangenen Jahres wurden die Forscher fündig – auf einem Weinberg:
    "Das ist eine Dachziegelscherbe. Vieles wurde schon vernichtet. Die Besitzer wollten jahrhundertlang diesen Weinberg kultivieren. Sie haben säckeweise Ziegel und Scherben weggekarrt."
    Der lehmige Boden zwischen den Weinstöcken ist trotzdem noch voller Ziegeltrümmer. Die Archäologen haben darunter auch eine bemalte Zierkachelscherbe gefunden, wie jene von Süleymans Grab in Istanbul. Die freigelegten Mauern zeigen deutlich Überreste einer kleinen Stadt mit Moschee und Mausoleum.
    Für die ungarischen Archäologen steht fest: Es ist Süleymans Lager, auch, wenn das legendäre goldene Gefäß mit dessen Herz nicht gefunden wurde. Dafür fanden die ersten türkischen Touristen bereits die Ausgrabungsstätte. Sie wollten das Grundstück sogar kaufen, erzählt der Weinbauer Gyula Keresztury:
    "Der Weinberg gehört seit mehr als 160 Jahren unserer Familie. Wir wollen nicht verkaufen."
    Chefarchäologe Norbert Pap sitzt im Schatten der katholischen St. Rochus Kirche von Szigetvar, die aus der früheren Ali-Pascha Moschee umgebaut wurde, und meint:
    "Für unsere Identität ist der Krieg gegen die Türken sehr wichtig. Wir Ungarn fühlen uns als Beschützer des Westens, des Christentums und Europas. Doch der Westen hat es den Ungarn nie gedankt."
    Anfang September wollen die Feinde von einst, Ungarn und Türken, gemeinsam in Szigetvar an den 450. Todestag von Süleyman dem Prächtigen erinnern.